Galilei-Nachtrag: Moderne Wissenschaft anno 1616, Hausarrest, Folter?

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… aber nicht einfacher
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Die Kommentare zu meinem letzten Blogbeitrag Zu Galileis 450ten: Kontrovers wie eh und je zeigen, dass der Titel des Beitrags so falsch nicht war. Einige der dort aufgeworfenen Fragen – wie ist es denn nun in der Relativitätstheorie? Dreht sich die Erde um die Sonne oder nicht? – werde ich sicher irgendwann noch in einem anderen Blogbeitrag aufgreifen.

Aber zu der Deutung, dass Galilei mit Samthandschuhen angefasst worden sei (Privat-Apartment!) und überhaupt, dass die Kirche ja viel moderner als Galilei gedacht und sich eigentlich nur daran gestoßen habe, dass jener eine absolute Wahrheit habe verkünden wollen, anstatt – wie aus heutiger Sicht auf die Wissenschaft ja sowieso viel angebrachter! – nur von Hypothesen zu reden, möchte ich doch kurz eingehen. Sie findet sich unter anderem in dem
WELT-Artikel von Paul Badde: “Kardinal Robert Bellarmin, [der] höchst barmherzig[e] Gegenspieler Galileis in der Inquisition, erfüllte nämlich schon im 17. Jahrhundert das moderne Ideal der Wissenschaft des 21. Jahrhunderts, dass jede wissenschaftliche Behauptung nur Hypothese sein darf.”

Ich habe gerade keinen Zugang zu einem aktuellen, umfassenden Buch über Galilei und seinen Prozess. Aber einige der bereits deutlich älteren Veröffentlichungen der Prozessakten sind Online und für die hier Mitlesenden vielleicht auch interessante Lektüre: Henri de l’Épinois, Galilée: Son procès, sa condemnation (1867) und Karl von Gebler, Galileo Galilei und die römische Curie: nach den authentischen Quellen (1876). Natürlich gilt das Caveat, dass diese Art von deutlich älterer historischer Literatur schon per Definition nicht auf dem neuesten Stand ist und dass man insbesondere die Interpretationen und Schlüsse der beiden Autoren mit Vorsicht genießen sollte. Aber zumindest die direkten Zitate aus Briefen und Prozessakten sollten verwertbar sein.

Das erste, was (nicht überraschend) aus den Texten hervorgeht, ist, dass die Forderung, die Wissenschaft nur als Hypothese zuzulassen, keineswegs eine Vorwegnahme des Wissenschaftsbildes des 21. Jahrhunderts ist. Im Gegenteil ist in dem Dekret vom 3.3.1616 (Gebler S. 101f., Épinois S. 99f.) selbstverständlich davon die Rede, dass die kopernikanische Lehre von der unbeweglichen Sonne und der beweglichen Erde falsch (falsam) sei.

Dass die kopernikanischen Lehren zumindest als mathematische Hypothesen, also als Berechnungsgrundlagen für die Astronomiepraxis zugelassen bleiben, ist damit etwas deutlich anderes als die Haltung, dass sich allgemeine Aussagen über die Welt nicht verifizieren ließen. Die kopernikanischen Hypothesen werden nicht als “nicht absolut wahr” gesehen, weil es keine absolute Wahrheit gäbe. Im Gegenteil werden sie als (absolut im Sinne von: ohne abschwächende Qualifikation) falsch bezeichnet, weil sie der (damaligen Auslegung der) Heiligen Schrift widersprechen. Aber sie dürfen trotz ihrer Falschheit dort verwendet werden, wo sie sich für Rechnungen als nützlich erweisen. In diese Behandlung das “moderne Ideal der Wissenschaft des 21. Jahrhunderts” hineinzulesen, halte ich für absurd.

Was hat es mit den Aussagen auf sich, Galilei sei ja gar nichts passiert –  insbesondere die “Foltermönche” seien Legende – und statt Kerker habe es Hausarrest und gute Küche gegeben?

Zunächst einmal haben die Kirchenoberen Galilei 1616 ganz klar den Mund verbieten wollen (Gebler S. 96): Kardinal Bellarmin wird vom Papst angewiesen, Galilei mitzuteilen, er müsse seine Meinung zur Bewegung von Erde und Sonne aufgeben; tue er dies nicht, soll ihm befohlen werden, er dürfe diese Meinung nicht lehren, verteidigen oder besprechen; wenn er sich weigere, werde er eingekerkert. (Was dann genau passierte – ob Galilei erst widersprach und dann tatsächlich streng ermahnt wurde -, darüber gibt es einiges an Kontroversen, wie sich auch auf den nachfolgenden Seiten bei Gebler zeigt, und die Frage, ob Galilei ein ausdrückliches Verbot ausgesprochen wurde, wurde auch im späteren Prozess gegen ihn sehr wichtig.)

Dass das ein ganz anderes Kaliber als physische Folter ist: keine Frage. Aber dass da überhaupt eine Drohung mit dem Kerker eingeplant war, und zwar mit der Überzeugungskraft einer Institution, bei der Kerkerhaft und Folter durchaus Teil des regulären Instrumentariums waren, zeigt, dass wir es hier (wie denn auch!) nicht mit einer barmherzigen Institution im heutigen Sinne zu tun haben. Stattdessen befindet sich Galilei damals in einem totalitären und autoritären System, das es als sein Recht ansieht, ihm vorzuschreiben, was er zu meinen, lehren und sagen hat – und keine Probleme damit hätte, ihn für Abweichungen einzusperren. Dass für seine Verfolgung und Verurteilung letztlich die persönlichen Beziehungen und Seilschaften – und, als es ernst wurde, das Fehlen einflussreicher Gönner – eine große Rolle spielten, und er auf diese Weise zu einer deutlich besseren Behandlung gelangte als die allermeisten anderen Gefangenen der Inquisition, ist für Systeme dieser Art ja nun auch nicht untypisch.

Wurde Galilei später, beim eigentlichen Prozess 1633, tatsächlich gefoltert? Darüber scheiden sich die Geister. In den Dokumenten ist von einer “rigorosen Prüfung” die Rede, was wohl typischerweise eine Prüfung mit Folter gewesen wäre. In den Aufzeichnungen des florentinischen Gesandten Niccolini, mit dem Galilei täglich in Kontakt stand, ist dagegen nichts von Folter zu lesen. In den Stellvertreter-Auseinandersetzungen, die am Falle Galilei das Verhältnis von Kirche und Wissenschaft aufarbeiteten, war die Frage, ob Galilei gefoltert wurde, ob ihrer Brisanz durchaus wichtig. Der Chemiker Emil Wohlwill hat sich in Ist Galilei gefoltert worden? (1877) ausführlich mit ihr beschäftigt – insbesondere über den Vergleich mit anderen Prozessen mit der Bedeutung der erwähnten “rigorosen Prüfung”. Er kommt zu dem Schluss, zumindest die “territio realis” (wörtlich die “wirkliche Bedrängung”) sei nicht auszuschließen – das ist nach der Androhung der Folter (“territio verbalis”, etwa: verbale Bedrängung) die erste Anwendung der Folter. Möglich bis dem Zusammenhang nach wahrscheinlich, aber der Dokumentenlage nach nicht direkt nachweisbar – das ist auch die Beschreibung des aktuellen Standes zur Folterfrage in der moderneren Darstellung von Nenci (2009).

Vor diesem Hintergrund sollte man mit Friede-Freude-Inquisition-Eierkuchen-Interpretationen vorsichtig sein. Zumal Galilei gewusst haben dürfte, dass Folter in Inquisitionsverfahren dieser Art durchaus zur Anwendung kam (dass sie tatsächlich zur Anwendung kam, und wie, ist aus moderner historischer Sicht nun wieder zweifelsfrei belegt). Bereits das dürfte Galilei einiges zu denken gegeben und auf seinen Hausarrest während des Prozesses einen nicht zu unterschätzenden Schatten geworfen haben.

Der Hausarrest selbst – erst in Rom, dann bei einem Galilei wohlgesonnenen Erzbischof in Siena und am Ende in Galileis Villa in Arcetri bei Florenz – ist sicher etwas ganz anderes als die angebliche Kerkerhaft, die einige antikirchliche Autoren Galilei angedichtet haben (Gebler geht auf S. 310 auf einige solcher Behauptungen ein; die schlimmste davon lässt die Inquisition Galilei sogar die Augen ausstechen). Aber dieser Arrest wird von der Kirche durchaus ernstgenommen. Bittschreiben von Galilei und seinen Sympathisanten, die Bedingungen zu erleichtern, werden abgeschmettert. Mit einigen wenigen Ausnahmen darf Galilei seine Villa in Arcetri nicht verlassen. Als er (mit beigefügten ärztlichen Attesten!) seine völlige Erblindung beschreibt und wiederum um Befreiung bittet, schickt die Kirche erst einen Inquisitor, der bestätigt, dass Galilei so herabgekommen sei, “dass er eher einem Leichnam als einem lebendigen Menschen gleicht”. Erst dann erlaubt man ihm, sich in sein Haus in Florenz zu begeben, um dort ärztliche Hilfe zu bekommen, warnt ihn aber noch einmal, “bei Strafe wirklicher Einkerkerung und Excommunication”, mit irgendjemandem über seine Irrlehren zu reden (Gebler S. 348 ff.).

Ein solcher Hausarrest ist keine Kerkerhaft bei Wasser und Brot, aber es ist auch keine bloße Geste. Die Kirche hat massiv in Galileis Leben eingegriffen und ihn insbesondere auch lange von der in Florenz deutlich einfacher zu arrangierenden ärztlichen Hilfe ferngehalten. Die vorauseilend moderne Kirche, die Galilei mit Samthandschuhen anfasst, ist ebenso eine Legende wie der stolze Galilei, der Widerruft, trotzig “Und sie bewegt sich doch!” ruft und daraufhin in die tiefsten Kerker geschleift wird.

Letztlich bleibt die (ebenfalls nicht überraschende) Erkenntnis: Was mit Galilei geschah, ist vor allem etwas, das wir heute nur noch als historisches Ereignis rekonstruieren können – ebenso wenig schattenschnittartig wie heutige Ereignisse. Und wir sollten der Versuchung widerstehen, das, was da geschah für heutige Debatten zu instrumentalisieren.

Dass die Kirche sich damals der Zeit entsprechend verhalten hat, sollte, wie mehrfach eingestreut, nicht überraschen – als von Menschen geleitete und gestaltete Institution, damals zudem noch viel direkter in Politik und weltliche Machtkämpfe verstrickt als heute, wäre es stattdessen ungewöhnlich, wenn es anders wäre. Und dass religiöse Überzeugung bei einigen Menschen große Intoleranz erzeugt, andere in punkto Menschlichkeit und Menschenrechte ihrer Zeit voraus sein lässt, ist auch nicht neu. Die in den Kommentaren angesprochene Hexenverfolgung, aber z.B. auch Haltungen zur Sklaverei sind gute Beispiele – einerseits die Rechtfertigung von Hexenverfolgung und Sklaverei mit entsprechenden Bibelsprüchen, andererseits durchaus religiös motivierte Menschen, die genau aus diesem Grunde sehr mutig gegen beide anstritten.

Dass wir heute in punkto Meinungsfreiheit, Freiheit der Wissenschaft, wissenschaftlichen Standards und allgemeiner in bezug auf die Menschenrechte glücklicherweise deutlich anders denken als damals, speist sich ebenfalls aus zwei Strömen – es ist Leistung von Menschen, die in Ablehnung von Kirche, organisierter Religion oder sogar Religion allgemein handelten und argumentierten, aber auch solcher, bei denen religiöse oder religiös motivierte Überzeugung entscheidende Triebkraft war.

Quelle

E. Nenci, “Glaubenshüter und Paladine der Vernunft” in Sterne und Weltraum 7/2009, S. 50-59

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Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

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