Terry Pratchett 1948-2015 – ein Nachruf

Wenn ein Autor, den man schätzt, stirbt, ist das immer auch ein ganz praktischer Verlust – keine neuen Bücher mehr. Man muss mit dem auskommen, was schon da ist. Nun ist das bei Terry Pratchett immerhin eine ganze Menge. Aber trotzdem.

Pratchett hatte den besonderen Charme, dass Wissenschaft und systematisch-rationales Denken bei ihm eine wichtige Rolle spielen – und das in einer eigentlich zum Genre Fantasy gehörenden Welt. Ich meine damit gar nicht die Science of Discworld-Bücher (wo Pratchett und zwei Wissenschaftsautoren seine Scheibenwelt nutzen, um die Wissenschaft unserer eigenen Runderde zu erklären), sondern die eigentlichen Bücher der Discworld, der Pratchett’schen Scheibenwelt.

Zunächst einmal: Es ist einfach ein schönes Plus, beim Lesen immer wieder Resonanzen des eigenen Fachgebiets mitschwingen zu sehen – meist gar nicht näher ausgeführt, sondern nur angedeutet; es ist kein Zufall, dass es für die Pratchett-Bücher einen umfangreichen Anmerkungsapparat gibt, das Annotated Pratchett File (AFP). Oder dass Pratchett als Jugendlicher Astronom werden wollte.

Als Physiker freut man sich, wenn ein Land offenbar durch die aus der Quantenfeldtheorie bekannte Wick-Rotation verschwindet (zumindest kann man das aus den Gedanken des mathematisch genialen Kamels in Pyramids so herauslesen), wenn Pratchett Schrödingers Katze realistisch dahingehend erweitert, dass die möglichen Zustände einer Katze im geschlossenen Kasten “Alive”, “Dead” aber eben auch “Bloody Furious” sein können (Lords and Ladies) und über viele ähnliche Andeutungen mehr.

Fantasy und wissenschaftliche Grundhaltung?

Aber der Wissenschaftsbezug von Pratchetts Büchern geht noch deutlich tiefer als solche Anspielungen, sondern betrifft so etwas wie – naja, so etwas wie eine wissenschaftliche Grundhaltung gegenüber der Welt.

Dazu ein persönlicher Exkurs: Ich habe ein einziges Mal, 1988 oder 1989 an einem Rollenspiel teilgenommen – einem klassischen Pen-and-Paper-Rollenspiel, soweit ich erinnere basierend auf dem Spielesystem GURPS, mit Spielleiter und mehreren Mitspielern, Punktesystem für die verschiedenen Fähigkeiten und Zufallselement per Würfel.

Meine Teilnahme war nicht sehr erfolgreich, und das aus einem ganz bestimmten Grund. Das Rollenspiel spielte im Star Trek-Universum. Wir waren die Crew eines Erkundungsschiffs (vom Spielleiter liebevoll auf Basis einiger Plastikmodelle des Raumschiffs Enterprise nachgebaut). Ich war der Wissenschaftsoffizier. Unser Schiff traf auf ein rätselhaftes Objekt im Weltraum, eine Art Anomalie, in der alles verschwand, und als Wissenschaftsoffizier begann ich dann natürlich ein umfangreiches Forschungsprogramm. Soweit ich erinnere, schickte ich eine Sonde nach der anderen auf/in das Objekt – aus den verschiedensten Gründen ohne Erfolg, wie mir der Spielleiter jeweils bescheinigte, aber das hat mich damals nicht entmutigt: Wenn mir der Spielleiter sagte, dass die Sonde keine Signale zurückschicken konnte, versuchte ich die Grenze herauszufinden, ab der das der Fall war. Oder die Sonde so zu modifizieren, dass sie einen Teil von sich zurückschickte.

Meine Experimentalserie war für die anderen Mitspieler, die derweil nun einmal nichts zu tun hatten, sehr langweilig und für den Spielleiter, der sich eine spannende Ereigniskette ausgedacht hatte, in der systematische Sondenerkundungen verständlicherweise keinen Platz hatten, entsprechend frustrierend. Es war nicht so, als hätte ich mich nicht auf die Welt von Raumschiff Enterprise eingelassen: Meine Messungen nutzten die (zum Teil ja futuristisch-unrealistischen) Sensoren des Schiffs. Einige meiner Sonden waren umgebaute Photonen-Torpedos. Worauf ich mich nicht eingelassen hatte, waren die dramaturgischen Notwendigkeiten – da mochte es noch so vernünftig sein, die Raumzeitanomalie aus sicherer Distanz zu erforschen; für den Fortgang der Geschichte war notwendig, dass der Kapitän sein Erkundungsschiff in die Anomalie hineinsteuerte, und mein Forschungsprogramm, vernünftig wie es war, hielt den Lauf der Geschichte nur auf.

Zwei Arten der “suspension of disbelief”

Bei jeder Fantasy- oder Science Fiction-Geschichte oder allgemein bei Geschichten mit übernatürlichen Elementen ist “(willing) suspension of disbelief” gefragt; im deutschen beeindruckend unhandlich als “willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit” übersetzt. Aber dieses Einlassen auf eine Welt gibt es auf zwei Ebenen. Auf der ersten Ebene geht es schlicht darum, zu akzeptieren, was Autor oder Autorin für eine Welt beschreiben. Wer die ganze Zeit im Hintergrund eine innere Stimme hört “aber es gibt doch in Wirklichkeit keine Drachen!” oder “aber es gibt doch gar keine Elfen” oder auch “aber ein Raumschiff kann gar nicht schneller fliegen als das Licht”, wird an Werken, in denen diese Elemente zentrale Rollen spielen, kaum Spaß haben können. Auf solche anderen Welten muss man sich einlassen; das zu tun und eine Welt mit zum Teil ganz anderen Regeln zu erkunden, als sie in unserer eigenen gelten, kann enorm reizvoll sein. Und das Erschaffen einer konsistenten, fiktiven Welt – siehe das Parade- und Pionierbeispiel Tolkien, der seiner Welt gar eigene Mythen und Sprachen mitgab – ist eine große Kunst.

Es gibt noch eine zweite Ebene des Einlassens, und die ist problematischer. Denn auch wenn die Regeln der Welt andere sind – die Grundregeln vernünftigen Umgangs mit solch einer Welt sind doch sehr ähnlich wie in unserer eigenen. Wenn es an dieser Stelle zu Dissonanzen kommt, ist entweder blinde Akzeptanz gefragt, oder aber Unzufriedenheit kommt auf. Der oben verlinkte Wikipediaartikel nennt ein schönes Beispiel: Ich kann mich als Comicleser darauf einlassen, dass Superman Superkräfte hat. Aber dass niemand von seinen Kollegen erkennt, dass Clark Kent und Superman ein und dieselbe Person sind (nur eben anders angezogen, und einmal mit Brille) ist trotzdem blöd, und das auf einer ganz anderen und viel banaleren Ebene.

(Ähnliches gilt natürlich auch für andere Genres. Wenn die Bösewichter sich an die einfache Regel halten würden “Sobald du den Protagonisten in deiner Gewalt hast, erschieße ihn ohne zu zögern”, wären viele Actionfilme, ob aus dem Fantasy-Genre oder nicht, ungleich kürzer; vgl. die Evil Overlord List).

Drachen, Magie, Warpantrieb, Superkräfte – das schafft neue Welten, und die direkt mit dem wissenschaftlichen Grundtrieb verknüpfte Neugier motiviert uns, solche Welten zu erkunden. Gerade dass die Menschen, die jene fiktiven Welten bevölkern, soviel mit uns gemein haben, aber unter ganz anderen Verhältnissen leben, macht Geschichten aus diesen Welten interessant. Die Eigenschaften eines Systems bekommt man heraus, indem man die Randbedingungen ändert und schaut, wie sich das System verhält. Menschen wie du und ich in einer ganz anderen Welt – das kann ein spannendes Gedankenexperiment sein, um etwas über Menschen allgemein herauszufinden. Wenn die fiktiven Menschen dann aber selektiv und nicht recht nachvollziehbar ein komplett unvernünftiges Verhalten zeigen, mindert dies den besonderen Reiz oder kann ihn im Extremfall sogar ganz kaputtmachen. Ich lasse mich gerne darauf ein, dass es einen Warpantrieb gibt; deutlich weniger gerne darauf, dass zur Erkundung nicht Spezialtruppen in Schutzanzügen, sondern Führungsoffiziere in langen T-Shirts auf unerkundete Planetenoberflächen gebeamt werden.

Manche Fantasy hat mit dem Experiment “richtige Menschen in ungewöhnlicher Welt” ein Stilproblem. Denkt man die Fantasywelten logisch weiter, kommt es manchmal zu komischen Resonanzen mit unserer eigenen Welt, zu unerwartet banalen und alltagsnahen Problemen und Lösungen. Zahlreiche Fantasywelten versuchen, eine ähnliche Atmosphäre zu erschaffen wie in Mythen: das Gefühl, es mit etwas Erhabenem, Fundamentalen, nur teilweise Verstehbaren, Ehrfurchtgebietenden zu tun zu haben. Grundlage der Geschichte ist dann eben nicht nur ein individuelles Jedermensch-Schicksal, sondern eine evt. gleich mit dem Schicksal der ganzen Welt (ewiger Kampf zwischen Gut und Böse) verknüpfte Entwicklung. Will man solch eine Stimmung aufrechterhalten, dann sind humorvolle Parallelen, die von dieser Erhabenheit ablenken, so ungewollt wie mein Star-Trek-Sonden-Forschungsprogramm.

Vernünftige Reaktionen in ungewöhnlichen Welten

Pratchetts Bücher gehen genau in die entgegengesetzte Richtung. Seine Scheibenwelt, insbesondere die Stadt Ankh-Morpork und umliegende Regionen, sind zwar eine ebenso fremde Welt wie in anderen Fantasy-Büchern, aber die Menschen darin dürfen sich vernünftig verhalten, und wenn sich dadurch witzige Parallelen zu unserer eigenen Welt ergeben, nimmt das der anderen Welt nichts weg, sondern stellt im Gegenteil einen ihrer Reize dar. Mit der Zeit hat sich Pratchett immer weiter in diese Richtung entwickelt – schon bei den Hexen Granny Weatherwax, Nanny Ogg & Co. spielte er mit Magie vs. Psychologie (“Headology”), und die von Commander Vimes geleitete Stadtwache entwickelte sich mit der Zeit so weiter, als hätte sich da wirklich jemand hingesetzt und sich Gedanken gemacht, wie man in einer Welt mit den Naturgesetzen der Scheibenwelt eine möglichst effektive Polizei organisiert.

Auch Glauben, Götter, Mythen und natürlich der (personifizierte) Tod – letzterer jetzt naheliegenderweise in vielen Pratchett-Nachrufen präsent – erfahren eine solche Behandlung, die Fantastisches und menschlich-realistische Züge miteinander vermischt. Dergleichen für Wirtschaft und Kommunikation – Post und Bankwesen in den Geschichten mit Moist von Lipwig, die Zeitung von Edward de Worde – und für gesellschaftliche Strukturen und Konflikte: von Tradition vs. Innovation, Landflucht, Rassismus, Terrorismus sind bei Pratchett die wichtigsten Konfliktphänomene unserer eigenen Welt vertreten.

Und eben, ein weiterer Grund für wissenschaftsaffine Leser, Pratchett zu mögen: Die Zauberer (wizards) sind bei Pratchett eben nicht fundamental okkult und esoterisch, sondern haben sich in einer akademischen Welt eingerichtet, die zielsicher den heutigen Universitätsbetrieb (insbes. der klassischen britischen Universitäten) auf’s Korn nimmt. Inklusive der neumodischen Forschungen von Ponder Stibbons, dessen “Hochenergiemagie” und ameisengetriebener Computer von den klassischen Kollegen nicht recht ernst genommen wird.

Ähnlich geht es mit der angewandten Wissenschaft: Technologie kommt dabei heraus, dass man sich Gedanken darüber macht, wie man die Naturgesetze einer Welt möglichst gut für sich ausnutzen kann. In manchen Fantasywelten wäre sie vermutlich schon deswegen non grata, weil sie oberflächlich etwas von dem Fantastischen der Welt wegnimmt. Bei Pratchett bekommt Ankh-Morpork ein Semaphor-Kommunikationsnetz und im letzten (schnüff!) Band sogar eine Eisenbahn. Rationales Denken ist in der Scheibenwelt eben nicht verpönt, sondern kann essenziell sein. Dass der Erfinder der Eisenbahn nicht wie seine Vorgänger bei spektakulär scheiternden Dampfkesselexperimenten dahingerafft wurde, hat einen einfachen Grund: er berechnet, was er tut, und er experimentiert ganz systematisch. Soviel destillierte Wissenschaft ist mehr, als man in den meisten Science-Fiction-Geschichten findet, obwohl die sich die Wissenschaft ja nicht nur in den Gattungsnamen geschrieben haben, sondern sie auch gern als treibendes Element verwenden.

Pratchetts Welt ist faszinierend, weil sie unsere eigene Welt ist, mit veränderten Randbedingungen und zum Teil eben dadurch bis ins Kenntliche verzerrt. Das Ergebnis waren Bücher, die intelligent und hintergründig sind – aber auch leichtherzig und verspielt; wer sie nicht mag wird vermutlich sagen: albern – und eben: in guter und gar nicht langweiliger Weise vernünftig. Schade, dass es damit jetzt ein Ende hat.

Den Nachruf von Lars Fischer solltet ihr auch noch lesen, falls noch nicht geschehen: hier.

 

 

 

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für den Nachruf, Terry Pratchett war sicherlich der größte Scifi-, äh, Fantasy-Autor, sofern er Fantasy produziert hat und nicht etwa Fantasy-Parodie.
    Humorvoll, ganz wichtich, war der Bursche auch, konnte schreiben, war innovativ, gebildet & ein großartiger Philosoph.
    Danke Terry!
    MFG
    Dr. W

    • PS zu ‘Suspension of disbelief’ :
      Keine Ahnung, ob es es im Nachruf auch so gemeint war, aber der Schreiber dieser Zeilen hatte bei Pratchett nicht die Herausforderung à la Suspension of disbelief zu bearbeiten, wie etwa beim StarTrek-Universum, die Pratchettsche Welt ist intuitiv, denkbar und möglich.
      Der Hauptunterschied zu unserer Welt ist, dass sie magisch (vgl. ‘mager’ und ‘Macht’) ist, d.h. mächtige Einzelne können in die Natur stark eingreifen, den Betrieb meinend, was uns nicht möglich zu sein scheint.
      Dennoch interessant die Frage, ob und wie unsere Welt nicht auch irgendwie magisch ist, “magischer” als gedacht zumindest.

      • Wie im Nachruf geschrieben: Das schöne an der Pratchett’schen Welt ist, dass man in Bezug auf menschliche Eigenschaften, menschliches Verhalten und generelle Abläufe eben kein “suspension of disbelief” nötig hat.

  2. Terry Pratchett: “Light thinks it travels faster than anything but it is wrong. No matter how fast light travels, it finds the darkness has always got there first, and is waiting for it.”