Das „Windenergierätsel“ der WELT

Bild von Windrädern unter blauem Himmel in einer kargen Landschaft.

Ich hatte letzte Woche am Ende meines Beitrags Energiewende mit handfesten Zahlen in die Runde gefragt: „Welcher Frage oder Behauptung aus jenem Bereich sollte ich denn eurer Einschätzung nach einmal auf den Grund gehen, zumindest soweit, wie das mit Überschlagsrechnungen und quantitativen Abschätzungen möglich ist?“ 

Ein Kommentar dazu verwies mich auf einen aktuellen Beitrag in der WELT: „Da liest man, dass von 2020 bis 2025 die Windkraft um 16 GW installierte Leistung zugebaut wurde, aber die tatsächliche Windstromerzeugung sowohl 2020 als auch 2025 106 TWh betrug, es also keinen Zuwachs an gelieferter Energie gab. […] Einfach immer mehr von Demselben hat hier nicht funktioniert trotz immer größerer und effektiverer Turbinen, doch warum? Deshalb der Titel mit dem Wort ‚Rätsel‘.“

Nun denn. Schauen wir uns das mal näher an.

„Wissenschaftler rätseln über den abnehmenden Nutzen neuer Windräder“

So beginnt der Teasertext am Anfang des Beitrags „Das große Windstrom-Rätsel der deutschen Energiewende“ des WELT-Wirtschaftsredakteurs Daniel Wetzel, dessen Schwerpunkt laut WELT-Autorenbiografie die Energiewirtschaft ist. Wie es weitergeht entnehme ich der Artikelversion, auf die ich in der wiso-Datenbank Zugriff habe (dort datiert auf 29.05.2026, 13:40:00). Der dort zugängliche Text konstatiert in der Tat im wesentlichen so, wie der Kommentator beschreibt: von 2020 bis 2025 sei die installierte Leistung um 14 GW gestiegen, aber die Energieproduktion hätte 2025 mit 106 TWh „praktisch auf demselben Niveau“ gelegen wie 2020.

Ein zum Thema befragter Forscher, nämlich „Manuel Frondel, Leiter des Kompetenzbereiches ‚Umwelt und Ressourcen‘ am RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung“, nennt für jene Entkopplung drei mögliche Gründe: „Es könne sich seit 20[2]0 um eine bemerkenswerte, aber rein zufällige Häufung von Schwachwind-Jahren handeln. Wäre dem so, könnten nur Gebete zum Wettergott das Manko lindern.“ Oder aber Windräder würden immer häufiger abgeregelt, weil insgesamt mehr Stom produziert würde, als gebraucht wird. Oder aber die guten Standorte seien weitgehend aufgebraucht, neue Windräder würden entsprechend an schlechteren Standorten erbaut und seien daher weniger effektiv.

Der Artikel enthält noch einiges an weiterem Text – einen Seitenhieb, der die Energiewende-Planung mit kommunistischer Planwirtschaft vergleicht, eine Aussage, der Effizienzverlust würde auch andere Arten erneuerbarer Energien betreffen, Spekulationen über die gegenseitige Verschattung von Anlagen („Windklau“). Ich bleibe hier mal beim Kern des angeblichen Rätsels: Was ist da los mit Leistungs-Zubau vs. Energieproduktion bei den Windenergieanlagen (auf Land)?

Windkraft-Zubau: Check

Es hilft ja nichts: Wenn wir vernünftig politisch diskutieren wollen, müssen alle, die an der Diskussion teilnehmen, grundlegende Kentnisse haben, wie man Datenreihen liest und zumindest auch zu den einfacheren Weisen, Daten zu interpretieren. Nie war das wichtiger als in einer Zeit, wo generative künstliche Intelligenz einem so bequem wie nie zuvor Aussagen und „Analysen“ generiert – aber dabei in schwer kontrollierbarer Weise regelmäßig halluziniert bzw. schlicht Unsinn erzählt. Wer nicht die Kompetenzen hat, KI-Ergebnisse kritisch einzuordnen, hat schon verloren.

Auf der positiven Seite der Bilanz leben wir in einer Zeit, in der viele Daten, und insbesondere viele verlässliche Daten,  einfacher verfügbar sind wie nie zuvor. Einmal Googeln bringt mich auf diese Seite des Bundesumweltamts, wo aktuelle Kennzahlen zu erneuerbaren Energien in kompakter Form dargestellt sind. Ganz unten auf der Seite gibt es die entsprechenden Zeitreihen zum Herunterladen, ob als PDF oder direkt als Excel-Datei.

Ein universeller Tipp für den Umgang mit Daten lautet: Bevor man sich in aufwändige Analysen versteigt, sollte man erstmal die Daten so direkt wie möglich anschauen. Für Zeitreihen heißt das: die Daten zu plotten, also ein Diagramm zu erstellen, in dem die Zeit auf der x-Achse, die weitere interessierende Größe auf der y-Achse abgetragen wird, und die Daten als Kurve oder Abfolge von Punkten eingetragen sind. Hier ist das Ergebnis für die verfügbaren Kapazitäten für die Windenergieerzeugung an Land (im Dokument „Zeitreihen zur Entwicklung der erneuerbaren Energien in Deutschland“ ist das Tabelle 4, ‚Installierte elektrische Leistung erneuerbarer Energien‘):

Eine Kurve für die Leistung, die von 2005 bis 2025 einigermaßen gerade ansteigt von etwas weniger als 20 Gigawatt auf etwas unter 70 Gigawatt

Den Stand für 2020 (54.3 GW) und den für 2025 (68.1 GW) habe ich jeweils mit orangenen Punkten gekennzeichnet. Ein Zuwachs von knapp 14 GW. Soweit, so gut.

Die Energieerzeugungs-Kurve für Windenergie an Land

Machen wir dasselbe mit der Netto-Energieproduktion von Windkraft an Land in denselben Jahren. Gleiches Dokument, gleicher Zeitraum, Tabelle 3.1. Hier ist das entsprechende Diagramm:

Eine ansteigende Kuve, die aber über ihre gesamte Länge hinweg einen Zickzack-Verlauf nach oben und unten aufweist.

Für 2025 sind das 105.1 TWh, für 2020 102.7 TWh. Ein Anstieg um lediglich 2.4% in einem Zeitraum, in dem die installierte Leistung um 25.4% stieg, und am Ende kommt man bei 105 TWh heraus Soweit nachvollziehbar. Aber jenseits der beiden Zahlen wird es umso problematischer, je genauer man hinschaut. Die obige Kurve ist eine Kombination aus einem generellen Anstieg und Auf-und-Ab-Schwankungen – nicht erst im Zeitraum 2020 bis 2025, sodern über den gesamten erfassten Zeitraum ab 2005 hinweg. 

Ich finde beeindruckend, wie missverständlich die Prosa-Zusammenfassung in dem WELT-Artikel wiedergibt, was die Kurve zeigt: „In den Jahren dazwischen gab es auch mal leichte Ausschläge nach oben, doch fiel die Windstromerzeugung trotz zahlreicher neuer Turbinen während zweier Jahre sogar noch deutlich unter die 100-Terawatt-Marke.“ – „leichte Ausschläge nach oben“? Ernsthaft? Der (einzige) Anstieg von 2021 auf 2023 ist größer als jede der (beiden) Absink-Phasen in jenem Zeitraum! Und wer das Absinken zweier Jahre „unter die 100-Terawatt-Marke“ herausstellt (2021 und 2022) aber über das Ansteigen zweier weiterer Werte über die 110-Terawatt-Marke Stillschweigen bewahrt, bringt eine Tendenz in seine „Beschreibung“, die in den Daten schlicht nicht vorhanden ist. 

Das zweite Problem ist die Wahl des Bezugsjahres 2020. Pickt man bei einer auf-und-ab-schwankenden Kurve lediglich zwei Jahre heraus und vergleicht sie, kann man je nach Auswahl beliebige „Trends“ erhalten – die aber komplett willkürlich sind, da sie nicht von den Daten selbst, sondern wesentlich von der Wahl der Bezugsjahre abhängen. Hätte ein Energiewende-Enthusiast 2021 und 2025 verglichen, hätte er oder sie herausbekommen, dass der Zuwachs an Energie ungefähr dem Zuwachs an installierter Leistung proportional ist, Überschrift: „Energiewende läuft nach Plan!“ Beim Vergleich von 2021 und 2023 hätte man sogar einen deutlich überproportionalen Anstieg vermelden können, „Erneuerbare Energien überraschend stark!“ Beim Vergleich von 2023 und 2025 wäre man dagegen bei einem drastischen Absinken gelandet: „Das Windenergierätsel 2: Entziehen Windräder unserem Stromsystem jetzt sogar noch Energie?“

Wie gesagt, all das sind völlig willkürliche Auswahleffekte. Ein einzelnen davon als aussagekräftigen Trend verkaufen zu wollen, ist entweder erschreckend inkompetent oder zutiefst unehrlich. In der Wissenschaft heißt das entsprechende Fehlverhalten, durch Auswahleffekte ein erwünschtes Ergebnis erst herbeizuzaubern, „cherry picking“ (zu deutsch „Kirschenpflücken“) und ist, wo es auffliegt, Anlass für beachtlichen Rufverlust und in schweren und/oder wiederholten Fällen gegebenenfalls für Sanktionen.

Und doch ist die Grundlage des WELT-Rätsel-Artikels ein Auswahleffekt dieser Art. Wer ein bisschen verfolgt, wie die WELT über Klimawandel und Energiewende berichtet, wird nicht überrascht sein, dass es ein für Freunde erneuerbarer Energien nachteiliger Auswahleffekt ist. „Please schwäche die Windenergie.“ Aus einem Auf-und-ab mit gehöriger Aufwärtsphase zwischendurch wird Stagnation. Der beträchtliche Anstieg von 2021 bis 2023 wird zum leichten Ausschlag nach oben kleingeredet. Das Diagramm, an dem Leser*innen mit rudimentärer Kurven-Lese-Kompetenz das Problem selbst erkennen könnten, fehlt gleich ganz. 

Ein letztes Detail: Wundert Sie, dass die Ausschläge in jenem Diagramm in den späteren Jahren stärker sind als links im Diagramm? So einen Effekt würden wir erwarten, wenn die Variation, die dahintersteht, die Netto-Stromerzeugung als Faktor beeinflusst. Dann würden die absoluten Schwankungen nämlich proportional immer größer, je mehr Windkraft-Leistung installiert ist. 5% von 60 GW sind über ein Jahr integriert mehr als 5% von 30 GW über ein Jahr. Gäbe es doch nur einen gemeinsamen Faktor, der bestimmt, wie viel Elektrizität eine gegebene Anzahl von Windrädern mit bestimmter Nennleistung letztlich erzeugen! Aber was für ein Faktor könnte das sein? Rätselhaft, sehr rätselhaft. Wir werden wahrscheinlich nie genaueres wissen.

Das Wie-kann-man-nur-so-einen-Unsinn-über-Wind-verzapfen-Rätsel

Nein, es ist natürlich nicht rätselhaft. Selbstverständlich gibt es da einen gemeinsamen Faktor, und zwar einen ganz offensichtlichen: wie viel Wind in jenem Jahr geweht hat. OK, zugegeben, ganz so einfach ist es nicht, weil sich Windräder an unterschiedlichen Standorten befinden, am Ende also so etwas wie die über alle Standorte geeignet gewichtet aufsummierte und über dass Jahr gemittelte Windstärke gesucht ist. Die hätte dann genau die Faktoreigenschaft, auf die die obige Kurve hindeutet.

Nehmen wir als erstes denjenigen Schritt vor, den wir direkt anhand unserer Daten gehen können. Wir können wir jedes Jahr die von Windkraft-an-Land erzeugte Energiemenge durch die installierte Leistung teilen. Das Ergebnis hat die Einheit einer Zeit, ich habe hier „Stunden“ gewählt. Es handelt sich natürlich nicht einfach um die Zeit, in der die Windräder gelaufen sind – je nach Windstärke erzeugen Windräder ja einen deutlich von der Nennleistung abweichenden Wert. Die Nennleistung ist lediglich die elektrische Leistung unter optimalen Bedingungen, und meist sind Bedingungen nicht optimal. Auch der Umstand, dass nicht alle am Jahresende mit erfassten neuen Anlagen zum 1. Januar gleich mitproduzieren, dürfte für ein paar Schwankungen sorgen. Um Missverständnisse zu vermeiden, nenne ich die resultierende Stundenzahl „Äquivalentstunden“. Hier ist das Diagramm für die Äquivalentstunden-Zeitreihe:

Eine wild auf und ab schwankende Kurve, zwischen etwa 1400 und 1900 Äquivalentstunden. Die Kurve zeigt einen leichten Aufwärtstrend.

Man kann dem Diagramm direkt ansehen, dass die Äquivalentstunden-Schwankungsbreite nicht merklich zugenommen hat. Von 2008 bis 2010 ist der drastische Abfall mit einer Differenz von 378 Stunden sogar noch größer als der Abfall von 2023 bis 2025 (nur 352 Stunden), der uns den Windenergie-Rätsel-Tiefpunkt beschert hat. Der Gesamttrend in jenem Diagramm ist sogar leicht positiv. Das sind genau die falschen Dateneigenschaften, wenn man argumentieren möchte, dass es eine Stagnation gebe, also ein systematisches Absinken-und-Niedrigbleiben, das erst kürzlich aufgetreten sei. Die Daten sagen stattdessen: Schwankungen wie jene, die den 2025er-Wert nach unten gezogen hat, sind normal. Die gibt es im gesamten Datensatz. Und der Gesamt-Trend geht in die Gegenrichtung von dem, was der WELT-Artikel behauptet: An den Äquivalentstunden gemessen wird das Windrad-Ensemble, das Deutschland betreibt, mit der Zeit zunehmend effektiver. (Ob das an insgesamt mehr Wind liegt oder an verbesserter Technik – etwa höher gebauten Windrädern, die insgesamt bessere Chancen haben, guten Wind zu erwischen, kann man alleine aus jener Darstellung nicht entscheiden.) Auch der Wettergott muss sein Verhalten nicht ändern. Geht es in der Zukunft so weiter wie in dieser Zeitreihe, dann müssen wir uns keine Sorgen mache, dass sich weiterer Windkraft-Zubau nicht lohnt. Aber wir müssen natürlich beim Design unseres Energiesystems mit einberechnen, dass es diese Art von Schwankungen gibt.

Diagramme-Lesen ist keine Zauberei

Kommen wir vor diesem Hintergrund noch einmal zu dem lapidaren Satz zurück, mit dem der WELT-Artikel die Möglichkeit abfertigt, dass es bei jenem angeblichen Rätsel um so etwas Schnödes wie mehr-Wind-oder-weniger-Wind gehen könnte. Ja, das sei eine mögliche Erklärung, wird der interviewte Wirtschaftsforscher Manuel Frondel zitiert. Wie viel er, der Artikelautor oder ggf. beide von jener Möglichkeit halten (indirektes Zitat!), wird in der Ausformulierung klar: „Es könne sich seit 20[2]0 um eine bemerkenswerte, aber rein zufällige Häufung von Schwachwind-Jahren handeln.“ Eine bemerkenswerte, zufällige Häufung von Schwachwind-Jahren! Hah! Wer’s glaubt, wird selig!

Dass es sich dabei stattdessen um eine bemerkenswerte, angesichts der sonstigen Probleme des Artikels aber wohl gerade nicht zufällig schwache Argumentation handelt, zeigt der Blick auf das obige Äquivalentstunden-Diagramm. Nach den Äquivalentstunden beurteilt, handelt es sich beim Zeitraum 2021 bis 2025 ja im Gegensatz um keine so schlechte Ernte. Das Jahr 2023 übertrifft den 2020er Wert sogar ein kleines bisschen. Systematischer dargestellt: In dem folgenden Diagramm sind die Durchschnittswerte sowie als Balken nach oben und unten die Standardabweichungen (letztere ein Maß für die Schwankungen innerhalb der Stichprobe) einmal für den gesamten erfassten Zeitraum, daneben für die fünf Jahre 2016 bis 2020 und dann für die angesprochenen Jahre 2021 bis 2025 dargestellt:

Drei Datenpunkte mit Fehlerbalken, nämlich der Durchschnitt des Gesamt-Datensets, leicht höher der Durchschnitt 2016 bis 2020, und dazwischen der Durchschnitt für 2021 bis 2025. Die Fehlerbalken (Standardabweichung) überlappen sich deutlichst.

Dafür, wie man feststellt, ob zwischen zwei jeweils mit Schwankungen überlagerten Größen ein tatsächlicher Unterschied besteht, liefert die Statistik geeignete Tests. Wo sich die Schwankungsbreiten rund um die Durchschnittswerte so weitgehend entsprechen wie hier, ist aber auch ohne Tests klar: es gibt keinen echten Unterschied. Solche Werte sind innerhalb der Schwankungsbreite nicht unterscheidbar. Anders gesagt: Das Cherry-Picking reicht als Verfälschung alleine nicht aus, um das angebliche Rätsel herbei zu konstruieren. Man muss zusätzlich noch alles vergessen, was man jemals über statistische Vergleiche gelernt hat, um auf die Idee zu kommen, hier gäbe eseinen echten, nach 2020 beginnenden, erklärungsbedürftigen Trend.

OK, das mit der Standardabweichung gehört natürlich schon eher in Richtung Insiderwissen. (Wenn auch Insiderwissen, das in den Sozialwissenschaften in den ersten Semestern gelehrt wird. Es gibt deutlich insideriges Wissen.) Aber es ist ja noch abstruser. Wir müssen uns nur den Verlauf der Äquivalentstunden-Kurve anschauen:

Kurve Aequivalentstunden gegen Zeit: ein Maximum bei 2020, dann eine Senke, dann ein fast gleich großes Maximum bei 2023, dann ein Abfall bis 2025

Eine Person, die jene Kurve ansehen und ohne rot zu werden behaupten kann, dort käme als Wind-Erklärung nach dem starken Jahr 2020 überraschenderweise nur noch eine Häufung von Schwachwind-Jahren infrage, ist keine Person, der eine seriöse Zeitung eine Plattform liefern sollte, solch ein Diagramm zu kommentieren. Und die WELT sollte das eigentlich auch nicht tun.

Recherche ist, zugegeben, ein Fremdwort 

Wie schon erwähnt, sagen die Äquivalenzstunden erst einmal nichts darüber aus, worauf ihre Variation zurückgeht. Von Jahr zu Jahr unterschiedlicher Wind liegt natürlich erst einmal nahe. Immer effektivere Windräder einerseits bzw. vielleicht ja wirklich, wie im WELT-Artikel vorgebracht, immer schlechtere Standorte andererseits können aber selbstverständlich auch einen Einfluss haben, und den Äquivalenzstunden-Daten selbst sieht man nicht an, welcher Faktor eine wie große Rolle spielt.

Und ich muss ehrlicherweise zugeben: Wetterdaten sind in Deutschland nicht so einfach zu bekommen. Das gilt erst recht für jene esoterischen Daten, die einem sagen, wie der Wind die hiesigen Windräder beeinflussen würde. Um Zugang zu jenem Geheimwissen zu erlangen, muss man eine entbehrungsreiche Reise auf sich nehmen und ein belastendes Aufnahmeritual durchlaufen, bevor man (vielleicht!) in die Gegenwart der Meisterin gelassen wird und dann in langer, anstrengender und zum Teil lebensgefährlicher Fleissarbeit Zugang zum eigentlichen Geheimwissen bekommt. Manch einer ist von der entsprechenden ErleuchtungsRecherchereise nie zurückgekehrt – oder war komplett verändert. Da muss man einfach realistisch bleiben. So etwas kann man von Journalisten nicht verlangen. 

Halt, Moment, ich höre gerade aus der Regie, dass mir da der Plot des Marvel-Films „Dr. Strange“ dazwischengerutscht ist. Sorry! Also noch einmal, und diesmal richtig: Ich habe rund zehn Minuten gebraucht, um via Google herauszubekommen, dass es so etwas wie den „Windindex“ und den „Ertragsindex“ gibt, mit dem geeignet spezialisierte Meterolog*innen zusammenfassend beschreiben, wie viel windradrelevanter Wind in Deutschland in einem bestimmten Jahr oder einem bestimmten Monat gepustet hat, ortsgenau, je nach Bundesland oder für Deutschland insgesamt. Und wenngleich sich die betreffende Firma die besonders geldwerten Daten wohl in der Tat bezahlen lässt – etwa wenn Investor*innen wissen wollen, wie viel Ertrag von einer Windkraftanlage an einem bestimmten Standort zu erwarten ist, oder die Betreiber, welches die aktuellen Bedingungen an ihrem Standort sind – ist die Übersicht samt der deutschlandweiten Daten frei im Internet abrufbar. Auf dieser Seite hier sind die PDFs für die Jahre 2017 bis 2025 direkt herunterladbar. Dank an die Firma Anemos für diese frei zugänglichen Daten! Das folgende Diagramm zeigt unten die bereits geplotteten Äquivalenzstunden, die ich ausgerechnet hatte, und oben den Ertragsindex (in Prozent) aus den Wind-Daten der Firma Anemos:

Oben die Äquivalentstunden, unten der Ertragsindex in Prozent für die Jahre 2017. Die Kurven sind zwar nicht identisch, aber sehr ähnlich, verkürzt gesagt: wo die eine nach oben geht, tut es auch die andere, wo die eine nach unten geht tut es auch die andere.

Im perfekten Gleichschritt bewegen sich jene Daten zwar nicht – insbesondere das Wind-Maximum im Jahre 2023 wird nicht eins zu eins in Äquivalentstunden umgesetzt. Aber die Ähnlichkeiten zwischen den Kurven fallen direkt ins Auge. Speziell für die Vergleichsjahre 2020 und 2025 gilt: Die Ertragsindizes stehen im Verhältnis von 1.21 zu 1, und die Äquivalenzstunden im Verhältnis von 1.23 zu eins. Da muss man sich noch ein weiteres Mal arg verbiegen, um daran festzuhalten, dass hier ein großes Windkraft-Rätsel vorliegt, welches mit den natürlichen Variationen des Windeinflusses von Jahr zu Jahr nun wirklich nicht zu erklären ist. 

Fazit

Klimawandel und Energiewende sind für viele Menschen aufwühlende, emotionale Themen – ob man nun das Zögern der Bundesregierung angesichts einer ernsthaften Bedrohung kritisch beäugt oder sich Sorgen macht, was uns die Energiewende ggf. an wirtschaftlichen Nachteilen bringen könnte. Gerade in den sozialen Medien kann die Diskussion bei diesem Thema recht heftig werden. Umso wichtiger sind verlässliche Informationen. Und dafür ist seriöser, solider, guter Journalismus gefragt. Bei einem Aufhänger wie dem vom Windkraft-Rätsel kann ich förmlich hören, wie die Dozentin in der Journalistenschule ihre Studierenden unterstützen würde, ginge es um eine Übung in den Anfangssemestern: „Erst einmal die Daten plotten. Guck, da fällt euch doch vielleicht schon etwas auf!“ Oder allgemeiner: „Als nächstes müsst ihr euch überlegen: Wen befragt man dafür als Expert*in? Wenn eine von drei möglichen Lösungen die Windverhältnisse sind, braucht ihr auf alle Fälle jemanden aus der Meteorologie!“ Wer dann als Lösung so etwas einreichen würde wie diesen WELT-Artikel, fiele durch.

Woran liegt’s? Ich könnte ehrlich gesagt nicht sagen, welche der beiden grundsätzlichen Möglichkeiten, die mir direkt einfallen, ich gruseliger fände: das Szenario, in dem die Beteiligten es eigentlich besser wissen, aber hej, die Anweisung von oben war halt mal wieder der Windenergie eins aufs Haupt zu geben, oder das Szenario, in dem die ja mindestens drei Beteiligten (Interviewpartner und dem Vieraugenprinzip nach zwei Journalist*innen) sämtlich an den hier skizzierten grundlegenden Wie-lese-ich-ein-Diagramm-mit-Daten-Kompetenzen scheitern.

Ich fühlte mich bei meiner Auswertung sehr an meine Blogbeiträge zur angeblichen Klimawandel-Pause erinnert (hier und hier). Um da zu einem erklärungsbedürftigen Rätsel zu gelangen, musste man ebenfalls eifriges Cherrypicken betreiben, die Augen fest zukneifen wenn die Kurve zwischen den gewählten zwei Bezugspunkten nicht zum eigenen Narrativ passt, sowie alles vergessen, was man ggf. mal über die Überlagerung von langfristigen Trends und kurzfristigen Schwankungen gelernt hatte. Dass solch fragwürdige Argumentationen es damals bis in den SPIEGEL geschafft hatten, hatte mich damals einigermaßen erschüttert und verwundert. Wo der Autor jenes SPIEGEL-Beitrags heute ist? Chefreporter Wissenschaft bei der WELT.

Nachbemerkung

Wie immer bei kontroversen oder potenziell kontroversen Themen moderiere ich die Kommentare. Ich bitte die Kommentator*innen, beim Thema zu bleiben, sich kurzzufassen, und Beschimpfungen/Beleidigungen, egal in welche Richtung, zu unterlassen. Kommentare, die sich nicht an diese einfachen Regeln halten, schalte ich gar nicht erst frei.

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Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit, seit 2010 zudem Leiter der Öffentlichkeitsarbeit am Max-Planck-Institut für Astronomie und seit 2019 Direktor des am Haus der Astronomie ansässigen Office of Astronomy for Education der Internationalen Astronomischen Union. Jenseits seines "Day jobs" ist Pössel als Wissenschaftsautor sowie wissenschaftsjournalistisch unterwegs: hier auf den SciLogs, als Autor/Koautor mehrerer Bücher und vereinzelter Zeitungsartikel (zuletzt FAZ, Tagesspiegel) sowie mit Beiträgen für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

35 Kommentare

  1. Heiliges Kanonenrohr 🙁

    Danke für den ausführlichen Blogbeitrag.
    Das es einige Journalisten gibt die die Klimakatastrophe und auch die Energiewende klein reden oder herabsetzen ist jetzt zwar kein Geheimnis, aber das tut jetzt schon ziemlich weh.

    • Die Klimakatastrophe wurde doch vom IPCC berichtet. Das Szenario 8,5 war ein absolut übertriebenes Modell. Aber dieser Beitrag ist sehr interessant. Vertraue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.
      Übrigens hat Correctiv das mit den Klimadaten genau so gemacht. Die nehmen die Daten vom Hohenpeisenberg, schneiden die ersten 100 Jahre von 1781 bis 1881 ab, denn da war es warm, und tun so, als ob es immer nur wärmer werden würde. Und wenn das nicht reicht, sagt man: die Thermometer haben falsch gemessen.
      Ich bin also sehr vorsichtig geworden. Wie dieser Bericht zeigt: zurecht.

      • Was Sie hier zum Szenario 8.5 schreiben, klingt allerdings eher so, als wären Sie im Gegenteil auf die Propaganda der Klimawandel-Verharmloser hineingefallen. Haben Sie zu der Correctiv-Behauptung mal eine Quelle bzw. einen Link? Googeln liefert mir erstmal nur einen Treffer dazu, wie EIKE (und damit sind wir dann ja wieder auf der Gegenseite) problematisch mit Hohenpeißenberg-Daten umgeht. Am Ende sind Behauptungen, die nur auf sehr wenigen, womöglich gezielt ausgewählten lokalen Messungen beruhen, ja von vornherein problematisch, wo es eigentlich um das Klima geht.

      • @Maria Wolf
        woher haben sie denn den Unfug dass es zw. 1781 und 1881 am Hohenpeißenberg (oder sonst irgendwo in Mitteleuropa) „warm“ gewesen sein soll? Da waren wir in Europa bekanntermassen bis Anfang des 19. Jahrhunderts noch voll in der Kleinen Eiszeit und speziell am Hohenpeißenberg gab es bis 1881 keinen nennenswerten Temperaturanstieg. Der Anstieg fing erst ca. 1900 allmählich an und ging dann ab ca. 1990 richtig ab.
        Ich habe mal kurz die Mitteltemperatur am Hohenpeißenberg von 1781-1800 und diejenige zw. 2006 und 2025 ausgerechnet: Damals waren es 6.0°C, die letzten 20 Jahre waren es 8.3°C!
        (Daten sind beispielsweise auf Michael Theusners Wetterseite abrufbar)

        • Danke für den Hinweis auf Michael Theusners Wetterseite, da ist ja wirklich eine Menge an Daten gesammelt. Hätten Sie vielleicht einen
          Tipp, wie man auf jener Seite zu der Art von langfristiger Zeitreihe kommt, über die wir hier diskutieren? Wenn ich mich da durchklicke, lande ich zunächst nur bei Verfügbarkeits-Übersichten für die entsprechenden Daten. (Und zu Maria Wolfs Quelle: Ja, das würde mich auch interessieren. Googlen ergibt wie gesagt EIKE-Links, aber zumindest bei meinen Versuchen nichts zu Correctiv.)

          • Hallo,
            auf der Startseite einfach rechts auf Monats- und Jahrezeitenkarten klicken und dann oben in den drop-down-Menüs wo momentan „Juni“ voreingestellt ist „Jahr“ auswählen. Das Jahr welches einen interessiert auswählen (geht 1719 mit einer einzigen Station, Berlin-Dahlem, los). Rechts Tt Mittelwert ist schon voreingestellt.
            Die Seite ist glaube ich tatsächlich die am besten aufbereitete Datensammlung zu Wetter und Klima in Deutschland die wir momentan haben.

          • Danke! Aber die Zeitreihen muss man sich dann selbst zusammenstellen, oder? Für „am besten aufbereit“ fehlt mir eine API. Damit steht und fällt wie flexibel man auf jene Daten zugreifen kann.

  2. Hallo
    Ein sehr langer Artikel um einen eigentlich einfachen Sachverhalt.

    1. Wie viel Wind hat geweht und vor allem wird klimawandelbedingt wehen.?
    Beeinflussen wir das System und unser Klima durch Energieentzug selbst? (Amoc)
    2. Wie viel Windenergie wird durch notwendige Abschaltungen verloren.

    3. Wie gross ist der Verlust- Effekt an möglicher Energie durch Windräder selbst? (Verstellung)

    Vernünftige transparente Daten und Modelle rasch in den politischen Vorgaben berücksichtigt, ist das, was wir brauchen.

    • Ist es nicht viel wichtiger, ob der erzeugte Strom genutzt werden kann- sinnvoll? Und wieviel man für die Entsorgung des zuviel produzierten Stromes bezahlen muss? Nur das interessiert mich.
      Und wenn wir viel Geld für die Entsorgung des Stromüberflusses bezahlen müssen, dann brauchen wir erst mal nicht mehr Erzeugung sondern zuallererst mehr Speicher.
      Meine Unterhaltung mit KI, die mir zuerst sagte: wir bauen doch mehr Batteriespeicher! zeigte dann: Batterien sind nicht die Lösung. Es wäre ein Zusammenspiel aus smartem Netzwerk, Stromverbrauch und verschiedenen Speichern, auch H2O = immer noch besser als wegschmeißen oder Anlagen still stehen lassen. Nur: ich stelle nicht jeden Mittag von 12-14 Uhr meine Waschmaschine an bei Sonnenschein. Auch sonst kann ich da recht wenig regeln, da ich dann meist nicht zuhause bin sondern auf Arbeit. Also ich hab noch keine Lösung für das jetzige System der Energiewende. Wasserkraft dazu – ja, das wäre sinnvoll, kostet aber eben auch viel, aber vermutlich weniger als die ganzen anderen Kosten zusammen..

      • Am Ende ist es halt ein zeitkritisches Problem. Und mit den Speicherkapazitäten und der Energieproduktion haben wir letztlich ein Henne- und Ei-Problem. Gerade dass es Überproduktion gibt ist doch ein wirtschaftlicher Anreiz, geeignete Speicher zu bauen! Wäre zum Konstruktionszeitpunkt nicht einmal klar, ob jemand dann zeitnah entsprechende Produktionskapazitäten in Betrieb nimmt, wäre der Investitionsanreiz weitgehend oder ganz weg. Smartes Netzwerk und smarte Haushaltsgeräte wären auf alle Fälle eine wichtige Komponente. Und was würde Sie daran hindern, entsprechende Technik vorausgesetzt, bei Ihrer Waschmaschine auf den „Kosten optimieren“-Knopf zu drücken, der den Einschaltzeitpunkt entsprechend wählt? Klar, wenn Sie an der Stelle ein bisschen Geld verschwenden möchten, warum auch immer, kann die Technik Sie nicht daran hindern. Generall dürfte der Anreiz zu Einsparungen an der Stelle aber eine ganze Reihe von Menschen überzeugen.

  3. Ergänzend dazu,
    Wir in der EU kaufen Strom und verkaufen Strom an unsere Nachbarländer.
    Und da man Strom schlecht speichern kann, wird er erst verkauft und dann erzeugt. Und die schwankenden Erzeugermengen sind auch diesem EU weiten Handel geschuldet. Und….wenn die Preise an der Strombörse hoch sind, dann lohnen sich die Windräder , wenn die Winde mitspielen.

    • Genau sind dann ja (kurz-, mittel- oder langfristige) Speicherlösungen sinnvoll und sogar rentabel. Und intelligente Stromzähler, deren Daten dann im Idealfall von intelligenten Verbrauchsgeräten genutzt werden. Bzw. das Analogon auf industriellen Skalen – energieintensive Prozesse, deren Durchführung innerhalb bestimmten Grenzen aufgeschoben oder vorgezogen wird, um günstige Strompreise auszunutzen. Die technischen Möglichkeiten sind da. Gerade in diesem Bereich ließe sich von Regierungsseite so viel anstoßen.

      • Zur Information:
        Wir sind nicht mehr führend in Deutschland, aber trotzdem tätig.
        In Förderstedt steht ein Speicher mit 716 MWh, und in Waltrop ist einer geplant mit 1800 MWh.

        Ein Blick ins Ausland. In Laufenburg am Rhein/Schweiz entsteht gerade ein Speicher mit 1600 MWh, in Kalifornien steht einer mit 3200 MWh, Abu Dhabi arbeitet an einem mit 19 000MWh.

        Es tut sich was !

  4. Vielen Dank für Ihre ausführliche und sauber recherchierte Richtigstellung. Ich musste auch an die angebliche „Klimawandel-Pause“ denken. Cherrypicking eben. Schade, dass das immer noch bei einigen verfängt.

  5. Markus Pössel schrieb (02. Juni 2026):
    > […] Wir können wir jedes Jahr die von Windkraft-an-Land erzeugte Energiemenge

    … jedenfalls handelt es sich bei „Energie“ um eine extensive Größe, bzw. deren Werte …

    > durch die installierte Leistung teilen. Das Ergebnis hat die Einheit einer Zeit,

    Die resultierende Größe hat die Dimension „Zeit“, und jeder einzelne bestimmte Wert dieser Größe ist eine (bestimmte) „Dauer“. (Insbesondere ist eine Sekunde eine bestimmte Dauer, oder auch eine Stunde eine bestimmte Dauer.)

    > ich habe hier „Stunden“ gewählt.

    Ganz recht: die (Maß-)Einheit, die bei konkreten numerischen Angaben von bestimmten („Dimensions-behafteten“) Werten auftreten muss, ist mit gewisser Wahl-Freiheit verbunden; nämlich der Wahl eines bestimmten Wertes der entsprechenden Größe (mit der entsprechenden Dimension) als (Maß-)Einheit.

    > Es handelt sich natürlich nicht einfach um die Zeit

    … die Dauer (der Zeit, bzw. des Zeit-Abschnitts) (!) …

    > in der die Windräder gelaufen sind – je nach Windstärke erzeugen Windräder ja einen deutlich von der Nennleistung abweichenden [Leistungs-]Wert.
    > Die Nennleistung ist lediglich die elektrische Leistung unter optimalen Bedingungen, und meist sind Bedingungen nicht optimal.

    > […] nenne ich die resultierende Stundenzahl „Äquivalentstunden“.

    Die Größe, deren Werte wie beschrieben berechnet wurden, ließe sich auch unabhängig von irgendeiner (womöglich naiven) Einheiten-Wahl z.B. „äquivalente Optimal-(Betriebs-)Dauer (während eines Jahres)“ nennen.

    Und wie (sicherlich) zu erwarten, sind alle so ermittelten Werte deutlich kleiner als 1 a (ca. 8700 h).

    p.s.
    > Auch der Umstand, dass nicht alle am Jahresende mit erfassten neuen Anlagen zum 1. Januar gleich mitproduzieren, dürfte für ein paar Schwankungen sorgen

    Um letztere Schwankungen abzuschätzen ließe sich Vergleichs-weise die (jeweils am Jahresende bilanzierte) in je einem Jahr erzeugte Energie z.B. durch die (ebenfalls am Jahresende bilanzierte) installierte Leistung des Vorjahres teilen.

  6. @Hauptartikel / Jährliche Schwankungen

    Was bleibt ist die Erkenntnis, dass die Erträge der Windenergie in Deutschland an Land über ganze Jahre um +- 10% schwankt. Das dürfte mit PV nicht anders sein, und bei norwegischer Wasserkraft nochmal deutlich mehr sein.

    Entsprechend lohnt sich eine gute großräumige Verteilung der Produktionsstandorte und Fernstromleitungen von Nord nach Süd und zu den Nachbarländern.

    Insbesondere auch mal mehr Windkraft in Süddeutschland und mehr PV in Norddeutschland. Da sind zwar die Erträge jeweils niedriger, aber der Transportbedarf auch entsprechend kleiner, und die Schwankungen in der Gesamtproduktion fallen auch ein wenig kleiner aus.

    Auch bei der Bemessung von Backupkapazitäten sind diese jährlichen Schwankungen zu beachten. Wir müssen nicht nur Dunkelflauten ausgleichen, sondern auch ganzjährige Produktionsschwankungen.

    Das könnte eventuell schwierig werden, wenn wir vom Erdgas ganz weg sind und das meiste Backup mit Wasserstoff abdecken. Die bestehenden unterirdischen Kavernen können nur ein Drittel so viel Energie an Wasserstoff aufnehmen als es mit Erdgas möglich wäre. Das kann dann mal knapp werden.

    Womöglich wäre es sinnvoll, die derzeitigen Kohlekraftwerke doch noch als Notbackup einige Jahre länger bereit zu halten. Selbst wenn die im Jahr nur Monate laufen, und das noch nicht mal in jedem Jahr, wäre das eine sehr gute Ergänzung im Gesamtmix. Insbesondere weil der heimische Brennstoff einfach auf Halde gelagert werden kann.

    Zumal ganz akut Kohlestrom sehr viel billiger als der aus Erdgas ist. Das LNG-Gas ist schon sehr viel teurer als das Pipelinegas aus Russland, und durch die Sperrung der Straße von Hormus kann das noch teurer werden. Ich bin da ziemlich irritiert, das man immer noch dem Erdgas Vorrang vor der Kohle gibt.

    Was jetzt zählt, ist doch, dass mehr Speicher und nachfolgend mehr PV und Windkraft zugebaut werden. Da jetzt noch Altkraftwerke vorzeitig abzureißen und neue Gaskraftwerke zu bauen, ist doch einfach nur sinnlos teuer. Wenn wir denn noch billiges Russengas hätten, würde das Sinn machen, haben wir aber nicht.

  7. Danke für diesen klaren, lehrreichen und unterhaltsamen Artikel! – Müsste ich einen Verbesserungsvorschlag abgeben, wäre das einzige, was mir auffallen würde, ein gewisses Restpotenzial für Powerpointeffekt.

    Nicht nur in der Redaktion der Welt kommt derlei Desinformation vor, wie die hier eindrucksvoll beschriebene. Sogar in der ansonsten recht lesenswerten FAZ wird im Wirtschaftsteil regelmäßig so irreführend über technische Aspekte der Energiewende „berichtet“, dass man es kaum fertigbringt, den Artikel zuende zu lesen. Es drängt sich die Frage auf, ob Täuschungsabsicht mit im Spiel ist. (obwohl man ja keine böse Absicht unterstellen sollte, falls Inkompetenz als Erklärung ausreicht). So oder so liegt aber ein Mangel an Verantwortung vor, denn die (inoffizielle, aber nicht minderwichtige) Rolle als vierte gesellschaftliche Gewaltensäule erfüllen Medien nur dann, wenn sie bestmöglich bei den Fakten bleiben.

    Apropos Säule: Im Wikipedia-Artikel zum GROWIAN kann man sich darüber informieren, wie man vor fünfzig Jahren etwas als Demonstrator FÜR Windkraft anpries, was anscheinend hinter verschlossenen Türen als bestmöglicher Demonstrator GEGEN Windkraft entwickelt wurde. Wenn man an Zufälle glaubt, könnte man stattdessen freilich annehmen, dass sich dessen Name, Gestaltung und technische Ausführung ganz von allein so abstoßend und erratisch ergeben hatten. Doch dazu bräuchte es schon einen ehrfürchtigen Glauben an den Zufall. – Seien wir froh, das „cui bono“ heutzutage nicht mehr gilt. ;-S

    VG,
    Albert H.

  8. Danke für diesen Beitrag! Cherry picking, genau wie Sie es beschrieben haben, habe ich vor ein paar Tagen einem Kommentator in einem andren Forum vorgeworfen, der damit eine rapide Abnahme der Eisschmelze in Grönland postuliert hatte.
    Ich bin sicher, dass es sich bei den Artikeln in der Welt um eine gezielte Kampagne handelt. Wenn man kein Abo für die Welt hat, kann man einfach die KI des Vertrauens fragen, wie die Welt die Dekarbonisierung darstellt.

    • Physiker,
      Auch der WELT steht eine Meinung zu.
      Wenn man allerdings den Artikel von ihr zur Decarbonisierung liest, dann scheint der Redakteur von der BILD beeinflusst.
      Das ist wahrscheinlich eine Folge des Zeitungssterbens.-

      Was die Panikmache mit höheren Kosten in Richtung EU betrifft, da will die WELT vielleicht die BILD toppen. Das geht schon in Richtung Sensationsjournalismus.

      WELT Leser ficht das alles nicht an, das sind die BILD Leser mit Abitur.
      Spectrum Leser können ja zur Süddeutschen ausweichen, allerdings wissen sie dann aber auch nicht, was die WELT geschrieben hat, das ist eben die Krux bei solchen Dislussionen. (Soviel Spaß muss sein )

  9. Sorry, das mit dem „Powerpointeffekt“ war nicht so wichtig.

    (Ich persönlich meine ja nur, dass der inhaltlich ziemlich perfekt gelungene Artikel bei bestimmten Leserzielgruppen zusätzlich von etwas „hübscher“ gestalteten Grafiken profitieren könnte.)

    (Laut ChatGPT prägte wohl Edward Tufte den Begriff „PowerPoint effect“, mit dem er ausdrücken wollte, dass bei besonders ansprechend gestalteten Präsentationen der Inhalt zunehmend in den Hintergrund gedrängt wird (was bei fehlerhaftem Inhalt freilich fatal sein kann). Andererseits lässt sich dieser Effekt aber auch gezielt positiv einsetzen, nämlich wenn man sauber verifizierten und wichtigen Inhalt (wie hier) noch wirksamer an Personen weitergeben möchte, die anfällig dafür sind, sich von der Aufmachung beeinflussen zu lassen (dagegen bin ich selber LEIDER nicht ganz immun – und alle Welt-Leser vermutlich auch nicht).)

    Viele Grüße

    • Ah, ok. Ich finde die Matplotlib-Diagramme recht übersichtlich. Und vermute, denjenigen Leser*innen, bei denen Powerpoint-Aufbereitung einen Unterschied macht, wäre mein Artikel sowieso zu daten- bzw. informationslastig. (Bei ChatGPT als Quelle schüttelt’s mich – sich bei so einer Antwort zumindest einen Link empfehlen lassen und dort nachlesen sollte das Mindeste sein. Dazu halluziniert generative KI zu viel.)

  10. Leider habe ich mir eine ganze Weile den Tort angetan, die Welt online zu lesen. Das was vor der Paywall passiert, reicht.

    Die Redaktion hat, vor allem in den Jahren, in denen der Verlag zu großen Teilen dem antidemokratisch, fossil und destruktiv agierenden KKR gehörte, einen bemerkenswerten Schwenk aus der konservativen Mitte in den naheliegenden Straßengraben vollzogen.

    Poschardt, Meyer und Schneider haben sich in einer Weise selbst radikalisiert, die wirklich bemerkenswert ist. Deren soziale Standards sind soweit gesunken, dass sie vor simpelster Agitation nicht mehr zurück schrecken und dabei auch jegliche Spaltung für gut heißen, solange es irgendwie den Grünen schadet. Der ursprünglich, möglicherweise von KKR implantierten Zweck, nämlich die Profite der fossilen Lobbies zu schützen, ist möglicherweise schon in den Hintergrund getreten. Ein Vorgang, wie man ihn bei monotheistischen Religionen kennt, wenn die eine Sekte abspalten.

    Diese Ausweitung der Mittel, die vom Zweck geheiligt werden, hält in dieser Redaktion weiter an. Gegen die Welt ist die Bild fast schon links. Mal sehen, wie weit es dort noch kommt.

  11. Wie üblich… 3 Sekunden für die Lüge und 30 für die Richtigstellung.
    Während wir hier lesen, hat Springer schon 10 neue Lügen rausgehauen und die niedrigsten der Instinkte der leicht Beeinflussbaren getriggert.

    • Jepp! Die einzige Hoffnung ist, dass solche Beispiele zum Nachdenken darüber anregen, wieweit man WELT & Co angesichts solcher Praktiken überhaupt noch trauen kann. Niemand hat die Zeit, jeden einzelnen gelesenen Artikel im Detail selbst nachzurecherchieren. Informationelle Selbstverteidigung heißt, unzuverlässige Quellen soweit wie möglich gleich beiseitezulassen.

  12. Vielen Dank für den inspirierenden Artikel zur Windenergie. Ich habe eine Frage zur Solarenergie. Auf immer mehr gewerblichen Bauten werden pv-Module installiert. wie wird ermittelt, wie viel elektrische Energie diese Anlagen zum gesamten Verbrauch in Deutschland beitragen, wenn diese Energie direkt vor Ort verbraucht wird?

  13. „Spekulationen über die gegenseitige Verschattung von Anlagen („Windklau“)“

    Dazu gibt es eine Untersuchung „EuroWindWakes“ des Fraunhofer-Instituts.

    „Redaktion: In der Ausschreibung für Windenergieanlagen auf See im August 2025 gab es keine Gebote für die zentral voruntersuchten Flächen N-10.1 und N-10.2 in der Deutschen Bucht. Welche Rolle spielen dabei die Abschattungseffekte?

    Martin: Die Abschattungseffekte auf diesen beiden Flächen N-10.1 und N-10.2 sind mit die größten in der Deutschen Bucht und damit auch die größten, die es in der gesamten Nordsee voraussichtlich geben wird. Allerdings sind es nicht die Flächen mit den absolut größten Effekten. Diese sind auf Flächen eines benachbarten Clusters zu erwarten, der 2024 erfolgreich vergeben wurde.“

    Quelle:
    https://websites.fraunhofer.de/iwes-blog/im-windschatten-abschattungseffekte-von-windenergieanlagen-im-fokus/lukas-vollmer

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