Moderne astronomische Ansichten Jahrgang 1794

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… aber nicht einfacher
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Als ich von der neuen Digitalen Bibliothek hörte, war meine Reaktion sofort: Ausprobieren! Zuerst bin ich bei Kants Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels, oder Versuch von der Verfassung und dem mechanischen Ursprunge des ganzen Weltgebäudes: nach Newtonischen Grundsätzen abgehandelt von 1755 hängengeblieben, und dann bei Bodes Kurzer Entwurf der Astronomischen Wissenschaften von 1794 gelandet.

Ich kann jedem das Stöbern in der Vielzahl heutzutage digital zugänglicher alter Bücher nur empfehlen. Ein Vorteil: Diese Bücher liefern eine ungewöhnliche Perspektive auf das eigene Fach. Eine naive Vorstellung von wissenschaftlichem Fortschritt ist, dass die Wissenschaft andauernd neue, überraschende Dinge entdeckt. Speziell bei der Lektüre von Bodes Text wurde mir noch einmal bewusst, dass das nicht immer so sein muss. Bei Bode begegnete mir eine Aussage nach der anderen, die damals offenbar schon bekannt war, aber erst viel später tatsächlich stichhaltig belegt werden konnte.

Screen shot 2014-04-01 at 10.32.19 PMBesonders deutlich wurde mir das in diesem Teil von Bodes Buch: Eilfter [sic] Abschnitt. Von den Fixsternen, ihrer Lichtabirrung, wahren Entfernung, Größe, Beschaffenheit, Menge, Bestimmung, Austheilung; Umfang und Vortreflichkeit des Weltgebäudes. Vieles darin ist aus heutiger Sicht durchaus richtig. Selbst wenn eine zuverlässige Parallaxenmessung – eine geometrische Messung von Sternentfernungen – erst Bessel, und zwar mehr als 40 Jahre später gelingen würde: Durch die schon damals mögliche Aussage, dass der charakteristische Winkel, um den sich ferne Sterne am Himmel verschieben, wenn man sie im Halbjahresabstand von unterschiedlichen Orten auf der Erdbahn aus sieht, weniger als eine Bogensekunde betragen müsse, kam Bode durchaus auf die richtige Größenordnung für Sternabstände (Absatz 537).

Dass Sterne tatsächlich ferne Sonnen sind, konnte auch erst deutlich später zweifelsfrei nachgewiesen werden, nämlich als man deren Strahlung genau genug spektroskopisch untersuchen konnte . Solche Untersuchungen durch Bunsen und Kirchhoff liegen aber noch mehr als 70 Jahre in der Zukunft. Aber zu Bodes Zeiten – und viel früher! – war diese Annahme unter Astronomen bereits üblich.

Ganz selbstverständlich ist für Bode, dass die Sterne als ferne Sonnen ebenfalls Planeten bescheinen: “Ein jeder Fixstern hat demnach höchstwahrscheinlich verschiedene dunkle Weltkörper um sich, und es giebt soviele Sonnensysteme als Fixsterne da sind.” Auf den definitiven Nachweis solcher Exoplaneten hat die Astronomie nach dem Erscheinen von Bodes Buch dann noch rund 200 Jahre warten müssen. Und solide Abschätzungen, dass Planeten um andere Sterne tatsächlich die Regel und nicht die Ausnahme sind, gibt es erst seit 2012.

Haben diese fernen Welten eine Bevölkerung? Dass es anders sein könnte, erscheint Bode so absurd wie wahrscheinlich auch heute den meisten Astronomen, die sich mit der schieren Zahl fremder Planeten konfrontiert werden. Auf den Nachweis, dass es dort draußen Leben gibt, warten wir allerdings heute noch. In zehn, eher zwanzig, vielleicht dreißig Jahren könnte er gelingen.

Die Milchstraße als Sternensystem sieht die moderne Astronomie etwas anders als Bode, der gerne Sirius als besonders hellen Stern in den Mittelpunkt dessen stellen möchte, was wir heute unsere Heimatgalaxie nennen. Heutigem Wissensstand nach ist das Mittelpunkt stattdessen etwas besonders dunkles, nämlich ein supermassereiches Schwarzes Loch.

Die Nebelflecken dann verweist Bode sogar in den außergalaktischen Raum: “[Sie] scheinen mit den Fixsternsystemen unserer Milchstraße in keiner Verbindung mehr zu stehen, sondern weit jenseits derselben im Weltraum zerstreut zu seyn[.]” Als “erhabenst[e] Begriffe” folgt Bode daher Kant, Lambert und Herschel darin, diese Nebelflecken (allerdings z.B. auch den Orionnebel!) zu Fixsternsystemen wie unserer eigenen Milchstraße zu erklären – zu Galaxien, würden wir heute sagen – und liefert eine poetische Beschreibung jener fernen Gebilde, in der eine durchaus zutreffende Entfernungsschätzung steckt:

Bey diesen Vorstellungen schwindelt der Verstand des Erdbewohners, seine Sprache hat keine Worte, die Größe dieser erhabenen Gegenstände zu beschreiben. Alle seine Begriffe von Zahlen und Weiten hören auf, und die Weite des nächsten Fixsterns hat gegen die unbegreifliche Ausdehnung der Schöpfung kein Verhältnis mehr. Auch auf den Flügeln des Lichts könnte er leicht Millionen von Jahren gebrauchen, um bis an jene entlegenen Milchstraßen zu gelangen, und auch da wäre er vielleicht noch weit von den Gränzen der unermeßlichen Welt entfernt, die der Allmächtige werden ließ!

Manchmal besteht die Aufgabe der Wissenschaft eben darin, das, was lange angenommen wurde, aber bis dahin nur Vermutung war, zu bestätigen oder zu widerlegen – eine nicht weniger noble Aufgabe als die Entdeckung des unerwarteten, neuen.

 

 

[P.S.: SciLogs-Kollegin Susanne Hoffmann hatte hier bereits über die Digitale Bibliothek gebloggt.]

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Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

2 Kommentare

  1. Erstaunlich wie gut sich ein 1794 auf Deutsch geschriebenes astronomisches Werk heute noch lesen lässt. Geändert hat sich nur der Stil (so viel Pathos wie in diesem Werk würde heute lächerlich wirken), kaum aber die Grammatik oder Orthographie (bis auf ein paar noch verständliche, aber veraltete Formen) . Und auch nicht die Art wie Formeln notiert werden.
    Die Autoritäten der damaligen Zeit waren nach den vom Schreiber verwendeten Referenzen unter anderem Kant, Lambert, Herrschel und Halley. Und zwei von Ihnen lebten noch zur Zeit der Niederschrift.
    Insgesamt erhält man den Eindruck, dass es in Deutschland und wohl in ganz Europa eine Wissenschaftstradition gibt, deren wesentliche Elemente schon 200 Jahre oder älter sind, wenn auch vielen selbst heutigen Zeitgenossen dieses Denken so fremd wie eine Fremdsprache ist.
    Doch schon zu Zeiten Herrschels gab es eine Begeisterung für astronomische Entdeckungen. So erhielt Herrschel für die Entdeckung von Uranus eine jährliche Leibrente.

  2. Übrigens: photographiert ist nicht dasselbe wie digitalisiert. Dies zu obiger Aussage: “Vielzahl heutzutage digital zugänglicher alter Bücher”. Ich würde gern anch bestimten Begriffen, Personennamen etc. suchen. Geht mit obigem Buch aber nicht.
    Mach doch selbst, könnte man sagen. Jage die Photos durch einen OCR-Scanner. Doch mit Kant oder selbst mit dem Bode wird der OCR-Scanner nicht ein befriedigendes Resultat liefern.

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