• Von Markus Pössel
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Nachruf auf Klaus Tschira

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… aber nicht einfacher
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Klaus Tschira bei der Einweihung des Hauses der Astronomie am 16. Dezember 2011. Bild: D. Anders / MPIA

Zugegeben, mein Nachruf hat deutlich länger gebraucht als der von Carsten Könneker, der bereits am 31. März, also am Tag von Klaus Tschiras Tod, auf spektrum.de erschien. Hier also mein Puzzlesteinchen zum größeren Mosaik, das von Carstens Text und dem Nachruf drüben beim Lindau-Blog bis zu den offiziellen Artikeln in Spiegel, FAZ und Co. reicht.

Klaus Tschira war in den letzten Jahren einer der einflussreichsten, wenn nicht der einflussreichste Wissenschaftsmäzen in Deutschland. Auch meine Heimatinstitution, das Haus der Astronomie, verdankt seine Existenz Klaus Tschira und der von ihm gegründeten gleichnamigen Stiftung.

Die SAP-Zeit

Ein Schlüssel sowohl zu den Voraussetzungen von Tschiras Erfolg als auch zu dessen Folgen: Persönlicher Erfolg als Kombination von günstigen Bedingungen und eigenem Können: Nicht jeder, der eine Chance bekommt, hat das Zeug dazu, sie wahrzunehmen (und dazu gehört als erstes: sie zu erkennen), und nicht jeder bekommt die Möglichkeiten, die eigenen Stärken auch zum Zuge kommen zu lassen. Die Geschichte von Klaus Tschira ist ein Beispiel, in dem es geklappt hat, weil beide Voraussetzungen zusammenkamen. Tschira studierte an der Universität Karlsruhe (heute Karlsruhe Institut für Technologie) Physik, und das zu einer Zeit, als es noch keine Informatik-Studiengänge gab und Physiker, die sich mit Computern und dem Programmieren auskannten, waren in der Industrie durchaus begehrt. Als die Assistentenstelle, die er angestrebt hatte, aus Geldmangel nicht besetzt wird, bewirbt sich Tschira stattdessen bei der IBM – und arbeitet dort ab 1966 als Systemberater.

Sechs Jahre später kommen mehrere Dinge zusammen. Zum einen beschließt IBM, die Entwicklungsprojekte, an denen Tschira und eine Reihe von Kollegen arbeiten, nicht weiterzuführen. Zum hatten sich die Rahmenbedingungen geändert: Anfangs waren Computerfirmen wie IBM (“International Bureau Machines”) Komplettanbieter gewesen: Hardware, Software und Serviceleistungen kamen aus einer Hand und wurden als Komplettpaket vermarktet. Diese Praxis hatten die Kartellbehörden kritisch unter die Lupe genommen und die IBM 1969 verklagt. Der Prozess – den die Justizbehörde 13 Jahre später fallen ließ – brachte IBM vorauseilend dazu, die gängige Praxis zu enden und Hardware, Software und Serviceleistungen getrennt auszuweisen und in Rechnung zu stellen. Dadurch wurde die Nische für spezialisierte Softwarefirmen deutlich breiter. Auf einmal wurde es auf Käuferseite möglich und dann üblich, sich nach getrennten Lösungen für diese drei Bereiche umzusehen.

Dieses Klima nutzen dann auch Tschira und vier IBM-Kollegen: Hasso Plattner, Dietmar Hopp, Hans-Werner Hector und Claus Wellenreuther. Sie machen sich selbstständig mit “Systemanalyse und Programmentwicklung”, seither längst bekannter unter dem Kürzel SAP, und entwickeln die Programme für Lohnabrechnung, Buchhaltung und im Anschluss noch vieles mehr in Zukunft selbst. Anstatt auf Stapelverarbeitung, bei der die im Laufe des Tages eingegebenen Änderungen nachträglich über Nacht durch die Mainframes ratterten, setzten sie auf damals noch neue, heute selbstverständliche Echtzeitverarbeitung: Jede Änderung und Eingabe wird sofort wirksam und sichtbar.

Auf der Gedenkfeier für Tschira vor knapp zwei Wochen erzählte insbesondere Hasso Plattner über diese Anfangszeit und wie es dann weiter ging: Wie sie die Software zunächst selbst programmierten, insbesondere in der Zeit, als die SAP noch ‘mehr Eigner als Mitarbeiter’ hatte. Die entsprechenden Szenen dürften auch späteren Entwicklern – oder auch Wissenschaftlern, die gemeinsam an Experimenten arbeiten – bekannt vorkommen: Die Feuerwehr-Situation etwa, als Plattner Tschira abends zu Hilfe rief, weil er die Datenbank eines Kunden zerschossen hatte, und Tschira hinzukam und die ganze Nacht über half, sie wieder zu rekonstruieren – bis in die frühen Morgenstunden, wo dann leider auch kein Pizzaservice mehr lieferte. Einige der damaligen Bedingungen sind aus heutiger Sicht dagegen durchaus ungewöhnlich, etwa, dass die Firma anfangs keine eigenen Computer hatte, sondern die Entwicklungsarbeit nachts auf den Rechnern der Kunden durchführte.

Einige weitere Anekdoten aus Tschiras SAP-Zeit, die der heutige Vorstandssprecher der SAP, Bill McDermott, bei der gleichen Veranstaltung wiedergab, sind da schon Tschira-spezifischer. McDermott hatte SAP-Mitarbeiter nach ihren Erfahrungen mit Tschira befragt: Ein Mitarbeiter berichtete von einem Gespräch mit dem SAP-Recruiter auf einer Messe; dass es sich um Tschira und damit um einen der Gründer handelte, fand der betreffende Mitarbeiter erst später heraus. Ein anderer Mitarbeiter erzählte davon, wie Tschira sich viel Zeit genommen habe, um ihm geduldig und pädagogisch zu erklären, wie man Excel und Word miteinander arbeiten lassen konnte. Beides passend, beides repräsentativ.

Wie die Rhein-Neckar-Zeitung in ihrem Nachruf schreibt: Sprach man Tschira in jüngerer Zeit auf die SAP an, gab es Antworten wie “[L]assen Sie den ganzen Quatsch weg, das mit dem SAP-Gründer und so. Das ist doch schon Ewigkeiten her.” Denn Tschira hatte die SAP zwar noch durch eine Reihe von Herausforderungen begleitet – die Expansion in die USA, die Umstellung von Mainframes auf Workstations, die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft. Aber zu Beginn des neuen Jahrtausends hatte er sich mehr und mehr zurückgezogen – erst 1998 aus dem operativen Geschäft (“Es gibt zu viele Beispiele von Leuten, die zu lange an ihren Stühlen kleben”), 2007 auch aus dem Aufsichtsrat.

Stattdessen hatte er sich daran gemacht, das mit der SAP verdiente Geld sinnvoll zu investieren – nicht im Sinne der Geldvermehrung, sondern sinnvoll für die Ziele, die ihm wichtig waren: Naturwissenschaften, Informatik und Mathematik zu fördern und insbesondere auch, wie es in den Zielen der 1995 von ihm gegründeten Klaus Tschira Stiftung heißt, deren Wertschätzung in der Gesellschaft. Die finanziellen Mittel dafür hatte ihm und drei weiteren seiner Mitgründer (Wellenreuther war vorher ausgestiegen) insbesondere der Börsengang von SAP 1988 verschafft; die Forbes-Liste von 2015 führt ihn mit einem Privatvermögen von umgerechnet 7,6 Milliarden Euro auf. Seine privaten Bedürfnisse waren gemessen an einem solchen Vermögen eher bescheiden (O-Ton zum Thema: “Mehr als die Wurst doppelt aufs Brot legen kann man nicht.”). Aber die Möglichkeiten, mit diesem Geld das zu fördern, was ihm wichtig war, hat er ausgiebig und umfangreich genutzt.

In dem, was Tschira förderte, spielt das Leitmotiv von Erfolg als Kombination von günstigen Bedingungen und eigenem Können eine wichtige Rolle, diesmal anders herum: Tschira und seine Stiftung als diejenigen, die günstige Bedingungen schaffen; die Geförderten als diejenigen, die eigenes Können, eigene Anstrengungen beisteuern; der Erfolg eine gemeinsame Leistung und damit viel nachhaltiger als bei einem einseitigen Verhältnis Schenker und Beschenkter.

Klartext und “Explore Science”

Den Anfang machte das, was heute “Klartext” ist, der “Klaus Tschira Preis für verständliche Wissenschaft“. Der Preis zeichnet frisch promovierte Wissenschaftler aus, die das Thema ihrer Doktorarbeit anschaulich, verständlich und mitreißend präsentieren können. Bewerben können sich diese Wissenschaftler mit einem entsprechenden Text, der von Format und Umfang einem typischen populärwissenschaftlichen Artikel entspricht. In der Anfangsphase 1997 bis 1999 war der Preis zunächst auf die Technische Hochschule Karlsruhe beschränkt; seit seiner Neuauflage 2006 ist er für Wissenschaftler aller Universitäten offen, auch für diejenigen, die im Ausland studieren (solange sie den Wettbewerbsbeitrag auf deutsch abfassen).

Zu den regelmäßigen Veranstaltungen gehören seit 2006 auch die naturwissenschaftlichen Erlebnistage “Explore Science” im Luisenpark in Mannheim. Deren Herzstück sind Wettbewerbe für Schülerinnen und Schüler, zu denen es jedes Jahr neue Aufgaben gibt. Die Aufgaben sind inzwischen sehr vielfältig geworden und je nach angesprochener Klassenstufe verschieden, aber besonders typisch dürften die Aufgaben für die Klassenstufen 5-13 sein:

Konstruiert und baut eine Windmühle (W1), die durch Energiezufuhr einen Luftstrom erzeugt, mit dem eine zweite Windmühle (W2) angetrieben wird, die wiederum eine Masse (m2) anhebt.

oder

Entwerft und baut eine Apparatur, die einen beliebigen Vorgang periodisch wiederholt. Die periodische Zufuhr von Energie muss dabei die Reibungsverluste so ausgleichen, dass eine zeitlich stabile Taktung entsteht, und die Konstruktion dauerhaft als Frequenznormal verwendet werden kann.

(Da ist sie wieder, die Kombination von Chance und Eigenbeitrag, von dem Rahmen, den die Klaus Tschira Stiftung zur Verfügung stellt und der eigenen Knobel- und Entwicklungsleistung, der den Wettbewerb dann erst zu einer wirksamen Fördermaßnahme macht.)

Mit den gebauten Apparaturen kommen die Schulklassen dann während der Explore Science in den Luisenpark, wo die Einreichungen fachkundig nach vorgegebenen Kriterien bewertet werden.

Aus den ursprünglichen Schülerwettbewerben hat sich längst etwas deutlich Größeres entwickelt – mit umfangreichem Beiprogramm an Ständen und Exponaten, nicht zu vergessen Vorträge und Schauprogramm auf den Bühnen des Luisenparks, haben nicht nur die für die Wettbewerbe angereisten Schulklassen, sondern auch andere Schülergruppen und die allgemeine Öffentlichkeit die Möglichkeit für vielfältige Wissenschaftserfahrungen im Rahmen dieser “naturwissenschaftlichen Erlebnistage” (dieses Jahr übrigens vom 8. bis 12. Juli). Und in den letzten Jahren (ich bin mir unsicher, ob auch 2014, aber definitiv 2009-2013) konnte man auf der Explore Science dann auch immer direkt Klaus Tschira treffen, der sich, weitgehend inkognito und mit großem Interesse, insbesondere bei den Schülerwettbewerben sehr genau ansah, welche Kreationen die Wettbewerbsaufgaben wohl diesmal hervorgebracht hatten.

Wer einen Eindruck von der Explore Science bekommen möchte: Von 2013 und 2014 gibt es auf diesem YouTube-Kanal die Videos, mit denen Schüler-Reporterteams die Erlebnistage dokumentiert haben.

Haus der Astronomie

Meine eigenen Erfahrungen mit Klaus Tschira liefen über das Haus der Astronomie, an dem ich seit 2009 tätig bin, genauer: seit 2009 an der Institution Haus der Astronomie, seit Ende 2011 in dem für das Haus der Astronomie (HdA) von der Klaus Tschira Stiftung errichteten Gebäude. Rückblickend weiß ich, dass ich dadurch eine durchaus charakteristische Form von Tschiras Förderung mitterleben konnte: die Errichtung von Gebäuden, wie außer dem HdA etwa noch das Advanced Training Center des EMBL, das Heidelberger Institut für Theoretische Studien, das Mathematikon an der Universität Heidelberg oder jetzt ganz neu die ESO Supernova.

Auch das Haus der Astronomie passt in das Muster Chance und Eigenbeitrag. Ohne die Klaus Tschira Stiftung, die das Gebäude geplant, gebaut und ausgestattet hat, würde es das Haus der Astronomie nicht geben – aber Tschira hat auch darauf geachtet, dass die Institutionen, die von dem gestifteten Gebäude profitieren, ihrerseits beitragen, indem sie das Haus der Astronomie als Zentrum für astronomische Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit mit Leben füllen, und das hieß in diesem Falle: die Betriebskosten tragen (das übernahm die Max-Planck-Gesellschaft als Betreiberin) und Personalstellen einbringen (das haben MPG, Universität und Stadt Heidelberg getan, im Falle der Universität bis dieses Jahr unterstützt vom Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg und in den ersten drei Jahren von der Klaus Tschira Stiftung).

Dass die Gebäude, die Klaus Tschira stiftete, weit mehr für ihn waren als eine Finanzierungsaufgabe, konnte ich in der Planungs- und Bauphase selbst miterleben. Bei den Planungssitzungen alle zwei Wochen in der Villa Bosch, dem Sitz der Klaus Tschira Stiftung, war Tschira fast immer anwesend, diskutierte und entwickelte mit, und es war offensichtlich, dass von seinen vorangehenden entsprechenden Projekten durchaus praktische Erfahrungen einbringen konnte. Ein Detail, das mir im Gedächtnis geblieben ist: Dass es im Hörsaal des Hauses der Astronomie, der auch für wissenschaftliche Tagungen genutzt wird, unter jedem Sitz eine Steckdose für Laptops gibt, war eine direkte Idee Tschiras. Ein weiteres Detail: ein durchaus physikertypischer Humor, etwa mitten in einer Planungssitzung die Bemerkung, ein Bauschuttcontainer der (Recycling-)Firma Orth würde sich abgesehen von der eigenwilligen Schreibweise doch sehr gut für ein Projekt wie das Haus der Astronomie eignen. (In den äußeren Bereichen des Sonnensystems ist die Oort’sche Wolke eine hypothetische Sammlung von Gesteinskörpern, die aus der Anfangszeit des Sonnensystems übriggeblieben sind – also wirklich eine Art planetarer Bauschutt.)

Nawik, Forscherstation, HLF, HITS,  und vieles mehr

Bedingungen schaffen, die Eigenbeiträge ermöglich – das kann die Forscherstation (das Klaus-Tschira-Kompetenzzentrum für frühe naturwissenschaftliche Bildung) sein, die Erzieherinnen und Erziehern, Grundschullehrerinnen und -lehrern das Rüstzeug dazu gibt, in Kindergärten bzw. Grundschulen kindgerechte Experimente durchzuführen und die Begeisterung für Naturwissenschaften zu wecken; es können aber auch die Kurse sein, die Wissenschaftlern beibringen, wie sie allgemein verständliche Texte schreiben oder ihre Inhalte in Fernsehinterviews am besten vermitteln – Keimzelle für die Aktivitäten, die 2012 im NaWik mündeten, dem Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation (ich bloggte damals zur Einweihung hier). Von der NaWik-Eröffnung ist auch ein Video im Netz, das Tschiras Eröffnungsansprache wiedergibt:

Aus meinen bisherigen Beispielen könnte man den Eindruck bekommen, dass es Tschira vor allem darum gegangen sei, Wissenschaft in die Öffentlichkeit zu bringen. Das war ihm in der Tat ein wichtiges Anliegen, aber ebenso wichtig war es ihm, die Wissenschaft auch direkt zu fördern. Angewandter und, soweit ich sehen kann, näher an seiner eigenen Arbeit in der praktischen Informatik z.B. mit dem European Media Lab (EML), das seit 1997 Anwendungen rund um die Spracherkennung entwickelt; für die Grundlagenforschung in seinem eigenen Institut, dem Heidelberger Institut für Theoretische Studien (HITS), das inzwischen 11 Arbeitsgruppen besitzt, die sich thematisch ganz unterschiedlichen Gebieten von molekularer Biomechanik und der Entwicklung von Datenbanken bis zur Astrophysik beschäftigen. Und dabei davon profitieren, dass sie bei aller Themenvielfalt wichtige Gemeinsamkeiten haben: In den Simulationstechniken, im Umgang und der Verarbeitung ihrer (in der Regel umfangreichen) Daten, allgemeiner in der Art und Weise, wie sie Computer benutzen.

Die Astronomie – für die sich Tschira sein Leben lang interessierte – hat dabei vielfach profitiert: Von der Förderung des Astrometriesatelliten DIVA etwa, der zwar nicht selbst realisiert wurde, aber ein Vorgänger der 2013 gestarteten Gaia-Mission ist, der Förderung des Heidelberger Plattenprojekts an der Landessternwarte zur Digitalisierung der historischen Aufnahmen nicht nur der dortigen Teleskope, oder von einer Vielzahl von Konferenzen und Symposien. Die Astronomen haben Tschira daher nicht nur mit der Benennnung des Asteroiden (13028) Klaustschira geehrt (die auf den Bonner Astronomen Michael Geffert zurückgeht), sondern auch mit der (seltenen) Ehrenmitgliedschaft in der Astronomischen Gesellschaft (PDF-Pressemeldung).

Auch mein Arbeitgeber, die Max-Planck-Gesellschaft, hat oft von Tschiras Großzügigkeit profitiert – zuletzt bei der Unterstützung der Klaus Tschira Stiftung, die die Gründung des Zentrums für Systembiologie in Dresden ermöglichte. Gründungsdirektor und Inhaber des Klaus Tschira-Lehrstuhls dort ist Gene Myers, bekannt insbesondere als einer derjenigen Wissenschaftler, die für die Firma Celera Genomics das menschliche Genom sequenzierten.

Auch die Lindauer Nobelpreisträger treffen hat Tschira lange Jahre unterstützt. Allerdings gibt es ja nun weder für Mathematik noch für Computerwissenschaften einen Nobelpreis – und dementsprechend auch kein Treffen entsprechend dem Lindauer Modell, wo junge Wissenschaftler mit den Großen ihres Fachs zusammengebracht werden, in Lindau eben den Nobelpreisträgern. Vor diesem Hintergrund gründete Tschira das Heidelberg Laureate Forum, das Preisträger desjenigen Kalibers, das in Mathematik und Informatik den Nobelpreisträgern entspricht (Abel-, Fields- und Turing-Preisträger) mit jungen Forschern zusammenbringt – in diesem Jahr zum dritten Mal (hier Links zu meinen Blogbeiträgen von dort 2013 und 2014).

Die Liste der von der Klaus Tschira Stiftung geförderten Projekte ist noch viel länger als meine kurze Auswahl. Und die Klaus Tschira Stiftung war dabei nicht einmal das einzige Förderwerkzeug. Die zusammen mit seiner Frau Gerda Tschira gegründete Gerda und Klaus Tschira Stiftung hat sich beispielsweise für die Erhaltung des Landsitzes des Chemikers Wilhelm Ostwald engagiert. Gerda Tschira hatte 1998 bereits das Carl Bosch Museum in Heidelberg gegründet. Andere Initiativen, etwa die Stiftung Heidelberger Frühling (für das gleichnamige Heidelberger Musikfestival) hat Tschira als Privatperson unterstützt.

Insgesamt hinterlässt Tschira ein beeindruckendes Erbe an – fast hätte ich “Projekte” geschrieben, aber da hatte er mich in Bezug auf das Haus der Astronomie bereits einmal korrigiert: Projekte seien nur auf begrenzte Zeit angelegt. Sagen wir also: Er hinterlässt eine beachtliche Reihe an Gebäuden in der Wissenschaftslandschaft, einige, die die Bezeichnung im engeren, viele, die sie im weiteren Sinne tragen. Die Freiheit, anzustoßen, zu fördern, zu erschaffen, die ihm sein Vermögen eröffnet hat, hat er in vorbildlicher Weise genutzt. Ich bin nur einer von vielen, die ihm große Chancen und Möglichkeiten verdanken, wie es sie ohne ihn nicht gegeben hätte.

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Mit Klaus Tschira nach der Einweihung des Hauses der Astronomie am 16.12.2011. Auf diesem Bild hatte Tschira bereits die ursprüngliche Galaxienkrawatte – siehe Bild oben; er hatte für jeden Anlass eine passende! – gegen die HdA-Krawatte ausgewechselt, die ihm das Max-Planck-Institut für Astronomie zur Eröffnung geschenkt hatte. Bild: D. Anders / MPIA

 

 

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.