Wissenschaftliche Bohrlöcher, Vogelperspektive und die WPK

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… aber nicht einfacher
RELATIV EINFACH

Die Wissenschafts-Pressekonferenz (WPK), ein Zusammenschluss von Wissenschaftsjournalisten, wird 30 Jahre alt; entsprechend finden sich in meinem Facebook-Informationsfluss derzeit eine ganze Reihe von Links auf diese Geschichte der WPK, geschrieben von Jean Pütz 2011 (und damit offenbar zum 25. Jahrestag). Mein Verhältnis zum Wissenschaftsjournalismus hat viele Licht- und einige Schattenseiten. Ich kenne und schätze zahlreiche Wissenschaftsjournalisten, lese häufig und gerne gute Artikel insbesondere auch aus anderen Fachgebieten als meinem eigenen, und freue mich wie jeder andere Mensch, zu dessen Aufgaben wissenschaftliche Öffentlichkeitsarbeit zählt, wenn Forschungsarbeiten meines Instituts in den Medien aufgegriffen werden.

Die Schattenseiten treten, wenn ich näher darüber nachdenke, so gut wie immer dort auf, wo Wissenschaftsjournalisten in den grundlegenden Interessenskonflikt geraten, ihre eigene Profession gegenüber anderen abzugrenzen und gegenüber denen, die dafür zahlen – vom allgemeinen Publikum über die Verlage bis hin zu Stiftungen und anderen Förderorganisationen – zu verkaufen. Es gibt gute Gründe, Wissenschaftsjournalismus zu fördern; ich halte Wissenschaftsjournalismus für wichtig und notwendig und bin durchaus besorgt darüber, wenn er als Nische abgetan wird. Und ich finde diejenigen Fälle, dass die Fälle, in denen das Verkaufen dazu führt, die eigene Profession weißer zu malen als realistisch und, noch unangenehmer, zur Abgrenzung die anderen schwärzer, auch für den Wissenschaftsjournalismus selbst ärgerlich sind.

Finanzielle Unabhängigkeit, Einflussnahme und die WPK

Dafür liefert der erwähnte Text von Pütz leider auch an einigen Stellen Beispiele. Mehrfach wird die Unabhängigkeit der wpk hervorgehoben, der Umstand etwa, dass Pressesprecher keine Mitglieder mit Stimmrecht werden können. Und gleich darauf wird gelobt, welche Wissenschafts- und andere Organisationen die wpk alle finanziell unterstützen würden; in einem Satz ist von dem “hohen Mitgliedsbeitrag” (derzeit EUR 200 für Einzelpersonen) die Rede, der zu “finanzielle[r] Unabhängigkeit” der wpk führe, gleich darauf dann von den “handverlesenen” Kuratoren, “die in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft eine bedeutende Rolle spielen” und deren finanzielle Unterstützung dazu führt, dass der Mitgliedsbeitrag nicht “unerschwinglich” wird.

Ich glaube der wpk durchaus, dass sich ihre Mitglieder mit einigem Recht als unabhängig sehen und dass das Verhalten der Mitglieder in den allermeisten Fällen nicht wesentlich von dem idealisierter, komplett vom Wissenschaftsbetrieb unabhängiger Akteure abweicht. Aber ich finde es schon sonderbar, dass das Thema Einflussnahme in dem beschreibenden Text so weitgehend unreflektiert abgehandelt wird.

Man kontrastiere das einmal mit einem anderen aktuellen Beispiel der Berichterstattung über finanzielle Beiträge und Unabhängigkeit: diejenige von correctiv, Spiegel und anderen über die Zuwendungen von Pharmaunternehmen an Ärzte und Institutionen. Wer die entsprechenden Artikel nicht gelesen hat: Pharmalohn für Ärzte: Danke für die Millionen bei SPON und Euros für Ärzte auf den Webseiten von correctiv dürften einigermaßen repräsentativ sein. (*)

Vertauschte Rollen

Wer möchte, kann sich ja mal als kleine Fingerübung überlegen, wie die Schilderungen bei Pharma/Ärzten und bei der wpk aussehen würden, vertauschte man die Art und Weise bzw. die Stile der Berichterstattung – schilderte also die Pharmazahlungen in dem Stil, wie es die wpk-Geschichte tut, und das wpk-Sponsoring im Stil des investigativen Journalismus.

Bei den Ärzten stünde bei wohlwollender Darstellung vermutlich im Vordergrund, dass den Pharmafirmen ja kein direktes Mitbestimmungsrecht eingeräumt würde. Wahrscheinlich würde auch geschildert, wie sorgfältig ein bestimmtes Institut überlegen würde, welche Sponsoring-Gelder es annimmt und welche nicht. Und der Text würde lobend schildern, wie die Pharmaunternehmen bestimmte Unternehmungen, etwa die für eine informierte Ärzteschaft so wichtigen Fortbildungen, “tatkräftig unterstützen”.

Bei der kritischen wpk-Schilderung würde hingegen beklagt werden, dass die Sponsoring-Richtlinien der wpk zwar eine Sponsorennennung direkt bei dem geförderten Projekt fordern, aber keine Übersicht in Form einer Gesamtliste. Und auch Sätze wie “Die meisten Ärzte glauben, dass sie unbestechlich seien, auch wenn sie sich von der Industrie sponsern lassen” und allgemeine wissenschaftliche Studien dazu, dass Menschen unterschätzen, welche Einflüsse auf sie welche Folgen haben, lassen sich ziemlich direkt von der einen auf die andere Berufsgruppe ummünzen.

Ein weiterer Grund, warum mir die vereinfachte Darstellung der Unabhängigkeit ungut aufstößt, ist die leidige Debatte über das Gegenlesen von Texten durch Wissenschaftler, an der ich mich in diesem Blog ja auch schon mehr als einmal beteiligt habe. Dass dort bereits das Gegenlesen eines journalistischen Texts durch Wissenschaftler aus Unabhängigkeitsgründen zu verdammen sein soll, während hier – verkürzt gesagt – der bloße Umstand, dass Sponsoren und Organisationen kein Stimmrecht haben, die Einflussnahme ausschließen und Unabhängigkeit sichern soll, scheint mir mit zweierlei Maß gemessen.

Letztlich dürfte die angemessene Reaktion in beiden Fällen sein, zum einen die Einzelfälle transparent zu machen und zu beurteilen – und sich selbst immer wieder auf die Finger zu sehen, ob es vielleicht doch einen Einfuss der Sponsoren gegeben haben könnte. An die Stelle solcher Wachsamkeit ein Narrativ zu setzen mit der Botschaft, durch einfache Regelungen und Strukturen sei ja von vornherein alles in Ordnung und die Unabhängigkeit gesichert, dürfte in beiden Fällen kontraproduktiv sein.

Was Friseure können, können nur Friseure

Über diesen Slogan haben sich schon genügend viele Menschen lustig gemacht. Aber der Wissenschaftsjournalismus hat im Zeitalter von Wissenschaftsbloggern, direkt kommunizierenden Wissenschaftlern und Pressestellen, die ihre eigenen Forschungsmagazine an die Öffentlichkeit bringen, ein ähnliches Abgrenzungsproblem – und zumindest einige seiner Vertreter gehen damit weniger souverän um, als man sich wünschen würde. Ich habe das hier auf diesem Blog mehr als einmal angesprochen, z.B. in Wissenschaftskommunikation jenseits von PR und Journalismus.

Auch bei Pütz findet sich ein Beispiel solcher Abgrenzung:

Wissenschaftler müssen tief bohren, um einen festen Stand zu finden. Gute Wissenschaftler müssen dann nach Möglichkeit selbst in ihr Bohrloch einsteigen, was logischerweise die Weitsicht beinträchtigt. In dieser Situation sind sie auch froh, wenn oben einer von Bohrloch zu Bohrloch wandert, die Ergebnisse aufgreift und begreift und an diverse Adressaten vermittelt, sowie in einem Übersetzungsvorgang auch an das allgemeine Publikum. Diese Aufgabe kann in idealer Weise der Wissenschaftsjournalist erfüllen, der dann auch noch zur Kommunikation der Wissenschaftler untereinander beitragen kann.

Ein anschauliches Bild, eine schöne Analogie, nur leider an entscheidender Stelle falsch. Denn selbstverständlich stellt die Wissenschaft andererseits die Anforderung, einzuordnen und Überblicke zu schaffen. Neben Fachartikeln, in denen konkrete Forschungsergebnisse eingeordnet werden, gibt es als weiteres Standbein der wissenschaftsinternen Kommunikation Review-Artikel, in denen ein Forschungsgebiet zusammenfassend dargestellt wird. Solche Artikel zu schreiben ist etwas grundlegend anderes als das Bohren am eigenen spezialisierten Loch, und diejenigen Kollegen, die solche Review-Artikel schreiben, stecken eine beachtliche Arbeit und investieren meist viel Zeit in das Vorhaben (und dürften anschließend über das Gebiet ungleich besser informiert sein als jeder Wissenschaftsjournalist – und als die meisten anderen ihrer Kollegen). Einen ähnlichen Effekt hat die Vorbereitung von Vorlesungen im Rahmen der universitären Lehre. Auch Vorlesungen sind ein Anlass, sich jenseits der eigenen Forschung mit dem breiteren Forschungsgebiet zu beschäftigen, noch breiter als bei Review-Artikeln – und, wenn man es gut macht, mit beträchtlichem Aufwand, aber immerhin auch einem wesentlichen eigenen Erkenntnisgewinn.

“Einiges von dem, was Wissenschaftsjournalisten können, leisten in der Praxis vermutlich wirklich fast nur Wissenschaftsjournalisten” ist zugegebenermaßen etwas länger

Macht das den Wissenschaftsjournalismus überflüssig? Natürlich nicht, denn nicht zuletzt hat die breitere Öffentlichkeit weder von Review-Artikeln noch von Vorlesungen einen direkten Mehrwert (auch wenn viele Artikel und eine ganze Reihe von Vorlesungsmitschriften und -folien online verfügbar und damit im Prinzip jedem zugänglich sind). Aber warum reicht das im Falle von Pütz nicht als Begründung? Warum musste es da unbedingt noch mehr sein? Warum musste die Lage unbedingt – und in krasser Verfälschung der tatsächlichen Verhältnisse – zu einem noch grundlegenderen Problem hochgepusht werden, hie die engen Bohrlöcher der Wissenschaftler, dort die Vogel- oder zumindest Erdbodenperspektive der Wissenschaftsjournalisten? Das ärgert mich, und sicher nicht nur mich, und ich glaube, es leistet dem Wissenschaftsjournalismus letztlich einen Bärendienst.

Einiges von dem, was Wissenschaftsjournalisten können, leisten in der Praxis vermutlich wirklich fast nur Wissenschaftsjournalisten: nach aufwändiger Recherche Missstände in einer Forschungsorganisation offenlegen beispielsweise, oder ein kontroverses Forschungsgebiet verständlich und umfangreich in den gesellschaftlichen Kontext einordnen. Ich kann mir keinen Blogger und erst recht keinen PR-Beauftragten vorstellen, der auf der Spur von wissenschaftlichem Fehlverhalten um die halbe Welt reist, alle wesentlichen Beteiligten interviewt und daraus eine fundierte und spannende Reportage macht.

Vieles von dem, was Wissenschaftsjournalisten können, können dagegen auch die anderen Akteure im Bereich der Wissenschaftskommuniktaion. Ironischerweise gilt das gerade für das Alleinstellungsmerkmal, das Pütz so betont. In meinem eigenen Fachgebiet, der Astronomie, habe ich nicht selten den Eindruck, dass ich über Wissenschaftsblogs einen besseren Überblick über die Trends der astronomischen Forschung bekomme als in den Massenmedien. In den Zeitungen und Magazinen und ihren Online-Ablegern finde ich zwar punktuelle Meldungen, oft (pseudo-)aktuell, zur neuesten Exoplaneten-Entdeckung oder zu jüngst veröffentlichten Beobachtungen. Aber zusammenfassende Beiträge, in denen für ein astronomisches Forschungsgebiet die Entwicklungen der letzten Jahre untersucht werden, sind in den Massenmedien selten, und Themen, die als zu wenig publikumswirksam eingeschätzt werden – aktuelles Beispiel mit Bezug zu meinem eigenen Institut wäre die Sternentstehung – werden in den Massenmedien soweit ich sehen kann fast komplett ignoriert. Und das schreibe ich jetzt mangels direkter Erfahrung nur über die Astronomie; in weniger publikumsträchtigen Wissenschaften dürfte die Lage noch deutlich ungünstiger sein.

Eine gute Übersicht sieht anders aus.

In diesem Sinne: einerseits herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, liebe wpk. Anderserseits – aber ich formuliere es mal positiv: ich wünsche weiteres Wachstum, Gelassenheit und einen noch sichereren Blick im Umgang mit anderen und mit der eigenen Rolle.


(*) Offenlegung: Ich bin kein Arzt, aber habe in den vergangenen Jahren soweit ich erinnere 3 (oder waren es sogar 4?) durchaus gut bezahlte Vorträge über Kosmologie und Relativitätstheorie vor Ärzten gehalten, bei denen Honorar und Anreise/Übernachtung von einer Pharmafirma übernommen wurden. Meine Frau ist Ärztin und hat ca. 2003 an einer Fortbildung in München teilgenommen, bei der ihre Fahrt- und Unterbringungskosten von einer Pharmafirma bezahlt wurden; auch bei den anderen Fortbildungen und Kongressen, an denen sie teilnimmt, bekommen die Veranstalter üblicherweise Zuschüsse von Pharmafirmen. In unserem Haushalt sind noch einige Kugelschreiber, Leinenbeutel und Notizblöcke sowie zwei Kuscheltiere (möglicherweise auch vier, da gibt es zwei Elefanten, die wir nicht recht zuordnen können) in Benutzung aus der Zeit, als Pharmafirmen derlei noch kostenlos an Ärzte verschenken durften.

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

2 Kommentare

  1. Ich stimme zu, dass Wissenschaftsjournalisten vor allem Berichterstatter im Dienste der Öffentlichkeit sind und für die Wissenschaft selbst keine entscheidende Rolle spielen. Wissenschaftsjournalisten überschätzen sich also, wenn sie meinen (Zitat)

    Diese Aufgabe [Vermittlung von Übersichtswissen] kann in idealer Weise der Wissenschaftsjournalist erfüllen, der dann auch noch zur Kommunikation der Wissenschaftler untereinander beitragen kann.

    Doch nur schon, wenn es Wissenschaftsjournalisten gelingt, Wissenschaft der Öffentlichkeit zu vermitteln, haben sie etwas grosses und wichtiges geleistet. Weisse Flecken in unserem Wissen über die Welt und den Menschen zu füllen, eröffnet nämlich neue Zukunftsperspektiven, die weit über das hinausgehen können was rein politisch/gesellschaftliche Entwicklungen bieten. Man denke nur an die Erhöhung der Lebenserwartung in den letzten 100 Jahren, die Aussicht auf eine viel grössere Heilungsrate bei Krebserkrankungen oder das Weltbild das durch zunehmendes Wissen über den Kosmos/das Universum geschaffen wird.
    Ich bin sogar überzeugt davon, dass Wissenslücken in der Funktionsweise des menschlichen Gehirns und fehlendes Wissen über dynamische und chaotische Systeme die Menschheit dazu verdammt, immer wieder die gleichen politischen und gesellschaftlichen Fehler zu begehen und dass mehr Wissen über diese Dinge, die Menschheit in eine andere, bessere Richtung lenken kann.

    • Gar keine Frage: Im großen Ökosystem Wissenschaftskommunikation haben Wissenschaftsjournalisten eine sehr wichtige Funktion. All die Texte, die ich als Negativ-Beispiele zitiert habe, sind damit eigentlich unnötig.

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