Nicht ohne meine Zahnbürste oder Wie man Kreativität in der Wissenschaftskommunikation erstickt

Es sollte eigentlich ganz offensichtlich sein: Wer Gebiete fördern will, in denen Kreativität und großes eigenes Engagement gefordert sind, um Spitzenleistungen zu erreichen, der sollte die Rahmenbedingungen tunlichst nicht zu eng stecken – und nicht zu detailliert reglementieren wollen, was am Ende herauskommt. Die finanzielle Förderung von Forschung hat dieses elementare Prinzip glücklicherweise an vielen Stellen eingebaut und hält viele themen- und ergebnisoffene Förderinstrumente bereit. Umso mehr ärgere ich mich im Bereich Outreach und Wissenschaftskommunikation über Ausschreibungen, die in dieser wichtigen Hinsicht gerade in die falsche Kerbe schlagen. Zu große Reglementierung ist nunmal ein ziemlich zielsicheres Instrument, um brave Mittelmäßigkeit zu erzeugen und Höchstleistungen, die nicht ins enge Schema passen, oder eben gerade kreative Lösungen, mit denen vorher niemand gerechnet hätte, von vornherein zu hemmen.

Vor diesem Hintergrund habe ich mich gerade wieder einmal an den Kopf gefasst, als mir heute eine E-Mail mit einer Presseerklärung des Foresight Filmfestivals “Science meets Vision” in die Inbox flatterte. Bei dem vom Bundesforschungsministerium geförderten Programm “Foresight(-Prozess)” geht es um eine Art praktischen Blick in die nicht allzuferne Zukunft, Zeithorizont 15 Jahre, laut deren Webseiten “ein strategisches Instrument zur langfristigen Vorausschau”. Einleitungstext: “Werden Straßen bald aus gläsernen Solarmodulen gebaut? Entscheiden persönliche digitale Assistenten künftig, welche Aktie gekauft und wann ein Tarifwechsel für die Hausratversicherung ansteht? Wie beeinflusst der Trend zum Tauschen und Selbermachen unsere Wirtschaft?”

Das Kurzfilmfestival ist offenbar ein Teil der wissenschaftlichen Öffentlichkeitsarbeit zu diesem Projekt, O-Ton:

Wie wollen, wie werden wir leben? Das ist das Thema vom Foresight Filmfestival N° 1 am 2. Juli 2015 in Halle an der Saale. Forscher, Filmschaffende, Journalisten, Visionäre aller Disziplinen begegnen einander und extrapolieren aus dem heute Machbaren das morgen Mögliche. Das Foresight Filmfestival ist kein Science-Fiction-, sondern ein Science-Vision-Festival, bei dem vieles zusammenkommt: Spannung, Unterhaltung, Schau- und Gucklust auf Neues, Ungeahntes, Debatten, Kontroversen, Begegnungen. Zusammengefasst: Science meets Vision.

Soweit, so gut. Dazu Kurzfilme, da gibt es bestimmt gute und vor allem auch ungewöhnliche Ideen. Das könnte durchaus spannend werden.

Aber halt, einen Moment noch. Nur, weil da Visionäre gefordert werden, soll das ja nicht heißen, dass die sich einfach irgendetwas Kreatives ausdenken dürfen.

Wir laden ein: Visionäre aus allen Disziplinen – Forschung, Medien, Film, Kultur … die Lust haben, sich miteinander, gegeneinander, mit sich selbst, für die Gesellschaft auseinanderzusetzen zu folgenden drei ausgewählten Ausschreibungs-Themen:

  • Selbstoptimierung oder: Das quantifizierte Ich.
  • Künstliche Intelligenz oder: Die Arbeitswelt von morgen.
  • Post Privacy oder: Wohin trägt uns die Datenflut?

Ja, geht’s noch? Visionäre aus allen Disziplinen einladen, schön und gut. Aber warum sollen die ihr Unterthema von “Wie wollen, wie werden wir leben?” nicht frei wählen dürfen? Warum soll außen vorbleiben, wenn es jemandem gelingt, außerhalb dieser, seien wir ehrlich, recht brav und konservativ extrapolierten Themengebiete, etwas zu finden, an das die Organisatoren bei der Ausschreibung noch gar nicht gedacht hatten? Soweit muss man da bei derart eng gefassten Themen gar nicht ausholen. Selbst ein im Netz ja durchaus präsentes Thema wie 3D-Drucker passt nicht in das enge Schema. Und wem zur Arbeitswelt mal etwas anderes spannendes einfällt als “Computer werden uns ersetzen!!!”, sondern vielleicht etwas dazu, wie soziale Netzwerke und deren Feedbackmöglichkeiten, die Arbeitskultur verändern werden, guckt auch in die Röhre.

Es kommt aber noch schlimmer.

Die Themengebiete haben noch ein paar flippige Untertitel. Witzig, wenn’s um bestehende Artikel ginge, aber geradezu lächerlich detailliert bei Themen, bei denen Kreativität gefragt ist. Im Originaltext:

Genau. Wer Pläne für einen Post-Privacy-Kurzfilm hat, in dem keine Zahnbürsten vorkommen, kann sein Projekt offenbar gleich vergessen.

Ironisch nicht zuletzt, weil in diesem (nicht in Form von Anregungen, sondern als Richtlinie formulierten) Korsett natürlich genau das zum Ausdruck kommt, was uns in Vorbereitung auf die nächsten 15 Jahre einen Bärendienst erweisen würde: Zu eng bei den eigenen heutigen Vorstellungen bleiben, und fehlende Offenheit für ganz neue, ganz unerwartete Lösungen. Und traurig, weil es leider Teil eines breiteren Trends zu sein scheint – Wissenschaftskommunikation mit so engen Vorgaben, als ginge es um eine mechanisch zu erledigende Serviceaufgabe und nicht um ein Betätigungsfeld, in dem Kreativität und neue Ideen mit zu den interessantesten Entwicklungen führen – wie in der Forschung selbst eben auch.

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das Foresight Filmfestival verkauft uns Zukunft als Sequel. Das Motiv für Sequels war schon immer der vermeintlich garantierte Erfolg, baut man doch auf eine vorhandene Fanszene, auf eine bereits erfolgreiche Vorproduktion auf. Doch die Filmgeschichte zeigt: nur wenige Sequels erfüllen die in sie gesteckten Erwartungen.

  2. Warum darf nichts unerwartet Neues im Foresight Filmfestival vorkommen?
    Der folgende Text-Selfie des Festivals erklärt es:

    Das Foresight Filmfestival ist kein Science-Fiction-, sondern ein Science-Vision-Festival, bei dem vieles zusammenkommt: Spannung, Unterhaltung, Schau- und Gucklust auf Neues, Ungeahntes, Debatten, Kontroversen, Begegnungen.

    Erklärung: Das wirklich Neue verschlägt dem Publikum meist die Sprache. Damit ist es wenig geeignet für folgendes: “Spannung, Unterhaltung, Schau- und Gucklust auf Neues, Ungeahntes, Debatten, Kontroversen, Begegnungen.”

    Um bei der Filmkunst zu bleiben, gerade bei der Science Fiction. Filme, die neue Massstäbe gesetzt haben wie Odyssee 2001 oder Blade Runner wurden zuerst auch kaum reflektiert und durchweges schlecht aufgenommen: Blade Runner war sogar ein Misserfolg was den Publikumserfolg anging. Dabei war Blade Runner im Rückblick einer der wichtigsten Science Fiction Filme.

  3. Das klingt wirklich nach Auftragsarbeiten oder fertigen Beiträgen. Die tendenziöse Untertitel lassen wenig Raum für ergebnisoffene Arbeit.

    • Meinen sie mit “Auftragsarbeten oder fertigen Beiträgen”, dass das Bundesforschungsministerium mit der Ausschreibung für das Foresight Filmfestival “Science meets Vision” etwas ausgeschrieben hat, was bereits exisitiert. Dass es sich also um eine Scheinausschreibung handelt und der Gewinner im Vornherein schon feststeht? Das wäre dann wirklich ein Skandal.

  4. Zustimmung: Die Einschränkung auf 3 vorgegebene Zukunftstentwicklungen ist zu einengend und widerspricht sogar dem behaupteten Ziel Neues und Ungeahntes zu ermöglichen.
    Da es ja um Kurzfilme geht, die eingereicht werden können, hätten die Organisatoren (analog zu den Verhältnissen bei vielen Filmfestspielen) mindestens eine Kategorie von freien Beiträgen vorsehen müssen, von Beiträgen, die beispielsweise in Cannes “ausser Konkurrenz” gezeigt werden.
    Dass ein Filmfestival, das Ungeahntes und Neues erwartet, keinen Raum für Ungeahntes und Neues vorsieht, zeigt, dass den Organisatoren das Format fehlt, das es für diese Aufgabe bräuchte.

  5. “Und traurig, weil es leider Teil eines breiteren Trends zu sein scheint”

    Ist das so? Gibt es weitere Beispiele? So kann man das auch als verunglückten Einzelfall sehen. Mir scheint, der Autor kennt da noch andere Einzelfälle – welche sind das denn?

  6. Offensichtlich wurden die Themen so eng gefasst, weil sich die Kreativität der eingeladenen “Visionäre” nur dahingehend entfalten soll, schon Bestehendes weiterzuentwickeln. Das von der Bundesregierung propagierte Programm Industrie 4.0 lässt grüßen!

    • Ja, vielleicht sollten die Kurzfilme auch nur das bebildern was sich die Leute vom Bundesforschungsministerium bebildert sehen wollen. Dann müssen sie selbst keinen Werbefilm finanzieren und vor allem keinen Werbefilm selbst ausdenken. Sie können so den Gehirnschmalz vieler Kreativen für sich arbeiten lassen (Zitat: “Visionäre aus allen Disziplinen – Forschung, Medien, Film, Kultur “ ) und auf ein smartes, verführerisch wirkendes Ergebnis hoffen.

  7. Selbstoptimierung oder: Das quantifizierte Ich. Wie erfolgreich, schön, glücklich und gesund kann man sein?
    Künstliche Intelligenz oder: Die Arbeitswelt von morgen. Von Computern, Robotern und menschlicher Kreativität.
    Post Privacy oder: Wohin trägt uns die Datenflut? Von verräterischen Zahnbürsten und dem Öl des Informationszeitalters.

    Mag so zusammengefasst oder extrapoliert bestimmte Entwicklung meinend, hat aber tagespolitisch oder “tageswissenschaftich” womöglich eine gewisse Hervorstellung verdient.

    Zu den Möglichkeiten der IT-basierten Nachrichtengebung [1] könnte Ihr Kommentatorenfreund beitragen, äh, …, …, …, worum ging es eigentlich?, ach ja, da werden irgendwie Staatsgelder (das Fachwort: Steuerzahlergeld) verbraten und es gefällt im wissenschaftsnahen oder wissenschaftlichen Kontext nicht jedem [2].

    MFG
    Dr. W

    [1]
    Diese ‘Möglichkeiten der IT-basierten Nachrichtengebung’, auch: neue Medien, letztlich das Internet und die netzwerkbasierte Kommunikation, ist sind natürlich schon wichtich,
    Steuergeld könnte bspw. weniger gesellschaftlich * günstig im Soziologischen, bei den Sozialfroschern verbrannt werden.

    [2]
    Vermutung:
    Weil nicht partizipiert wird.

    * ein rekursiver Gag sozusagen

    • * oder extrapoliert bestimmte Entwicklung meinend kritikwürdig sein
      ** sind sind natürlich schon wichtich

      MFG
      Dr. W (der bekanntlich nichts gegen eine Vorschau oder gegen eine nachträgliche Korrekturmöglichkeit hätte)