Über die allmähliche Verfertigung der Wissenschaft beim Bloggen

BLOG: RELATIV EINFACH

… aber nicht einfacher
RELATIV EINFACH

Ich habe die bisherigen Beiträge zum Bloggewitter “Bloggen und Karriere: Unvereinbar?” mit Interesse gelesen; dass ich mich jetzt spontan doch noch selbst mit einem Beitrag beteilige, liegt daran, dass ich einen der für mich persönlich wichtigsten Gründe, zu bloggen, bislang noch vermisse.Bloggen und Karriere - Unvereinbar?

Ich habe schon lange vor Blog-Zeiten Texte geschrieben, um meine Gedanken zu ordnen. Als ich mich z.B. für meine Doktorarbeit in ein für mich neues Thema (Supergravitation!) einarbeitete, habe ich immer direkt aufgeschrieben, was ich da neu verstanden hatte. Umgekehrt war für mich die Fähigkeit, ein Thema nachvollziehbar und verständlich beschreiben zu können, ein wichtiger Indikator dafür, ob ich es hinreichend verstanden hatte. Auf Lücken in meinem Verständnis stieß ich nicht selten, wenn ich beim Aufschreiben merkte, dass mein Text an einer bestimmten Stelle noch einen Sprung ausführte, den ich so nicht stehenlassen sollte.

Entsprechend konnte ich beim Zusammenschreiben meiner Doktorarbeit auf reichhaltiges bereits vorhandenes (in der aktuellen Situation muss man wahrscheinlich bekräftigend hinzufügen: eigenes) Textmaterial zurückgreifen – und habe noch einige hundert Seiten unveröffentlichtes Skript zur Algebra, Geometrie und Allgemeinen Relativitätstheorie irgendwo auf einem alten Rechner abgespeichert, die sinnvoll noch in anderem Zusammenhang zu verwenden ich die Hoffnung nach wie vor nicht aufgegeben habe.

Mein eigener Karriereweg hat mich, Stichwort Didaktik, Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit, auf ein Gebiet geführt, für welches das Bloggen noch ganz anderen Nutzen besitzt. Aber meine Arbeitsweise, Texte – dieser Tage sind das oft Blogtexte – zum Ordnen meiner Gedanken zu nutzen, oder um Themen, die mich interessieren, so zusammenzufassen, dass ich sie (inklusive der Links auf geeignete Quellen) später wieder aufgreifen kann, ist gleich geblieben.

Ich hatte mich an anderer Stelle bereits als Fan des Astronomen David Hogg geoutet. David’s Blog Hogg’s Research ist ein Beispiel dafür, wieweit man das Konzept des Blogs als Gedankensammel- und ordnungsmaschine in der Wissenschaft treiben kann: die beiden Regeln für sein Blog sind, dass David dort 5 Tage die Woche einen neuen Beitrag schreiben muss (Zeit, die er auf Reisen verbringt, ausgenommen), und dass er dort nur über Forschung schreibt. Das Ergebnis sind bislang knapp 1700 Blogbeiträge seit 2005, einige kürzer, einige länger. Einige davon sind eher forschungstagebuchähnlich – kurze Notizen dazu, mit wem David worüber gesprochen hat -, aber immer finden sich in Davids Texten Gedanken, herausdestilliert aus Vorträgen, Diskussionen oder eigenen Überlegungen von David und dort zur weiteren Verwendung erst einmal aufgeschrieben – zur weiteren Verwendung weniger, vermute ich, durch explizites Nachlesen des Blogeintrags als dadurch, dass der Gedanke überhaupt herausgearbeitet wurde und jetzt natürlich ganz anders im Hirn feststeckt. (Note to self: Wenn David diesen Sommer wieder ans MPIA kommt, ihn unbedingt einmal auf seine Erfahrungen ansprechen.)

Dieser Blogbeitrag ist zumindest im Kleinen selbstbezüglich. Die Wortfolge Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden spukte mir, wenn auch nicht wortgetreu, zumindest vage im Hinterkopf herum, als ich über das hier angerissene Thema nachdachte. Genaue Quelle und Details habe ich mich allerdings erst jetzt ausfindig zu machen bemüßigt gefühlt, denn für’s Blogbeitrag-Schreiben ist “vage im Hinterkopf” natürlich nicht genug. Ich kann Kleists gar nicht so langen Text durchaus zur Lektüre empfehlen. Auch wenn dessen Stoßrichtung dann doch eine etwas andere ist, und zwar eine durchaus modernere als mein eigener Textschreib-Nutzungsmodus: bei Kleist steht das jemand-anderem-Erklären im Vordergrund, modern ausgedrückt: die Interaktivität, und es sind gerade die kleinen Störungen des Gegenübers, die den Gedanken eine andere Richtung geben, als sie sonst eingeschlagen hätten. Obwohl, wenn ich recht darüber nachdenke: Genau solche kleinen Störungen, kleine Schubse in eine andere Richtung bietet natürlich das Recherchieren beim Verfertigen der Texte, mit denen ich meine Gedanken ordne. Aber das ist mir jetzt gerade erst direkt anlässlich der Kleist’schen Ausführungen eingefallen. Quod erat demonstrandum oder so.

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

3 Kommentare

  1. Sehr gut!

    Das finde ich sehr gut. Es paßt auch zu dem, was ich in meinem Bloggewitter-Beitrag (“Warum dieser Blog?”) geschrieben habe; dieser Nutzen des Schreibens für einen selbst ist mir dabei allerdings gar nicht in den Sinn gekommen, nur der des Diskutierens.

    Geistes- und Sozialwissenschaftlern ist dieser Nutzen ziemlich selbstverständlich, aber Naturwissenschaftlern ist dieser Gedanke meist ganz fremd. Man sieht das, wenn sie Abschlußarbeiten oder Dissertationen planen: Am Ende der ausführlichen Projektierung von zwei oder drei Jahren “richtiger” Arbeit ist dann häufig “zwei Monate: Zusammenschreiben der Ergebnisse” oder so etwas vorgesehen.

    Man hat oft nicht die geringste Vorstellung davon, was es heißt, das Schreiben ernsthaft und der Sache angemessen zu betreiben, und man kann es auch nicht. Keine Vorstellung hat man meist auch davon, daß es beim Schreiben in “natürlicher Sprache” nicht weniger präzise zugeht und zugehen muß, als wenn man sich in formalisierter Sprache ausdrückt. Man glaubt häufig, daß ein Text nicht so recht wissenschaftlich ist, wenn keine Formeln und Grafiken drin zu finden sind.

    Die Teile der eigenenTexte, die “nur Text” sind und auch etwas über das hinausgehen müssen, was das engere Thema der Arbeit ist, vor allem die Einleitung, aber auch auch Diskussionskapitel und Ausblicke, sind dementsprechend oft so, daß man trotz guter “Ergebnisse” die ganze Arbeit zurückweisen möchte, weil sie den Mindestanforderungen von Wissenschaft nicht genügt.

    Wenn das Bloggen dazu führen würde, daß sich Naturwissenschaftler im Schreiben üben, wäre das ein Segen.

  2. @Ludwig Trepl

    In der Tat – Ihr Teilsatz in dem Blogartikel “zwar ergibt nicht ein Wort das andere, aber es provoziert doch ein notierter Gedanke rasch den nächsten” schien mir bei der Lektüre damals auch noch am ehesten in die von mir eingeschlagene Richtung zu gehen.

    Wobei es zumindest mir eben nicht primär um das Schreiben sondern um die Rückwirkung des Schreibens auf das Denken und wissenschaftliche Argumentieren geht – so sinnvoll es ist, dass sich Naturwissenschaftler im (be-)schreiben üben.

  3. Zustimmung

    Lieber MArkus Pössel,
    genau so ist es, Sie beschreiben es sehr schön. Beim Schreiben zeigen sich Ungereimtheiten auf, ich stelle fest, wo es hakt und ich offenbar noch Schwierigkeiten habe, und ich kann neue Fragen formulieren, die weiterführen. Ein sehr schöner Blogbeitrag. Wichtig scheint mir aber zu sein, dass man nicht nur runterschreibt, sondern auch den eigenen Text nochmal liest und optimiert, bis man wirklich die Sache trifft. Sonst wird ein Blog zum Gelaber.

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