Endspurt: Unterstützt Astronomie in den Schulen von Baden-Württemberg!

Erstens: Danke, die unser Anliegen bereits unterstützt haben, gegen die Astronomie-Streichungen in den Bildungsplanentwürfen in Baden-Württemberg Einspruch einzulegen! Derzeitiger Stand: 910 Unterzeichner.

Zweitens: Wer noch nicht unterschrieben hat: Bitte schaut euch unseren offenen Brief an; wenn ihr unser Anliegen unterstützt, bitte unterschreibt – geht am einfachsten mit diesem Google-Formular!

Drittens: Bitte nach Möglichkeit auch direkte Rückmeldung an das Kultusministerium Baden-Württemberg geben. Solche Rückmeldungen sind ausdrücklich erwünscht; hier ist das Formular des Kultusministeriums.

Insgesamt bin ich einigermaßen überwältigt von der Resonanz. Klar: Als erstes fallen einem einzelne Namen ins Auge. Dass uns Ernst-Ulrich von Weizsäcker als Co-Präsident des Club of Rome unterstützt, ist einfach cool. Ranga Yogeshwar an Bord zu haben, oder den Astronauten Ernst Messerschmid, auch.

Die Breite macht’s aus!

Aber ingesamt finde ich am beeindruckendsten, wie breit die Unterstützung ist und wieviele der Unterzeichner von ihren Erfahrungen mit der Astronomie berichten. Es ist eine Sache, aus Schilderungen zu wissen, wie sehr Astronomie die Menschen anspricht und wieviele auf diesem Wege zu den Natur- oder Technikwissenschaften finden. Es ist aber noch etwas ganz anderes, Eintrag auf Eintrag durchzusehen und immer wieder zu lesen: Astronomie brachte mich dazu, über ein Physikstudium nachzudenken. Bin als Unternehmer über die Astronomie zur Physik und so zu meiner jetzigen Firma gekommen. Bin Vater eines elfjährigen Schülers, der durch den Einstieg über die Astronomie eine große Begeisterung für Naturwissenschaften entwickelt hat. Meine Tochter interessiert sich seit ihrem zweiten Lebensjahr für Planeten und schaut gelegentlich mit mir durch’s Fernrohr. Ingenieur; interessiere mich seit frühester Jugend für Astronomie, Raumfahrt etc.

Da schreibt ein ausgebildeter Physiker, der in der Realschule begeistert am Astronomie-Unterricht teilnahm und so erst zu den Naturwissenschaften kam. Einer schreibt, er habe genau dieses Fach in der Schule immer vermisst. Ein anderer, er wäre ohne Astronomie ein anderer Mensch. Einer, der noch in Brandenburg in der 11. und 12. Klasse Astronomie hatte und schreibt, das Interesse an den großen Zusammenhängen in der Natur sei speziell durch dieses Fachgebiet in ihm geweckt worden und habe sein ganzes Leben geprägt.

Wir haben Fernmeldetechniker und Professoren, einen Max-Planck-Direktor, Literaturwissenschaftler, eine astronomiebegeisterte Comiczeichnerin (hallo @Fuchskind!), viele Lehrer/innen und Wissenschaftler/innen, einen astronomiebegeisterten Marktforscher, Gesundheits- und Krankenpfleger, zahlreiche Ingenieur/innen, ich sehe beim querlesen eine Geschichtsstudentin und eine Astro-Teilchenphysikerein ebenso wie mehrere Informatiker, einen Mineralogen, einen Musiklehrer. Den Präsidenten der Astronomischen Gesellschaft ebenso wie jemanden, der einfach nur “Mensch” angibt.

Eigentlich ist es ja einfach.

Am einfachsten und besten lernen wir Dinge, die uns interessieren und faszinieren. Astronomie ist ein Paradebeispiel dafür. Leitbild der Schulen ist aus gutem Grund nicht der Nürnberger Trichter, Lehrstoff vorgeben und immer ‘rin damit, sondern wer Schülerinnen und Schülern echte Bildung verschaffen will, muss sich fragen: Wo setzen wir an? Was interessiert die Schüler/innen bereits, und wie kann man von dort weitergehen?

Wer sich dann ernsthaft für den Kosmos interessiert, lernt nicht nur etwas über Astronomie, sondern auch über die anderen Naturwissenschaften, über Physik, Chemie, im Rahmen der Suche nach lebensfreundlichen Planeten durchaus auch über Biologie. Und über den Wert von Nachhaltigkeit und Umweltschutz – eine der Leitideen der neuen Bildungspläne in BW. Nirgends wird einem so unmittelbar klar, wie sehr wir auf unser kosmisch gesehen kleines Ökosystem angewiesen wird wie beim Blick von außen.

Faszination hilft lernen, aber ist nicht blinde Akzeptanz (und sollte es auch nicht sein). Wer Astronomie lernt, lernt auch fragen: Woher wissen wir das eigentlich? Wo sind die Grenzen dessen, was wir wissen? Wissen können? Was wissen wir noch nicht? Dass gute 95% des Universums (Stichworte Dunkle Energie und Materie) noch unverstanden sind, ist Anlass zur Bescheidenheit und Ansporn zum Weiterforschen zugleich. Lernen, wie man an die Wissenschaft kritische Fragen stellt, wie man abklopft, was plausibel ist, was durch die Daten gedeckt und was nicht – das dürfte eine der wichtigsten Fähigkeiten sein, die man als mündiger Bürger haben kann.

Und: Ja, es gibt engagierte Lehrer. Am Haus der Astronomie haben wir mit gleich einer ganzen Reihe davon zu tun. Einige davon sind mit uns und einigen ihrer Schüler zu Partnerschulen nach Südafrika gefahren. Einer nimmt mit einem besonders interessierten Schüler immer neue Astroaufnahmen auf. Eine ganze Reihe nehmen mit ihren Schülern bei unserer Asteroidenjagd (zusammen mit IASC-Pan-STARRS) teil und entdecken neue Himmelskörper. Was diese Lehrerinnen und Lehrer einfach schon dadurch, wie sie selbst für die Astronomie brennen, bei ihren Schülerinnen und Schülern bewirken, ist enorm. Solche Lehrerinnen und Lehrer müssen wir fördern, ihnen die nötigen Freiräume geben, um ihre Kombination aus Begeisterung und fachlicher Kompetenz auch in den Unterricht tragen zu können. Auch darum geht es in unserem offenen Brief in Bezug auf das Kombinationsfach “Naturwissenschaft und Technik”.

Ich bin derzeit zuversichtlich, dass wir für die Astronomie in baden-württembergischen Schulen – mit Signalwirkung über das Bundesland hinaus! – etwas bewegen können.

Und wer uns dabei unterstützt – danke! Wer uns unterstützen möchte, es aber noch nicht getan hat: Hier geht’s zum Offenen Brief, hier direkt zum Google-Formular für das Unterzeichnen und hier zum Rückmelde-Formular des baden-württembergischen Kultusministeriums.

 

 

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.