Kirchhof, quantitativ

Ich ärgere mich über die Berichterstattung über den Vorschlag zur Steuervereinfachung, den der Heidelberger Juraprofessor Paul Kirchhof vorgelegt hat. Irgendwie scheinen die Journalisten, deren Texte mir bislang in die Hände gefallen sind, eine Allergie gegen quantitatives Denken zu haben. Ob im Spiegel, in der SZ oder der FAZ – viel Berichterstattung darüber, was dieser Experte pro Kirchhof und jener gegen Kirchhof sagt, wie dieser oder jener andere Politiker das Modell einschätzt, wer Kirchhof ist und wie er wurde, was er ist, wer unterstützt, wer dagegenredet. Viele Behauptungen und wenig, was der Leser selbst nachvollziehen kann. Dabei geht es bei einem Vorschlag wie dem von Kirchhof in entscheidenden Punkten um Quantitatives – darum, wer jetzt wieviel mehr zahlt, und was das für die Einnahmen insgesamt bedeutet. Und da, finde ich, sollten Journalisten nicht nur den Expertenpool befragen, sondern zumindest selbst vereinfachte Rechnungen vornehmen und ihren Lesern auch kommunizieren!

Etwas Ähnliches hatte ich in Fukushima, quantitativ vor einiger Zeit für das AKW-Unglück in Fukushima gemacht. Genau diese Art von Abschätzungen, aus denen man einen ungefähren Eindruck von den Größenverhältnissen gewinnt, wären aus meiner Sicht eine wichtige Ergänzung für die Kirchhof-Debatte. Man sollte solche Rechnungen nicht überbewerten, denn vereinfachte Modelle geben einem allenfalls Informationen über Größenordnungen, aber man sollte sie auch auf keinen Fall unterschätzen: Solche Abschätzungen und das dahinterstehende quantitative Denken liefern Orientierungswissen, ermöglichen es, die Plausibilität von Expertenaussagen abzuschätzen, vermitteln grundlegendes Verständnis der Werte und Beträge, um die es in einer Angelegenheit geht, und sind damit eine wertvolle Kontrollinstanz und eine wichtige Zwischenstufe zwischen bloß beschreibender Berichterstattung und umfangreichen Analysen.alt

Wie kann eine Abschätzung zumindest für Teile von Kirchhofs Steuermodell aussehen? Bei der Bundeszentrale für politische Bildung bin ich auf die folgende nützliche Grafik gestoßen:

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Die Grafik teilt die Masse der Einkommenssteuerpflichtigen in Dezilen. Ich hätte mir eine Einteilung nach dem Bruttoeinkommen gewünscht; die Grafik macht das (leider) etwas anders: Stellen Sie sich vor, wir würden die Steuerbeiträge (die Einkommenssteuerleistung) all der Menschen, die Einkommenssteuer bezahlen, in eine lange Liste schreiben; die geringsten gezahlten Beiträge (0 EUR) ganz oben, die höchsten gezahlten Beträge ganz unten. Diese geordnete Liste teilen wir nun in zehn gleiche Teile. Jeder dieser Teile enthält (gerundet) gleich viele Einkommenssteuerzahler. Jeder dieser Teile heißt “ein Dezil”, weil er insgesamt (rund) ein Zehntel der erfassten Einkommenssteuerzahler enthält.

Für jedes Dezil wird das durchschnittliche Bruttojahreseinkommen der darin enthaltenen Einkommenssteuerzahler berechnet. Das ist im linken Teil der Grafik dargestellt; die Zahlenangaben sind in Euro. Die grünen Balken im rechten Teil zeigen an, welchen Anteil an den gesamten Steuereinnahmen, die der Staat durch die Einkommenssteuer erzielt, auf die Steuerzahler des betreffenden Dezils entfallen. Und ganz rechts steht in orange noch der “effektive Steuersatz” daneben: Wieviel Prozent ihres Bruttojahreseinkommens haben die Steuerzahler des betreffenden Dezils als Einkommenssteuer letztlich zahlen müssen?

Erster Schritt bei einer solchen Grafik: Ein Konsistenzcheck, der nicht zuletzt dazu dienen soll, zu prüfen, ob ich richtig verstanden habe, was die Grafik vermitteln soll. In diesem Falle sollte gelten: Wenn ich den effektiven Steuersatz auf das Durchschnittseinkommen eines Dezils anwende und das Ergebnis mit der (mir unbekannten) Zahl N der Steuerzahler pro Dezil multipliziere, kommt die Summe dessen heraus, was die in diesem Dezil erfassten Steuerzahler gezahlt haben. Zähle ich die zehn Ergebnisse für die zehn Dezilen zusammen, erhalte ich das gesamte Einkommenssteueraufkommen. Daraus kann ich den Anteil der verschiedenen Dezile am Gesamtaufkommen berechnen (das mir unbekannte N kürzt sich dabei heraus), und das Ergebnis sollten die in der Grafik in grün angegebenen Anteile am Einkommenssteuer sein.

Das kommt, führt man diese Rechnungen aus, zwar ungefähr, aber nicht ganz hin. Ich weiss nicht genau, woher die Abweichung kommt – ist das angegebene Bruttojahreseinkommen für jede Dezile wirklich ein Durchschnitt oder evt. ein anderes Mittlungs-Maß, z.B. der Median?  – aber sie ist vergleichsweise klein (von Prozentbruchteilen bis zu einem Prozent bei den unteren 9 Dezilen, minus 3,5 Prozent bei der obersten), so dass ich die Abweichung hier angesichts der Tatsache, dass ich nur eine grobe Überschlagsrechnung machen möchte, hinnehme.

Jetzt also das Kirchhof-Modell. Das sieht laut dieser SZ-Zusammenfassung einen Freibetrag von 10.000 Euro pro Kopf vor. Die nächsten 5.000 Euro, die darüber hinausgehen, werden mit 15% versteuert, die nächsten 5000 Euro mit 20% und alles darüber hinaus mit dem Einheitssteuersatz 25%. Mir ist, als hätte ich anderswo leicht abweichende Beschreibungen gelesen, aber ich nehme jetzt einmal diese hier.

An dieser Stelle kommt die Demografie ins Spiel. Genau genommen müssten wir jetzt wissen, wer in den einzelnen Dezilen wieviele Kinder hat. Fangen wir zunächst einmal ohne Kinder an, wohlwissend, dass wir damit die Steuerbelastung in den unteren Einkommensgruppen (wo die Freibeträge eine größere Rolle spielen) überschätzen werden.

Für eine Single-Republik komme ich so auf die folgenden effektiven Steuersätze für die zehn Dezilen:

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In rot ist dabei für jede Dezile der aus der obigen BPB-Grafik entnommene Steuersatz eingezeichnet (“Effektiver Steuersatz”), direkt darüber als grüner Balken der effektive Steuersatz nach dem Kirchhofschen Modell (“KS prozentual”). 

Das sind keine dramatischen Veränderungen, obwohl in der Tat auffällt: Die Reichen (oberste zwei Dezilen) werden prozentual etwas entlastet, die unteren und mittleren Einkommensgruppen (Dezilen 1 bis 8) zahlen etwas mehr. Insgesamt fällt das Steueraufkommen in diesem Modell 2,4 Prozent niedriger aus als vorher. Das lässt sich aber durch leichtes Drehen am Steuersatz 25% locker auffangen.

Allerdings ist da in punkto Benachteiligung der Geringverdiener noch die Sache mit den Kinderfreibeträgen. Laut Wikipedia gibt es in Deutschland 12 Millionen minderjährige Kinder, also bei 81 Mio. Einwohnern insgesamt rund 0,17 Kinder pro Erwachsenem. Geben wir daher vereinfacht jedem Einkommenssteuerpflichtigen in unserem Modell 0,17 Kinder an die Seite, ausgedrückt als 0,17 des Freibetrages von 10.000 Euro (sprich: durch einen zusätzlichen Freibetrag von 1700 Euro).

Hier ist das Ergebnis:

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Nun haben wir alle Einkommensklassen entlastet, und das heißt natürlich: Wir nehmen insgesamt weniger Steuer ein, fast 10% weniger, um genau zu sein. Für so einen Fall hat Kirchhof den Berichten zufolge das Heben des Einheitssteuersatzes, nämlich der 25%, vorgeschlagen. Bei ihm geht es natürlich um das Gesamtmodell, wo noch Erbschafts-, Umsatzsteuer und die Versteuerung der Einnahmen von Unternehmen dazukommen. Aber machen wir mal hier für das Teilmodell dasselbe. Gehen wir von 25% auf 29%, dann sind wir in diesem vereinfachten Modell bei den gleichen Einnahmen wie vorher. Das sieht dann so aus:

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Mit diesem Teilergebnis sollte sich eigentlich auch die Opposition anfreunden können: Eine (leichte) Umverteilung von oben nach unten. Eine deutliche Entlastung der zwei Dezilen mit dem geringsten Einkommen. Und eine nicht allzu große Mehrbelastung der oberen fünf Dezilen, also der besser verdienenden Hälfte der Bürger.

Und der Hauptvorteil wird in dem Diagramm ja gar nicht sichtbar. Es geht nicht vornehmlich ums Umverteilen, sondern darum, dass so gut wie jeder Bürger verstehen kann, warum er an Steuern zahlt, was er zahlt, und warum andere Bürger andere Beträge zahlen. Keine Ausnahmen, keine Schlupflöcher für diejenigen, deren Einkünfte komplizierte Sparmodelle rechtfertigen. Die Regeln sind einfach, und sie sind für alle die gleichen.

Beim Drehen am Einheitssteuersatz ist mir noch ein weiterer Aspekt aufgefallen, der mich in den Berichten, die ich gelesen habe, stört. Kirchhofs Vorschlag ist zum einen ein Modell mit Parametern (Freibetrag X, danach in zwei Stufen bis zum Einkommen Y, anschließend Einheitssteuersatz Z), deren jeder eine bestimmte Rolle spielt. Zum anderen schlägt Kirchhoff Werte dieser Parameter vor (z.B. X = 10.000 Euro, letzter Steuersatz Z = 25%). Vieles von der in den Berichten wiedergegebenen Kritik bezieht sich auf das Modell mit Kirchhofs Parameterwahl. Aber seine wesentlichen Vorzüge, insbesondere die enorme Vereinfachung, behält das Modell natürlich auch bei (nicht allzu extremen) Variationen der Parameterwerte bei. Wer sich auf die konkreten Parameterwert-Vorschläge beschränkt, verkennt, was der Vorschlag beinhaltet.

Mir ist klar, dass ich hier nur ein einfaches Teilmodell behandle. Selbst für die Einkommenssteuer ist es zu vereinfacht, und bereits auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung wird auf Einschränkungen des Datensatzes hingewiesen, den ich als Ausgangsbasis nutze: Dass nur Steuerzahler erfasst wurden, die eine Einkommenssteuererklärung abgegeben haben, verzerrt das Bild, weil gerade in den unteren Dezilen Steuerzahler fehlen. Einkommen aus Kapitalerträgen unterhalb des Sparerfreibetrages sind nicht erfasst. Und einige solcher Einschränkungen mehr.

Außerdem erfasst das Modell nur einen Ausschnitt dessen, das Kirchhof vorgeschlagen hat, nämlich die Einkommenssteuer. Ein wesentlicher Teil der Vereinfachung soll ja sein, dass die Pauschalbesteuerung auch für Unternehmensgewinne gilt. Und Dividenden dann z.B. nicht mehr besteuert werden, da dabei ja bereits versteuertes Einkommen an Beteiligte weitergereicht wird; das dürfte bei den oberen Dezilen zu Buche schlagen. Umgekehrt sollte der Wegfall der meisten reduzierten Mehrwertsteuersätze, die ja z.B. Grundnahrungsmittel betreffen, die niedrigen Einkommensstufen stärker belasten. Auch die “kommunale Zusatzsteuer” für Personen und Unternehmen fehlt bei mir. Ich werde das hier nicht weiter durchrechnen, aber ich würde mir wünschen, dass diese Art von Analysen, und zwar dann entsprechend der deutlich größeren Fachkenntnis der Autoren erheblich umfassender, ein auffälliger Teil der aktuellen Berichterstattung wären. Stattdessen, siehe oben: Journalisten, die sich widersprechende Experteneinschätzungen zitieren. 

Ist das nur meine verzerrte Wahrnehmung? Ist es eine Frage der Zeit und folgen in einer Woche oder so die entsprechenden Analysen, in Spiegel, ZEIT und Co.? Wird das Informationsdefizit durch Wirtschaftsblogs wettgemacht; eine Szene, in der ich mich überhaupt nicht auskenne? Für hilfreiche Hinweise aus der Leserschaft wäre ich dankbar!

Ich jedenfalls habe gerade noch einmal die oben verlinkten Artikel gelesen, die mich zu den hier präsentierten Überschlagsrechnungen angeregt haben, und finde sie unbefriedigender denn je. “Hohe Einkommen würden massiv entlastet”, wie dort ein Experte zitiert wird? Das dürfte doch wohl von den Parameterwerten abhängen. In meinem vereinfachten Modell ist es z.B. nicht der Fall; dem Grundprinzip der Kirchhofschen Steuer kann man dieses Problem, wenn es denn tatsächlich vorliegt, nicht zur Last legen. Und was heißt überhaupt “massiv”? Da fehlt doch schon wieder eine quantitative Aussage. Die von Kirchhof behauptete Steuergerechtigkeit sei “eine Chimäre”? Sicher auch von den Parametern abhängig.

Hier könnte die neuartige, webbasierte Berichterstattung wirklich punkten. Ein interaktives Modell, dessen Annahmen und Parameter man durch Anklicken verändern kann. Die Zutaten sollten die zuständigen Experten eigentlich verfügbar haben: Statistiken zum Zusammenhang von Einkommen und Kinderzahl. Warenkörbe, um die Auswirkungen der Umsatzsteuer erfassen zu können. Unternehmensdaten. Herauskommen sollte jeweils eine Verteilung der Steuerlast auf die Einkommensgruppen, auf Privatpersonen und Unternehmen, sowie eine Gesamtsumme für die  Steuereinnahmen. Sicher wird auch solch ein Modell noch zu vereinfacht sein. Aber es ist der jetzigen Berichterstattung himmelhoch überlegen. Die jedenfalls stellt eine sehr intransparente und, ja, unfaire Weise dar, Kirchhofs Vorschläge zu diskutieren. Und dahinter dürfte wieder einmal stehen, dass das quantitative Denken und Argumentieren, das eigentlich zu den Grundfähigkeiten jedes mündigen Bürgers gehören sollte, in unserer Gesellschaft eine viel zu geringe Rolle spielt.

Ach ja: die Excel-Tabellenkalkulation, mit der ich meine einfachen Modellrechnungen gemacht habe, ist hier herunterladbar. Vorsicht: Die Brutto-Jahreseinkommensbeträge kann man darin nicht frei verändern, denn bei der Berechnung der Kirchhof-Steuer habe ich nur vereinfachte, an den jeweiligen Betrag angepasste Formeln verwendet (nämlich bei zu geringem Einkommen die höheren Steuersatz-Anteile gar nicht mit aufgeschrieben).

 

 


 

Nachtrag vom 29.6.2011: Oder vielleicht sollte man eine Bringschuld einführen? Jeder, der ein radikal neues Steuermodell einführt, sollte ein einfaches Programm (oder auch nur eine Tabellenkalkulation) und Daten mitliefern, anhand derer sich die Auswirkungen des Modells durchprobieren lassen? So etwas ähnliches hatte der Astronom David Hogg ja bereits für sein Fach angeregt, vgl. Die Zukunft der Fachartikel.

 

 

 

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke

    Danke für den Beitrag. Leider wird sich kein Politiker und erst recht kein Journalist die Mühe machen, diese Zahlen nachzuvollziehen, lieber wird entlang der alten Vorurteile herumargumentiert und passieren wird: Nichts.

  2. Sehr guter Beitrag

    Gut, dass wirklich mal jemand die Idee von Paul Kirchhof durchrechnet. Ich hatte schon mal überschlagen, dass sich vermutlich keine großen Änderungen bei der Belastung ergeben, aber eine genaue Berechnung ist natürlich um Einiges besser. Eine Vereinfachung des Steuerrechts ist überfällig, und die Idee von Paul Kirchhof ist eine gute Grundlage für die weitere Diskussion.

  3. Ehrlichkeit, plötzlich

    Ja, differenzierte Berichterstattung wäre wünschenswert. Zu dieser gehört aber auch ein differenziertes Menschenbild. Und so plausibel das Argument klingt, Besserverdienende hätten keine Schlupflöcher mehr, müssten also in Summe mehr bezahlen – doch warum sollten sie? Und warum sollten sie plötzlich ein bislang erfolgreiches
    Verhalten ändern? Nur, weil es so schöne Mathematik
    ist?

    Dabei gibt es ein – ebenfalls mathematisches – Argument, das eine stärkere Progression und höhere Steuersätze auch im bisherigen System plausibel macht: Hohe Einkommen enstehen u.a. durch Provisionen auf die Arbeitsleistung von geringer Verdienenden oder aus Zinseszinseffekten. Beide skalieren exponentiell und tragen so zu den disproportionalen Unterschieden bei. Das anzuerkennen dürfte den “Leistungsträgern” zwar schwerfallen, genau hier aber kann der Staat einhaken. Der selbe Staat übrigens, der nach Kirchhoff plötzlich in der Lage sein soll, Steuerschlupflöcher zu schließen, die er bislang nicht schließen kann.

  4. Bei den Journalisten fehlen da einfach die Kompetenzen oder die Bereitschaft, eine anständige Aufbereitung durch einen Experten zu bezahlen. Was ähnliches haben wir ja auch mit der Abschaffung aller sozialen Leistungen durch ein Bürgergeld, wo ich auch noch keine konkrete Rechnung zu gesehen habe. Ich könnte mir aber vorstellen, dass Katharina Schüller im Statistikgespräch bei Dradio Wissen sowas mal durchrechnet, das dürfte ihr Ding sein.

  5. Wirtschaftsblogs

    Ist das nur meine verzerrte Wahrnehmung? Ist es eine Frage der Zeit und folgen in einer Woche oder so die entsprechenden Analysen, in Spiegel, ZEIT und Co.? Wird das Informationsdefizit durch Wirtschaftsblogs wettgemacht; eine Szene, in der ich mich überhaupt nicht auskenne? Für hilfreiche Hinweise aus der Leserschaft wäre ich dankbar!

    Dem kann mit einem Besuch auf meinem Blog welcher im übrigen auch von der SZ verlinkt wird abgeholfen werden. Dort ist u.a. eine Arbeit vom DIW sowie entsprechende Berechnungen aus Richtung TAZ, Attac und Böckler verlinkt.

    Grüße
    ALOA

  6. “Hohe Einkommen würden massiv entlastet”, wie dort ein Experte zitiert wird? Das dürfte doch wohl von den Parameterwerten abhängen.

    M.E.: nein, hängt es tendenziell nicht. DIW, Böckler u.a. haben festgestellt das mittlere Einkommen m.E. Bestenfalls mit 0 herauskommen – bei 25% – und hohe Einkommen profitieren. Das kann man nicht mit einem höheren Steuersatz kompensieren. Sobald die Pauschalsteuer eine Wert erreicht hätte wlche beispielsweise den von der TAZ errechneten Malus des Mangers mir 300.000 Euro Verdienst kompensiert hätte würden die weniger verdienenden gewaltig aufzahlen im Verhältnis zum Status quo.

    Der in meinem zweiten Blogbeitrag verlinkte Beitrag der Wissenschaftler auf VoxEU zeigt auch schön das Progression fiskalisch wie volkswirtschaftlich errechenbar nich verzichtbar erscheint.

    Man müsste eine zusätzliche Stufe einbauen – und exakt das will Kirchhof (nachlesbar und uneindeutig) nicht.

    Grüße
    ALOA

  7. homo ludens

    Danke für diesen guten und zum Nachdenken anregenden Artikel. Leider liest man sowas meistens auf Blogs und nicht in der Tagespresse. Vielleicht weil es dort mehr um Klickzahlen und fürs Online-Metier “leicht-verdauliche” Kost geht?

  8. @Sascha Stoltenow

    Eine Vielzahl von Schlupflöchern ergibt sich aus den diversen Unterschieden, die bei der Besteuerung gemacht werden, unter Ausnutzung des Umstandes, dass Einkommensarten unterschiedlich besteuert werden usw. – dass das bei drastischer Vereinfachung alles wegfallen würde, finde ich schon plausibel. Wohlgemerkt bezieht sich das auf die Schlupflöcher, die legal, also ohne Unehrlichkeit, genutzt werden; da ist ein Zuwachs an Ehrlichkeit dann auch nicht nötig. Ob Kirchhofs Modell Auswirkungen auf Steuerhinterziehung hätte, weiß ich nicht.

    Zu exponentiellen Effekten: Bei den in der Grafik dargestellten Durchschnittseinkommen dürfte das allenfalls auf die höchste Dezile zutreffen. Die Progression greift deutlich früher, und betrifft dann Einkommen, die direkt durch Arbeitsleistung entstanden sind.

  9. @Domingos

    Ich glaube, da unterschätzen Sie die Journalisten (oder zumindest: eine ganze Reihe von denen). Meine Vermutung wäre, dass das Problem woanders liegt: In einer bestimmten Erwartungshaltung was man dem Leser zumuten kann/sollte und was nicht, und, daran gekoppelt, in dem Umstand, dass Leser an quantitative Überlegungen nicht gewöhnt sind/werden.

  10. @aloa5

    Danke für den Verweis auf den weiteren Lesestoff! So ganz ist das allerdings noch nicht, was ich mir erhofft hatte. Mir geht es um intelligente Überschlagsrechnungen, möglichst von Leuten erstellt, die sich in der Sache besser auskennen als ich. Die haben den Vorteil, dass sie zumindest zum Teil nachvollziehbar sind. Der DIW-Bericht ist in dieser Hinsicht fast komplett intransparent; da wird beschrieben, das ganze sei mit dem “Einkommenssteuer-Mikrosimulationsmodell” geprüft worden. Das hilft mir (und ich vermute: nicht nur mir) wenig. (Außerdem sehe ich gerade: Dort wird auch nicht zwischen Kirchhof-Grundmodell und Kirchhof-Parameterwahl unterschieden.)

    Dazu, ob die “massive Entlastung” hoher Einkommen von den Parametern abhängt: Klar tut sie das; mein vereinfachtes Modell ist ja ein Beispiel dafür. Und die obige DIW-Studie kann man dagegen wohl nicht anführen; soweit ich sehen kann, rechnen die nur mit Kirchhofs Parameterwerten.

    Böckler wird in dem Blog zwar erwähnt, aber ich finde das dazugehörige Link nicht – wäre hilfreich…

  11. @Markus
    Ich bin mir nicht sicher was genau Du haben möchtest.

    Ich mache Dir einmal eine Überschlagsrechnung eines einzelnen Wertes. Basis:
    http://www.destatis.de/…049004,property=file.pdf

    Du springst nun auf Seite 12. Rechts gibt es eine Spalte “Summe der positiven Einkünfte”. Da gibt es ganz unten die Paarung:
    2.675 (steuerpflichtige)
    8.590.918 (positive Einkünfte/1000)

    Also 2675 Personen haben positive Einkünfte insgesamt in dieser Höhe angegeben. Pro Person sind das im Schnitt 3,2mio Euro.

    Auf der gleichen Seite gibt es zwei Tabellen weiter unten jew. die gleiche Anzahl von Personen in der Spalte des “zu versteuernden Einkommens”. Daneben noch die Steuer, wobei es zu selbiger Spalte bei der Anzahl der Personen leichte Abweichungen gibt.

    Trotzdem. Man kann ganz grob geschätzt sagen das bei 8.590.918.000 (Vulgo: 8,6Mrd Euro) eine Steuer von 3Mrd gezahlt worden ist. Das sind pi Mal Daumen 35% – nach “Abschreibung”. Pro Prozentpunkt an Einkommensteuer welches unter dieser Marke liegt kannst Du also 85mio Euro annehmen welche dem Staat verloren gehen.

    Kirchhof hat im §8 die Deckelung der Einkommensbasierenden Steuer auf 30% festgelegt. 25% sollen direkt erhoben werden und in einem weiteren Paragraphen schreibt er einen Mindestsatz von 2% für die Gemeinden vor. Macht in der Summe 27%. Aber alleine aus der Deckelung durch die 30% ergeben sich bei obigen 2675 Steuerpflichtigen Einnahmeeinbußen für den Staat in Höhe von 5 x 85mio= 425mio Euro welcher er (zwingend) an anderer Stelle einnehmen muss. Und zwar (ebenso zwingend) bei denjenigen welche aktuell weniger als diesen Satz zahlen.

    Du kannst natürlich das ganze dadurch kompensieren das Du 35% Einkommensteuer annimmst und die Deckelung kippst. Das habe ich nie bestritten. In den von mir erstellten Grafiken welche Du sicher gesehen hast kannst Du sehen wozu das führt. Ich habe eine Excel-Tabelle anhand der Lohnsteuertabelle erstellt in welcher ich für den Vergleich bei Kirchhof Flat-Steuer, Freibeträge etc. eingeben kann und sich die Kurve ändert.

    Als Anmerkung zu Deinen obigen Überschlägen noch: kolportiert werden 8.000 Euro pro Kind an Freibetrag und nicht 10.000. Davon abgesehen ist das falsch. In seinem aktuellen §47 Abs.1 Satz2 steht explizit das für eine Person für welche ein Anspruch Kindergeld besteht kein Grundfreibetrag in Anspruch genommen werden kann.

    Grüße
    ALOA

  12. Politische steuerung

    So schön rs wäre die steuererklärung auf dem bierdeckel zu machen, so muss man sich klarmachen, dass der preis eines steuersystems “ohne ausnahmen” ein verzicht auf politische einflussnahme ist: wollte der stash etwa das isolieren von häusern fördern, würde er das bisher über einen steueranreiz machen. Das ginge dann nicht mehr.

  13. Gleichheit – Gerechtigkeit?

    Unser Steuersystem ist ein einziges Chaos und sollte vermutlich dringend überarbeitet werden. Der Artikel bietet eine schöne Grundlage. Nur: Dass alle nachvollziehen können, warum sie was wozu zahlen und es keine Schlupflöcher mehr gibt, ist ja wunderbar, nur, ist das dann wirklich gerecht? Das wage ich zu bezweifeln.

  14. @Caro

    Sicher: Bei weitem nicht alles, was transparent ist, ist auch gerecht – und eine Reihe von Kommentaren hier drücken ja entsprechende Zweifel aus – aber Intransparenz wird, denke ich, auf alle Fälle als ungerecht empfunden.

    Sprich: Wo kaum ein Normalbürger den Durchblick hat, welche Schlupflöcher es gibt, wird sich mit ziemlicher Sicherheit das Gefühl einstellen, dass es Superreiche mit sehr, sehr guten Steuerberatern gibt, die die legalen Schlupflöcher besser nutzen als man selbst, und die damit ungerechter Weise anteilig weniger Steuer zahlen.

    Insofern: Ob Kirchhoff mit einer Flat Tax das richtige getroffen hat oder nicht; was er zur Vereinfachung sagt, geht auf alle Fälle in die richtige Richtung.

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