Ein Journalismuspreis und ein Qualitätskontrollenproblem

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… aber nicht einfacher
RELATIV EINFACH

Irgendwie ist es doch sehr seltsam. Das ist jetzt das zweite Mal, dass mir ein bestimmter journalistischer Artikel besonders problematisch vorkommt, und der/die diejenige kurz darauf bei medium, der Selbstbeschreibung nach “Das Magazin für Journalistinnen & Journalisten“,   ausgezeichnet wird. Das erste Fall war damals Hristio Boytchev.

Maßlose Übertreibung auf dünnen Studien-Füßen

Damals ging es daum, dass in entsprechenden Artikeln bei SPIEGEL und Correctiv zu einer Studie zu lesen stand, bestimmte Zahlen seien “maßlos übertrieben”. Nur dass sich jene Behauptung in der Analyse, auf die verwiesen wurde, gar nicht fand.

Das fand ich dann doch recht krass – dass sich die Kernaussage des Artikels (nicht meine subjektive Einschätzung, sondern genau so lautete dann auch der SPIEGEL-Untertitel) als so missverständlich, im SPIEGEL-Untertitel sogar falsch, herausstellte. Die Details sind hier in diesem Blogartikel nachzulesen.

Ein paar Tage nach dem Blogartikel wurde dann die Nachricht in meine Timeline gespült, Boytchev habe Platz 3 bei Wissenschaftsjournalist des Jahres eben beim Medium-Magazin belegt. Ich weiß nicht mehr, ob es genau dieser Tweet war, aber vielleicht:

In der Begründung von Medium wurde übrigens genau die Recherche zu den resistenten Keimen genannt, auf die sich auch der aus meiner Sicht so problematische Artikel bezog.

Ich habe meine Bezugsgröße verloren

Und eben gerade hatte ich ein Déjà-vu. Ende November war mir ein Artikel in der Süddeutschen von Christina Berndt  in die Timeline gespült worden, “Lasst die Schulen offen!” (we all know how that turned out), in dem aus meiner Sicht doch sehr elementare Fehler waren.

Da wurde insbesondere eine entscheidende Zahl (für den Anteil der positiv getesteten Kindern in bestimmten Kinderkliniken) in einer Weise ohne Vergleichszahl angeführt, dass für Leser*innen gar nicht ohne Zusatzinformationen klar sein konnte, ob jene Zahl jetzt die Hauptthese des Artikels unterstützte oder im Gegenteil dagegensprach. Also eigentlich ein No-No, wie es bei ‘Wissenschaftsjournalismus 101’ im Buche steht. Ich hatte das in diesem Tweet-Thread näher ausgeführt:

Ein paar Tage später war dann bei der SZ eine Korrektur eben jener Stelle erfolgt, wo es um jene 0.2% ging. Auch wenn in der entsprechenden Notiz dazu nicht stand “Hoppla, böser Anfängerfehler, leider keine Bezugszahl angegeben” sondern eine andere Begründung gegeben wurde: In der neuen Version wurden die 0.2% der getesteten stationär aufgenommenen Kinder jedenfalls zur Gesamtbevölkerung mit 0.36% in Bezug gesetzt.

Das Problem dabei: Letztere 0.36% stammten aus der damals aktuellen Phase der Pandemie, ungefähr im letzten Novemberdrittel, wo die zweite Welle bereits recht gut im Gange war. Die 0.2% dagegen bezogen sich insgesamt auf ein halbes Jahr (Kinder, “die im vergangenen halben Jahr bis zum Stichtag 18. November […] stationär aufgenommen worden waren”).

Sprich: da wurden offenbar Äpfel mit Birnen verglichen. In einer Weise, dass das Ergebnis des Vergleichs die Botschaft, um die es in dem Artikel ging (“Lasst die Schulen offen!”) zu stützen schien, aber das eben nur aufgrund der Äpfel-Birnen-Dynamik. Also eigentlich wieder ein absolutes No-No von ‘Wissenschaftsjournalismus 101’.

Ausgezeichnete Äpfel und Birnen

Ich hatte damals extra versucht, zumindest grob abzuschätzen, wie bei der Gesamtbevölkerung die Durchschnitts-Infiziertenrate über dieses halbe Jahr hinweg war, und war zu einem Ergebnis deutlich unter 0.2% gekommen, siehe hier:

Und da sich Geschichte ja bekanntlich wiederholt, wenn in diesem Falle auch eher beide Male als Farce, wird mir heute in die Timeline gespült, dass Frau Bernhardt bei Medium auf Platz 2 bei Wissenschaftsjournalist*in des Jahres gelandet ist. (Offizielle Bezeichnung offenbar: “Journalist*in des Jahres, Fachkategorie Wissenschaftsjournalismus”.)

Und die Corona-Berichterstattung wird in der Begründung prominent erwähnt. Lineare Extrapolation besagt also, dass für 2021 ein*e Journalist*in bei Medium als Wissenschaftsjournalist*in des Jahres auf Platz 1 landet, der/die sich einige Wochen vorher einige unschöne Patzer zu eben jenem Thema geleistet hat, das Medium in der Preiswürdigkeitsbegründung besonders herausstellt.

Wie sieht es denn allgemeiner mit Qualitätskontrolle aus?

Aber mal ernsthaft: Gibt es da denn keine echte Qualitätskontrolle? Wird, Relotius und die Reporterpreise lassen grüßen, da von einschlägiger Jury sozusagen nach Aktenlage entschieden? Unter der Voraussetzung: in den Artikeln, die man sich da als Jurymitglied anschaut, wird schon alles so richtig sein bzw. alles so stimmen? (Bzw. eigentlich würde das im diesjährigen Falle ja auch nicht reichen: Da kann man das grundlegende Problem ja bereits im Text selbst sehen.)

Die entsprechende Kompetenz sollte ja eigentlich vorhanden gewesen sein, jedenfalls verweist Medium auf eine “über 100-köpfig[e] unabhängige Fachjury“. Allerdings dürfte die Organisationsform ‘hundertköpfige Jury’ ja als Forum für kritische Diskussionen auch nicht so ganz geeignet sein, ebenso wenig wie andere Gremien der hundertköpfigen Größenklasse. (OK, und nach demselben Verfahren war offenbar auch Claas Relotius 2018 auf Platz 4 der Kategorie “Reportage (Inland)” gewählt worden, und 2016 in “Reporterinnen und Reporter” auf Platz 6; das Verfahren sieht soweit ich sehen kann auch an keiner Stelle allgemeine Diskussionen vor.)

Jedenfalls ist mein Zynismuslevel in Sachen Journalismus, bzw. jetzt auch in Sachen Journalismuspreise, damit wieder etwas gestiegen. Danke auch, Medium. Und letztlich läuft das ganze auf die Frage nach Qualitätskontrolle und damit – mein Bezug ist da wenig überraschend häufig ein Bereich, in dem mich mehr praktische Erfahrungen habe – auf einen grundlegenden Unterschied zwischen Journalismus und Wissenschaft heraus, nämlich dass bei Journalismus ein externer Dialog als systematischer Kontrollmechanismus fehlt.

Transparenz? Fehlanzeig-isch

Intern, und in der Regel leider komplett intransparent, mag es da Vieraugenprinzip, eventuell sogar Factchecking geben. Aber wenn der Artikel erst einmal erschienen ist, ist er aus der Qualitätssicherungsperspektive weitgehend unwichtig geworden. Allenfalls bei ganz groben Patzern kommt vielleicht mal was bei Übermedien oder im BildBlog. Und bereits solche Medienkritik ist zumindest aus Sicht einiger Journalist*innen wohl bereits Nestbeschmutzung.

Sie führt bei denen, die da die Hauptziele sind, sprich BILD und Regenbogenpresse, ja wohl auch zu Null Verbesserungen. Außerdem hat es nicht dazu geführt, dass es sich unter den ernsthaften Journalist*innen eingebürgert hätte, sich öffentlich von BILD/Regenbogenpresse zu distanzieren, nach dem Motto: Nein, was die machen ist etwas ganz anderes als unser seriöser Journalismus. Stattdessen sitzt man wohl in entsprechenden Organisationen auch gemeinsam mit den BILD/Regenbogenpresse-Kolleg*innen, oder nimmt parallel zu ihnen Preise an.

Externe Interaktionen? Naja.

Interaktionen mit Leserinnen sind meinem Eindruck nach auch relativ selten; ich überlege, wann ich das letzte Mal gesehen habe, dass sich in entsprechenden Kommentarspalten wirklich der/die Autorin zu Wort meldet – bzw. ob ich das überhaupt mal gesehen habe. (Wobei ich durchaus verstehen kann, dass das, was in den Kommentarspalten der reichweitenstärkeren Medien so abgeht, den Autor*innen oftmals nicht den Eindruck vermittelt, da sei der Grundstein für konstruktive Diskussion gelegt.)

Und dieses Qualitätssicherungs-Defizit ist durchaus ein Problem in einer Zeit, wo wir – auch und gerade in Sachen Corona – guten, verlässlichen, transparenten Journalismus gerade dringend brauchen. Ein Shout-Out geht an dieser Stelle aber an die ZEIT mit deren Glashaus-Blog , wo tatsächlich offen und für alle nachlesbar mit bestimmten internen Problemen und bestimmter Kritik umgegangen wird.

Punktabzug gibt es allerdings dafür, dass die ZEIT zwar über die Einrichtung des Blogs getweetet hat, dann auch ein knappes Jahr die neuen Transparenz-Blogartikel getweetet, aber zumindest dieser Twitter-Suche nach dem Hashtag #Glashaus vom Zeit-Online-Twitteraccount @zeitonline nach, weniger als ein Jahr nach Einrichtung des Blogs damit aufgehört hat, die Glashaus-Beiträge auch über Twitter zu verbreiten. Schade, ZEIT – da dürftet ihr mit der Transparenz ruhig etwas proaktiver umgehen!

Falls andere Medien da inzwischen nachgezogen sein sollten und ebenfalls Transparenz-Blogs oder ähnliches haben: sachdienliche Hinweise gerne in den Kommentaren. In Sachen begründetes und erarbeitetes Vertrauen könnte der Journalismus jedenfalls soweit ich sehen kann noch einiges mehr tun als da bislang läuft. Medium – das Magazin für Journalistinnen und Journalisten hat da in meinem Falle leider wieder ein Stück von jenem Vertrauen verspielt. Schade.

Dieser Text erschien zunächst als Twitter-Thread hier.

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

5 Kommentare

  1. Wann ist ein Journalist erfolgreich? Wenn er/sie wahrgenommen wird, wenn er/sie die Diskussion um ein Thema mitbestimmt.
    Klar, stimmen müssen die Aussagen im Artikel. Doch, werden wohl viele Laien und selbst Fachleute denken, wenn der Artikel viele erreicht hat und breit darüber diskutiert wird, dann kann er doch nicht grundlegend falsch sein, denn sonst hätte es vernehmliche Gegenstimmen gegeben.
    So ist es wohl. Und das obwohl dahinter eine falsche Annahme steckt. Wissenschaft und Journalismus sind wirklich recht verschiedene Welten. Vor allem was den Zeitfaktor betrifft. Nach 3 Monaten beginnt im Journalismus bereits die Archivphase, in der Wissenschaft aber wird es meist erst danach interessant.

    • Zitat 1 Markus Pössel:

      In Sachen begründetes und erarbeitetes Vertrauen könnte der Journalismus jedenfalls soweit ich sehen kann noch einiges mehr tun als da bislang läuft.

      Zitat 2 Markus Pössel:

      Interaktionen mit Leserinnen sind meinem Eindruck nach auch relativ selten; ich überlege, wann ich das letzte Mal gesehen habe, dass sich in entsprechenden Kommentarspalten wirklich der/die Autorin zu Wort meldet – bzw. ob ich das überhaupt mal gesehen habe.

      Zustimmung zu beidem und gleich ein Vorschlag wie man beides ändern könnte: Zusätzlich zu einer Kommentarspalte für gewöhnliche Leser könnte man eine Kommentarspalte für Fachleute/Wissenschaftler führen. Ein Artikel, der sich mit Infektionskrankheiten beschäftigt würde also Kommentare, die von Infektiologen kommen, separat ausweisen. Denkbar wäre sogar, dass sich von jedem Fachgebiet einige Fachleute für ein Medium, eine Zeitung als „professionelle Kommentaristen“ zur Verfügung stellen. Diese würden vom Journalisten eine E-Mail erhalten in der sie aufgefordert würden, den Artikel zu lesen und gegebenenfalls zu kommentieren.

  2. Ergänzung zu meinem Kommentar vom 15.12.2020, 16:34 Uhr:
    Der im Beitrag von Markus Pössel erwähnte Artikel in der Süddeutschen „Lasst die Schulen offen!“ basiert ja auf Daten von mehr als 110 000 Kindern und Jugendlichen aus mehr als 100 Kinderkliniken. Man kann sich ziemlich sicher sein, dass die Autorin dieses Artikels in ihrer Aufforderung, die Schulen nicht zu schliessen, genau die Auffassung der Klinikdirektoren vertritt, die diese Daten ausgewertet haben, zumal man im Artikel liest (Zitat Süddeutsche)

    “Dass es eine hohe Dunkelziffer unter Kindern und Jugendlichen gibt, ist damit sehr unwahrscheinlich”, sagt Johannes Hübner, der stellvertretende Direktor des Haunerschen Kinderspitals der Universität München, “unserer Meinung nach sollte man die Schulen offen lassen.”

    Das bedeutet auch, dass selbst wenn der Artikel in der Süddeutschen etwa von Johannes Hübner gegengelesen wurde, dass selbst dann Johannes Hübner kaum etwas am Artikel auszusetzen hatte, denn der Artikel portierte ja seine eigene Meinung und der fehlende Bezug der infizierten Kinder zur Gesamtheit der Infizierten wird vielleicht nicht einmal ihm aufgefallen sein. Dieses Beispiel zeigt mir, dass Gegenlesen von Artikeln durch die befragten/konsultierten Forscher/Gewährsleute nicht immer genügt um einen journalistischen Artikel abzusichern. Um einen Artikel mit Aussagen, die wissenschaftlichen Anspruch erheben, richtig einzuordnen, braucht es vielmehr nicht selten auch Beurteilungen weiterer Wissenschaftler.

    Darum wäre eine separate Kommentarspalte für Fachwissenschaftler eventuell nützlich bei journalistischen Artikeln mit wissenschaftlichem Anspruch.

  3. Folgenden Fehler kann man jeden Tag lesen:
    (Beispiel): 20 Prozent der Infizierten entwickeln schwere Symptome während es bei der anderen Krankheit nur ungefähr ein knappes Fünftel ist.
    Der Vergleich von Prozent mit Bruchzahlen ist genauso irreführend wie die fehlende exakte Zahl der Betroffenen oder die Klärung, welche Symptome denn nun als “schwer” erachtet werden und ob man diese denn überhaupt vergleichen kann.
    Es bleiben unklare bis falsche Aussagen widerspruchslos stehen und werden dann in der Öffentlichkeit als wahr (weil gedruckt) verbreitet und diskutiert.

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