Einsteins Flügel (Gastbeitrag von Jakob Staude)

Die Geschichte von Einsteins Flügel erzähle nicht ich, sondern Jakob Staude. Jakob ist Astronom, ehemaliger Chefredakteur und ehemaliger Herausgeber der erfolgreichsten deutschen populärwissenschaftlichen Astronomiezeitschrift Sterne und Weltraum, mein Vorgänger als Leiter der Öffentlichkeitsarbeit am Max-Planck-Institut für Astronomie, treibende Kraft hinter der Gründung des Projekts Wissenschaft in die Schulen und der Gründung des Hauses der Astronomie (HdA), hat mich damals als HdA-Leiter nach Heidelberg geholt und vor ein paar Jahren zusammen mit Karl-Heinz Lotze aus Jena unsere deutsch-italienische Sommerschule für Lehrer, Lehramtsstudierende und Astronomen initiiert. Über die von der WE-Heraeus-Stiftung finanzierte Sommerschule hatte ich in diesem Blog bereits berichtet (Sommerschule in Florenz: Zu Besuch bei Galileo und Besuch beim Gravitationswellendetektor Virgo).

Bei unserer Sommerschule letztes Jahr in Jena hatte Francesco Palla aus Florenz, in der Astronomie bekannt für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Planetenentstehung und ein langjähriger Freund von Jakob zum Abschluss einen kleinen Vortrag über Einsteins Flügel gehalten, genauer: Über den Flügel, den Einstein seiner Schwester Maja schickte, der über Maja in die Familie Staude gelangte und diesen Sommer als Dauerleihgabe im Observatorium von Arcetri angekommen ist. (Palla verstarb leider vor jenem Teil der Sommerschule, der in Florenz stattfand.) Jakob hat die Geschichte des Flügels bei der feierlichen Übergabe Ende Juni 2016 erzählt; aus seinen Notizen entstand ein Text, der auch in die Proceedings der Jenaer Ausgabe unserer Sommerschule aufgenommen wurde (herausgegeben von Karl-Heinz Lotze und Stefan Völker) und den ich hier als Gastbeitrag aufnehme, weil ich solche persönlichen Geschichten etwas abseits der großen, ausgetretenen Pfade allgemein und speziell diese hier hoch spannend finde.


Einsteins Flügel: Eine Chronologie

Jakob Staude, Heidelberg

Der Flügel, den Albert Einstein 1931 seiner bei Florenz lebenden Schwester Maja zum Geburtstag schenkte, und den sie 1939 vor ihrer erzwungenen Abreise nach Princeton dem ebenfalls in Florenz lebenden Maler Hans-Joachim Staude überließ, wurde am 23. Juni 2016 den Astrophysikern der Florentiner Sternwarte Arcetri im Rahmen eines Festaktes anvertraut.

Zu diesem festlichen Anlass wurde – unter freiem Himmel, bei Sonnenuntergang, und vor weltberühmter Kulisse – die Geschichte dieses Instruments erzählt, mit der die Schicksale unterschiedlichster Menschen verwoben sind, und auf welchem die Pianisten Luisa Valeria Carpignano und Ferdinando Mussutto ein von Antonio Staude konzipiertes vierhändiges Konzert vorgetragen haben. Hier folgen die Notizen zu dem auf Italienisch gehaltenen Vortrag.

Liebe Kollegen, liebe Freunde,

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Abbildung 1: Arcetri, die Florentiner Sternwarte, aufgenommen von der Torre de Gallo. Bild: Nutzer Sailko unter Lizenz CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

ich habe euch die Geschichte des Flügels zu erzählen, den Albert Einstein im Jahre 1931 seiner Schwester Maja schenkte, und der heute, nach vielen Wechselfällen (des Flügels wie auch der an den Ereignissen beteiligten Menschen), hierher nach Arcetri gelangt ist, der Florentiner Sternwarte (Abb. 1), in die Obhut der Astrophysiker. Es ist eine Geschichte der Liebe zur Kunst und zur Kultur überhaupt, der Liebe zu Florenz und zum eigenen Land, verwoben mit den schrecklichsten und paradoxesten Ereignissen jener Zeit. Ich werde das Geschehen in chronologischer Folge erzählen, und weit in der Vergangenheit beginnen.

Teil I

Im 16. Jh. gehörte die jüdische Familie Del Banco zu den reichsten und mächtigsten Venedigs. Um den damaligen Verfolgungen zu entkommen, wanderten die Del Bancos zunächst nach Bologna und später, im 17. Jh., nach der Hansestadt Warburg in Westfalen aus, und nahmen deren Namen an. Später zogen Warburgs nach Altona bei Hamburg, wo im Jahre 1798 die Brüder Moses und Gerson ihr privates Bankhaus Warburg gründeten.

1879 schließen zwei sehr junge Brüder aus dieser Familie einen folgenreichen Pakt: Abraham (1866-1929), genannt Aby, der gerade einmal dreizehnjährige Erstgeborene seiner Generation, ein begeisterter Bücherleser, tritt seinem zwölfjährigen Bruder Max (1867-1946) sein Erstgeburtsrecht, und damit die zukünftige Leitung des familieneigenen Bankhauses ab. Im Gegenzug verpflichtet sich Max für Aby alle Bücher zu kaufen, die dieser je von ihm verlangen wird.

Aby widmet sich privat dem Studium der Kunstgeschichte und der Kultur der Renaissance. 1898 kommt er nach Florenz (Fig. 2), wo er mit der Florentiner und internationalen Intelligenz, die zu jener Zeit in dieser Stadt und auf diesen Hügeln lebte, in enge Verbindung tritt.

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Abbildung 2: Blick von Arcetri auf die Stadt. Im Hintergrund der Monte Morello. Bild: Roberto Baglioni

Von sich selbst sagt Aby: “Ich bin Jude von Geburt, Hamburger im Herzen und Florentiner im Geist”, und in Florenz beteiligt er sich sogleich an der Entwicklung eines 1897 gegründeten, der Kultur der Renaissance gewidmeten privaten Studienzentrums – des Vorläufers des Deutschen Kunsthistorischen Instituts, das, von den Florentinern liebevoll ’il Kunst’ genannt, seinen Sitz in der Via Giuseppe Giusti 44 hat und mittlerweile ein Max-Planck-Institut geworden ist.

Zurück in Hamburg, beginnt Aby 1902 auf Kosten seines Bruders Max mit dem Aufbau seiner hauptsächlich der italienischen Renaissance gewidmeten Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg, eines privaten Instituts, das bis heute enge Beziehungen zum Florentiner ’Kunst’ unterhält.

Teil II

1904: In Port-au-Prince kommt mein Vater Hans-Joachim Staude, genannt Hans-Jo, als zweiter Sohn des Kaufmanns Hans-Carl Staude aus Halle und seiner hamburgisch-französischen Ehefrau Elsa Staude (1875-1962), geborene Tippenhauer zur Welt. Elsa war selbst schon in Haiti geboren, wo der mütterliche, französische Zweig ihrer Familie bereits seit Generationen lebte.

1909: Elsa zieht mit ihren Söhnen Gustav und Hans-Jo nach ihrer Vaterstadt Hamburg, um den beiden eine bürgerliche Erziehung zu ermöglichen. Der Vater geht weiterhin vorwiegend in Haiti seinen Geschäften nach.

1910: in Hamburg übernimmt Max Warburg, wie 31 Jahre zuvor mit Aby vereinbart, die Direktion des Bankhauses Warburg, das er zügig zu einer der größten deutschen Privatbanken und zu einem echten global player entwickelt. Und er engagiert sich kräftig für das Wohl seiner Stadt.

1919: Max beteiligt sich an der Gründung der Hamburger Universität, an der Aby sogleich als Professor für Kunstgeschichte wirken wird. Alsbald kommen in Hamburg Geister von Weltruf zusammen: der Philosoph Ernst Cassirer, die Kunsthistoriker Gustav Pauli und Erwin Panofsky, der Orientalist Hellmut Ritter, der klassische Philologe Karl Reinhardt, der Byzantinist Richard Salomon

Teil III

Inzwischen wächst Maja Einstein (Abb. 3), Albert Einsteins 1881 in München geborene Schwester, erst in Mailand und später in Aarau in der Schweiz auf, wo sie 1905 das Lehrerinnenpatent erwirbt. Sie studiert Romanistik in Berlin, Paris und Bern, wo sie 1909 promoviert wird.

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Abbildung 3: Maja Einstein (1881–1951). Bild: Fam. Staude

1910: Maja verliert durch ihre Heirat mit dem Schweizer Rechtsanwalt und Amateurmaler Paul Winteler die Arbeitserlaubnis als Lehrerin, weil in der Schweiz zu jener Zeit das Lehrerinnenzölibat gilt. Daraufhin kehrt das Ehepaar dem bürgerlichen Berufsleben den Rücken und zieht zunächst nach Luzern, und dann 1920 nach Florenz.

1922: Mit Albert Einsteins Hilfe erwerben Wintelers in Quinto, am Fuße des Monte Morello (siehe Abb. 2), ein altes Landhaus, das sie ’Samos’ nennen, weil es sie an das mythische Griechenland erinnert (Abb. 4).

In diesem schlichten Landhaus musiziert Maja mit Begeisterung auf ihrem alten Klavier, Paul malt Landschaftsbilder in der herrlichen Umgebung; die Beiden spielen miteinander Schach und pflegen, stets knapp bei Kasse, wenige aber innige, internationale und florentinische Freundschaften. Und mit manchen dieser Freunde spielt Maja oft vierhändig Klavier.

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Abbildung 4: Maja vor ihrem Haus “Samos” in Quinto. Bild: Fam. Staude

Dazu möchte ich einige Gedanken zitieren, die [mein Sohn] Antonio Staude seiner Erläuterung zum Konzertprogramm des vierhändigen Klavierabends vom 23. Juni in Arcetri vorausgeschickt hat: “Maja nannte diese Art des Musizierens ‘Vierhändern/: ein zumindest im heutigen Sprachgebrauch eher ungewöhnlicher Ausdruck, der in einem Wort das vierhändige Klavierspiel bezeichnet und ferner auch jene besondere Intimität und Musikleidenschaft beschreibt, die sich mit dem geselligen Wiedersehen der in ‘Samos’ aus verschiedenen Teilen Europas eintreffenden Gäste verband. Tatsächlich vergleicht Maja in ihrem Tagebuch das vierhändige Spielen einer Klaviertranskription von Beethovens Streichquartetten Op. 59 mit einem ‘Nachtisch’, der bestens zur Krönung einer Abendmahlzeit unter Freunden geeignet sei. Kurzum: In jenem Umfeld wurde Musik als Quelle der Energie und Lebensfülle empfunden.

Anfang des 20. Jh., bevor das Grammophon Einzug in unsere Wohnzimmer hielt, stellte das Spielen der Transkriptionen für Klavier – in der im 19. Jh. von Franz Liszt begründeten, und später etwa von Ferruccio Busoni fortgeführten Tradition – eine Möglichkeit dar, sich mit Kompositionen aller Art, von den Kirchenchorälen bis zur Opernliteratur, von der Kammermusik bis zu den großen Symphonien, vertraut zu machen, um sie sich vergegenwärtigen zu können, auch ohne die damals weniger häufigen und bisweilen schwer erreichbaren Konzerte zu besuchen, und vor allem um sich produktiv über die Stücke auszutauschen und ein besonderes Lebensgefühl zu erfahren: etwas, das aus dem Leben Eingang in die Kompositionen gefunden hat, und das uns beim Musizieren wiederum inspirieren und überraschen kann.

Unter den Stücken im Programm des heutigen Abends sticht der Eröffnungssatz von Ludwig van Beethovens 1808 vollendeter Pastoral-Sinfonie Nr. 6 in F-Dur hervor. Der Komponist, der damals bereits unter Hörproblemen zu leiden hatte, trat den Rückzug aufs Land an, um dort in engem Kontakt mit der Natur zu leben. Durch die Teilhabe am Landleben, dessen Rhythmus er verinnerlichte, ward er mit inniger Freude erfüllt, da sich so für ihn ein Weg zu innerem Frieden auftat. Beethoven notierte diesbezüglich: Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei, und dieser Wesenszug prägt die Komposition, die – wie auch die Werke von Bach, Mozart und Brahms, die heute erklingen werden – zum Repertoire von Maja und ihren Freunden gehört haben könnte.”

Teil IV

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Abbildung 5: Hans-Jo in seinem Hamburger Elternhaus ca. 1917. Bild: Fam. Staude

Unterdessen spielt in Hamburg auch Hans-Jo Klavier, und zwar so gut, dass alle glauben, aus ihm werde einmal ein Pianist werden (Fig. 5). Aber 1921, noch sechzehnjährig, verspricht sich Hans-Jo in seinem geheimen Tagebuch feierlich, Maler zu werden. Und in den Jahren 1923-1925 trifft er sich mit gleichaltrigen Freunden im Hause Warburg, wo italienische Kunst und Kultur in der Luft liegen.

In der Schule wird der etwa gleichaltrige Fritz Rougemont (1904-1941), später brillanter Kunsthistoriker und Petrarca-Übersetzer, Hans-Jo’s bester Freund. Auch Fritz verkehrt schon als Schüler in den warburgschen Kreisen, und 1923, sehr bald nach dem Abitur, eilt er auf den Spuren Aby Warburgs dem Freund Hans-Jo nach Florenz voraus, wo er sogleich mit Maja Einstein und Paul Winteler bekannt wird und für einige Jahre seinen Studien nachgeht.

Maja, 42-jährig, nimmt den jungen Fritz sogleich unter ihre Fittiche – sie adoptiert ihn sozusagen als Ersatzmutter (anscheinend nicht ganz zur Freude ihres Pauls, siehe Abb. 6). Sie schreibt über ihn: ”Fritz hat eine feine und gute Seele. Er ist der einzige Mensch, dem ich bisher begegnet bin, der, sobald er hört, dass mir etwas peinlich, unangenehm oder schmerzhaft ist, immer gleich darauf sinnt, wie er es mir abnehmen könnte. Das ist doch – namentlich für einen so jungen Menschen – außerordentlich selten.”

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Abbildung 6: Maja Einstein, Fritz Rougemont und Paul Winteler in ‘Samos’. Bild: Fam. Staude.

Teil V

1924: Im Sommer kommt es am Strand bei Travemünde unter nicht genau rekonstruierbaren Umständen zu einer persönlichen Begegnung des noch 19-jährigen Hans-Jo mit Albert Einstein, dem weltbekannten Nobelpreisträger. Möglicherweise wurde diese Begegnung durch Fritz Rougemont vermittelt.

Von dem Gespräch der beiden Personen, deren jeweilige Situation unterschiedlicher nicht hätte sein können, sind zwei verschiedene Fassungen überliefert, die vielleicht je einen wahren Aspekt derselben Geschichte enthalten. Mir ist von dem, was mein Vater mir als Jungen von jenem Gespräch erzählte, folgendes erinnerlich:

Einstein: Und Sie, junger Mann – womit befassen Sie sich?


Hans-Jo: Ich möchte… mit meinem Malen… ein Bild… der Welt erstellen…

Einstein (in Gedanken): Ja…, dann… wollen wir… im Grunde dasselbe…

Und 1963 erzählt Hans-Jo seinem Schwiegersohn Tiziano Terzani davon, der kurz zuvor meine Schwester Angela geheiratet hat. Tiziano macht sich sogleich diese Notizen, die Angela nun vorlesen wird:

Einstein: “Heutzutage ist es für einen jungen Künstler schwer, sich für einen Weg zu entscheiden. Welche unter so vielen Strömungen soll man sich zu Eigen machen?”

Hans-Jo: “Mir fällt das nicht schwer. Ich tue das, was ich als richtig empfinde, und bleibe für immer dabei.”

Einstein: “Richtig. Oft bleiben wir aus lauter Hartnäckigkeit unseren Vorstellungen treu. Mir passiert es, dass ich die Theorien meiner Kritiker verstehe und schätze – und doch beharre ich aus lauter Hartnäckigkeit auf meinen eigenen.”

Hans-Jo zu Tiziano: “Später hatte ich Gelegenheit, seine Improvisationen auf dem Klavier zu hören: lieblich, naiv, fast kindlich – aber schön.”

Teil VI

1925: Am Ostersonntag trifft der gerade erst 20-jährige Hans-Jo in Florenz ein, in der Absicht für 14 Tage zu verweilen – doch er bleibt dann praktisch für den Rest seines Lebens; bald wird er von seinen neuen Florentiner Freunden Anzio genannt – und auch er selbst nennt sich so. Gleich führt ihn Fritz Rougemont bei Maja und Paul Winteler ein (Fig. 7). Maja adoptiert auch ihn… und sogleich beginnen sie vierhändig Klavier zu spielen.

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Abbildung 7: Auf ‘Samos’: Maja Einstein, Anzio, sein zu Besuch in Florenz weilender Onkel Georg Staude und Paul Winteler. Bild: Fam. Staude.

In den Jahren 1926 bis 1933 kommt meine Großmutter Elsa Staude ab und zu aus Hamburg nach Florenz, um ihren Sohn zu besuchen. So lernt auch sie Wintelers kennen und wird eine von Majas besten Freundinnen (Abb. 8).

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Abbildung 8: Maja Einstein und Elsa Staude um 1933. Bild: Fam. Staude

Mittlerweile engagiert sich Fritz Rougemont, nach Hamburg zurückgekehrt, in der Kulturwissenschftlichen Bibliothek Warburg so sehr, dass er, zusammen mit Gertrud Bing, mit der Herausgabe einer ersten Auswahl von Aby Warburgs Gesammelten Schriften betraut wird – sie werden bereits 1932, drei Jahre nach Abys Tod erscheinen.

1930: In Florenz bezieht Anzio eine Wohnung in der Via delle Campora 30 (Abb. 9).

1931: Auf Samos’ erreicht Majas altes Klavier das Ende seiner Tage, jedoch fehlen der Verzweifelten die Mittel für einen Ersatz. Daraufhin ersteht ihr Bruder Albert in Berlin einen 1899 in Leipzig gebauten und soeben renovierten Blüthner-Flügel und bringt ihn als Geburtstagsgeschenk für Maja auf den Weg nach Samos’: Aus Majas Briefen ergießt sich Freude ohne Ende. Als sie vom Klavierkauf erfährt, schreibt sie:

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Abbildung 9: Im ersten Stock dieses Hauses, aus dessen Fenstern die Kuppeln von Arcetri zu sehen ist, haben wir bis 2001 insgesamt 71 Jahre gelebt. Das Bild stammt aus den 1950er Jahren. Bild: Fam. Staude

“Es ist eine Seligkeit zu leben. Ganz besonders auch, weil gestern die begeisternde Nachricht kam, dass mein Bruder selbst mir bei Blüthner einen Flügel ausgesucht hat, den ich nun in Bälde hier einziehen sehen werde. Ist er nicht ein feiner Bruder, außer dem, was er sonst noch ist?”

Und nach der Ankunft des Flügels auf Samos’:

“Der Flügel ist da! Und was für ein Flügel! So herrlich und biegsam im Klang wie ich es mir in meinen hochfahrendsten Träumen nicht habe vorstellen können… schöner als Anzios Bechstein: Wenn Du nur hören könntest wie schön er tönt, wie Nachtigall und wie Orgel, wie Flöte und wie Geige. Wer nur alles herausholen könnte, brächte Himmel und Hölle und was dazwischen liegt zum Tönen. Ich bin so selig mit ihm…”

An jene Jahre in Quinto bis Anfang 1939 werden sich die Beteiligten als an eine Orgie des vierhändigen Klavierspielens und – allgemeiner – der Verschmelzung aller Künste erinnern, wie sie ein allegorisches Stillleben von Anzio veranschaulicht (Fig. 10).

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Abbildung 10: Hans-Joachim Staude: Malerei, Bildhauerei, Musik und Dichtung. Öl auf Leinwand, 1937

Teil VII

1932: Im November fährt Albert Einstein zu einer Vortragsreise nach Amerika.

1933: Im Januar ergreift Adolf Hitler die Macht in Berlin. Infolgedessen…

– kehrt Albert Einstein nicht mehr nach Deutschland zurück. Bald wird er nach Princeton berufen und bleibt dort für den Rest seines Lebens;

– Fritz Rougemont, Anzios und Majas hochsensibler Freund, bekehrt sich zum Nationalsozialismus und seine Freundschaft mit Anzio findet zu dessen großem Leidwesen ein jähes Ende. Nur Maja will es nicht glauben und verteidigt Fritz in ihren Briefen an die gemeinsamen Freunde noch jahrelang unermüdlich, bis auch sie sein offensichtliches Nazi-Engagement erkennen muss;

– die Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg wird zu ihrem Schutz vor dem Zugriff der Nazis von Hamburg nach London verlegt, wo sie bald unter dem Namen Warburg Library, später Warburg Institute, neu gegründet wird als eine Art Princeton Institute for Advanced Studies, das sich noch heute kunst- und kulturwissenschaftlichen Studien aller Art widmet;

– Elsa Staude verliert ihren Ehemann und zieht von Hamburg zu ihrem Sohn nach Florenz – zur großen Freude Majas, die den Tod meines Großvaters mit den Worten kommentiert: “À quelque chose malheur est bon!”;

– schließlich wird, ebenfalls 1933, Max Warburg aus dem deutschen Reichsbankrat verdrängt, dessen Mitglied er seit 1924 war; er bleibt noch bis 1935 Mitglied in zwölf weiteren Aufsichtsgremien.

1938: Max wird zur Abgabe der Leitung und zum Verkauf des Bankhauses Warburg genötigt und emigriert mit seiner Familie in die USA, wo allerdings noch zahlreiche Verbindungen, auch geschäftliche, bestehen. Vor den 200 verbliebenen Angestellten des Bankhauses hält er, der sich stets als Patriot verstand, eine lange Abschiedsrede, die mit den Worten schließt: “Wir wünschen Ihrer Arbeit Erfolg, zum Segen der Hansestadt Hamburg und zum Segen Deutschlands.”

Im selben Jahr fährt Anzio von Florenz nach Hamburg, um dort seine Jugendfreundin Renate Moenckeberg zu heiraten; die beiden hatten sich 1925 auf einem Faschingsball im Hause Warburg kennen gelernt. Renate lebt fortan mit Anzio, der Großmutter Staude, und später mit den beiden Kindern Angela und Jakob in der Via delle Campora 30.

1939: Die Rassengesetze sind nun auch in Italien in Kraft getreten; folglich überlässt Maja im Februar Anzio leihweise den Blüthner-Flügel, der so in unsere Wohnung gelangt, und fährt mit Paul in die Schweiz, in der Absicht, mit ihm zusammen Albert in Princeton zu besuchen. Aber Paul erhält als Schweizer Bürger kein Visum zur Einreise in die USA. Deshalb fährt Maja allein, in der Überzeugung, wenige Monate später mit Paul nach ‘Samos’ zurückkehren zu können. Im September bricht der Krieg aus und 1941 fällt Fritz Rougemont, der Maja noch 1938 einen kleinen Gedichtband mit seinen Petrarca-Übersetzungen verehrt hatte, als überzeugter Nationalsozialist an der Ostfront.

1942: Anzio wird in Florenz als gemeiner Soldat zur Wehrmacht eingezogen und erst in Rom, später in Verona als deutsch-italienischer Dolmetscher eingesetzt. Das korrekte Grüßen seiner Vorgesetzten erlernt er nie, der Umgang mit Waffen bleibt ihm aus Gründen seines Alters und seiner Unfähigkeit in solchen Dingen erspart.

Hier muss gesagt werden, dass Maja Einstein und Paul Winteler nicht die Einzigen der Familie waren, die ihr Zuhause nach Italien verlegt hatten. Zunächst nahe Perugia, später in einem Landhaus bei Rignano sull’Arno nahe Florenz lebte Alberts und Majas Vetter Robert Einstein mit seiner italienischen Frau Nina Mazzetti, den Töchtern Luce und Annamaria und den Nichten Lorenza und Paola Mazzetti, den verwaisten Kindern von Ninas Bruder.

1944: Am 3. August, während die Wehrmacht auf ihrem Rückzug nach Norden Florenz passiert, ereignet sich in Rignano das schreckliche Blutbad: Ein deutscher Offizier und seine Soldaten verwüsten das Haus des abwesenden Robert Einstein und töten seine Frau und die beiden Töchter. Anscheinend wollte man, indem man Roberts Familie traf, in Wahrheit den fernen Albert treffen, der den Mördern nicht nur als ‘Jude,’ sondern auch als Verräter galt. Den Nichten Lorenza und Paola Mazzetti blieb, da “nicht zur Familie Einstein gehörig”, der Tod erspart. Robert nahm sich ein Jahr später das Leben, und heute wird uns Lorenza [1], die unter den Anwesenden ist, ihre weitere Lebensgeschichte erzählen.

1945: Während des Rückzugs der Wehrmacht aus Italien (März/April) gelingt Anzio nahe bei Bozen die nächtliche Flucht als gemeiner Soldat in Uniform. Er schlägt sich zu Freunden durch, wechselt die Kleider und bleibt im Land. Im August erreicht er sein Zuhause in Florenz und malt weiter in seiner Stadt (Abb. 11).

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Abbildung 11: Anzio malt ein Bild auf der Piazza die Porta Romana. Bild aus den 1950er Jahren. Bild: Fam. Staude

Teil VIII

1948: Elsa Staude reist in die USA, um nach vielen Jahren ihren ersten Sohn Gustav wiederzusehen, der dort lebt. Bei dieser Gelegenheit besucht sie auch Princeton und sieht dort zum letzten Mal ihre schon krankheitsgeschwächte Freundin Maja (Abb. 12).

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Abbildung 12: Elsa Staude und Maja Einstein in Alberts Haus in Princeton. Bild: Fam. Staude

1951: Maja stirbt in Princeton, ohne weder ihren geliebten Paul, noch ihr ’Samos’ je wiedergesehen zu haben. Ein Jahr später stirbt Paul in der Schweiz. Meine Großmutter hatte über Maja geschrieben: “Ich weiß jetzt auch was ihr ganz großer Reiz für mich ist. Es ist diese unbedingte Wahrheit in der sie lebt – nie kommt Einem ein Zweifel in Wort und Tat – kristallklar ist Herz und Geist. Wie wohl tut ein solcher Mensch!”

1955: Albert Einstein stirbt in Princeton.

1957: An unserer Haustür in der Via delle Campora erscheint ein vornehmer Herr: Es ist Vero Besso (1898-1971), der Sohn jenes Michele Besso, der 1904 am Patentamt in Bern ein enger Freund und Kollege Albert Einsteins wurde und später durch seine Heirat mit Paul Wintelers Schwester Anna mit Einsteins auch verschwägert war. Vero Besso hat ‘Samos’ geerbt, lebt in Florenz und kümmert sich um den weiteren Nachlass der Einsteins in Italien. Er fragt meinen Vater nach dem Flügel: Anzio empfängt ihn freundlichst, führt ihn ins Musikzimmer und erzählt ihm lange und klopfenden Herzens von den glücklichen Jahren auf ‘Samos’. Vero Besso hört ihm aufmerksam zu. Dann sagt er: “Ich sehe, es ist nicht möglich”, steht auf und geht – und lässt das Klavier dort stehen, wo es ist. So bleibt Einsteins Flügel bei Anzio, der bis zum Ende seines Lebens im Jahr 1973 darauf spielen wird (Abb. 13).

Anzio an Einsteins Flügel im Haus in der Via delle Campora 30

Abbildung 13: Anzio am Blüthner in seinem Haus in Via delle Campora 30. Bild: Fam. Staude

Teil IX

2001: Nach dem Tod meiner Mutter geben wir unsere Wohnung in der Via delle Campora auf. Der Flügel zieht mit uns nach Mosciano um, in eine ländliche Behausung am südlichen Rand von Florenz, auf der anderen Seite der Stadt und doch in Sichtweite von ‘Samos’. Dort spielen im Sommer unsere Söhne Lorenzo und Antonio darauf.

2015: In Mosciano besucht uns unser Freund Francesco Palla, florentinischer Astronom und vormals Direktor der Sternwarte Arcetri. Er sieht den Flügel, vernimmt dessen Geschichte und schlägt uns vor, ihn als Leihgabe nach Arcetri zu geben, zur Nutzung durch klavierspielende Astronomen und bei öffentlichen Veranstaltungen astronomisch-musikalischer Art.

Francesco hat uns kürzlich völlig unerwartet verlassen, aber heute ist seine Idee verwirklicht: Der Flügel, von dem hier anwesenden Klavierbauer Simone Bussotti soeben zu neuer Vollendung gebracht, ist zur Sternwarte gekommen, und wir haben den Leihvertrag unterzeichnet, der seinen Verbleib in Arcetri regelt (Fig. 14) – Filippo Mannucci, der heutige Direktor von Arcetri, bemerkte zu diesem Bild: “Abgesehen von den Kugelschreibern, sehen wir doch wirklich aus wie zwei Staatsoberhäupter!”

Abbildung 14: Filippo Mannucci und Jakob Staude unterzeichnen den Leihvertrag über Einsteins Flügel.

Abbildung 14: Filippo Mannucci und Jakob Staude unterzeichnen den Leihvertrag über Einsteins Flügel. Bild: Paolo Tozzi

Nun wird der Flügel hier oben verbleiben, in Sichtweite von ‘Samos’ (das dort zu Füßen des Monte Morello liegt) und auch des Hauses in Via delle Campora (Abb. 15): In diesem neuen Abschnitt seiner Geschichte ist er unseren astronomischen Freunden anvertraut – Einsteins jungen Kollegen!

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Abbildung 15: Blick von Arcetri auf das Haus mit dem großen Turm in der Via delle Campora. Bild: Enrico Pinna

 

 

 

Bio-bliographische Hinweise:

Franziska Rogger, Einsteins Schwester. Verlag NZZ, Zürich 2005

Hans-Joachim Staude, Leben und Werk: www.staude.it (dreisprachige Internetseite)

[1] Lorenza Mazzetti, geb. 1928 in Florenz, ist Malerin und Regisseurin. Unmittelbar nach Kriegsende besuchte sie die Slade School of Fine Arts in London. Ihr erster Film „K“ (1953), frei nach Kafka’s Verwandlung, gilt als Vorläufer und Manifest der Bewegung Free Cinema. Sie hat auch mehrere Bücher verfasst, darunter Der Himmel fällt (1962, dt. Übersetzung 2001), in dem sie die tragischen Ereignisse von Rignano erzählt, und Londoner Tagebuch (2014). Seit 1956 lebt und arbeitet sie als freie Autorin und Theatermacherin in Rom.


[Ende des Gastbeitrags]

Während unserer Sommerschule in Florenz haben wir den Flügel, den Einstein seiner Schwester schenkte, dann im Observatorium von Arcetri auch selbst sehen können, und Björn Malte Schäfer und ich haben auch ein wenig darauf gespielt. Hier ist ein Videofragment mit Björn und dem Flügel:

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “1924: Im Sommer kommt es am Strand bei Travemünde unter nicht genau rekonstruierbaren Umständen zu einer persönlichen Begegnung des noch 19-jährigen Hans-Jo mit Albert Einstein…”
    Waehrend Albert Einstein sich auch schon 1924 gelegentlich in Kiel aufhaelt, ist nichts bekannt ueber einen Aufenthalt in oder in der Nahe von Travemuende. Hingegen verbringt er 1928 mehrere Sommermonate in Scharbeutz, das in der Nahe von Travemuende liegt. Dort besuchen ihn Elsa Staude, ihr Sohn Hans-Joachim und dessen Freund Fritz Rougemont im September (evtl. Ende August) 1928. Der Nachweis findet sich auf einer Postkarte an Maja Winteler vom 13.9.1928. Diese Postkarte ist online findbar unter den Briefen von Einstein an Maja, die im Mai 2018 von Christie’s verkauft wurden. – Mit schoenen Grussen aus Haifa – Barbara Wolff

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