Ich reache out, er/sie/es reacht out

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… aber nicht einfacher
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Bei allen Problemen mit unschönem Denglisch – manchmal ist es schwer, Alternativen zu finden.  Ich meine dabei gar nicht Probleme mit Englisch als Wissenschaftssprache, etwa bei der Übersetzung von spezialisierten Fachausdrücken.  Es geht eigentlich um etwas recht Einfaches: Wissenschaft einer breiten Öffentlichkeit nahezubringen ist nicht nur eine Aufgabe für Wissenschaftsjournalisten oder PR-Fachleute.  Auch die Fachwissenschaftler selbst engagieren sich auf diesem Gebiet, vom Kurzvortrag am Tag der Offenen Tür bis zur Organisation eines ausgewachsenen Schülerlabors. Für derlei Aktivitäten gibt es auf Englisch den Ausdruck science outreach oder public outreach, kurz outreach.  Eine längere Variante, education and public outreach (kurz EPO oder E/PO) zeigt an, dass Schüler dabei eine wichtige Zielgruppe sind. Und im Deutschen?

Wissenschaftliche Öffentlichkeitsarbeit?  Abgesehen davon, dass man sich für ein solches Vielsilben-Wortungetüm selbst dann tunlichst eine Alternative ausdenken sollte, wenn es treffend wäre, ist Öffentlichkeitsarbeit eben nicht gleich Outreach.  Zugegeben, die Grenzen sind nicht scharf, aber Pi mal Daumen gilt: Wo die Institution im Vordergrund steht, klassische PR-Methoden genutzt werden (Broschüre, Pressemitteilung, Pressekonferenz) und wofür man, wenn denn eine Stelle zu vergeben ist, einen PR-Fachmenschen anheuert, das ist Öffentlichkeitsarbeit. Steht das Wissensgebiet als Ganzes im Vordergrund und sind als Akteure die Forscher selbst gefragt, haben wir’s mit Outreach zu tun.

Wissenschaftskommunikation?  Eine weiterer Vielsilber, ähnlich wie die etwas niedrigertrabende Wissenschaftsvermittlung.  Beide sind aber deutlich allgemeiner und umfassen ausser Outreach noch die klassische Wissenschafts-PR, Wissenschaftsjournalismus sowie die Arbeit von Wissenschaftsmuseen und Science Centern (auch so ein Fremdwort).

Wissenschaft nach außen tragen?  Fast schon lyrisch, aber wie bildet man daraus ein prägnantes Hauptwort? (“Guten Tag. Ich arbeite als Wissenschafts-nach-außen-Träger.”)

Es ist ja nicht so, als ob es im deutschsprachigen Raum keine Beispiele für guten Outreach gäbe. Dass die Kollegen vom Max-Planck-Institut für Astronomie seit Jahrzehnten die Zeitschrift Sterne und Weltraum herausgeben (und deren Inhalte über die Initiative wissenschaft in die schulen! seit einiger Zeit auch direkt an Schüler vermitteln) ist auch im internationalen Vergleich Spitze. Schülerlabore und Kinderuniversitäten gibt es mittlerweile in ganz Deutschland.  Ideen für effektiven Outreach sind mithin vorhanden – nur eine prägnante muttersprachliche Bezeichnung ist uns noch nicht eingefallen.

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

9 Kommentare

  1. “Populärwissenschaft” ist zu allgemein, weil ja durchaus nicht nur Wissenschaftler sondern z.B. auch Wissenschaftsjournalisten populärwissenschaftliche Texte schreiben, und zu speziell, weil derjenige Teil von Outreach, der sich an Schüler richtet, durchaus Schulmathematik verwenden kann und damit vom Niveau her etwas höher liegt.

    Aber es stimmt, den Begriff hätte ich noch erwähnen können.

  2. Wenn die Angelsachsen daran interessiert wären, das benannte Ding tatsächlich inhaltlich zu beschreiben, dann würden sie auch nicht nur von ‘science outreach’, also sowas wie dem ‘Hinausreichen der Wissenschaft in die weite Welt’ schreiben. Der Trick besteht eher darin einen einprägsamen, halbwegs zielgerichteten Begriff zu finden und seine Bedeutung durch hinreichende Wiederholung erst zu prägen.

    Nicht von Erfolg gekrönt sind dann natürlich (a) wörtliche Übersetzungen oder eben (b) beschreibende Begriffsbildungen im Deutschen.

    Davon abgesehen: Was ist gegen ‘Wissenschaftsverbreitung’ einzuwenden.

  3. Benedikt: Die Wissenschaftler, die sich hauptamtlich um Outreach kümmern, sind “Outreach Scientists” (oder Variationen davon). (Wobei Outreach natürlich, wie in Deutschland, davon lebt, dass es darüber hinaus noch viele Wissenschaftler gibt, die das “nebenamtlich betreiben.) Danke für den LEO-Hinweis!

    Harald: Zustimmung was das Vorgehen angeht, einen inhaltlich halbwegs passenden, noch nicht anderweitig in Beschlag genommenen Begriff aktiv so zu besetzen – wobei ich persönlich auch nichts gegen die Übernahme von “Outreach” hätte (ebenso wenig, wie ich mich an “Computer” störe).

    Die wörtliche Übersetzung von science outreach sehe ich allerdings etwas anders als “Hinausreichen… von Wissenschaft” (gibt’s “reach out” denn überhaupt transitiv?). Es gibt das gut etablierte “reach out [to somebody]”, ähnlich wie bei uns im Übertragenen Sinne “[jemandem] die Hand reichen”. Das ist inhaltlich nicht weit von dem entfernt, was wissenschaftlicher Outreach machen sollte – eine Brücke schlagen, sich auf die Nichtwissenschaftler einlassen, so etwas in der Art.

    Wissenschaftsverbreitung ist, denke ich, wieder deutlich allgemeiner – Spektrum der Wissenschaft ist da mit drin, die Volkshochschulen sind’s, vielleicht wieder auch der Wissenschaftsjournalismus allgemein? Beim Googeln (noch so ein Direktimport) des Wortes stieß ich auf diesen Blogeintrag, der zwar nicht die hier gestellte Frage behandelt, aber einige interessante Hintergrundinformationen zu diversen Aspekten von Wissenschaftsvermittlung enthält.

  4. Vielleicht sollte man einfach denken wenn man einen einfachen Begriff sucht. Wie wäre es wenn man statt Wissenschaft einfach das Produkt derselben nimmt, nämlich Wissen.
    Natürlich wären Begriffe wie
    Wissensvermittlung
    Wissensübertragung
    Wissensverbreitung
    nicht neu, aber auch noch nicht so prägnant besetzt. Man könnte also eine neue Prägung im Sinne von science outreach erzeugen!

  5. Ich reache out, er/sie/es reacht out

    Der richtige Ausdruck ist m.E. Popularisierung von Wissenschaft, genauer von Ergebnissen der Wissenschaft. Das kann man mit Recht auch Öffentlichkeitsarbeit nennen. Stilistisch entspricht im Übrigen die “wissenschaftliche Öffentlichkeitsarbeit” dem “frischen Obsthändler”.

  6. In Anlehnung an die Kommentare oben würde ich Wissenschaftsvermittlung vorschlagen, was sich noch einmal deutlich von Wissensvermittlung unterscheidet.

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