Happy astronomical (447) Valentine’s Day!

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… aber nicht einfacher
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Obwohl: Der (447) Valentine’s Day wäre eigentlich der 27. Oktober.

Aber der Reihe nach.

Mit der Benennung der Himmelskörper ist es so eine Sache. Wer heute eine Pressemitteilung liest, der findet dort nicht selten Objekte, die nicht mit richtigen Namen, sondern mit Katalognummern beschrieben sind. HD 21997 ist so ein Fall, ein Stern, benannt nach seiner Nummer im Henry-Draper-Katalog aus dem frühen 20. Jahrhundert. In der Regel haben Sterne eine Reihe verschiedener Katalognummern; die astronomische Datenbank Simbad hilft, hier nicht den Überblick zu verlieren.

Bei den Asteroiden ist es deutlich schöner. Die haben auch heute noch Namen. Geerbt haben sie diese Eigenschaft von den Planeten unseres Sonnensystems, deren Namen so gut wie jedes Kind kennt: Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn und so weiter; bis dahin alles griechisch-römische Götter.

Aber bei Saturn wäre es mit den griechisch-römischen Göttern schon fast zuende gewesen, denn als Wilhelm Herschel den Planeten entdeckte, den wir heute Uranus nennen, nannte er ihn stattdessen: George. Schließlich sei man nicht mehr in der klassischen, sondern in einer neuen, (natur-)philosophischen Ära; dass spätere Generationen fragen würden, wann denn der Planet entdeckt worden sei und zur Antwort bekämen “während der Regierung George III.” fand Herschel (nach Dreyer 1912 via Wikipedia; aus dem verlinkten Wikipedia-Artikel stammen auch eine Reihe der folgenden Informationen).

Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, George.

Dazu ist es dann doch nicht gekommen. Wesentlichen Anteil daran hatte Johann Elert Bode, zu jener Zeit Direktor der Sternwarte Berlin, der mytho-logisch argumentierte: Jupiter sei schließlich Vater des Mars, Saturn der Vater des Jupiter; der nächste Planet nach Saturn müsse daher nach dem Vater des Saturn heißen, also Ouranos.

…Jupiter, Saturn, Uranus.

Bode ist außerdem dafür bekannt, dass er einen heuristisch-mathematischen Zusammenhang zwischen den Entfernungen der damals bekannten Planeten um die Sonne bekannt gemacht hat, der heute Titius-Bode-Reihe heißt – man setzt die Zahlen Minus Unendlich, Null, 1, 2, 3 usw. in eine Formeln ein und erhält (in moderner Form und auf den Abstand Erde-Sonne bezogen) mit

titius-bode

den Abstand der Planeten zumindest bis einschließlich George. Allerdings mit einer Fehlstelle, nämlich zwischen Mars und Jupiter. Im Jahre 1800 rief der Astronom Franz Xaver Freiherr von Zach, Astronomen zur systematischen Suche nach dem fehlenden Himmelskörper auf. Zach war Herausgeber und Chefredakteur der ersten astronomischen Fachzeitschrift, die ihre Herkunft aus dem Briefwechsel zwischen Wissenschaftlern – zuvor das Haupt-Kommunikationsmittel in der Forschung noch im Namen trägt: die Monatliche Correspondenz zur Beförderung der Erd- und Himmelskunde erschien erstmals im Jahre 1800.

Bereits ein Jahr später, in Band 4 in der Korrespondenz vom Juli, konnte v. Zach in dem Beitrag Über einen zwischen Mars und Jupiter längst vermutheten; nun wahrscheinlich entdeckten neuen Hauptplaneten unseres Sonnen-Systems (Hauptplaneten wohl im Kontrast zu jenen anderen damals bereits bekannten Wanderern im Sonnensystem, den Kometen) von der Entdeckung Giuseppe Piazzis von Palermo aus eines Wandelsterns, der eben kein Komet zu sein schien, sondern sich genau dort befand, wo in der Titius-Bode-Reihe eine Lücke geklafft hatte.

Ein paar Monate später kann Zach dann vermelden, dass Piazzi

nunmehr sein eigenes Kind getauft, und Ceres Ferdinandea benannt hat, wozu er als erster Entdecker das offenbare Recht hat, auch alle seine Correspondenten zu dieser Benennung von ihm aufgefordert sind: so unterschreiben wir auch von unserer Seite diese recht schickliche Benennung mit wahrem und desto größeren Vergnügen, weil dem Könige von Neapel unstreitig als eifrigem Beschützer und Beförderer der Sternkunde, und als grossmüthigem Stifter einer neuen stattlichen Sternwarte, unsere dankbarste Erkenntlichkeit um so mehr gebührt, da er eine Sternwarte zu bauen nicht nur angefangen, sondern auch vollendet hat; nicht bloss die prächtigsten und kostbarsten Englischen Werkzeuge angekauft hat, und in Kisten und Verschlägen auf Rumpelkammern aufbewahrt, sondern, wohin sie gehören, setzen lässt: diese vortrefflichen Instrumente nicht ungeschickten und unfleissigen Händen, sondern einem Gelehrten von anerkannten Verdiensten und Geschicklichkeit anvertraut, und diesen ein für allemahl in den Stand setzt, seine Arbeiten und Beobachtungen auf königl. Kosten zum Druck zu befördern.

Fazit (a): Lange Sätze gab es schon vor Thomas Mann. Fazit (b): Wichtig ist von Zach offenbar weniger die Mitteilung der Benamsung, sondern ein Seitenhieb, der an mir modernem Leser völlig vorbeigeht, aber offenbar jemanden treffen soll, der eine Sternwarte nicht vollendet hat, die schönen Instrumente in Rumpelkammern verkommen ließ und überhaupt ungeschickte und unfleissige Hände hatte.

Die Ferdinandea, benannt nach Ferdinand I. beider Sizilien, zuvor Ferdinand IV. von Neapel und Ferdinand III. von Sizilien (wer sagt, dass die Benamsung nur bei Katalogsternen verwirrend sein kann?), hat Ceres recht bald wieder abgelegt. Bode, der “Juno” vorgeschlagen hatte, konnte sich diesmal nicht durchsetzen. Ceres blieb Ceres.

Und als sich herausstellte, dass Ceres nur einer von mehreren, dann vielen, heute hunderttausenden kleineren Himmelskörpern zwischen Mars und Jupiter war, in jener Region, die wir heute Asteroidengürtel nennen, war es mit dem Titel “Hauptplanet” auch nicht sehr lange etwas. Heute heißen Ceres & Co. im Gegenteil Kleinplaneten, oder eben Asteroiden.

Alle weiteren Aussagen zur Namensgebung stammen übrigens, wo nicht weiter angegeben, aus dem maßgeblichen Werk Dictionary of Minor Planet Names, 6. Auflage von 2012, des Heidelberger Kollegen Lutz D. Schmadel.

Weiter mit der Entdeckungsgeschichte:

Ein Jahr später kam Pallas hinzu; eine Zufallsentdeckung, denn eigentlich hatte der Beobachter, Wilhelm Olbers, Ceres noch einmal aufsuchen wollen. Juno (entdeckt 1804) und Vesta (1807) blieben griechisch-römisch-klassisch, und so ginge es nach knapp 40 Jahren ohne Entdeckungen dann auch 1845 mit Astraea weiter. Göttinnen, Sirenen, Nymphen, Horen, Musen, jeweils weiblich übrigens – es ist ja nicht so, als würde die klassische Mythologie nicht eine ganze Reihe schöner Namen bereithalten.

Dann der Bruch: Nr. 20 ist Massalia, benannt nach dem lateinischen Namen für Marseille. Hört sich recht ähnlich wie die anderen klassischen Namen an, aber war eine Stadt. Nr. 21 ist dann Lutetia als (Asterix-Lesern bekannter) Name für Paris – übrigens die erste Asteroiden-Entdeckung durch einen Amateurastronomen (viel später sollten viele weitere solcher Entdeckungen folgen).

Danach ging es erst einmal musisch-göttig-nymphig weiter, Leda, Harmonia, Daphne etc., aber mit Virginia (entdeckt von einem Astronomen in Washington) und Nemausa (entdeckt von Nimes aus, alter Name: Nemausus) hält auch immer einmal wieder die Geographie Einzug.

Dann in den 1860er Jahren der Skandal, denn Nr. 64, Angelina, ist nun bei bestem Willen kein mythologischer Name. In einem Brief an die Herausgeber der Astronomischen Nachrichten merkt Wilhelm Tempel an, eine “Angelia” hätte eigentlich sowohl den Entdecker und Namensgeber als auch die klassisch-mythologische Fraktion – es hatte wohl Proteste von Herschel, Airy, Argelander gegeben – befriedigt. Benannt worden soll der Himmelskörper übrigens nicht nach einer Person, sondern nach Notre-Dame-des-Anges gewesen sein, einer astronomischen Station, bei der von Zach Messungen zur Abweichung der Lotrichtung aufgrund der Masse der nahen Berge vorgenommen hatte. Uhm-hm.

Zu jener Zeit bekommen Asteroiden übrigens bereits zusätzlich zum Namen eine Nummer. Sich – wie für die Planeten – für jeden Asteroiden ein eigenes Symbol zu überlegen, haben die Astronomen längst aufgegeben. Damals wir die Nummer allerdings noch in einem Kreis geschrieben, wie etwa in dem erwähnten Brief von Tempel:

Screen shot 2014-02-14 at 9.37.00 PM

Heute schreibt man die Nummer in Klammern vor dem Namen; die Klammern sind offenbar von den (kompliziert zu setzenden!) Kreisen übrig geblieben.

Bei Nr. 65 setzt sich die klassisch-mythologische Fraktion dann wieder durch, denn die Maximiliana, nach dem bayerischen König Maximilian II war dann doch des guten zuviel. Heute heißt der Asteroid (65) Cybele.

Bei (67) Asia, benannt nach dem Erdteil, von dem der Asteroid entdeckt wurde (nämlich von Madras in Indien aus), musste der Entdecker noch argumentieren, Asia sei schließlich eine der Oceaniden, und von denen seien schon zwei andere (Europa und Doris) verewigt, außerdem viele Familienmitglieder.

Weiter mit Nymphen und Göttinnen – erstmals nordisch (76) Freia und (77) Frigga – und dann ganz klassisch ins menschliche, mit (80) Sappho, benannt nach der griechischen Dichterin.

Immer wieder schleichen sich marginal weniger klassische Namen ein. (83) Beatrix bezieht sich auf eine Figur von Dante, (89) Julia wohl auf die Schutzheilige von Korsika, (92) Undina auf die Romanheldin von de la Motte Fouqué.

Dann ein weiterer Skandal, denn angeblich wurde (102) Miriam “im Gegensatz zur Regel, und mit böser Absicht, [nach der Schwester Mose] benannt, so dass der Entdecker einem Theologieprofessor, den er für zu devot hielt, vorhalten konnte, Miriam sei ebenfalls eine ‘mythische Persönlichkeit'” (so Edward S. Holden). Warum bei der Schutzheiligen Julia keine Proteste kamen, wenn doch die Asteroiden-Benennung die betreffende Person wohl auf Umwegen ins Reich der Mythen verwies, ist mir nicht bekannt.

Parallel ging es jedenfalls munter mit zunehmend obskuren klassischen Namen weiter. Ich jedenfalls kannte (118) Peitho, die Tochter von Hermes und Aphrodite und Göttin der “erotischen Überredung” (wie Wikipedia es formuliert), vorher noch nicht. Mit (123) Brunhild haben wir dann jedenfalls auch den ersten Nibelungen-Asteroiden.

(136) Austria für Österreich kommt 1874 hinzu, (138) Tolosa reiht sich als Toulouse in die Reihe der französischen Städte ein, (139) Juewa, für “Jue-wa-sing” (“Chinas Glücksstern”) wurde von Peking aus beobachtet.

(141) Lumen, nach einem Werk von Camille Flammarion, scheint die erste nicht-weibliche Namensgebung zu sein.

Dann der nächste Dammbruch. Dass (153) Hilda von dem österreichischen Astronomen Theodor von Oppolzer benannt wird, ist neu. In Schmadel 2012 (S. 27) wird erwähnt, dass Hilda einige Jahre vor ihrem Vater starb; falls sie zum Benennungszeitpunkt bereits tot war, mag Grund dafür gewesen sein, dass dem Benenner keine (dokumentierte) astronomische Kritik entgegenschlug.

Weiter geht es mit den Lebenden bei (154) Bertha, wohl nach der Schwester von Camille Flammarion, und dem ersten männlichen Geehrten, nämlich (162) Laurentia nach A. Laurent, dem oben kurz namenlos erwähnten ersten Amateurastronomen, der einen Asteroiden entdeckte. In beiden Fällen ist der Benenner P. M. Henry aus Paris, für dessen Benennung (164) Eva der Astronom und Autor von Littrow leicht ironisch anmerkt “Mit dem Namen könnten wir wie bei Miriam wieder den biblischen Boden zu betreten glauben, wenn wir bei
diesem Entdecker nicht an Taufen weltlichen Ursprungs gewöhnt wären.” Henry schiebt dann noch eine ebenso klassisch unbelegte (177) Irma nach. Vielleicht sind wir ja doch bei einem Valentinstag-kompatiblen Thema angelangt.

Von da an reihen sich neben die tapfer aus den Lexikontiefen geholten Griechinnen, Römerinnen und anderen Klassikerinnen immer wieder weltlichere Namen ein – mal anonyme, mal adlige, hin und wieder die Ehefrauen und Töchter der Astronomen (Oppolzer hat mit (122) Agathe dann auch seine jüngere Tochter untergebracht).

Ob nun diese Namen, Länder wie Germania oder Russia, abstrakte Konzepte wie Philosophia oder Honoria – gestört hat das offenbar niemanden mehr so richtig. Es gab einfach zuviele von den Dingern.

Allenfalls mag der erste verkaufte Name für etwas Augenbrauenheben gesorgt haben, denn dass (250) Bettina zunächst anonym von Herrn Palisa öffentlich demjenigen zur Namensgebung angeboten wird, der seine geplante Expedition zur Beobachtung der Sonnenfinsternis vom 29. August 1886 mit 50 Pfund unterstützt, ist schon noch eine Neuerung. Bettina ist jedenfalls die Baronesse Bettina von Rothschild aus Österreich.

Erst (268) Adorea im Jahre 1887 ruft wieder Protest hervor, denn dass nach einem Büchertitel, einem Romanhelden und der Götternahrung Ambrosia nun mit Adorea der flache römische Opferkuchen aus Mehl und Salz an den Himmel kommt, schien einem Kommentator im “Astronomischen Kalender” dann doch als “die beste denkbare Satire auf die Grundsätze, die in den letzten Jahren beim Benennen dieser Himmelskörper massgebend geworden sind.”

Mit (323) Brucia sind wir in Heidelberg angekommen, wo ich diese Zeilen schreibe. Brucia, benannt nach der Stifterin Catherine Wolfe Bruce, die Max Wolf das heute noch als “Bruce-Teleskop” bezeichnete Instrument finanzierte, ist der erste Asteroid, der fotografisch entdeckt wurde: Durch aufeinanderfolgende Aufnahmen, auf denen der Asteroiden-Lichtpunkt im Vergleich mit dem Fixsternhimmel etwas gewandert ist. Max Wolf etablierte mit dieser Methode an der Landessternwarte Heidelberg (vom Haus der Astronomie aus direkt nebenan) eine regelrechte Asteroidenfabrik: eine fotografische Entdeckung nach der anderen.

Holger Mandel von der Landessternwarte erzählt in diesem Kurzvortrag in der Reihe “Uni(versum) für Alle” mehr darüber – insbesondere über Wolfs nächste Entdeckung, (325) Heidelberga.

Bei Wolf folgen dann Gudrun (nordisch-mythologisch), Svea (für das Land Schweden), Adalberta (Wolfs Schwiegervater), Siri (keiner weiß, warum – mag mal jemand sein iPhone befragen?), Badenia (für das Herzogtum, in dem Heidelberg damals lag), Chicago (da war Wolf auf einem Kongress), Dorothea (nach der ersten Mathematik-Promovendin in Paris), Eduarda (nach einem Amateurastronomen), und immer so weiter.

Bis dann nach Ehefrau (352) Gisela und Universität der Heimatstadt (353) Ruperto-Carola, der Pfalz, Schwaben, Herzogsfamilie, Entdeckungstechnik (443) Photographica, der Asteroid (447) Valentine kommt, entdeckt am 27. Oktober 1899, benannt wahrscheinlich nach Valentine Noemi von Rothschild.

Etwas mehr als hundert Jahre später gibt es das Internet, und wer nicht aufpasst, ergoogelt am Valentinstag 2014 eben jenen Asteroiden und muss dann, weil Blogger, zwangsläufig einen Beitrag dazu schreiben. So kann’s gehen.

 

 


 Wie schon erwähnt: Hauptquelle für diesen Beitrag ist

Lutz D. Schmadel, Dictionary of Minor Planet Names Bd. 2, Springer 2012.

 

 

 

 

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

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