Die Bayes-Umkehrung: Ein Werkzeug für mehr evidenzbasierte öffentliche Diskussionen

Ausschnitt aus einem aller Wahrscheinlichkeit nicht echten Bild des Urhebers des Satzes von Bayes, nämlich Reverend Bayes.

Häufig genug, aber natürlich nicht immer, geht es um Rassismus, Sexismus oder andere -ismen, wenn öffentlich diskutiert wird, ob eine bestimmte prominente Aussage wirklich so gemeint war, oder ob sie vielleicht „nur“ harmlos gemeint war, aber anders verstanden wurde. Ob Stefan Gelbhaar von den Berliner Grünen betont, „niemals jemanden absichtlich belästigt zu haben“, Hervorhebung von mir, oder ob es um die gesammelten war-doch-nicht-so-gemeint-Beispiele dafür geht, „wie [Friedrich] Merz für Verwirrung sorgt, die sich leicht durch präzisere Formulierungen hätte vermeiden lassen“ (so ein FAZ-Beitrag mit Ober-Überschrift „Methode Merz“ und Titel „Syrer, Stadtbild, Zirkuszelt“): irgendwie rutschen Diskussionen dieser Art von Seiten der jeweils herbeieilenden Verteidiger schnell in eine Art Gerichtsprozess-Modus, komplett mit gewichtigen Verweisen auf die Unschuldsvermutung des Strafrechts. Und mein erster Gedanke ist inzwischen: Warum hängen wir die Latte an der Stelle eigentlich so peinlich niedrig?

Aussagen-Umkehr mit dem Satz von Bayes

Ein Thema, das mich in letzter Zeit häufig beschäftigt, ist das Verhältnis von „Wahrheits-Absicherugnsmechanismu“ in der Wisssenschaft im Vergleich zur allgemeine Gesellschaft: wie Wissenschaft sicherstellt, dass ihre Ergebnisse belastbar sind, im Vergleich und als Kontrast dazu, wie wir in öffentlichen, insbesondere politischen Diskussionen mit der Frage umgehen, auf welche Aussagen wir uns wie weit verlassen können. Vor ziemlich genau zwei Jahren hatte ich die zugrundeliegende Mathematik hier auf den SciLogs in einer vierteiligen Mini-Serie „Evidenzbasiert entscheiden“ (Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4) zusammengefasst. Ein grundlegender Baustein solcher evidenzbasierter Entscheidungen ist ein charakteristisches Umkehrprinzip. Ein allgemeiner mathematischer Satz, nämlich der Satz von Bayes, sagt uns: die Wahrscheinlichkeit, dass eine Interpretation X der Daten D zutrifft, ist proportional zu der Wahrscheinlichkeit, dass wir jene Daten D vorfinden würden, vorausgesetzt, dass Interpretation X zutrifft.

Das ist ziemlich abstrakt. Auf Fälle wie die oben angerissenen angewandt heißt es: Wir fragen uns, ob Person X z.B. ein Rassist ist [1], weil er oder sie eine bestimmte rassistisch klingende Aussage A getroffen hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass Person X ein Rassist ist, ist proportional zu der Wahrscheinlichkeit, die wir als Antwort auf die Frage erhielten „Wenn Person X ein Rassist ist, wie wahrscheinlich ist es dann, dass er die Aussage A treffen würde?“ Das ist die entscheidende Umkehrung – es geht um zwei verschiedene Fragen. Aber der Satz von Bayes sagt uns, dass die entsprechenden Antworten, ausgedrückt in Form einer Wahrscheinlichkeit, proportional zueinander sind.

(Wenn wir noch einen Schritt weitergehen wollen, können wir dass Verhältnis von Wahrscheinlichkeiten bilden. Dann steht dass Verhältnis der Wahrscheinlichkeiten „Wahrscheinlichkeit, dass X ein Rassist ist“ zu „Wahrscheinlichkeit, dass X kein Rassist ist“ auf der linken Seite, das Verhältnis von „Wahrscheinlichkeit, dass X diese Aussage treffen würde, wenn er ein Rassist wäre“ zu „Wahrscheinlichkeit, dass X diese Aussage treffen würde, wenn er kein Rassist wäre“ auf der rechten Seite der Gleichung. Mathematisch gesprochen vergleichen wir Likelihoods, indem wir einen Likelihood-Ratio bilden. Ein häufiges Vorgehen beim Modellvergleich.) Ich nenne das hier abgekürzt die Bayes-Umkehrung, aber das ist kein etablierter Fachbegriff.

Wie man „Missverständnisse“ vermeidet

Auf dieser Basis ergibt sich für Menschen, die im Extremfall in der Öffentlichkeit stehen, viel häufiger einfach nur mit ihren Mitmenschen wechselwirken, eine direkte Handlungsempfehlung. Du möchtest nicht, dass deine Mitmenschen evidenzbasiert (!) zu dem Schluss kommen, du seist ein Rassist, Sexist etc.? Formuliere deine Aussagen so, dass möglichst unwahrscheinlich ist, dass die jeweilige Aussage von einem Rassisten, Sexisten etc. getroffen werden würde. Mach gedanklich die Bayes-Umkehrung und schau, was dabei herauskommt:

  • Wenn du nicht evidenzbasiert mit jenen dumpfen Heinis in eine Schublade gesteckt werden willst, die Vorurteile gegenüber jeglichen „Ausländern“ haben und die Schnappatmung bekommen, weil das gute bürgerliche deutsche Restaurant in dem sie mit ihren Eltern essen waren, einem Dönerstand weichen musste, triff keine Stadtbild-Ansagen.
  • Wenn du nicht evidenzbasiert in derselben Schublade wie die „Gender-Gaga“-Eiferer landen willst, degradiere Regenbogenflaggen nicht zur Zirkuszelt-Dekoration.
  • Wenn du nicht evidenzbasiert in der Schublade derjenigen landen willst, die ihre Machtposition ausnutzen, um mit ihren Untergebenen anzubandeln oder sie gar zu Sex zu drängen, dann antworte der Praktikums-Interessentin auf Instagram nicht mit einem Herzaugen-Smiley auf das Bild, das sie im Bikini zeigt.
  • Wenn du nicht evidenzbasiert in der Schublade derjenigen landen willst, die ihrem zutiefst frauenfeindlichen Verhalten einen pseudowissenschaftlichen Unterbau verschaffen wollen, dann fasele nicht ohne jegliche kritische Einordnung darüber, dass Vergewaltigung ja vielleicht schon von der biologischen Evolution her der Unterbau der männlichen Sexualität wäre

Mit der Bayes-Umkehrung rückt in den Blick, wie unnormal oder vielleicht ja auch normal, je nach konkretem Fall, die entsprechenden Aussagen oder Handlungen sind. Das schafft konkrete und konstruktive Möglichkeiten zur Diskussionn. Wir würden eben nicht weitgehend müßig über die Gedanken von Herrn Gelbhaar spekulieren müssen, sondern könnten darüber reden, dass die allermeisten Menschen (hoffe ich!) nun einmal erkennen, dass es übergriffig ist, als Politiker öffentlich Interesse an leicht bekleideten Bildern einer deutlich jüngeren Frau zu bekunden – auch wenn sich solche Bilder in heutiger Zeit in den sozialen Medien finden – und Interaktionen mit der eigenen Politikerrolle ins ist-das-hier-schon-ein-Flirt-oder-gerade-noch-nicht-persönliche zu drehen. Wir könnten bei der Stadtbild-Debatte darüber reden, welche Haltungen bei den meisten Menschen dahinterstehen, wenn sie auf „fremdartig aussehende“ Menschen im öffentlichen Raum derartig allergisch reagieren. Wir kommen weg von der letztlich so gut wie immer fruchtlosen Diskussion von war-es-ein-Missverständnis-oder-doch-nicht, die am Ende immer daran scheitert, dass man dem Betreffenden eben nicht in den Kopf schauen kann, und hin zu einer datenbasierten, phänomenologischen Diskussion.

Von Kommunikationsprofis professionelle Kommunikation erwarten

Auch wenn mich, zugegebenerweise aufgrund meines eigenen Hintergrundes, besonders interessiert, wie unsere Einschätzungen bei den erwähnten Diskussionen mit allgemeinen Fragen der Evidenzbasiertheit zusammenhängen, gibt es noch eine alltagsnähere Ebene. Kommunikation ist für Politik, Journalismus und weitere Bereiche zentral. Profi in jenen Bereichen zu sein, heißt, Kommunikationsprofi zu sein. Handwerklich solide in jenen Bereichen zu arbeiten schließt kompetente Kommunikation ein. Unschärfe und mehr oder wenige große Missverständnisse, oder sagen wir allgemeiner: ein Missverhältnis zwischen dem, was die Botschaft sein soll und was als Botschaft ankommt, sind bei jeder Kommunikationshandlung eine Gefahr – in Extremfällen fatal, in deutlicher Aussprägung handwerklich schlecht, in einem gewissen Minimal-Umfang unvermeidlich.

Damit gilt: Wenn wir Politiker*innen, aber zum Beispiel auch Journalist*innen nach ihren Fähigkeiten beurteilen wollen, dann ist Kommunikationskompetenz ein wichtiger Aspekt. Dass Kommunikationsprofis die Unschärfe von Kommunikation kennen, können wir voraussetzen. Das heißt aber auch: Wer vermeidbare Unschärfe erzeugt – vage formuliert, wo es konkreter ginge; mehrdeutig, wo man hätte klarstellen können, wass gemeint ist – der steht in der Verantwortung, insbesondere als Kommunikationsprofi. Ab einem bestimmten Umfang von Missverständnis-Potenzial bleibt eigentlich nur: das war entweder unfähig (wollte unmissverständlich kommunizieren aber hat es einfach nicht hinnbekommen) oder unehrlich (hat bewusst missverständlich kommuniziert).

Wenn wir Aussagen wie in den obigen Beispielen diskutieren, dann sollte dieser Teil nicht ausgeblendet werden. Dann kann das Fazit eben nicht sein „Person X konnte nicht eindeutig nachgewiesen werden, dass sie sich in rassistischer/sexistischer Absicht so geäußert hat? Dann ist ja alles paletti!“ Sondern dann muss sich die Diskussion anschließen, ob einer Person, die so stümperhaft kommuniziert, nicht doch die grundlegenden Fähigkeiten dafür fehlen, als Politiker*in, Journalist*in, Moderator*in eines Kulturmagazins oder was der entsprechenden Funktionen noch mehr sein sollten tätig zu sein.

(Die Alternative, nämlich „das war vierdimensionales Schach! Die Person hat ganz bewusst so missverständlich/provokant kommuniziert!“ sollte, wo sie aufgebracht wird, natürlich auch diskutiert werden. Kommunikation mit Täuschungsabsicht ist ja auch kein Fall von „ach daaaannnn ist ja alles gut!“ sondern durchaus zu kritisieren.)

Fazit

Wenn wir auch zu kontroversen Themen wie Sexismus-, Rassismus- oder anderen -ismus-Vorwürfen konstruktiv und sachlich diskutieren wollen, dann sollten wir die Bayes-Umkehrung nutzen. Statt müßiger Spekulationen über Hintergedanken und Absichten können wir dann darüber reden, was die konkreten Folgen von Rassismus, Sexismus etc. sind oder wären, und landen dann direkt bei der Frage, wie sich jene Folgen vermeiden lassen. Konstruktive Diskussion statt polemischer Kulturkampf. Und für diejenigen, die verantwortungsvoll mit Rassismus/Sexismus/… umgehen wollen, haben wir mit der Bayes-Umkehrung eine Anleitung, wie man problematische Handlungen und Äußerungen vermeiden kann.

Hinweis zu den Kommentaren

Wie immer bei potenziell kontroversen Themen werde ich die Kommentare hier moderieren. Kommentator*innen mögen sich bitte kurzfassen, Beleidigungen unterlassen, nicht zu weit vom Thema abschweifen. Grauzonen lege ich zugunsten der Kommentator*innen aus, aber irgendwann ist die Grauzone dann zuende. Ein knapp 8000 Zeichen oder mehr als vier Normseiten ist keiner vernünftigen Metrik nach noch ein kurzer Kommentar unter einem Blogeintrag.

Fußnote

[1] Diese Kurzform ist gerade in öffentlichen Diskussionen auch nicht unproblematisch, daher hier eine nähere Erklärung: Häufiger Trick ist ja, einen Begriff wie „Rassist“ so extrem zu definieren, etwa als „Person mit durch und durch rassistischem Gedankengut und Weltbild“, dass auf jegliche Rassissmus-Anschuldigungen direkt die empörte Reaktion „aber X ist doch kein Rassist!1!“ folgen kann. Diese Extrem-Definition meine ich hier und analog bei dem Begriff „Sexist“ nicht, sondern abgeschwächter ist ein Rassist für mich eine Person, deren Weltbild bestimmte rassistische Vorurteile einschließt, die sich in rassistischen Äußerungen oder Handlungen äußern. Schlimm genug. Eine Person mit durch und durch rassistischem Gedankengut und Weltbild, sprich: bei deren Identität/Selbstverständnis die rassistische Haltung eine wichtige bis entscheidende Rolle spielt, wäre für mich ein „eingefleischter Rassist“.

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Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit, seit 2010 zudem Leiter der Öffentlichkeitsarbeit am Max-Planck-Institut für Astronomie und seit 2019 Direktor des am Haus der Astronomie ansässigen Office of Astronomy for Education der Internationalen Astronomischen Union. Jenseits seines "Day jobs" ist Pössel als Wissenschaftsautor sowie wissenschaftsjournalistisch unterwegs: hier auf den SciLogs, als Autor/Koautor mehrerer Bücher und vereinzelter Zeitungsartikel (zuletzt FAZ, Tagesspiegel) sowie mit Beiträgen für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

20 Kommentare

  1. Im Stadtbild sehe ich vor allem, dass migrantisch aussehende Menschen die halbe Arbeit machen. Dass ein Merz Arbeit nicht erkennt, wenn er sie sieht, glaube ich sofort.

    Regenbogenflaggen sind eine Zirkuszelt-Dekoration, genau wie Hakenkreuz-Flaggen im Dritten Reich oder Schwarz-Rot-Gold bei Staatsfeierlichkeiten. Die Clownsmaske ändert nix daran, dass darunter ein menschliches Gesicht ist, und das menschliche Gesicht ändert nix daran, dass das Ding drüber eine Clownsmaske ist, und jedes Gesicht kann jede Maske tragen.

    Wenn sich eine Frau im Bikini auf Instagramm zeigt, sagt die Wahrscheinlichkeitsrechnung, dass sie nichts dagegen hat, wenn man das Bild anschaut und das Motiv gut findet. In diesem konkreten Fall reicht das Herzaugen-Smiley nicht aus, um auf Sexismus zu schließen, das Machtverhältnis sagt mir nur, dass Missbrauchspotenzial vorliegt, dass ein Verhalten als unangemessen gilt, dient oft der Risikovermeidung, man will Komplikationen vermeiden und baut deswegen Zäune an beiden Enden der Grauzone. Wenn dann doch Menschen die Grauzone betreten, bedarf es einer Einzelfallprüfung, ob ich da den Galgen heraushole oder das Ganze unter den Teppich kehre, um Andere nicht zu ermutigen, denn zu viele Einzelfallprüfungen im Job lassen keine Zeit und Ressourcen mehr für den Job übrig. Ist wie beim Klauen vom Büromaterial – wenn einer mal einen Stift einsteckt, ist’s egal. Sobald er sich traut, das vor allen Augen zu machen, muss er bestraft werden, sonst fahren die Leute bald das Mobiliar mit Lastwagen weg.

    Sex war vor dem „Bitte“ da, man musste immer Schwierigkeiten überwinden, um daran zu kommen, wozu auch der Wille des potenziellen Partners gehörte. Die Methode ist frauenfreundlicher geworden, nicht das Prinzip. Heißt nicht, dass man Vergewaltiger mit Männern gleichbehandeln sollte, die den Widerstand der Weiblichkeit überwinden, indem sie Rockstar werden und sich von Groupies verfolgen lassen. Evolution bedeutet, dass man irgendwo herkommt, aber auch, dass man von dort weg ist, weil’s dort wohl nicht so schön war wie heute.

    Das sind jetzt so Spontanreaktionen, denn das Ganze riecht nach Cancel Culture. Wenn die Bösen das ganze schöne Spielzeug haben, bleibt für die Guten ja keines übrig. Besser ist es, den Bösen das Spielzeug wegzunehmen, denn sonst sieht das Ganze bald aus wie ein Greenhorn im Wilden Westen, dem die Bösen zum Spaß auf die Füße schießen, damit er tanzt. Er mag noch so gut sein im Herzen, nach Außen hin ist er weder gut noch böse, sondern ein Loser, denn er kommt ja gar nicht dazu, was Anderes zu sein.

    Im Endeffekt wird die Bedeutung einer Aussage durch ihren Kontext bestimmt. Wenn Sie einer Partei angehören, deren Mitglieder oft genug durch Xenophobie aufgefallen sind, um sie unter Generalverdacht zu stellen, die sich öffentlich beim rechten Rand anbiedert, sich mit albernen Bauernfängertricks aus dem Mittelalter durchzumogeln versucht, indem sie gegen Fremde, Minderheiten und sozial Schwache hetzt, um von Machtmissbrauch und Korruption der Reichen und Mächtigen abzulenken, was bei den albernen Teilen der Bevölkerung ja durchaus Erfolg zeigt – dann sagt die Wahrscheinlichkeitsrechnung, dass Ihre Stadtbildaussagen rassistisch gemeint sind.

    Auch wenn Sie nur ein Opi sind wie all die anderen, die sich quer durch die Weltgeschichte in die Hose gemacht hatten, wenn sie laute junge Leute sahen, ob dies nun Hippies waren, Punks, Goths, oder einfach Kinder, die auf dem Spielplatz vor der Tür Lärm machten. Alte Leute sind nun mal zerbrechlich, sie haben ein Recht auf Angst und Schutz, doch die Angst geht leicht in Rassismus über. Frauen haben auch ständig Angst, die hält auch sie am Leben, doch sie werden nicht durch Debatten oder Rassismus geschützt, sondern durch Polizei, Gesetze, die auch durchgesetzt werden, Schutzzonen und so weiter, und konsequente Verfolgung und Abschreckung der Täter. Womit wir wieder bei Leuten wären, die Arbeit nicht erkennen, wenn sie vor ihnen liegt.

    Es gibt einfach falsche Leute, falsche Gruppen, um Dinge anzusprechen – egal in welcher Form. Es geht um Reputation: Es ist nicht die Krone, die den König macht, es ist der König, der jede Mütze zur Krone macht. Wer in der Öffentlichkeit steht, steht für einen bestimmten Kontext. Und er kann nicht mir nichts dir nichts entscheiden, dass dieser Kontext spurlos zu verschwinden hat, nur damit man seine Aussage so versteht, wie er sie meint, und nicht so, wie sie im ganzen Kontext erscheint.

    Im Moment leben wir in einem Feudalsystem im Endstadium, das heißt, die Street Credibility von Staat und Wirtschaft steht per Werkseinstellung auf fünf vor Guillotine und weicht auch nicht sehr weit davon ab. Staat und Wirtschaft werden von Raubrittern aller Art dominiert und tun alles, um sich das Volksmisstrauen zu verdienen. Und die übliche abgedroschene Tour, das Volk umso mehr mit Moralin, Gesetzen und Regeln zu drangsalieren, je mehr die Obrigkeit der Willkür freien Lauf lässt, haben wir schon so oft gesehen, dass unsere Gene sie wiedererkennen. Und dementsprechend reagieren.

    Das Volk versteht das Meiste falsch, doch es fühlt das Meiste richtig. Weil das Hirn ein Noob ist auf der Welt, und die Gefühle älter als die Menschheit.

    Dennoch – wenn der Falsche ein Problem anspricht, ist es besser, als dass es gar nicht angesprochen wird. Es ist nicht wichtig, wie er es gemeint hat oder gemeint haben könnte, wichtig ist, welche Wahrheiten, Probleme, Lösungen von dort aus angegangen werden können. Wie gesagt: Wir fangen die Evolution an Punkten an, von denen wir weg wollen. Wichtig ist, wo wir ankommen. Und wie wir dorthin kommen.

    • Offenbar haben Sie nicht bis zu meiner Bitte um kurzgefasste Kommentare gelesen. Oder sich darüber hinweggesetzt. Ich finde, Ihr Kommentar ist eine interessante Mischung aus Aussagen, die ich nachvollziehen kann, und mit derselben demonstrativen Sicherheit vorgetragenen Aussagen, die ich ziemlich klar falsch finde.

      Das „Alles Zirkusflaggen!“-Argument ignoriert schlicht, dass es in unserer Gesellschaft auch den Begriff gegenseitigen Respekts gibt. Ein Grundmaß davon gehört zur Menschenwürde. Ohnehin schon benachteiligten Gruppen demonstrativ Respektlosigkeit entgegenzubringen trägt zusätzlich zur Benachteiligung bei. Klar kann man sagen, dass einem das nicht wichtig ist. Das wäre wenigstens ehrlich. So zu tun als gäbe es die entsprechenden Botschaften nicht bei Formulierungen wie dem Zirkuszelt ist aber entweder realitätsfremd oder eben der Versuch, die eigene Respektlosigkeit zu kaschieren.

      Ähnlich übervereinfacht die Sache mit der Frau im Bikini. Ist eigentlich nicht schwer: Soziale Medien sind nun einmal sowohl privat als auch öffentlich, und man hat dort je nach Medium sowohl private als auch berufliche Kontakte. Das kann man entweder geil finden und nach Kräften ausnutzen (hey, endlich kann er die Praktikumsbewerberin mal im Bikini sehen, früher ging das nicht!). Oder man erkennt das potenzielle Problem daran, und verhält sich entsprechend verantwortungsvoll und professionell. Wobei diese Art von Verantwortung – und eben auch Kritik daran, wo sie fehlt – in Ihrem holzschnittartigen Weltbild nur leider nicht vorkommt. Da gibt es zwischen „Galgen“ und „unter den Teppich kehren“ offenbar überhaupt nichts. So kann man sich vor der Diskussion, was gesellschaftlich akzeptabel ist, natürlich auch drücken. Und mit der falschen Dichotomie schnell noch den Creeps den roten Teppich ausrollen – die freuen sich natürlich, wenn zwischen dem inakzeptablen „Hilfe, ich komme an den Galgen“ und komplettem Ignorieren keine Option angeboten wird. Genau solche fehlende Differenzierung macht es denjenigen, die von den Creeps angegangen werden, halt unnötig schwer.

      Ich könnte Absatz für Absatz so weiter machen, aber ich denke, die Beispiele, auf die ich eingegangen bin, sind aussagekräftig genug…

  2. Was mir an dieser mathematischen Herangehensweise fehlt ist, dass Aussagen vielschichtig sein können, sodass nicht einzelner Wahrscheinlichkeitswert zugeordnet werden kann: z.B ist das mit dem Stadtbild rational so, dass man sich gerade noch auf „nicht so gemeint“ rausreden kann. Emotional bedient die Aussage aber das, was rechte Stammtische hören wollen. Das Kalkül könnte also durchaus sein, sich intellektuell nur ein wenig angreifbar zu machen, aber „heimlich“ am rechten Rand zu fischen. Dass diese Strategie offenbar nicht funktioniert, ist ein anderes Thema.
    Intellektuell würde ich zustimmen: wer so unsauber kommuniziert, beherrscht seinen Job nicht. Was aber, wenn die Unsauberkeit Absicht ist?

    • Es ist auf alle Fälle eine Verallgemeinerung auf Basis des Satzes von Bayes – aber wie ich finde eine plausible, die uns gut anstünde zur gesellschaftlichen Konvention zu machen. Das würde mir schon reichen. Und dass man sich bei der Stadtbild-Aussage bei der Bayes-Umkehrung herausreden kann, finde ich alles andere als eindeutig. Dazu dürfte die Korrelation mit entsprechenden Stammtisch-Ansichten zu stark sein. Und der Beweislast-Schwellenwert ist bei dieser Betrachtungsweise ja absichtlich und eindeutig, sich von den betreffenden Hintergründen klar genug abzugrenzen – das ist eine Bringschuld. Absichtliche Unsauberkeit spreche ich ja auch an. Eine solche Absicht, als Gegenteil transparenter Kommunikation, ist dann ja auch kritikwürdig.

    • Thomas Flohrschütz,
      Zustimmung, Aussagen können vielschichtig sein, und man kann nicht auf Anhieb entscheiden, welchem weltanschaulichen Lager ist sie jetzt zuzuordnen.

      Die Kunst der Politik, auch der öffentlichen Diskussion liegt darin, das Machbare zu verlangen, und das schreit nach Kompromissen.

      Anmerkung: Das Wort Kompromiss ist in dieser Gesprächsrunde ein Fremdwort, so scheint mir.

      Also, kurz, „Eure Rede sei ja, ja oder nein, nein, alles Andere ist von Übel“.
      Das gilt für das persönliche Gespräch. Und es wäre gut, wenn es in der Politik auch so wäre.
      Aber, bleiben wir realistisch, man muss auch Kompromisse eingehen können, eingedenk, der weltanschaulich Andere ist auch nicht auf seine Meinung kompromisslos zementiert., der Dialog darf nicht abreißen.

  3. Wenn du nicht für ein X gehalten werden willst, dann tu halt nichts, was nach X aussieht. Für diese Erkenntnis brauche ich keinen Satz von Bayes.

    • Ich finde die Umkehr hilfreich, weil sie expliziter als „nach X aussehen“ aussagt, was gemeint ist. Aber jeder wie er mag. Wichtig ist vor allem, dass wir von dem relevant-ist-nur-wo-sich-zweifelsfrei-böse-Absicht-nachweisen-lässt wegkommen.

  4. @ Grams

    …für gehalten werden willst…
    ist das Problem.
    Etwas sagen hat immer etwas von Wahrnehmung und Ambivalenz, sowie von Interesse steuert die Wahrnehmung.

    • Für mich ist an der Stelle halt die Frage: Sollen wir es mit unseren gesellschaftlichen Konventionen den Leuten leicht machen, die gerne einerseits für anständig gehalten, aber andererseits ohne Kritik auch ihre Ressentiments und Vorurteile pushen wollen? Oder bekommen wir wenigstens dort eine Trennung hin, ein entweder-oder-aber-nicht-beides?

      • @ Pössel

        Sie rennen bei mir Tore ein, wenn Sie anstatt der Aussagenlogik des ‚oder‘ ein ‚und‘ setzen. Daran leidet die westliche Philosophie und somit die Kommunikation!
        Es ist beides!

  5. @ Pössel / Grames

    Es ist nichts anderes als Ein-/Ausschluss.
    Das impliziert Bayes, aber auch und gerade das Gegenteil von Kommunikation wollen.
    Der Zwitter ist die Ambivalenz.

  6. @ Markus Pössel

    Sie verwenden den Satz von Bayes und wollen damit den Zusammenhang zwischen Sein und Schein erklären: »[D]ass eine Interpretation X der Daten D zutrifft, ist proportional zu der Wahrscheinlichkeit, dass wir jene Daten D vorfinden würden, vorausgesetzt, dass Interpretation X zutrifft.«

    Die Rede von der Proportionalität gewinnt erst Sinn, wenn man den Proportionalitätsfaktor als konstant denken und die »Variablen variieren« kann. Der Satz von Bayes lässt die von Ihnen nahegelegte Interpretation meines Erachtens nicht zu.

    • Von dem Sprachgebrauch her, den ich gewohnt bin, ist lediglich wichtig, dass der Proportionalitätsfaktor nicht von der Größe selbst abhängt. Das Ohmsche Gesetz zum Beispiel gilt ja auch für variabel einstellbare Widerstände. Wichtig ist: Wenn ich die eine Größe vervielfache, dann vervielfacht sich die dazu proportionale Größe um denselben Faktor. Das ist hier auf alle Fälle gegeben.

  7. Heute ist Pfingssonntag.
    Ein bemerkenswertes Ereignis , an das etwa zwei Milliarden Erdenmenschen glauben.
    Und das hängt mit Kommunikation zusammen.
    „Das Pfingstwunder: Die Jünger Jesu waren in einem Haus in Jerusalem versammelt, als plötzlich ein gewaltiges Brausen wie von einem Sturmwind ertönte. Zungen wie von Feuer ließen sich auf jedem von ihnen nieder.
    Die Sprachen: Die Jünger wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in verschiedenen Sprachen zu predigen. Das Wunder bestand darin, dass die vielen in Jerusalem anwesenden Pilger aus aller Welt die Jünger jeweils in ihrer eigenen Muttersprache reden hörten“

    Und darum geht es. Den Anderen reden hören und den anderen verstehen.
    Der ursprüngliche Kontakt zwischen dem Redner und dem Zuhörer gibt es im Internet und in der öffentlichen Diskussion nicht mehr.
    Stattdessen ist die öffentliche Diskussion zum Schlachtfeld durch die Medien geworden. Recht bekommt nicht mehr , wer vernünftig redet, sondern wer die größte Aufmerksamkeit findet.

    Praktisches Beispiel, Trumps Zollpolitik. Hat er Recht, hat er nicht Recht ?
    Und was sagt Herr Bayes dazu.?
    „Der Satz von Bayes ist ein zentrales Theorem der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Er besagt, dass sich die Wahrscheinlichkeit einer Vermutung oder Hypothese im Nachhinein anpassen lässt, sobald neue Informationen oder Messergebnisse vorliegen“:
    Und….Das Ereignis B ist eingetreten, die Wirtschaft leidet.
    Oder auf deutsch gesagt, man sollte bei seinem Standpunkt flexibel bleiben, sich anpassen und nicht dogmatisch auf der eigenen Meinung beharren.
    Fazit: Herr T. denkt nicht bayesianisch sondern dogmatisch.

    • Scheitert aus meiner Sicht wie so viele große Entwürfe an der Praxis. Etwa daran, dass es auf Sozialen Medien ja durchaus auch direkten Austausch gibt – aller Wahrscheinlichkeit sogar in vielfältigeren Konstellationen als im Offline-Leben. Lassen Sie sich da doch bitte nicht blenden, indem Sie nur die reichweitenstärksten und dann häufig in der Tat nicht konstruktiven Austausche betrachten. Nur weil die andere Art von Diskussion an vielen Ecken jeweils im Kleinen, jeweils zwischen Wenigen stattfindet, sollte man sie nicht vernachlässsigen.

  8. Um es kurz und knackig zu halten: Die Anwendung von Bayes in öffentlichen Diskussionen ist überaus unrealistisch, da deren Umsetzung an der Natur menschlicher Psychologie und den Dynamiken moderner Medienstrukturen scheitern wird.

    Gerade in öffentlichen Debatten werden emotionale Argumente statt mathematischer Wahrscheinlichkeiten benutzt. Werte für Priors oder Likelihoods lassen sich im Alltag kaum exakt beziffern. In sozialen Medien geht es meist um das Gewinnen einer Debatte und soziale Identität, nicht um Wahrheitssuche. Das Eingestehen von Fehlern wird fälschlicherweise als Schwäche statt als rationale Anpassung wahrgenommen. Konfrontiert man Menschen in Debatten mit harten Gegenbeweisen, verändern sie selten rational ihre Meinung. Häufig verfestigt sich ihre ursprüngliche Ansicht stattdessen noch weiter (siehe Backfire-Effekt aus der Sozialpsychologie und Kognitionspsychologie).

    Ich frage mich tatsächlich, warum Sie als Physiker solche Fragen aufwerfen, trotz offensichtlicher Lücken in Sozialpsychologie und Kognitionspsychologie eine Anleitung anbieten, um eine öffentliche Diskussion mittels mathematischem Kalkül rationalisieren zu wollen und damit der Vermutung und Eindrucks eines Kulturimperialismus Vorschub leisten.

    Wenn Sie Menschen verstehen wollen, hören Sie ihnen zu und entwickeln Sie Verständis für sie, denn bevor man sich der Wahrheit zuwenden kann sollte man die Wahrheit über Menschen verstehen lernen.

    • Das geht beeindruckend weit an dem vorbei, was ich in meinem Blogbeitrag schrieb. Und bringt eine ganze Menge von Aspekten durcheinander. Nirgends hängt mein Argument davon ab, ob sich die entsprechenden Wahrscheinlichkeiten exakt beziffern lassen. Nirgends geht es darum, zu fordern, die Menschen sollten in öffentlichen Diskussionen mit dem zugrundeliegenden Kalkül rechnen. Es geht mir nur um die Umkehrung – und die, in meinem Beitrag ja am Ende auch ganz unmathematisch formuliert, würde der Diskussion gerade dort, wo wir mit Unsicherheiten hantieren, meiner Überzeugung nach tatsächlich gut tun. Und was wir uns als Gesellschaft für Standards zulegen wollen ist erst einmal noch eine andere Frage als die, wie wir mit den praktischen Seiten von Populismus und Emotionalisierung. Da können Sie gerne anderer Meinung sein. Aber es wäre halt schon schön, wenn sich Ihre Gegenargumente auf das bezögen, was ich tatsächlich geschrieben habe. Nicht auf ein irreführendes Zerrbild meiner Argumentation. Dass Sie bei so einem Vorbei-Argumentieren am Ende von mir ein Zuhören einfordern, ist allerdings wirklich eine hübsche Ironie, das muss ich Ihnen lassen.

    • Martin Schmidt
      „Gerade in öffentlichen Debatten werden emotionale Argumente statt mathematischer Wahrscheinlichkeiten benutzt.“

      Die mathematischen Wahrscheinlichkeiten werden nicht als Argument verwendet, das würde bei der „Ausländerfeindlichkeit“ z.b. zu einer Störung der „Inneren Sicherheit“ führen. Bayesianisches Denken macht eigentlich jeder, wenn man von den Äußerungen der Leute auf die womögliche Täterschaft schließt.(aber eben falsch)
      ……und an dieser Stelle sei ein Beispiel angeführt, die Relation von sexistischen Äußerungen zu den tatsächlichen sexistischen Übergriffen.
      Also , etwa 34 % der Männer in der Gesamtbevölkerung äußern sich sexistisch. Aber nur 0,01 % der Männer der Gesamtbevölkerung wurden wegen Sexualdelikten verurteilt. Das Verhältnis ist 1 : 3400 , und das sollte einem zu denken geben. Bayes sei Dank !

      Markus Pössel, ich stimme zu , im direkten Gespräch mit z.B. der Nachbarschaft kann man das Spannungsverhältnis von Reden und Handeln erleben.
      Im Positiven wie im Negativen.
      Um jetzt auf ihr Anliegen zurückzukommen, evidenzbasierte Kommunikation, dabei sollte man jedem Redakteur als Pflicht auferlegen, sich mit dem Bayes-Theorem zu beschäftigen.

  9. Der (denkende) Mensch handelt intuitiv nach der Bayes-Umkehrung wodurch gerade jene Problematiken entstehen, die Sie ansprechen. Wir führten diese Diskussion nicht, wenn bei öffentlichen Diskussionen durch die Anwendung der Bayes-Umkehrung darauf geachtet würde, einen bestimmten falschen Eindruck vermeiden zu wollen, den man doch aus bestimmten Gründen nicht vollständig vermeiden kann (!) oder sogar will .

    Meine Gegenargumente beziehen sich durchaus auf das, was Sie geschrieben haben, allerdings weitergefasst: Betrachtet werden muss nicht nur derjenige, der aufgrund Bayes-Umkehrung Missverständnisse vorzubeugen sucht sondern auch der, der sich aufgrund Gesagtem eine Meinung bildet (was ebenso auf der Bayes-Umkehrung beruht).

    Die Meinungsbildung – ungeachtet dessen, ob der Diskussionsteilnehmer wohlbewusst eine Bayes-Umkehrung anwendet – geschieht „evidenzbasiert“ auf Basis kognitiver Verzerrungen (Confirmation Bias, Anchoring), sozialen Einflüssen(soziale Idendität!), Emotionen und nicht zuletzt intuitiver Heuristiken.

    Zwar haben Sie die zu diskutierenden Themen eingegrenzt, missachten aber hierbei die psychologische Herkunft, die ihrerseits das Aussprechen sowie die Aufnahme von Meinungen gerade bei diesen Themen unbewusst nuanciert und beeinträchtigt.

    Daher postulierte ich, dass die Prämisse, die Sie mit der Anwendung der Bayes-Umkehrung implizieren simplifizierend und in einem unzulänglichen Maße reduzierend ist.

    Faktennormativität ist ein Ziel zur Wahrheitsfindung, nicht der Weg selbst.

    • Aus meiner Sicht vermischen Sie nach wie vor in unzulässiger Weise zwei verschiedene Aspekte, und bauen auf jener Vermischung dann scharfe Kritik auf – not a good look.

      Der eine Aspekt ist die rationale öffentliche Diskussion. Die gibt es, trotz aller Versuche, sie zu unterlaufen, und das sieht man an dem Selbstanspruch selbst derer, die sie am liebsten abschaffen würden. Selbst die Trump-Regierung gibt öffentlich als Begründungen für spezifische Handlungen eben nicht offen „wir machen das, weil uns danach zumute war und wir es können“ an, sondern präsentiert Lügen und Scheinargumente, aber eben Lügen und Scheinargumente als vorgetäuscht rationale Argumentation. Selbst eine so extreme Fraktion, die ja nun wirklich von Menschenrechten bis demokratischen Normen sehr viel mit Füßen tritt und sich daran auch noch ob der so demonstrierten eigenen Machtfülle aufgeilt, kann sich dem „rationalen Gesellschaftsvertrag“ oder wie man es nennen will nicht entziehen.

      Das ist eine wie ich finde immens wichtige Tatsache. Und zeigt, dass es aus ganz praktischen Gründen sinnvoll und lohnend ist, wenn man jene zusätzlichen Ansporn denn brauchen würde für etwas das eben auch verbreiteten ethischen Maßstäben nach schlicht richtig ist, sich mit rationalen Argumenten im allgemein-demokratischen gesellschaftlichen Diskurs zu beteiligen. Genau in diese Kategorie gehört, genau so eine Beteiligung ist mein Blogbeitrag.

      Auf einer anderen Ebene stehen die strategischen Argumente dazu, wie man (möglichst viele) Menschen überzeugt. Da kommen wir zu den Faktoren, die Sie (in dem Kontext dann: zu recht) nennen: kognitive Verzerrungen, die Rolle von Emotionen, Reaktanz und all jene Effekte. Wichtig für die Praxis, aber eben eine andere Ebene. Aber alle Kommunikation nur auf jene zweite Ebene reduzieren zu wollen ist halt auch Mist, oder besser gesagt: problematischer Populismus. Ohne unsere Werte und Überzeugungen (rational, nämlich allgemeinen Nachvollziehbarkeitsstandards folgend) entwickelt zu haben (erste Ebene) hätten wir gar nichts von Substanz, von dem wir uns guten Gewissens überlegen könnten (zweite Ebene), wie wir unsere Mitmenschen davon überzeugen.

      Deswegen sind erste-Ebene-Diskussionen richtig und wichtig. Und niemand behauptet, sie wären alles, was nötig ist – wenn man Menschen überzeugen will, müssen unbedingt zweite-Ebene-Überlegungen dazukommen.

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