Mini-Ausstellung “Der Urknall wird 50” in Berlin

Ich halte Wissenschaft für einen wichtigen Teil menschlicher Kultur und nehme deswegen immer ein kleines bisschen Anstoß, wenn mir wieder einer der zahlreichen Texte unterkommt, in denen Kultur im exklusiven Sinne – nämlich ohne auch die Wissenschaft mit zu meinen – verwendet wird. Umgekehrt freue ich mich meist, wenn von Kultur im inklusiven Sinne die Rede ist, oder wenn z.B. entsprechende Veranstaltungen einen Rahmem bieten, der beides einschließt – Kultur im engeren Sinne und Wissenschaft. Genau in diese Richtung ging z.B. im letzten Jahr das STATE Experience Science Festival in Berlin:

(Hier näheres zu den Kurzfilmen bzw. den Vorträgen plus Interview mit dem Initiator.)

Dementsprechend habe ich mich auch gefreut, als ich den Hinweis auf die Ausstellung “Der Urknall wird 50” bekam. Die findet in den Ausstellungsräumen Udolpho in Nord-Schöneberg statt (unweit vom Potsdamer Platz), die Manuskripten und seltenen Büchern vorbehalten sind. Aber vom 23. Juli bis 15. Oktober 2015 werden dort eben keine Borges-Kurzgeschichtenmanuskripte oder ähnliche Kultur im engeren Sinne gezeigt, sondern Originaltyposkripte der Schlüssel-Fachartikel zur Entdeckung der kosmischen Hintergrundstrahlung vor genau 50 Jahren: Penzias und Wilsons “A Measurement of Excess Antenna Temperature at 4080 Mc/s” – ein nach wie vor unübertroffen prosaischer Titel für die Entdeckung von Reststrahlung direkt vom Ende der Urknallphase vor 13,8 Milliarden Jahren. Die Deutung dazu lieferte der Artikel Cosmic Background Radiation von Dicke, Peebles und Kollegen – die hatten auch bereits selbst nach der Strahlung zu suchen begonnen, bevor Penzias und Wilson ihnen mit ihrem Zufallsfund knapp zuvor kamen.

Ich kenne die kleine Ausstellung nur von den Bildern auf der Webseite und werde vermutlich nicht rechtzeitig wieder in Berlin sein, um sie besuchen zu können, aber für Kosmologieinteressierte sieht mir das nach einem netten kleinen Besuchsziel aus. Und es ist wieder ein kleiner Schritt mehr hin zu einem inklusiven Kulturbegriff. Wissenschaft gehört dazu.

Blick in den Ausstellungsraum bei Udolpho

Im Hintergrund der aktuelle Stand mit einer Planck-Himmelskarte, davor originale Schreibmaschinenseiten. Bild: Mark Blower/Udolpho

Detailblick auf einige der Schreibmaschinenseiten

Die Schreibmaschinenversion des Artikels von Dicke et al. Bild: Mark Blower/Udolpho

 

Wann: 23. Juli – 15. Oktober 2015

Wo: Udolpho, Blumenthalstr. 11 10783 Berlin

www.udolpho.org

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Mist! Ich war Ende Juli/Anfang August für ein paar Tage in Berlin und wusste leider nichts von der Ausstellung…leider verpasst.

  2. Ja, warum fühlen sich viele Künstler, Kunst- und Kulturinteressierte so fern von Wissenschaft und Technik? Warum sehen sie Poesie, Phantasie und Leben als Räume, die nur von Ihnen, nicht aber von Wissenschaftlern und Technikern bewohnt werden?
    Das war nicht immer so. Leonardo da Vinci war nicht nur Maler sondern auch Technikvisionär, Astronom und Wissenschaftler. Die Scheidung der Welten begann vielleicht mit der Mathematisietung der Wissenschaften, denn an der Mathematikmund ihrer Beherrschung scheiden sich die Leute.

    • Ob die Mathematisierung den Unterschied macht, und wann, ist die Frage. Ich könnte noch nicht einmal benennen, wann genau es in bestimmten intellektuelle. Kreisen “schick” wurde, keine Mathematik mehr zu kennen. Zu Galileis und Newtons Zeiten, so mein Eindruck, noch nicht.

  3. Urknall nur ein Mythos!

    Man sollte aber immer daran denken, dass der “Urknall” nur ein Anfangsmythos ohne realen Hintergrund ist.

    Joachim Datko – Ingenieur, Physiker

    • Ach nö, wenn man die Hintergründe und Beobachtungen dazu verstanden hat, darf man auch weniger realitätsfremde Dinge denken. Aber die Details gehen in der Tat deutlich über diesen kurzen Blogbeitrag hinaus.