Abzock-Zeitschriften, Datenauswertung Teil 2: Die Vielveröffentlicher

In den letzten Tagen hat eine mehrmonatige Recherche von NDR, WDR und SZ-Magazin in Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern das Thema wissenschaftliche Abzock-Zeitschriften und Abzock-Konferenzen in Deutschland auf die Tagesordnung gebracht. Links zu den verschiedenen Berichten finden sich in diesem NDR-Dossier. Inzwischen hat der NDR auch einen FAQ mit einer Reihe von Antworten zu seinem Vorgehen online gestellt. Zur Erinnerung: Abzock-Fachzeitschriften, auch “predatory journals” genannt, sind selbsternannte wissenschaftliche Fachzeitschriften, die zwar vorgeben, den üblichen Qualitätsstandards des “Peer review” zu folgen, aber die in Wirklichkeit gegen Gebühr jeden Mist veröffentlichen. Parallel dazu geht es um Abzock-Konferenzen: vorgeblich wissenschaftliche Konferenzen ohne nennenswerte Qualitätsstandards, deren Geschäftsmodell entsprechend darin besteht, die Teilnahmegebühren einzustreichen.

Ich hatte beschlossen, dem einmal selbst nachzugehen und habe in Abzock-Zeitschriften, Datenauswertung Teil 1: Methoden, Ländervergleich, Gesamtzahl beschrieben, wie ich 17500 Artikel eines der in der Berichterstattung erwähnten Zeitschriften-Portale heruntergeladen und zusammenfassend ausgewertet hatte.

Für die wirklich interessanten Fragen muss man freilich weiter ins Detail gehen. Hier in Teil 2 meiner Auswertung sichte ich erst einmal die Extremwerte. In Teil 1 hatte ich bereits gezeigt, dass ganze 6 Wissenschaftler für stolze 53 Artikel (12%) in der Stichprobe mitverantwortlich sind – hier war das entsprechende Diagramm der Verteilung:

Wie häufig haben die Autoren in meiner predatory-journal-Stichprobe Artikel in der Stichprobe veröffentlicht?

Die allermeisten Autor/innen sind nur einmal vertreten. In diesem Blogtext schaue ich mir den “Schwanz” der Verteilung näher an: die Vielveröffentlicher. Ich benenne die Betroffenen nur mit Initialen; es geht mir nicht darum, konkrete Personen anzuprangern – zumal das Veröffentlichen in predatory journals noch nichts über die Qualität der veröffentlichten Arbeit aussagt – sondern Hinweise darauf zu erhalten, was da passiert und wie solche Veröffentlichungen in predatoy journals zustandekommen.

Eine Vorab-Bemerkung: Allein diese Verteilung mit vielen Einmal-Veröffentlichern finde ich bereits ungewöhnlich. Wenn ich in meinem eigenen Fachgebiet, der Astronomie, schaue, dann veröffentlichen die meisten Kollegen durchaus regelmäßig bei bestimmten Zeitschriften. In dieser Stichprobe scheint das dagegen für die allermeisten Autor/innen nicht der Fall zu sein.

Die Viel-Veröffentlicher

GTT ist Spitzenreiter mit 11 Koautorenschaften in meiner Stichprobe, 16 Artikeln auf dem SCIRP-Server insgesamt. Er veröffentlicht in der Zeitschrift “Archaeological Discovery” zu deutschen Festungsanlagen in Frankreich, einer alten bulgarischen Inschrift, einer Philister-Inschrift in Israel, DNA und Linguistik. Seine Affiliation ist das “Etno-Archaeological Observatory” in München. Eine Google-Suche ergibt Treffer, die dem Augenschein nach alle auf Predatory-Journal-Artikel verweisen. Anders gesagt: Meine Google-Suche ergab keine Spuren des “Etno-Archaeological Observatory” außerhalb dieser Artikel.

AKA ist mit 10 Koautorenschaften in meiner Stichprobe auf Platz zwei. Auf dem SCIRP-Server ist er insgesamt an 27 medizinischen Artikeln beteiligt, die in “Health” und im “Open Journal of Endocrine and Metabolic Diseases” erschienen sind. Seine Affiliation ist ein Malteser-Krankenhaus im hohen Norden von Deutschlands, auf dessen Webseiten AKA an zwei Stellen als (Fach-)Arzt aufgeführt ist. Es handelt sich den Webseiten nach nicht um ein forschungszentriertes Krankenhaus, wie es eine Uniklinik wäre (was ja komplett legitim ist!).

WD liegt mit 9 Veröffentlichungen als Ko-Autor auf Platz drei. Ganze 21 medizinische Veröffentlichungen sind es auf dem SCIRP-Server, und das gleich in verschiedenen Zeitschriften, nämlich in “Food and Nutrition Sciences”, “Advances in Alzheimer’s Disease”, “Journal of Behavioral and Brain Science”, “World Journal of Neuroscience”, “Open Journal of Psychiatry”, “Neuroscience and Medicine”, “Pharmacology & Pharmacy” und “Advances in Parkinson’s Disease”. Als Affiliation ist “Justus-Liebig-University Giessen c/o NeuroCode AG, Wetzlar, Germany” angegeben, oder “NeuroCode AG, Wetzlar, Germany”, oder auch nur “Justus-Liebig-University Giessen, Giessen, Germany”. Auf den Institutswebseiten des pharmakologischen Instituts der Universität Gießen hat WD in der Tat Spuren hinterlassen – bis 2005 werden einige Veröffentlichungen von ihm aufgelistet, 2010 hat er noch eine Dissertation betreut. Auf den aktuellen Mitarbeiterseiten erscheint er nicht. Seine SCIRP-Veröffentlichungen stammen aus den Jahren 2012 bis 2017.

AW liegt mit 8 Veröffentlichungen (jeweils als Alleinautor) auf Platz vier. In den Veröffentlichungen im Journal “Advances in Pure Mathematics” geht es um Quantenmechanik und Polynome. Als Affiliation ist “Institut für Physik, Humboldt-Universität, Newtonstr, Berlin, Germany” oder “Formerly: Institut für Physik, Humboldt-Universität, Nichtklassische Strahlung (Max-Planck-Group), Berlin, Germany” angegeben. Auf den Webseiten der Humboldt-Universität ist AW nicht (mehr) zu finden. Die betreffende Arbeitsgruppe scheint längst aufgelöst zu sein (vermutlich mit der Emeritierung von Harry Paul Ende der 1990er Jahre).

FL teilt sich mit ebenfalls 8 Veröffentlichungen in der Stichprobe Platz vier. Insgesamt finde ich auf dem SCIRP-Server 10 Veröffentlichungen, sämtlich im “Open Journal of Animal Sciences”, zwischen 2015 und 2018. FL ist jeweils der letztgenannte Autor, Lehrstuhlinhaber am Departement für Nutztierforschung der Georg-August-Universität Göttingen. Die Erstautor/innen der neueren Artikel sind Doktorand/innen und wissenschaftliche Mitarbeiter/innen seiner Arbeitsgruppe. Die Reihenfolge ist nicht ungewöhnlich – in einer Reihe von Disziplinen ist üblich, dass der Institutsdirektor oder Gruppenleiter als Letztautor aufgeführt wird.

IB liegt mit 7 Veröffentlichungen auf Platz fünf meiner Stichprobe. Insgesamt finde ich auf dem SCIRP-Server 13 Veröffentlichungen von ihm, und die haben es in sich: es geht darum, dass HPV Eierstockkrebs auslöst, der Epstein-Barr-Virus das Hodgkins-Lymphom, aber auch darum, dass Null durch Null geteilt eins ergibt, die Heisenbergsche Unschärferelation unhaltbar und die Newtonsche Gravitationskonstante nicht konstant ist. Die Affiliation ist eine Privatadresse im Norden Deutschlands.

Die Nächstplatzierten: 5er-Kandidaten

Die Nächstplatzierten waren jeweils bei 5 Veröffentlichungen in meiner Stichprobe Koautor.

Für BF gibt es in SCIRP insgesamt 7 Artikel, bei denen er Letztautor ist. Wieder das Institutsleiter-Phänomen, denn BF ist Leiter des Metallurgie-Instituts der RWTH Aachen. Die neueren Artikel finden sich auf der Instituts-Homepage, die Autoren sind offenbar wieder Doktoranden oder wissenschaftliche Mitarbeiter.

GNCD ist offenbar Mitarbeiter des oben bereits genannten Drittplatzierten WD, mit 7 SCIRP-Veröffentlichungen im medizinischen Bereich, auf denen auch WD erscheint. Die Affiliation ist jeweils die NeuroCode AG, Wetzlar, Germany (diesmal ohne Universität Gießen). Dasselbe gilt für SS mit ebenfalls 5 SCIRP-Veröffentlichungen.

HHO war bis 2004 Professor für Materialwissenschaftliche Kristallographie an der TU Clausthal-Zellerfeld. Seine sieben SCIRP-Artikel aus den Jahren 2015 bis 2018 behandeln entsprechend kristallografische Themen – einmal freilich auch mit eher ungewöhnlichem Bezug zum Multiversum, dem Goldenen Schnitt und der Dunklen Energie.

Vierlinge

SV und CN sind Doktorandinnen des Viertplatzierten FL. Jener ist jeweils Letztautor der vier SCIRP-Artikel im Gebiet Tierfutter, auf denen SV und CN gemeinsam als Autorinnen erscheinen im Gebiet. Auch DRK, ein weiterer Autor, hat vier seiner fünf SCIRP-Artikel mit hühnerbezogenen Fachthemen zusammen mit FL geschrieben. In dieselbe Gruppe gehört auch CW, mit ebenfalls vier SCIRP-Artikeln in meiner Stichprobe, und insgesamt 6 SCIRP-Artikeln.

UG führt eine Praxis für Mediation, ist medizinische Gutachterin und leitet ein eigenes Gichtzentrum. Sie ist Koautorin von 7 Artikeln, deren Erstautoren zumeist Doktorand/innen sind, deren Arbeiten sie an der LMU München betreut hat. Die LMU ist auf den SCIRP-Artikeln entsprechend auch als Affiliation angegeben.

LS ist Mitarbeiterin des oben bereits genannten WD, der auch als Erstautor ihrer 6 SCIRP-Artikel fungiert. Die Affiliation ist wieder die NeuroCode AG, Wetzlar, Germany.

MR hat zwischen 2014 und 2017 insgesamt 8 SCIRP-Artikel zum Thema Simulationen, Finite-Elemente-Methode u.ä. veröffentlicht. Seine Affiliation ist ein “Simulation Unit, Personal Simulation and Design” in St. Augustin. Eine Google-Suche der Institution führt nur zu den SCIRP-Artikeln.

AH ist Gruppenleiter für Computational Astrophysics am Institut für Wissenschaftliches Rechnen (IWR) der Universität Heidelberg. Von den auf seiner Homepage aufgelisteten “Recent Publications” sind drei seine vier SCIRP-Artikel, die auch in meiner Stichprobe enthalten sind.

FF war von 1993 bis 2005 Gründungsprofessor für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der TU Chemnitz, die er auch in seinen sechs SCIRP-Artikel zu Philosophie, Biologie und Erotik als Affiliation nennt.

Was sagt uns das?

Ich gehe absichtlich nicht auf die Details der mit Initialen genannten Personen ein – auch hier gilt es sich in Erinnerung zu rufen: Dass jemand in einem Predatory Journal veröffentlich hat, sagt noch nichts über die Qualität der Forschung bzw. der Ergebnisse aus. Mich interessiert das, was diese Extrem-Stichprobe für die Systematik bedeuten könnte.

Auffällig ist, wie überproportional die Randgebiete der Wissenschaft vertreten sind: Privatgelehrte, Emeriti, Ehemalige, Menschen, die hauptberuflich in Firmen oder Praxen arbeiten und von dort aus eine Verbindung zu einer Universität behalten haben. Wiederum ist keine dieser Randpositionen despektierlich. Verbindungen zwischen Firmen und Universitäten sind für den Wissenstransfer im Gegenteil sehr erwünscht, und medizinische Fakultäten würden große Probleme bekommen, könnten sie nicht bei der Ausbildung ihrer Studierenden auf die medizinischen Einrichtungen und niedergelassenen Ärzte der Region zurückgreifen.

Aber dennoch sind diese Randbereiche eben nicht repräsentativ für den Großteil des Wissenschaftsbetriebs: die Professoren, wissenschaftlichen Mitarbeiter, Postdocs, die an universitären oder außeruniversitären Instituten hauptamtlich forschen. Was das bedeutet, sieht man zum Teil in den Interviews zur Berichterstattung, wo bei Erklärungsversuchen in der Regel die Struktur typischer wissenschaftlicher Karrieren ins Spiel gebracht wird, und der damit verbundene Publikationsdruck.

Dass die Randbereiche zumindest im Spitzenbereich meiner Stichprobe deutlich überrepräsentiert sind ist ein weiterer Indikator, dass Predatory Journals besonders dort eine Rolle spielen – und das heißt: sie spielen eine Rolle für Menschen, die eben nicht auf der klassischen Wissenschaftlerlaufbahn sind.

Andererseits ist durchaus auch der “Mainstream” des Wissenschaftsbetriebs in meiner Extremstichprobe vertreten: in Gestalt von FL und BF, beide Lehrstuhlinhaber. Von FL tauchen in meiner Vielveröffentlicher-Stichprobe noch weitere Mitarbeiter/innen bzw. Doktorand/innen auf. Solche “Cluster” sind, wenn man näher darüber nachdenkt, zu erwarten. Denn wie entscheiden sich insbesondere junge Wissenschaftler, wo sie veröffentlichen sollen? Am naheliegendsten ist der Blick darauf, was denn im eigenen Fachgebiet, etwa im eigenen Institut, üblich ist. Hat ein Predatory Journal da einmal “Fuß gefasst”, dürfte die Wahrscheinlichkeit größer sein, dass insbesondere unerfahrene Wissenschaftler aus demselben Institut auch dort veröffentlichen werden.

Ähnlich wie in meiner Vorstudie fällt mir auch bei diesen Extrembeispielen auf, dass angewandte Forschungsgebiete – Medizin, Nutztierwissenschaft, Metallurgie – besonders häufig vertreten sind. Wir reden wahrscheinlich nicht über ein Problem der Wissenschaft allgemein, sondern über ein Problem, das bestimmte Wissenschaftsbereiche besonders betrifft.

Diagramme gab es in diesem Teil keine; meine Auswahl-Tools für die häufigsten Autoren in meiner Artikelstichprobe gibt es hier zum Herunterladen:

ZIP-Datei (6 kB) via Dropbox

– das Skript nutzt die Artikeldateien, die in Teil 1 samt zugehörigen Skripten beschrieben wurden. Für den nächsten Teil habe ich mir vorgenommen, auszuwerten, welcher Art von Institution (Uni, außerschulisches Forschungsinstitut, Privatgelehrte?) die Artikel in meiner Stichprobe zuzuordnen sind.

Meine Blogbeiträge zum Thema bislang:

 

 

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das Haus der Astronomie in HD ist für mich ( interessierte Laiin) eine regelrechte Spielwiese. Den Referenten gelingt es nicht nur ihre Leidenschaft für die Astrophysik zu transportieren, sondern auch, auf verständliche Weise,Bal das Fachwissen.

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