Prozess gegen Galileo Galilei: 350 Jahre Nachspiel

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Der Prozess gegen Galileo im Buch
Retrying Galileo: Cover des Buches von Maurice A. Finocchiaro, University of California Press

Der Prozess gegen Galileo Galilei wirkt bis in unsere Tage nach. Diese Nachwirkungen haben mir in den letzten Tagen einiges an Lesevergnügen beschert. Das Museo Galileo in Florenz, das ich letzte Woche im Rahmen unserer WE Heraeus-Sommerschule “Astronomie from four perspectives” für Lehrer und Wissenschaftler besuchte, verfügt nämlich über einen vorbildlich ausgestatteten Museums-Buchladen. Neben den üblichen Museumsführern und Florenzbüchern stand dort nämlich auch eine umfangreiche Auswahl von Fachbüchern zum Thema im Regal, außerdem eine schöne Auswahl an populärwissenschaftlichen Büchern, auf italienisch ebenso wie auf englisch.

Dass der Fall Galileo auch heute noch kontrovers diskutiert wird und je nach Anlass durchaus noch in 2008 zu Sitzstreik und Skandal an einer italienischen Universität führen konnte, hatte ich vor ein paar Jahren in dem Beitrag Galileo zum 450ten: kontrovers wie eh und je in diesem Blog ausgeführt. Im Museumsbuchladen stieß ich auf ein spannendes Buch, das die Geschichten der Kontroversen erzählt, von den Jahren direkt nach dem Prozess im Jahre 1633 bis zur Rehabilitation Galileos (aber war es das wirklich?) durch Papst Johannes Paul II. im Jahre 1992.

Der Prozess gegen Galileo: nur der Anfang

Auf den langen Zugfahrten von Florenz via die Alpen zurück nach Heidelberg hatte ich Gelegenheit, das Buch zu lesen – und kann die Lektüre nur empfehlen. Der Autor, Maurice A. Finocchiaro, emeritierter Philosophieprofessor an der Universität von Nevada in Las Vegas, zeichnet die verschiedenen Strömungen für und gegen Galileo, für und wider die Kirche bzw. die Inquisition bzw. die Jesuiten, im Detail nach, die den Prozess gegen Galileo analysiert und interpretiert haben, und liefert dabei – in für nicht-Lateiner und nur recht bruchstückhafte Italiener wie mich sehr hilfreicher Weise – ausführliche Auszüge aus relevanten Quellen direkt in englischer Übersetzung mit.

Die Geschichte der Interpretationen zum Prozess gegen Galileo ist vor allem auch eine Geschichte der Mythen und Verzerrungen; auf antikirchlicher Seite mit Erfindungen wie der Blendung Galileis und seinem Schmachten in den Kerkern der Inquisition, auf Seite der Apologeten etwa mit der Geschichte, Galileo sei nicht der Prozess gemacht worden, weil er ein guter Wissenschaftler, sondern weil er ein schlechter Theologe gewesen sei, sprich: weil er mit zweifelhaftem und
auch aus heutiger Sicht nicht haltbaren Bezug auf die Bibel für das heliozentrische System argumentiert habe.

Eine Geschichte der Verzerrungen

Die andere Seite der Galileo-Rezeption: Statue in den Nischen der Uffizien, 1830er Jahre
Die andere Seite der Galileo-Rezeption: Statue in den Nischen der Uffizien, nachträglich eingestellt in den 1830er Jahren

Die Verzerrungen in dieser Weise überblicksartig präsentiert zu bekommen, eine nach der anderen, zeichnet insgesamt ein recht trübes Bild davon, wie irrational Menschen mit Texten und Quellen umgehen, wenn sie schon vorab wissen, wohin die Reise gehen soll. Zumal die meisten, die da pro oder anti schrieben vermutlich überzeugt von dem waren, was sie da schrieben, und sich keines Fehlverhaltens bewusst.

Dass der Fall Galileo auch mehr als 150 Jahre später noch die kirchlichen Institutionen beschäftigen konnte, zeigt sehr schön die Affäre um Giuseppe Settele, der 1820 den zweiten Band seines Astronomielehrbuchs veröffentlichen wollte, in dem die Bewegung der Erde als Tatsache dargestellt wird. Interessanterweise war in jener innerkirchlichen Diskussion die Inquisition auf Seiten Galileos, während der Chefzensor von Rom seine schweren Bedenken gegen das Buch durch die Instanzen zu tragen versuchte.

…bis ins 20. Jahrhundert

Wem bereits sonderbar vorkommt, dass die Bewegung der Erde um die Sonne 1820 noch ein ernsthaftes innerkirchliches Diskussionsthema sein konnte, der wird an den späteren Episoden um die (erst verzögerte, dann verfälschte) offizielle Galileo-Biografie zum dreihundertsten Todestag (1941 in Auftrag gegeben, 1964 nach dem Tode des Autors deutlich verfälscht, was freilich erst 1978 herauskam) oder an der Vorgeschichte und den Details der “Rehabilitation” 1992 seine Freude haben.

Und ja, auch 2012 kann in einer größeren deutschen Tageszeitung noch ein Artikel erscheinen, der Galileo, jenem “heiligen Tabu der Moderne” an den Karren fährt und dabei einige der längst widerlegten Anti-Galileo-Mythen wieder aufwärmt – ganz so als, als sei dies etwas mutiges Neues und nicht nur letzte Ausprägung einer langen, in weiten Teilen leider recht unrühmlichen Tradition. Ein Grund mehr, dieses Buch zu lesen, egal wie man zu Galileo steht.

 

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

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