Schluss mit der Jammer-Wissenschaftspolitik!

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… aber nicht einfacher
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Ich war ja jüngst ein kleines bisschen kritisch gegenüber der FAZ. Aber jetzt haben die dortigen Kollegen die Scharte ausgewetzt, mit dem exzellenten Artikel “Ruhe, ihr Jammer-Frauen!”. Der führt vor, wie einfach es manchmal sein kann, Probleme zu lösen: die Dinge so durchsprechen, wie sich das in einer guten Partnerschaft gehört, Prioritäten setzen, sich mit Partner bzw. Partnerin einigen, und dann klappt das mit der Vereinbarkeit von Kindern und Karriere. Zugegeben, da fehlte noch eine Komponente, und die hat DIE WELT jetzt nachgeliefert: in “Mensch, Väter! Seid gefälligst keine Weicheier”, denn Jammer-Männer wollen wir natürlich auch nicht. Und für’s Familienglück sind immer noch Mami und Papi zuständig, das kann die Politik nicht richten.

Erstes Problem abgehakt.

Kommen wir zu etwas ganz anderen: der Jammer-Wissenschaftspolitik. Nicht nur Jammer-Wissenschaftsministerien, sondern durchaus auch Jammer-Wirtschaftsverbände grämen sich über den Fachkräftemangel, darüber, ob Deutschland in Zukunft innovativ genug sein wird, wie für gesundes Wirtschaftswachstum notwendig, und wie sich der Brain-Drain ins Ausland aufhalten oder rückgängig machen lässt.

Ach kommt, Leute! Nicht jammern, sondern etwas tun! Ich beschränke mich im folgenden aus rein subjektiven Erfahrungen heraus auf den Wissenschaftsbetrieb, obwohl es natürlich auch für die Wirtschaft zum Teil ähnliches, zum Teil anderes zu tun gäbe, und obwohl eine gute Innovationspolitik selbstverständlich beide Felder berücksichtigen muss.

Im Wissenschaftsbetrieb muss das Mantra derjenigen, die Fachkräftemangel beklagen und Innovationsschwäche befürchten, heißen: wir müssen den Pool derjenigen, von denen wir uns kreative und innovative Ideen erhoffen, vergrößern, und dürfen ihn auf alle Fälle nicht ohne triftigen Grund verkleinern. Auswahl nach Leistung ist keine Frage, danach wollen und müssen wir auswählen. Aber wir können es uns nicht leisten, darüber hinaus noch nach anderen, willkürlichen Kriterien auszusieben.

Insbesondere können wir uns nicht leisten, diejenigen, die sich dem FAZ-Artikel folgend entschieden haben, Kindern in ihrer Lebensplanung Gewicht zu geben, automatisch aus dem Pool zu werfen. Also: bessere Betreuungsangebote (auch z.B. temporär bei Konferenzen!), flexiblere Handhabung von Auszeiten bei Stipendien und Zeitstellen!

Gleiches gilt für diejenigen, die sich für einen Lebenspartner entschieden haben, der ebenfalls im Bereich Wissenschaft aktiv ist. Auch hier wäre es absurd, einen von beiden aus dem Rennen zu werden – etwa den Mann seine Doktorarbeit aufgeben zu lassen, weil seine Frau anderweitig eine tolle Postdocstelle gefunden hat (oder evt. auch umgekehrt). Also: Dual career-Initiativen. Mehr Flexibilität bei der Stellenvergabe, um guten Frauen mit Partner (oder eben umgekehrt) noch attraktivere Bedingungen zu geben und gleichzeitig den innerdeutschen Brain drain etwas abzufangen.

Und dann wären da noch diejenigen, die keine Spielernaturen sind und ihr Leben dementsprechend nicht entlang der statistisch äußerst fragwürdigen Chance ausrichten wollen, in der Wissenschaft eine feste Stelle zu bekommen. Auch die sollten wir nicht von vornherein aus dem Pool werfen. Und ein vernünftigeres wissenschaftliche Karrieresystem, das zwar nach wie vor nach oben hin schmaler zuläuft, aber bessere Planbarkeit in Form von Tenure Track und einem differenzierten Stellensystem unterhalb der Lehrstühle bietet, kommt dem gesamten Nachwuchs im System zugute.

All das, wohlgemerkt, nicht aus Herzensgüte für die Männer, Frauen und Kinder oder aus dem Anspruchsdenken heraus, die Politik könne die Probleme mit Doppelbelastung, Beruf und Familie schon richten, sondern aus rein wissenschaftspolitischen Erwägungen heraus. Der Pool muss groß bleiben – sonst behindern wir uns selbst. Und jetzt bitte nicht quengeln, sondern ‘ran an die Umsetzung. Jammer-Wissenschaftspolitik wollen wir hier nämlich schon einmal überhaupt gar nicht.

 

 

 

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

4 Kommentare

  1. Und dann wäre da noch die herkunfts-abhängige Wahrscheinlichkeit überhaupt zu studieren. Also: Schulen durchlässiger machen und das soziale Aussieben in Gymnasien beenden. Dann verdoppelt sich der Pool.

  2. Sehr schöner Denkanstoß!

    Zu den Kommentaren: Zugegebenermaßen bin ich als Lehrer bei dem Thema hypersensibel, aber trotzdem ein Wort der Verteidigung: So selektiv ist unser Bildungssystem gar nicht. Hier in Baden-Württemberg gibt es viele Wege zum Abi: G8, G9, Realschule und Berufliches Gynasium, Ausbildung und Technische Oberschule… Ich hatte schon einige gute (und einen hervorragenden) Abiturienten am Technischen Gymnasium, die ihre Schulkarriere auf der Hauptschule begonnen hatten.

    • Nun ja, ich hab auf meinem Bildungsweg in NRW auch alle Umwege genommen, die das System bot um von der Hauptschule über die Berufsfachschule und FOS schliesslich zum Fachabi zu gelangen. Aber der Weg dahin wird, soweit ich das von aussen und ohne Kinder beobachten kann, immer steiniger. Und eine umfassendere Betreuung, hätte mir als Arbeiterkind auch mehr geholfen, weil der Stoff, den ich ab etwa der 4. oder 5. Klasse zu lernen hatte, meinen Eltern und anderen Verwandten nicht nur völlig fremd war, nein, sie hätten mit mir zusammen noch mal die Schulbank drücken müssen, um mir inhaltlich überhaupt helfen zu können. Solche Zustände, also dass die Kinder und Jugendlichen mehr oder weniger auf sich selbst angewiesen sind, wenn sie von zu Hause keine Hilfe erwarten können, sind einem technologisch hoch entwickeltem Land wie unserem unwürdig, d.h. die dürfte es mMn gar nicht geben.

      Okay, das mag jetzt auch wieder als gejammer durchgehen. Also: ich bin für diese Massnahmen. Ebenfalls sollte für Fachkräfte unterhalb des akademischen Bereichs gesorgt werden. Denn ohne sorfältig ausgebildete Facharbeiter läuft auch in der Wissenschaft nichts wirklich rund. Denn man braucht ja nicht für jede Tätigkeit Ingenieure. Da gehören die Betriebe in die Pflicht genommen, denn auch dort können wir “es uns nicht leisten, […] nach anderen, willkürlichen Kriterien auszusieben.”
      Den letzten Satz würde ich umformulieren zu: “Jammer-Bildungspolitik wollen wir hier nämlich schon einmal überhaupt gar nicht.”

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