Corona-Pandemie und Schule: Das BMBF meldet sich zu Wort

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… aber nicht einfacher
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Pandemie und Schulen ist ein einigermaßen aufgeheiztes Thema. Sowohl auf Seiten derer, die Schäden durch Schulschließungen befürchten als auch auf Seiten derer, die Schäden durch das Offenhalten der Schulen etwa während der anstehenden Omikron-Welle befürchten, sind die entsprechenden Sorgen groß. Das Thema ist dabei einigermaßen unübersichtlich – viele Aspekte, viele Gewichtungen.

BMBF: Schulen kein übermäßiger Einfluss

Neu ist, soweit ich sehen kann, dass sich die neue Bundesforschungsministerin und ihr Social-Media-Team mit deutlicheren Aussagen als vorher zu diesem Thema zu Wort melden. Konkret twitterte das BMBF-Social-Media-Team:

(Wo Tweet 1/2 dazu ist, weiß ich nicht – vermutlich ist es dieser hier; die Tweets sind leider nicht, wie sonst in diesem Falle üblich, als Thread ausgeführt.)

Auf Nachfrage einer Reihe von Nutzern lieferte man dann noch nach, auf welche drei Studien man sich mit jener Aussage bezog:

  1. SARS-CoV-2 circulation in the school setting: A systematic review and meta-analysis (Martinoli et al.)
  2. Transmission of SARS-CoV-2 by children and young people in households and schools: a meta-analysis of population-based and contact-tracing studies (Viner et al.)
  3. Risk of infection and transmission of SARS-CoV-2 among children and adolescents in households, communities and educational settings: A systematic review and meta-analysis (Irfan et al.)

(der letzte der drei Tweets weist außerdem allgemein hin auf die Covid-Sammlung ilovevidence.com). Insofern: Erst einmal ein Lob an das Social-Media, Team, dass es auf die Nachfrage hin tatsächlich drei Studien nennt, und das dann auch noch direkt klickbar per Link. Das schafft Transparenz. Außerdem antwortete das Team ganz direkt auf einige der Antworten unter dem Ausgangstweet; auch das löblich – gerade von Ministerien ist man ja eher gewohnt, dass Twitter zwar genutzt wird, um Informationen zu verkünden, aber nicht unbedingt als interaktive Medium.

Auch von mir an der Stelle etwas an Transparenz: Ich bin Physiker und Astronom, aber kein Epidemiologe. Ob diese drei Studien beispielsweise repräsentativ sind oder nicht, kann ich nicht einschätzen – dafür wäre ein fachlicher Überblick nötig, den ich nicht besitze. Ich kann an der Stelle nur das tun, was jeder Laie bzw. jede Laiin mit Basiswissen in Statistik machen kann: Nachlesen, was die Studien aussagen und allenfalls ein paar der Zahlen nachzuvollziehen zu versuchen. Aber immerhin das habe ich an der Stelle dann mal getan. Die Links waren ja da.

1. Martinoli et al. 2021

Die erste Studie, von Martinoli et al. und derzeit nur als Preprint verfügbar (hat also noch keinen Peer Review durchlaufen), kommt zu dem Schluss

“This systematic review and meta-analysis of all available data shows that SARS-CoV-2 viral spread is limited and child-to-adult transmission in the school setting scarce.

Summary estimates indicate that young index cases were 74% significantly less likely than adults to favor viral spread and children are 43% less susceptible than adults.”

Das ist so formuliert natürlich etwas vage; schauen wir uns das also einmal näher an. Erst einmal: Untersucht wurde in dieser Metastudie (also als Auswertung bereits veröffentlichter Studien), wie sich Covid innerhalb von Schulen ausbreitete. Das “74% less likely” bezieht sich darauf, wie oft bei den Fällen einer Ansteckung in einer Schule die ansteckende Person ein Erwachsener war (Lehrer/instructor/staff) und wie oft ein Kind/ein Jugendlicher.

Diese Zahl wiederum beruht dann nur auf ganzen 3 der im Artikel insgesamt augewerteten Studien, wie man an dieser Abbildung aus dem Artikel sehen kann:

Covid-Risiko Schule? Abbildung 4b aus Martinoli et al., https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2021.09.03.21263088v1.full.pdf - mit der Information zu den drei Studien, auf die es hier ankommt.
Covid-Risiko Schule? Abbildung 4b aus Martinoli et al., https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2021.09.03.21263088v1.full.pdf – mit der Information zu den drei Studien, auf die es hier ankommt.
  1. Macartney, 2020 – untersucht wurden 15 Schulen und Kindertagesstätten in New South Wales, Australien, von Januar bis Mai 2020 (als Kontext: für einen Teil dieses Zeitraums waren die Schulen im “Notbetrieb”, mit nur denjenigen Kindern, für die Home Schooling keine Option war; Schulklassen, in denen ein Fall aufgetreten war, wurden komplett für 14 Tage in Quarantäne geschickt). New South Wales hatte zu jener Zeit eine Inzidenz um die 40 (neue Fälle pro Tag pro 100.000 Einwohner*innen). In vier Einrichtungen (zwei weiterführende Schulen, eine Grundschule, eine Kindertagesstätte) kam es zu Infektionen, die offenbar innerhalb der Einrichtung – Quelle der Infektion waren dabei zwei Mal Kinder, zwei Mal Erwachsene. An der Kindertagesstätte kam es zu einem Cluster mit 13 Infektionen, ansonsten einmal zu einer, zwei Mal zu je zwei Folgeinfektionen. Im Mittel waren die Infizierten nur zwei 2 Tage (!) im infizierten Zustand in der Einrichtung, bevor die Infektion entdeckt wurde und die Infizierten entsprechend zuhause blieben.
    Kommentare von MP dazu: Mehrere potenzielle Probleme, aber aus meiner Sicht das wichtigste: Martinoli et al. beziehen sich in Ihrem Artikel nur auf “schools”, haben aber die Kindertagesstätte, deren Fälle die Studie von Macartney dominieren, einfach mit aufgenommen. Das ist ein klarer Fehler.
  2. Heavey, 2020 – untersucht wurden Fälle in Irland vor dem 12. März 2020 (nämlich dem Datum, an dem die irischen Schulen geschlossen wurden). Insgesamt wurden 3 Fälle von Kindern im Schulalter und 3 Fälle von Erwachsenen, die sich in Schulen aufgehalten hatten, identifiziert. In vier der Fälle war die Ansteckung auf eine Reise zurückzuführen, in einem Fall auf eine Begegnung außerhalb der Schule. In einem Falle war eine Ansteckung innerhalb der Schule aufgetreten. Nur eine einzige Ansteckung hatte demnach voraussichtlich in der Schule stattgefunden. Dazu, wie lange die Betreffenden zwischen der Infektion und der Schulschließung noch in der Schule waren, gibt es keine Angaben.
    Kommentare von MP dazu: Abgesehen von den sehr kleinen Gesamtzahlen ist insbesondere die Frage, wie Kontakte definiert wurden,  bei dieser Studie problematisch. Martinoli et al. bewerten die Qualität der Studie trotzdem als “high” und beziehen sie als wie gesagt eine von drei Studien in ihre Auswertung ein. Irland hatte zum Zeitpunkt der Schulschließungen eine Inzidenz von 5,29 (7-Tages-Mittel neue Fälle pro Tag pro 100.000 Einwohner*innen). Wir bewegen uns also auch hier in einer Niedriginzidenz-Situation ganz vom Anfang der Epidemie. 
  3. Gettings, 2021 – untersucht wurden Fälle in einem Distrikt des US-Bundesstaats Georgia von Dezember 2020 bis Januar 2021. Immerhin sind wir hier also erstmals nicht in der ersten Welle, sondern für Georgia damit in der dritten Welle; die erreichte in der 2. Januarwoche mit einer Inzidenz von knapp 97 (gemittelt neue Fälle pro Tag pro 100.000 Einwohnder*innen) ihr Maximum. Hier wurden in einem Schulbezirk insgesamt 86 Indexfälle untersucht und zu denen 1119 Kontakte ausfindig gemacht und davon wiederum 688 getestet. 59 davon waren positiv. Es wurden wohlgemerkt nur Kontaktpersonen innerhalb der Schule ausfindig gemacht.

Allgemein kann man zu der Studie von Martinoli et al. sagen: Untersucht wurde in punkto Infektionsdynamik nur die Weitergabe innerhalb von Schulen, also die relativen Wahrscheinlichkeiten dafür, sich als Schüler*in oder Erwachsene*r innerhalb der Schule bei einem/einer infizierten Erwachsenen vs. einem infizierten Kind anzustecken. Das sagt nur leider überhaupt nichts über die Rolle von Schulen im Infektionsgeschehen insgesamt aus. Hypothetisch gesagt: Falls Schulen ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt für die Weitergabe des Virus wären, ist dafür ja irrelevant, ob die Übertragung vor allem über die Lehrer*innen oder zwischen den Schüler*innen geschieht. Für mich ist deswegen unklar, warum diese Studie vom BMBF-Social-Media-Team verlinkt wurde. Ganz allgemein ist natürlich unklar, wie sich die bei vergleichsweise niedrigen Inzidenzen, und zum Teil in Situationen ohne langfristigen Kontakt (weil die Schulen kurz darauf geschlossen wurden) auf einen Betrieb in Hochinzidenzzeiten übertragen ließe. Außerdem beziehen sich die Studien nur auf den Wildtyp von Covid. Alpha-Variante, Delta-Variante und Omikron kamen ja erst später.

2. Viner et al.

Eine weitere Metastudie, diesmal wurde spezifisch die Übertragung im Bildungsbereich (“educational setting”) im Vergleich zur Übertragung im Haushalt verglichen. Insbesondere wurde die Secondary Attack Rate (SAR) ermittelt, also bei Vorliegen einer Infektion das Verhältnis der Anzahl derjenigen Mitglieder einer Gruppe, die daraufhin erkranken, zur Gesamtanzahl der Mitglieder jener Gruppe.

Die SAR betrug innerhalb von Schulen 0,7%, innerhalb von Haushalten 7,6%, war im Haushalt also mehr als 10 Mal höher als in Schulen.

Soweit die Studie.

Ich frage mich an der Stelle natürlich als Laie: Was folgt daraus? Auf den ersten Blick natürlich “die Kennzahl für Schulen ist 10 Mal kleiner als für Haushalte, yay!” – aber auf den zweiten Blick spielt natürlich auch die Größe der Bezugsgruppe eine Rolle. Haushalte sind ja deutlich kleiner als Schulen. Wenn ein Kind im Haushalt 3 Kontaktpersonen hat, wird es im Mittel 3 mal 7,6% also 0,22 Personen anstecken. Aber in der Schule hat das Kind je nach Klassengröße und Durchmischung mindestens, sagen wir, 34 Kontaktpersonen (29 Mitschüler*innen, 5 Lehrer*innen). Von denen steckt es bei der obigen SAR im Mittel 0,24 an. Auch bei deutlich kleinerer SAR würde also gelten: Allein die unterschiedlichen typischen Gruppengrößen verschieben die Zahl der Infektionen sehr deutlich.

Um sicherzugehen, habe ich mir angeschaut, wie Viner et al. auf ihre SAR-Werte für die verschiedenen Studien kommen. Da dann allerdings gleich die erste Überraschung. Die erste bei Viner et al. verlinkte Studie ist die von Laxminaranyan et al. 2020, veröffentlicht in Science. In ihrer Tabelle (Figure 2) geben Viner et al. dort in der Spalte für “household studies” eine Secondary Attack Rate von 0.072, also 7,2%. Nach der Zahl habe ich mich dann im Originalartikel von Laxminaranyan einigermaßen totgesucht; die steht dort nirgendwie. Ich komme allerdings auf diese Zahl, wenn ich bei Laxminaranyan die Zahl derjenigen Kontakte nehme, für die Daten vorlagen, wie sie sich angesteckt hatten (“Data on exposure settings, available for 18,485 contacts of 1343 index cases, revealed considerable differences in transmission risk associated with differing types of interaction.”). Dann ergibt 1343 geteilt durch 18485 nämlich in der Tat gerade 0,07265350284. Nun gut, da kann man sich fragen, warum nicht ordnungsgemäß aufgerundet wurde. Viel mehr sollte man sich allerdings wundern, warum dort überhaupt jene beiden Zahlen durcheinander geteilt wurden. Ein paar Zeilen weiter ist die SAR für “household” nämlich explizit angegeben. Die beträgt aber 9%, nicht 7.2%. Und da frage ich mich dann natürlich schon: Wie kommt die Zahl zustande, die Viner et al. aus der Laxminaranyan-Studie gezogen haben?

Nachtrag 11. Januar 2022: Die Zahl kommt aus dem Supplement; Twitter-Nutzer @MathematikerRuR zeigt das in diesen Tweets. Danke! Die dort angesprochene Tabelle S3 enthält für zwei Bundesstaaten Indexfälle, tested contacts und positive contacts. Zählt man die positive contacts zusammen, erhält man in der Tat 30+133+430+3517=4110, für die tested contacts 472+1951+6869+48123=57415, wie bei Viner in der Tabelle in Figure 2. (Bei den Index cases gibt es allerdings eine Diskrepanz von 20 – warum auch immer, evt. ein Rechenfehler.) Das sind allerdings bei Laxminaranyan die Zahlen für alle Arten von Ansteckung, nicht nur für “household settings”. Laxminaranyan differenziert soweit ich sehen kann in Tabelle S3  nach Alter, aber nicht nach Settings; in Tabelle S7 nach Settings, aber nicht nach Alter. Das ist also auf alle Fälle problematisch – die Zahl, die Viner et al. für Laxminarayan als “household setting” auflisten, gehört nicht zu den “household settings” in jenem Artikel.

Zweiter Versuch, zweite Quelle in der Liste bei den Household-Studies: Park et al. 2020. Auch da wieder eine lange Suche im Artikel, keine direkte Zahl gefunden, aber in Tabelle 2 kann man die Zahlen anhand der Altersgruppen 0 bis 9 Jahre und 10 bis 19 Jahre selbst ausrechnen. Was dabei zählt ist dabei die Zahl der positiven Kontaktpersonen durch die Zahl der insgesamt getesteten Kontaktpersonen; der Vergleich mit Tabelle 1 bestätigt meine Interpretation: Für die 124 infizierten 10-bis-19-jährigen wurden zusammengezählt 231 Kontaktpersonen getestet, also im Mittel weniger als 2. Das kommt dann ja ungefähr hin mit einer Haushaltsgröße von 2-3 Personen zusätzlich zur ursprünglich infizierten Person.

Zum Vergleich habe ich mir die von Viner ebenfalls zitierte Studie von Schoeps et al. 2021 angeschaut, die sich auf Rheinland-Pfalz bezieht, mit Untersuchungen zwischen August und Dezember 2020. Dafür steht in Viners Figure 2 eine SAR von 0.9%. Diese Zahl bekomme ich auch, wenn ich in Tabelle 1 von Schoeps die Zahl der Indexfälle “Student/child” betrachte und schaue, wieviele Sekundäransteckungen es gab (99) und unter wievielen Kontakten insgesamt (10716) die vorkamen: 99/10716 = 0,0092.

Meine Betrachtung find ich jedenfalls da bestätigt: Es waren insgesamt 346 Indexfälle (also Infizierte), also rund 31 Kontakte pro Schüler*in, wie man es erwarten sollte. Aber es waren eben auch 99 Sekundärinfizierte, insgesamt also ein R-Wert schulischer Übertragung von R=0,29. Zum Vergleich: bei den obigen koreanischen Zahlen waren es für die Haushalts-Übertragungen von 10- bis 19jährigen 124 primär Infizierte (Indexfälle), die laut Tabelle 2 ganze 43 weitere Personen angesteckt haben. Also  R=0,35.

Das ist dann zwar immer noch ein kleiner Unterschied, aber eben längst kein Faktor 2 mehr. Und sobald es Kontakte mit mehr als einer Klasse gibt (oder eben die Lehrer) ist die Frage, ob der Unterschied überhaupt noch zugunsten der Schule ausfällt. Bei den gemittelten SAR-Zahlen von Viner et al. ist der Unterschied jedenfalls schon nicht mehr vorhande: 0,7% für schulische SAR ergibt bei im Mittel 30 schulischen Kontaktpersonen ein schulisches R=0,21. Die Haushalts-SAR von 7,2% ergibt für im Mittel 2,6 Haushaltskontakte (bei durchschnittlicher Kinderzahl von 1,6) nur R=0,19. Zumindest was die Ansteckung durch Kinder angeht trägt das schulische Setting damit sogar  mehr zum Infektionsgeschehen bei als es die Haushalte tun.

(Die Autoren scheint das übrigens nicht zu scheren. Die schließen direkt aus der SAR, ohne die Kontaktgruppengrößen zu berücksichtigen, “SAR were markedly lower in school compared with household settings, suggesting that household transmission is more important than school transmission in this pandemic.” Das halte ich aus den genannten Gründen für einen Fehlschluss.)

Auch diese zweite Studie sagt also nicht das, was sie laut BMBF-Social-Media-Team sagen soll. Hm.

3. Irfan et al.

Kommen wir zur dritten angegebenen Studie, Irfan et al. – wieder eine Metaanalyse, diesmal zum Risiko von Kindern und Jugendlichen, sich anzustecken, und zwar relativ zu Erwachsenen im gleichen Setting. Relativ zu Erwachsenen, wohlgemerkt.

Auch da habe ich stichprobeweise mal eine Ebene tiefer geschaut, zunächst einmal um herauszubekommen, worauf sich in der aus meiner Sicht eher irreführend beschrifteten Tabelle überhaupt “Events” und “Total” bezieht. Mit “Events” sind offenbar outcomes wie “positiv getestet” gemeint, stellte sich heraus. Aber da fing es dann schon wieder an, denn in der Studie von Fontanet et al. 2020, die ich mir da herausgesucht hatte, fand ich zwar dieselben Zahlen wie in Figure 5 bei Irfan et al. Aber sie bedeuteten nicht das, als was Irfan et al. sie da präsentierten. In Figure 5 stehen bei Irfan et al. die Daten zum Vergleich der “educational settings”. Daraus wird im Abstract dann eine Aussage wie “in educational-settings, children attending daycare/preschools […] were observed to be at lower-risk when compared to adults”. Aber die Erwachsenen, die “adults” in Fontanet et al. gehören gar nicht in das betreffende Setting. Bei Irfan et al. sind jene Erwachsenen im Setting “high school” aufgeführt. Aber von den 421 dort genannten sind nur 80 Lehrer*innen oder arbeiten in sonstiger Funktion in der Schule. Die anderen sind die Eltern und Geschwister der Schüler*innen (und 3 “sonstige”). Für einen Vergleich “Erwachsene vs. Kinder in einer Schulumgebung”) taugen jene Zahlen also gar nicht. Zumal die Geschwister jener Schüler*innen, die da pauschal den Erwachsenen zugeschlagen werden, eigentlich auf die andere Seite gehören, denn sie dürften ja selbst in vielen Fällen Schüler*innen sein. Auweia.

Eine weitere Aussage, im Abstract ohne Zahlenwerte wiedergegeben, bezieht sich wieder auf die relativen Odds Ratios von schulischem Umfeld zu allgemeinem “community setting” (wieder einschließlich Haushalte). Da greift dann derselbe Vorbehalt wie bei Viner et al., mit den Gruppengrößen. Die Frage nach der relativen Kontaktgruppengröße bleibt in Irfan et al. unbeantwortet.

Aber selbst wenn wir die Aussagen der Studie glauben: Was sagen uns die? Erstens sind die Zahlen für Jugendliche/Kinder im Vergleich mit Erwachsenen doch sehr ähnlich. Für Grundschüler*innen liegt das “Risikoverhältnis” im Vergleich zu Erwachsenen zwischen 55% und 131% (95-Prozent-Konfidenzintervall), oder eben: kein signifikanter Unterschied. Ähnlich ist es bei Schüler*innen in weiterführenden Schulen (zwischen 71% und 238%).

Zweitens werden natürlich wieder die Gruppengrößen wichtig. Wenn ich eine Schule mit einer gegebenen Infektionslage habe, und wenn ich in jener Schule 30 Mal mehr Schüler*innen habe als Lehrer*innen, dann nützt der Odds Ratio von 0,85 in Bezug auf die Gesamtzahlen nicht soviel. Dann kommen auf jede*n infizierte*n Lehrer*in 26 infizierte Schüler*innen. Das sagt also selbst über die Verhältnisse innerhalb der Schulen nicht wirklich etwas wirklich Informatives aus.

…und was heißt das jetzt für die Rolle von Schulen für das Infektionsgeschehen?

Wie gesagt: Jene verlinkten Studien sind bereits bei den Dingen, die sie aussagen, nicht sonderlich beruhigend. Beispiel Secondary Attack Rates: da führt die unterschiedliche Kontaktgruppengröße (Haushalte klein, Schulen groß) letztlich dazu, dass Schulen eine größere Rolle bei den R-Werten spielen als Haushalte.

Zur Rolle von Schulen für das Infektionsgeschehen finde ich da nichts Aussagekräftiges. Dazu müsste man ganz andere Zusammenhänge betrachten als in jenen Studien untersucht. Und man müsste insbesondere untersuchen, wie sich das Virus zwischen den einzelnen Untergruppen verbreitet. Dass eine Familie sich gegenseitig ansteckt, sobald ein Mitglied infiziert ist, dürfte sehr wahrscheinlich sein. Dass in diesem Sinne Schulen sicher sind als gegenseitiger Umgang mit der Familie ohne Maske und in kurzem Abstand: klar, geschenkt. Aber zur möglichen Rolle der Schulen könnte auch unter solchen Umständen eine Art Verteilerfunktion gehören (wie sie bei Grippewellen ja offenbar gegeben ist). Wenn sich von 1000 Schüler*innen nur 50 in der Schule anstecken, jede*r dann aber wieder 2 Familienmitglieder bei sich zuhause ansteckt,  könnten wir ja auch nicht einfach sagen: Ha, Haushalt ist gefährlich, dort 100 Ansteckungen, in der Schule dagegen nur 50! Sondern dann hätte die Schule eine Schlüsselrolle bei der Verbreitung und damit bei der Infektionsdynamik gespielt, ohne dass das direkt an den reinen Fallzahlen des Zahlenbeispiels abzulesen gewesen wäre.

Nebenbei: schon die Formulierung, dass Schulen keinen “übermäßigen” Einfluss auf das Infektionsgeschehen hätten, hängt die Latte ja bereits unnatürlich hoch. Was heißt “übermäßig” in dem Zusammenhang? Wenn es vier Ansteckungsszenarien gäbe, die zu gleichen Teilen zum R-Wert beitragen, wäre ja auch nur jedes für 25% der Ansteckungen verantwortlich. Damit könnten wir mit einiger Berechtigung sagen, jenes eine Szenario spiele für sich genommen offenbar keine “übermäßige” Rolle. Es macht ja nur 25% des Gesamtproblems aus. Richtig wäre aber auch: Jenes Szenario spielte eine nicht unerhebliche Rolle für das Infektionsgeschehen. An “nicht übermäßig” lässt sich noch nicht ablesen, ob ein Szenario für die Pandemiebekämpfung wichtig ist oder nicht.

Fazit: Pandemie, Schule, Gesellschaft

Insgesamt finde ich damit die Äußerungen, die via Social-Media-Team aus dem BMBF kamen, durchaus irritierend. Erst eine klare, politisch relevante Ansage, die als wissenschaftlich untermauert präsentiert wird: “Studien zeigen, dass Schulen für sich keinen übermäßigen Einfluss auf das Infektionsgeschehen haben.” Dann, auch das ist noch löblich, transparent und Reaktion auf Nachfragen, nämlich die drei Tweets mit den drei Studien, auf die man sich bezog, und für jede Studie – auch das gute Praxis – direkt ein Link zum Anklicken. So geht Transparenz. Aber was die Transparenz dann zeigt, wenn man doch einmal nachschaut, sieht eben weniger gut aus. Hinter den Links stecken Studien, die jeweils Teilaspekte im Zusammenhang von Kindern/Jugendlichen beleuchten, aber keine Ergebnisse präsentieren, die die BMBF-Behauptung stützen würden.

Martinoli et al. beschäftigen sich nur mit Übertragung innerhalb von Schulen; das erlaubt keine Einordnung im breiteren Infektionsgeschehen. Viner et al. präsentieren SAR, Secondary Attack Rates; wenn man die jeweilige Gruppengröße mit einbezieht um von der SAR auf R-Werte zu bekommen, dann ist das Ergebnis aber im Gegenteil: Schulen tragen in jener Hinsicht mehr zum Infektionsgeschehen bei als Haushalte. Bei Irfan et al. dagegen steht das relative Risiko von Jugendlichen und Erwachsenen im Vordergrund. Und das ist zumindest deren Rechnung nach in Grund- und weiterführenden Schulen für Jugendliche/Kinder gleich hoch wie für Erwachsene, eventuell sogar höher. Aber auch das natürlich nur ein innerschulischer Wert, ohne direkten Rückschluss auf die Rolle von Schulen im allgemeinen Infektionsgeschehen.

Das alles wiederum unter dem Caveat: Ich lese die Studien als epidemiologischer Laie. Ich habe versucht hier transparent zu formulieren, was ich mit welcher Begründung daraus herauslese. Und umgekehrt frage ich mich natürlich: Wer twittert im Social Media-Team des BMBF? Sitzen da Epidemiolog*innen? Steckt dahinter ein Expertenrat? Falls da auch “nur” epidemiologische Lai*innen säßen, wäre ja schon sonderbar, wenn die mit der geballten Autorität eines Forschungsministeriums selbst auch nur ihre eigenen Laien-Einschätzungen twitterten. Nein, da gibt es sicher eine Struktur. Dazu sende ich, wenn dieser Beitrag online ist, mal eine Anfrage an das BMBF. Denn zuverlässige Information, gerade von offizieller Seite, ist und bleibt in dieser Pandemie extrem wichtig. Da wäre ja schon interessant herauszufinden, was dahintersteckt – der hier wiedergegebene und untersuchte Tweet-Austausch ist ja leider kein gutes Beispiel dafür, wie es in solchen Fällen laufen sollte. Insofern: stay tuned!

Und nebenbei bemerkt: Die Schwächen der verlinkten Metastudien, die sich alleine schon ergeben, wenn man stichprobenartig einige der zugrundeliegenden Fachartikel anschaut und vergleicht, wie deren Zahlen verwendet werden – Jugendliche die als Erwachsene gebucht werden, ein SAR das sich offenbar gar nicht auf Haushalte bezieht – fand ich, wiederum als epidemiologischer Laie, einigermaßen erschreckend.

Anmerkung zu Blogkommentaren

Weil Diskussionen beim Thema Covid, und ganz besonders beim heiklen Thema Covid und Schulen, gerne gewaltig aus dem Ruder laufen, moderiere ich die Kommentare unter diesem Beitrag wieder. Bitte (a) fassen Sie sich kurz (1200 Zeichen als Maximallänge sollten reichen) und (b) bleiben Sie beim Thema – und das ist hier explizit nicht die gesamtwe Thematik Schule und Covid, sondern es ist ganz spezifisch die hier angeschnittene Wissenschaftskommunikationsfrage, aber natürlich unter Einschluss der Inhalte der hier untersuchten Studien. Kommentare, die von einer der beiden Regeln abweichen, oder die allgemein beleidigend formuliert sind, werde ich hier nicht freischalten. Und wundern Sie sich bitte nicht, falls es mit dem Freischalten etwas länger dauert – ich versuche immer einmal wieder nach der Kommentarspalte zu schauen, aber habe natürlich noch einiges andere um die Ohren.

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

14 Kommentare

  1. Danke für die Betrachtung, würde ich nach der Darstellung der Studien ebenso bewerten.

    Grundsätzlich sind Ministerien natürlich politische und keine wissenschaftlichen Institutionen, d.h. ihre Verlautbarungen muss man immer als politisch einstufen. Und Studien werden immer wieder verzerrt dargestellt, damit sie zur politischen Zielrichtung passen – ganz unabhängig von ihren tatsächlichen Ergebnissen.

    Speziell beim BMBF ist eine derartige Instrumentalisierung wissenschaftlicher Arbeit allerdings hochgradig problematisch, da dadurch die Urteilskraft des Ministeriums relativiert wird. Wenn ihnen Wissenschaft so unwichtig ist, wieviel Vertrauen kann man dann in ihre Arbeit haben? Oder ist ihnen so ein Beitrag relativ egal, weil es ja bloß Twitter ist, also #neuland?

    Die Schlampigkeit der Social-Media-Redaktion sollte in jedem Fall Folgen haben. Wird sie aber aller Erfahrung nach nicht.

  2. Auf Twitter hat man Ihre hieisigen Artikel entdeckt und bewertet.
    Kleiner Trost: Wie würden Sie eine Einschätzung von Herrn Dr. Winter (Arzt) zu mehreren astrophysikalischen Studien wohl bewerten müssen?

    “Dr. Christian Winter@DrChristianWin1
    23 Min.

    Der wichtigste Satz ist dieser hier:
    “Ich bin Physiker und Astronom, aber kein Epidemiologe. Ob diese drei Studien beispielsweise repräsentativ sind oder nicht, kann ich nicht einschätzen ”
    Sie haben echt keine Ahnung von emp. Forschung und ich erkläre Ihnen, warum:

    1. Studie: “Das sagt nur leider überhaupt nichts über die Rolle von Schulen im Infektionsgeschehen insgesamt aus. ” => Darum geht es in der Metastudie nicht. Es geht drum, ob Erwachsene wahrscheinlicher Indexfälle sind als Kinder in Schulen. Genau das untersucht die Studie.

    Beispielhaft noch: “Diese Zahl wiederum beruht dann nur auf ganzen 3 der im Artikel insgesamt augewerteten Studien”=> Bescheuerter Kritikpunkt: Besser drei gute Studien als 500 schlechte.

    2. Studie: Hier wird es dann sehr peinlich:
    Leider ist die Definition von SAR: Wahrscheinlichkeit, dass sich 1 Kontakt infiziert.

    Weiter suggeriert Pössel, die Autoren hätten sich Daten ausgedacht. Er überließt dabei, dass die Autoren der Metastudie sogar angeben, dass sie nicht die Gesamtzahl nehmen.

    Übrigens ist es ziemlich üblich, dass die Autoren einer Metsastudie die Autoren von Originalstudien kontaktieren und Daten erfragen. Weil ein Physiker das nicht weiß, sollte er vielleicht nicht direkt unlautere Mittel unterstellen.

    Interessant ist dann, dass der Autor plötzlich meint, eine Studie sei “besser” als andere. Zur Erinnerung: Kritikpunkt oben war, dass es nur 3 Studien in der Metaanalyse sind. Plötzlich findet er eine besser als alle anderen, weil ihm das Ergebnis besser passt.

    Da sag ich mal nichts zu… Herr Pössel echt: Es ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Kontakt infiziert. Die Gruppengröße ist irrelevant für den Vergleich.

    Aber Herr @mpoessel
    wird auch gar nicht stutzig, dass bislang alle Autoren der Primärstudien als auch der Metastudien SAR anders definieren als er. Deutsche Krankheit vermutlich, es auf jeden Fall besser zu wissen und gegenteilige Signale als Irrläufer zu kritisieren.

    3. Studie Im Verlauf der Auseinandersetzung wird der Duktus überheblicher und Herr Pössels eigene Fehler fataler. Er sucht die Werte zu Primary schools in einer Publikation zu Highschool. Auweia.

    Es hätte ja ein Verlinkungsfehler sein können. Was der Autor aber verschweigt, ist dass die eigentliche Studie zwischen Geschwistern und Eltern sehr wohl unterscheidet und in der Metaanalyse die Zaheln von Erwachsenen und Kindern trennt.

    Tja, was sagt uns das? Kinder, die in einem Raum unter angeblich total unsicheren Bedingungen sitzen, den ganzen Tag, infizieren sich – je nach Alter – weniger oder gleich wahrscheinlich als Erwachsene (umso kleiner umso weniger wahrscheinlich).

    Es könnte uns zum Beispiel sagen, dass Schulen nicht die “Treiber der Pandemie” sind, denn kaum ein Erwachsener sitzt 8 Stunden mit 30 Leuten in einem kleinen Raum (zum Zeitpunkt der Studien auch weitgehend ungeimpft). Wenn sie das nicht sind, warum Schulen schließen?

    Das BMBF versucht in dem Post zu erklären, warum es Präsenzunterricht empfiehlt. Die Studien sind gut geeignet, denn: Wenn Eltern (Erwachsene) sich wahrscheinlicher als ihre Schulkinder infizieren + wahrscheinlicher das Virus an Kinder weitergeben als Kinder an Kinder, dann…

    kann man die Pandemie nicht stoppen, wenn man nur Schulen (Kitas) schließt. Darum ist jetzt Präsenzunterricht das einzig vernünftige, denn unbestritten sind Maßnahmen bei Kindern zu vermeiden, wenn sie kaum einen Beitrag liefern.

    Ich bin irritiert, dass Menschen, die offensichtlich sehr wenig von empirischer Forschung verstehen, bei @spektrum
    ein Forum geboten bekommen, um ihre Unkenntnis zur Schau zustellen. Soll dass dieses Vertrauen in die Wissenschaft sein, dass durch gute SciKomm gesteigert wird?”

    https://twitter.com/DrChristianWin1/status/1479371378382024712

    • Danke! Allerdings muss man weder Arzt noch Epidemiologe sein um zu sehen, dass die Kritik von Herrn Winter ihrerseits meilenweit an dem vorbeigeht, was hier Sache ist.

      Ich schrieb im Blogtext “Das sagt nur leider überhaupt nichts über die Rolle von Schulen im Infektionsgeschehen insgesamt aus.” Seine Antwort: “Darum geht es in der Metastudie nicht.” Sicher geht es darum in der Metastudie nicht. Das schreibe ich ja auch so, das ist ja genau mein Kritikpunkt an dieser Stelle: Um das, was das BMBF in seinem Tweet behauptet, geht es in jener Metastudie nicht. Das ist meine Kritik an dem BMBF-Tweet, und das scheint wiederum Herr Winter überhaupt nicht verstanden zu haben.

      Zur Secondary Attack Rate: SAR ist “The number of cases of an infection that occur among contacts within the incubation period following exposure to a primary case in relation to the total number of exposed contacts” laut diesem Dictionary of Epidemiology hier. Widerspricht ja auch der Definition von Herrn Winter nicht, denn auch Wahrscheinlichkeiten schätzt man ja in der Praxis über Häufigkeiten ab. Aber worum es mir geht, hat Herr Winter leider wieder nicht verstanden: um den Erwartungswert, nicht die Wahrscheinlichkeit. Und der ist Wahrscheinlichkeit mal Grundgesamtheit. Die “total number of exposed contacts” ist in der Schule deutlich größer als in einer Familie. Rechne ich ja sogar mit Zahlenbeispielen aus den entsprechenden Studien vor. Und der Erwartungswert ist eben, was in den beiden Szenarien in den R-Wert eingeht.

      Zu “Er sucht die Werte zu Primary schools in einer Publikation zu Highschool.” – nein, tue ich nicht. Das mit primary schools war ein Beispielsatz dafür, wie “educational setting” im Abstract angesprochen wird. (Und die Publikation ist nebenbei bemerkt gar keine “Publikation zu Highschool”, die umfasst alles, siehe eben jenes Zitat aus dem Abstract.) Meine Kritik gilt an dieser Stelle Viner et al., nicht Fontanet: Die Ansteckungen von Eltern finden nicht im “educational setting” statt sondern im “household setting”. Viner schlägt sie dem “educational setting” zu. Außerdem ergibt sich die bei Viner genannte Zahl nur einschließlich dessen, was bei Fontanet die Zahlen für Geschwister sind. Auch die schlägt Viner aber den Erwachsenen zu. Viner hat die Zahlen für seine Metastudie also nicht richtig aus der Fontanet-Studie abgelesen, das ist mein Kritikpunkt. Dass Fontanet selbst seine Zahlen richtig auswertet, ist dafür nicht relevant; meine Kritik ist gegen Viner gerichtet, und der wertet die betreffenden Zahlen, wie bei mir ja explizit vorgerechnet, falsch aus. Auch da geht Herrn Winters Kritik an mir also wieder komplett an der Sache vorbei.

      Zusammengefasst: Was Herr Winter in dem von Ihnen hier freundlicherweise in die Kommentare kopierten Text an meinem Blogbeitrag kritisiert, geht komplett an dem vorbei, was ich im Haupttext an Kritik formuliert habe. Herr Winter scheint die Aussagen von mir, die er da kritisiert, jeweils falsch verstanden zu haben. (Glücklicherweise ist so eine hohe Falschverstehens-Rate bei den Leser*innen, von denen ich bislang Rückmeldung erhalten habe, eine große Ausnahme. Um nicht zu sagen: da ist er bislang soweit mir bekannt der einzige.) Auf solch dünner Sachbasis dann so saftige bzw. beleidigende Polemik gegen mich zu schreiben – naja, ich denke das fällt vor allem auf Ihn selbst zurück. Zumindest bei Leser*innen, die zusätzlich zu seiner Kritik auch den eigentlichen Blogtext lesen.

      • Nachtrag: In dem Twitter-Thread von Herrn Winter war in Form von Screenshots noch mehr Material, das in dem obigen Kommentar nicht sichtbar ist. Als Reaktion darauf habe ich an Herrn Winter direkt eine Nachfrage gestellt zu seinen Aussagen zur Studie von Laxminaranyan et al. Das könnte in der Tat ein Abschnitt sein, den ich ggf. verbessern müsste. Die bösartige Unterstellung von Herrn Winter, ich würde Unlauterkeit suggerieren, ist allerdings davon ungeachtet nur genau das: eine bösartige Unterstellung. Mit meiner Aussage, dass ich nicht herausgefunden habe, wie die Autoren auf jene Zahl kamen, meine ich genau das und nicht mehr: dass ich nicht herausgefunden habe, wie die Autoren auf jene Zahl kamen. Volle Transparenz eben 🙂

  3. Sicher ist derzeit lediglich Eines: Ernsthafte Bemühungen, die Corona-Pandemie datentechnisch systematisch und umfänglich zu erfassen, existieren kaum – von Seiten der Politik überhaupt nicht! Zwei Jahre Blindflug bei einer der größten globalen Krisen aller Zeiten – unbegreiflich!

  4. Das beginnt übrigens schon ganz am Anfang: Ich habe heute spaßeshalber mal nachgeschaut, wie hoch der Anteil der Fälle ist, denen man ein Ausbruchsgeschehen zuordnen kann (in meiner Lesart: eine Verknüpfung zweier oder mehr Infektionen): Es sind weniger als 4% in KW 51 (hatte ich als Beispiel genommen). Ich behaupte mal, dass es in Deutschland absolut unmöglich ist, zuverlässige Aussagen zu treffen, wo “Treiber der Pandemie” (sic) sind.

    https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Daten/Ausbruchsdaten.html;jsessionid=9B37203D110151DFEBC30DF595A2207C.internet081?nn=2386228

  5. @markuspössel
    “Ich würde eher sagen: Von Seiten der Epidemiologen wird alles daran gesetzt, die Corona-
    Pandemie datentechnisch so systematisch wie umfänglich zu umfassen. Das, was tatsächlich auf höchster (politischer) Ebene nötig wäre, um ein klareres Bild zu bekommen, fehlt aber in der Tat.”

    Es scheint so, als ob eine Reihe der wissenschaftlichen Mitglieder mit einer “NoCovid-Haltung” (Drosten!) die Kinder immer wieder als Treiber der Pandemie identifizieren wollten um ihre Hypothese nicht an die Realität anpassen zu müssen.
    Die Erinnerung daran wird bleiben, meint auch Ulf Poschardt.

    “Während der Corona-Pandemie ist bei Kindern die Zahl der Selbstmordversuche dramatisch gestiegen. Das endlose apokalyptische Gefasel und die Nutzung von Worst-Case-Szenarien hat vor allem den Jüngeren zugesetzt. Die Schande dieser Zahlen wird bleiben.

    Wir werden uns viel verzeihen müssen nach der Pandemie, prophezeite der damalige Gesundheitsminister Spahn. Aber einige Dinge werden wir uns nicht verzeihen. Insbesondere nicht jenen Wissenschaftlern, Politikern und Medien, die einen harten Lockdown herbeigeredet haben, deren paternalistischer Gestus und deren oft durchschaubare Instrumentalisierung von Solidarität vor allem eine Machtdemonstration des Staates ermöglichte: Wir greifen tief in das Leben der Bürger ein.

    Die vulnerablen Gruppen wurden schlecht geschützt. Und die vulnerabelste Sache der Welt, die Kinderseele, wurde vielfach missbraucht und geschändet. Das Ergebnis ist fatal, wie eine Studie der Essener Uniklinik diese Woche andeutet.”

    https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus236109060/Kinder-im-Lockdown-Was-wir-uns-nicht-verzeihen-werden.html

    • Im Gegenteil: Drosten und andere haben sich ganz klar dazu positioniert, dass bereits die Formulierung von den “Treibern” der Pandemie zwar bei der saisonalen Grippe, aber nicht bei Covid sinnvoll ist, siehe z.B. dieser SPIEGEL-Artikel oder diese Ausgabe des NDR-Podcasts mit Drosten. Dass Sie Menschen wie Drosten, die sich immer wieder gegen den Begriff “Treiber der Pandemie” gewandt haben und die Schulschließungen immer im breiteren gesellschaftlichen Kontext betrachtet haben jetzt unterstellen wollen, eben solche “Treiber” identifiziert zu haben, ist schon ein starkes Stück.

      Zu den Selbstmordversuchen: Wie da die Verzweiflung von Kindern und Jugendlichen als polemische Waffe genutzt wird – ob von Poschardt und anderen – finde ich einigermaßen ekelhaft. Das wenige, was an Daten zu der Studie bekannt ist (bislang soweit ich sehen kann nur einzelne Aussagen in der Presse, noch nicht einmal ein Preprint) spricht von fehlender Zuversicht als Grund. Alles weitere ist bei der jetzigen Datenlage nachträgliches Hineininterpretatieren. Und wenn man sich anschaut, wie wir überhaupt zu den Schulschließungen zwischen März und Mai 2021 gekommen sind, dann war das vor allem das Zögern – kräftig befeuert durch unbedingt-offenhalten-Propaganda von BILD und Co. – im Herbst 2020, das uns überhaupt erst in die schwierige Lage zum Jahreswechsel gebracht hat. Sprich: genau die Rhetorik wie hier bei Poschardt, der das Gegensteuern in einer Situation mit knapp 1000 Toten pro Tag als Herbeireden eines harten Lockdowns diffamiert, hat zu der Situation geführt, die Poschardt anschließend scheinheilig beklagt – und für seine eigene Agenda zu instrumentalisieren versucht.

  6. @markuspössel
    “Und wenn man sich anschaut, wie wir überhaupt zu den Schulschließungen zwischen März und Mai 2021 gekommen sind, dann war das vor allem das Zögern – kräftig befeuert durch unbedingt-offenhalten-Propaganda von BILD und Co. – im Herbst 2020, das uns überhaupt erst in die schwierige Lage zum Jahreswechsel gebracht hat. Sprich: genau die Rhetorik wie hier bei Poschardt, der das Gegensteuern in einer Situation mit knapp 1000 Toten pro Tag als Herbeireden eines harten Lockdowns diffamiert, hat zu der Situation geführt, die Poschardt anschließend scheinheilig beklagt – und für seine eigene Agenda zu instrumentalisieren versucht.”

    Auch ein Jan Fleischhauer läuft von der Fahne…

    “Es gibt Menschen, die einen besonderen Kick aus düsteren Vorhersagen ziehen. Je düsterer die Prognose, desto mehr fühlen sie sich in ihrer Weltsicht bestätigt. Kurioserweise scheint die Schnittmenge zwischen den Angehörigen von Wissenschaftsredaktionen und den Anhängern von Katastrophenszenarien besonders groß.”

    https://www.focus.de/politik/deutschland/schwarzer-kanal/die-focus-kolumne-von-jan-fleischhauer-ich-bin-raus_id_35868909.html

    • Inwiefern “läuft von der Fahne”? Das war doch eigentlich schon sehr früh ganz klar nach weltanschaulichen Linien getrennt, und die mitte-rechts-konservativ-populistische Seite, zu der BILD, WELT und ja auch Fleischhauer gehören, hat doch eigentlich seit Ende der ersten Welle konsequent gegen alle Arten weitergehender Schutzmaßnahmen angeschrieben. Meiner Wahrnehmung nach weniger mit Sachargumenten – die damals erste Studie dazu, dass Niedrig-Inzidenz-Strategien für die Wirtschaft weniger schädlich wären als ein wiederholtes Hin-und-Her wurde ja von denen weitgehend ignoriert – sondern mit reiner Polemik. Der “Gegenseite” Panikmache, ideologische Verbohrtheit, Lust an Schwarzmalerei etc. zu unterstellen gehörte da doch so ziemlich von Anfang an mit dazu.

      Auch das Fleischhauer-Zitat, das Sie hier bringen, ist ja direkt im Propagandamodus. Und in Bezug auf den teilweisen Lockdown ab Anfang 2021: Dass wir Ende 2020 knapp tausend Corona-Tote pro Tag (!) hatten und dringend etwas geschehen musste, war keine düstere Vorhersage. Das waren die damals aktuellen Zahlen. Das damalige Zögern, befeuert durch Medien wie BILD und Welt, ist mitverantwortlich für den Großteil der Corona-Toten, die wir in Deutschland insgesamt haben. Das so umdeuteln zu wollen, als sei damals vor allem aufgrund irgendwelcher unzuverlässigen Prognosen gehandelt worden, ist eine Geschichtsklitterei erster Güte.

  7. @mrkuspössel
    “Dass wir Ende 2020 knapp tausend Corona-Tote pro Tag (!) hatten und dringend etwas geschehen musste, war keine düstere Vorhersage.”

    Sind diese Diagnosezahlen in allen Fällen rechtsmedizinisch und pathologisch bestätigt worden und ein “an” und “mit” Coronaverstorben unterschieden worden? Nein

    @markuspoessel
    “Insgesamt finde ich damit die Äußerungen, die via Social-Media-Team aus dem BMBF kamen, durchaus irritierend. Erst eine klare, politisch relevante Ansage, die als wissenschaftlich untermauert präsentiert wird: “Studien zeigen, dass Schulen für sich keinen übermäßigen Einfluss auf das Infektionsgeschehen haben.””

    “Johannes Huebner@HuebnerJohannes

    Unsere Rede seit buchstäblich 1 ½ Jahren – freut mich, dass das BMBF das auch einsieht. Fehlt noch das BVerfG…

    https://twitter.com/HuebnerJohannes/status/1479743430863556609

    Prof. Dr. med. Johannes Hübner
    Stellvertretender Klinikdirektor, leitender Oberarzt, Abteilungsleiter Infektiologie, FA Kinder- und Jugendmedizin, FA Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie

    • Oh, cool! Probieren Sie hier durch, ob Sie nach und nach alle typischen Argumentationsfehler mal durchspielen können?

      Zum ersten Punkt: Nein, aber es gibt ja inzwischen eine ganze Reihe von Daten, so dass man sich schon arg parteiisch verbiegen muss, um den Zusammenhang zu leugnen. Das fängt mit denjenigen Studien an, wo man tatsächlich stichprobenartig obduziert hat. Da waren soweit ich erinnere die Covid-charakteristischen Symptome in rund 80% der Fälle die Todesursache. Zum anderen sind die Ärzt*innen ja nicht blind. Bei denen, die positive PCR-Tests haben, notieren die ja auch die entsprechenden Symptome. Die in schweren Fällen zur Beatmungspflichtigkeit führen. Und es gibt einen einigermaßen konsistenten Zusammenhang zwischen all dem: den Infizierten, mit Verzögerung den Hospitalisierten, beatmeten, versterbenden, jeweils mit entsprechender Verzögerung. Letztlich hat man ja auch gesehen, wie nachdem endlich (!) nach der Herbst-2020-Handlungsstarre der Politik dann doch die Teil-Lockdown-Maßnahmen getroffen wurden, auch die Infiziertenzahlen abnahmen, und mit der üblichen Verzögerung die Hospitalisierungs- und Sterbezahlen. Außerdem natürlich die Impfung: Seit wir in größeren Zahlen die auf SARS-CoV2 zugeschnittenen Impfungen haben, haben sich die Infiziertenzahlen und die Hospitalisierungs- und Sterbezahlen glücklicherweise weitgehend entkoppelt, wie man das erwartet hätte. Nach wie vor folgen jene Zahlen einander, aber das Verhältnis von Infizierten zu Hospitalisierten/Beatmeten ist glücklicherweise deutlich geringer geworden. Und Zahlen dazu, dass die schweren Verläufe ganz überwiegend bei Nicht-Geimpften auftreten, haben wir ja inzwischen auch. Wie gesagt: ohne magisches Denken oder massive Verschwörungstheorie sind diese Zusammenhänge nicht wirklich gut zu erklären.

      Ihr letzter Argumentationsfehler ist dann das Autoritätsargument. Das natürlich zum einen einseitig ist, denn Sie präsentieren ja hier absichtlich nur jemanden, der ihre vorgefertigte Meinung bestätigt; diverse andere Expert*innen und Autoritäten lassen Sie hier einfach so weg. Und hinzu kommt, dass ja im Text meines Blogartikels direkt beschrieben wird, was die Studien sagen und was nicht. Dass Herr Hübner die entsprechenden Probleme offenbar übersieht – falls er sich die Studien überhaupt gezielt in Bezug auf die BMBF-Behauptung angesehen hat – sondern seinerseits offenbar nur begrüßt, dass da jemand seiner vorgefassten Meinung ist, spricht ja durchaus gegen ihn. So sollten Wissenschaftler in Bezug auf Studien nicht agieren.

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