Das Universum und Sibylle Anderl (Buchbesprechung)

Vordere Umschlagseite von "Das Universum und ich" von Sibylle AnderlManche populärwissenschaftlichen Bücher erschöpfen sich im Geschichtenerzählen und in Wow-Effekten. Das Buch “Das Universum und ich. Die Philosophie der Astrophysik” von Sibylle Anderl, ihres Zeichens Astrophysikerin und Wissenschaftsjournalistin (letzteres als Redakteurin bei der FAZ), ist das genaue Gegenteil. Hier steht stattdessen im Vordergrund: woher wissen Wissenschaftler, konkret: Astrophysiker, eigentlich, was sie wissen?

Leserinnen und Leser des Buches führt Anderl mit leichter Hand und angenehm trockenem Humor durch eine Reihe interessanter aktueller astronomischer Forschungsgebiete, immer entlang grundlegender kritischer Nachfragen: Was ist überhaupt real? Inwieweit ist Astronomie mangels weitgehender experimenteller Möglichkeiten (Astronomen können ja beispielsweise mit Sternen nicht direkt experimentieren) grundlegend anders als andere Wissenschaften? Unterliegt die Astrophysik vorübergehenden Modeströmungen – oder anders herum gefragt: werden bestimmte Phänomene gar nicht gefunden, weil bei den (teuren) Teleskopbeobachtungen gar nicht danach gesucht wird? Kann es sein, dass die Astronomie – ähnlich wie die Geografie – irgendwann einmal ans Ende ihrer Beobachtungen gelangt? Wie zuverlässig sind Modelle, und woher wissen wir das? Und wie ist es mit Computersimulationen?

Diesen und weiteren Fragen geht Anderl mit einer Mischung aus astronomischen Beispielen, grundsätzlichen Überlegungen, Schilderungen eigener Erfahrungen und kurzweiligen konstruierten Alltagsbeispielen nach, die von gemeingefährlichen Küchenherden bis zu den Tücken von Feldversuchen zur Ermittlung des philosophischen Interesses bei Astrophysikern reichen. Die Darstellung bleibt dabei durchweg allgemeinverständlich und setzt insbesondere kein astronomisches Fachwissen voraus, erfordert aber durchaus (wie Anderls Eltern im Epilog bestätigen) aufmerksames Lesen. Was dabei an wissenschaftsphilosophischen Grundlagen erklärt wird, kann man allerdings durchaus auch praktizierenden Astronomen ans Herz legen. Ein rundum empfehlenswertes Buch!

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Ja es braucht Leute, die einem erklären wie man zu Wissen kam und kommt und nicht nur Leute, die einen mit Wissen abfüllen. Echte Bildung bedeutet sogar nichts anderes: Verstehen was man weiss! (und wissen was man nicht versteht)

    So gesehen könnte man nicht nur Sybille Anderl’s Buch empfehlen, sondern sogar und gerade Sybille Anderl’s Herangehensweise. Die Chancen, dass andere ihre Herangehensweise für ihre eigenen Buch- und Wissensvermittlungsprojekte heranziehen stehen übrigens gar nicht so schlecht – besser gesagt sie stünden nicht so schlecht, wenn sie eine bekanntere Person wäre.

    Ein gutes Beispiel für die Verbreitung (für das Plagiat) einer neuen Sichtweise ist das Projekt Big History, welches zuerst vom Historiker David Christian gestartet (und von Bill Gates beworben) wurde als Versuch die klassische historisch/kritische Herangehensweise seiner Disziplin zugunsten einer integrativen naturwissenschaftlich/geisteswissenschaftlichen Herangehensweise aufzugeben – einer Herangehensweise die nicht nur die menschliche Kultur- und Politikgeschichte ins Auge fasst, sondern auch die Prozesse, welche den Menschen und welche alles was vor dem Menschen war, entstehen liessen. Die Idee hinter Big History wurde inzwischen von mehreren Autoren übernommen um zu einer Gesamtschau zu kommen, wie man sie vorher nirgends fand. Der bekannteste, welcher sich nach dem Erfinder (David Christian) der Big-History Sehweise verschrieben hat ist wiederum ein gelernter Historiker: Yuval Harari, der in “Eine kurze Geschichte der Menschheit” nicht nur die Zeitspanne der letzten paar tausend Jahre (in der Geschriebenes hinterlassen wurde) abarbeitet, sondern der sich vorwagt zu definieren, was den Menschen und sein Denken überhaupt ausmacht.

    Wenn Sybille Anderl frägt: Inwieweit ist Astronomie mangels weitgehender experimenteller Möglichkeiten (Astronomen können ja beispielsweise mit Sternen nicht direkt experimentieren) grundlegend anders als andere Wissenschaften? , so liesse sich eine ähnliche Frage genauso gut etwa für die Mathematik stellen. Was dann zur Formulierung führt: Inwieweit unterscheidet sich Mathematik durch ihre Arbeitsweise von Naturwissenschaft, Sozial- und Geisteswissenschaft und wodurch gibt es trotzdem Anknüpfungsmöglichkeiten für andere Wissenschaften?
    Man sieht: Die Metaebene (die Ebene der Fragen über Fragen), die ein Buch oder Projekt verwendet und vielleicht sogar öffnet, die kann für sehr viele konkrete Bücher und Projekte fruchtbar werden.

    Ich jedenfalls würde mir Bücher über Wissenschaft(en) wünschen, die sich zum Ziele setzen den Leser zum Mitdenkenden zu machen indem eben nicht nur Wissen vermittelt wird sondern auch Wissen über das Wissen.

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