Asteroiden und Antibiotika

Im letzten Fischblog-Beitrag fragt Lars: Warum habt ihr keine Angst? Es geht um die Gefahr, dass antibiotikaresistente Bakterien uns in den nächsten zwanzig Jahren auf den Stand der Medizin von 1890 zurückwerfen können, sprich: in die Zeit vor Antibiotika, wenn nichts unternommen wird.

Das ist eine interessante Frage. Wo sehen wir Risiken? Wo setzt sich das Bewusstsein für (und die Angst vor) bestimmten Bedrohungen gesellschaftlich durch, und bei welchen Themen nicht? Warum schalten wir Atomkraftwerke ab, aber investieren andererseits nicht in ein milliardenschweres Sonderprogramm zur Entwicklung neuer Antibiotika?

Näher an der Astronomie gibt es ein ganz ähnliches Thema, nämlich die Gefahr eines Asteroideneinschlags. Wir sind nun einmal samt Erde ein ziemlich kleiner Brocken in einem großen Sonnensystem. Schätzungsweise eine Million Brocken größer oder gleich groß wie jener, der bei Tscheljabinsk herunterkam, treiben da draußen herum, und von denen kennen wir offenbar gerade mal ein Prozent, sagt Alan Harris vom Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt in diesem FAZ-Interview aus der Zeit des Tscheljabinsk-Einschlags. Und obwohl es Projekte z.B. mit Finanzierung des US-Verteidigungsministeriums gibt, hapert es wohl nach wie vor an der internationalen Koordination. Immerhin gibt es wohl ein entsprechendes EU-gefördertes Projekt namens NEOShield.

Mein Verdacht: Dass bestimmte Themen in Hollywood bereits spektakulär aufgearbeitet wurden, macht es einfach, sie in die Schublade “Science Fiction” zu schieben. Ich will an dieser Stelle gar nichts zur technischen Realisierbarkeit eines Weltraumaufzugs sagen, aber das Medien- und Twitterecho auf diesen Piraten-Werbespot zur Europawahl…

…hat ja nun gezeigt: Man kann minutenlang über Grenzen, Flüchtlinge übers Mittelmeer, Internet, die Rolle des Europa-Parlaments, den Euro, freien Zugang zu Filmen, Überwachung und Datenschutz reden; wenn am Ende noch ein Satz über einen Weltraumaufzug kommt, ist das in der Überschrift oder bei der Spot-Kritik auf einmal das einzige, was zählt. Ob das nun gelungenes virales Marketing ist oder vor allem ein “Puh, die kann man ja nicht ernstnehmen” auslöst, sei dahingestellt. In der anschließenden Twitter-Diskussion kommt beides vor. Aber ich kann mir vorstellen: Wenn ein Politiker oder eine Politikerin einer der Regierungsparteien wiederholt, öffentlich und nachdrücklich auf die Gefahr durch Asteroiden hinweisen würde, hätte der/die schnell einen entsprechenden Stempel weg. (Wenn ich da zu pessimistisch bin – würde mich freuen!)

Stellt sich, wie immer, die Frage: Was tun? Da ich am Thema Asteroiden fachlich näher dran bin als an den Antibiotika, habe ich mir vorgenommen, mich (a) besser über das Thema zu informieren und (b) über das, was ich dabei lerne, hier zu bloggen.

Derzeit habe ich zwar astronomisches Grundwissen zum Thema, schaue interessiert den Asteroiden-Beobachtungsprojekten meiner Kollegin, der SciLogs-Bloggerin Carolin Liefke zu und sehe beim ROTAT-Teleskop mit Staunen zu, welche Asteroidensichtungen Amateure wie Jost Jahn bewerkstelligen; die Kleinplanetentagung, die wir gerade im Haus der Astronomie hatten, habe ich leider verpasst. Aber dazu, wie realistisch z.B. die Wahrscheinlichkeitsschätzungen für Asteroideneinschläge der unterschiedlichen Größen sind, kann ich bislang nichts näheres sagen. Nachholbedarf – und ich habe für zukünftige Blogbeiträge auf Relativ Einfach schon einmal optimistisch die Kategorie Gefahr durch Asteroiden angelegt.

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Heute ist es nicht mehr undenkbar, dass ein effektives Asteroidenüberwachungsprogramm von Privaten aufgezogen wird, vielleicht sogar mit Crowdfunding finanziert. Die Firma B612 macht schon mal den Anfang.

    Am Schluss müssen vielleicht alle wichtigen Anliegen privat finanziert werden: Die Suche nach NEO’s, die die Erdbahn kreuzen ebenso wie die Entwicklung neuer Antibiotika. Bill Gates hat jedenfalls schon einmal eine Intiative gestartet, die Resources for the Future Launches Global Antibiotic Resistance Initiative – Bill & Melinda Gates Foundation
    Zumal das Kapital nach Meinung des Ökonomen Thomas Piketty immer mehr in privaten Händen liegen wird. Und nicht wenige Superreiche engagieren sich bereits in der Weltraumfahrt (Jeff Bezos mit Blue Origin, Elon Musk mit SpaceX, Paul G. Allen mit Stratolaunch Systems & Scaled Composites (Suborbitalflüge)) oder im Gesundheitswesen (Bill Gates, Warren Buffet).

    Vielleicht kommt der Tag, wo die meisten nur noch ein müdes Lächeln übrighaben für die NASA, ESA, für ROSKOSMOS und CSNA und wo man selbst grossen Staaten wie den USA nicht mehr allzu viel zutraut.

  2. “Aber dazu, wie realistisch z.B. die Wahrscheinlichkeitsschätzungen für Asteroideneinschläge der unterschiedlichen Größen sind, kann ich bislang nichts näheres sagen” – na, da kann ich diesen detaillierten aktuellen Literatur-Survey empfehlen. Der, passend zum eigentlichen Blog-Thema, vor zwei Monaten durch eine Presse-Veranstaltung nötig wurde, auf der Privat-Satellitenbauer in spe (die Finanzierung liegt m.W. weiter im Argen) durch das konkrete Schüren von Angst auf sich aufmerksam machen und Spender anlocken wollten …

  3. Ich hatte allerdings oft den Eindruck, dass die Gefahr eines Asteroideneinschlags oft als Feigenblattargument genutzt wird, um die Finanzierung eines sonst eher “langweiligen” Projekts erst zu ermöglichen, da das natürlich sehr viel Aufsehen erregt (z.B. PanStarrs). Ich bin nämlich nicht der Meinung, dass in der breiten Bevölkerung das Thema als Science Fiction belächelt sondern als echte Bedrohung angesehen wird. Daher wäre es wirklich vorteilhaft, eine unvoreingenommene statistische Datenbasis zu ermitteln, um die tatsächliche Gefahr abschätzen zu können.

    • Folge mal dem Link von Daniel Fischer einen Kommentar weiter oben; da sind einige interessante Daten. Außerdem wollte ich mich mal mit Coryn Bailor-Jones vom MPIA (vollständiger Name, weil die Antwort ja nicht nur von dir gelesen wird) unterhalten; der hat in diese Richtung ja auch einiges gemacht.

Schreibe einen Kommentar