Zwischen AfD, IB und Neonazi-Milieu: Rechte Vernetzungen in Bayern

Teil 2 einer Serie zur Zentralität der AfD in der bayerischen extremen Rechten
Im 1. Teil dieser Serie haben wir am Beispiel des Strafprozesses um AfD-MdL Daniel Halemba Verbindungen und Verstrickungen der AfD mit radikaleren Teilen der extremen Rechten und dem neonazistischen Milieu aufgezeigt, die zunächst nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren. Es gibt aber solche Verbindungen, Kooperationen und gegenseitige Unterstützung auch auf offener Straße, auf Social Media, bei Demonstrationen und im Wahlkreisbüro. Anhand zweier Beispiele aus München und der Oberpfalz illustrieren wir, wie die AfD ganz offen auch mit Rechtsextremen aus dem „Vorfeld“ zusammenarbeitet und sie unterstützt.
Zum Ende des bayerischen Landtagswahlkampfes organisierte die AfD am 5. Oktober 2023 eine Kundgebung in Amberg. Unter den rund 50 überwiegend älteren Teilnehmer:innen war auch der AfD-Politiker Reinhard Mixl aus Schwandorf, der seit 2025 für die Partei im Bundestag sitzt.[1] Direkt neben ihm standen Dominik S., Aktivist der Identitären Bewegung (IB)[2] aus dem Landkreis Amberg, der bei der Kundgebung durch das Zeigen der „White Power“-Geste auffiel, und Lukas Suttner aus dem Landkreis Neustadt an der Waldnaab. Mixl und Suttner unterhielten sich lebhaft. Ob sie sich näher kennen, wissen wir nicht, sie hatten aber bereits früher zusammen demonstriert: Bei einer extrem rechten Demonstration am 21. Dezember 2021 in Schwandorf trug Suttner das Fronttransparent mit der Aufschrift „Nur Widerstand ist Pflicht“ in IB-Ästhetik, das auf Masken- und Testpflicht in der Coronapandemie anspielt. Mixl lief auf der Demonstration, die sich an eine vorangegangene Kundgebung Mixls selbst anschloss, und war wie Suttner hinter dem Fronttransparent zu sehen.
Multifunktionär Lukas Suttner
Dieser ist mindestens seit 2019 in der extremen Rechten aktiv: Er beteiligte sich im Oktober 2019 und Juni 2020 an Kundgebungen der Identitären Bewegung in München, ist auf Bildern einer IB-internen Feier zum Jahreswechsel 2019/20 zu sehen und tritt seit 2021 regelmäßig mit dem Weidener Neonazi und stellvertretenden Vorsitzenden des bayerischen Landesverbands von Die Heimat (früher NPD) Patrick Schröder in Erscheinung. Beim gemeinsamen Besuch einer Großkundgebung der AfD in Nürnberg im Dezember 2021 wurde sichtbar, wie eng das Verhältnis der Akteure der verschiedenen Organisationen und Strömungen der extremen Rechten in der Region ist: Suttner und Schröder posierten zunächst zu zweit für ein Foto und zeigten dabei die „White Power“-Geste, die Suttner später mit einem weiteren IB- und einem Junge Alternative-Aktivisten und Burschenschafter wiederholte. Nicht nur politisch, auch geschäftlich waren Schröder und Suttner eng verbunden: Suttner löste Schröder im Mai 2023 als Geschäftsführer der Nemesis Production GmbH ab. Die Firma steht hinter dem Kleidungslabel Ansgar Aryan, einer der wichtigsten neonazistischen Szenemarken in Deutschland. Viele der vertriebenen Kleidungsstücke sind selbst für extrem rechte Kontexte sehr explizit und verherrlichen etwa den historischen Nationalsozialismus oder Rechtsterroristen wie den Attentäter von Christchurch. Auch verschwörungsideologische Motive werden vertrieben, etwa der Aufdruck „Volksgemeinschaft statt New World Order“. NWO ist eine klassische antisemitische Chiffre dafür, dass eine geheime, jüdisch konnotierte Elite insbesondere die ‚deutsche Volksgemeinschaft‘, aber Völker im Allgemeinen unterdrücken, beherrschen und zersetzen wolle. Zwei Jahre lang, bis zu seinem Ausscheiden als Geschäftsführer im Mai 2025, war Suttner dafür maßgeblich mitverantwortlich, also auch, während er sich mit Mixl in Amberg unterhielt.

Nur ein halbes Jahr nach seiner Abberufung als Geschäftsführer, im Dezember 2025, beteiligte sich Suttner schließlich an der Gründungsveranstaltung des bayerischen Landesverbandes der neuen AfD-Jugend. Bei der Gründung der Generation Deutschland in Greding war er augenscheinlich nicht nur Gast: Fotos zeigen ihn mit einem Armband, wie es an Mitglieder ausgegeben wurde und bei einer Abstimmung. IB, Neonaziversandhandel, „White Power“-Zeichen mit dem neonazistischen Multifunktionär Patrick Schröder auf einer Demonstration der AfD und schließlich Gründungsmitglied der neuen Jugendorganisation der AfD: Der Fall Lukas Suttner ist ein weiterer, der zeigt, wie wenig ernsthaft die Unvereinbarkeitslisten und die halbherzigen Abgrenzungsversuche von Teilen der Parteispitze gegen die noch extremere Rechte sind. Es wird auch deutlich, wie fließend die Grenzen zwischen den verschiedenen Organisationen und Strömungen der extremen Rechten in der Oberpfalz sind – und wie klein mitunter der Abstand, den AfD-Spitzenpolitiker wie Mixl einnehmen.
Asyl für Martin Sellner
Die Münchner AfD ging über solche Tuchfühlung noch hinaus und hat dem „Remigrations“-Vordenker Martin Sellner im Sommer 2025 aktiv Asyl in ihrem Räumen gewährt. Sellner hatte für 1. Juli 2025 eine Lesung aus seinem Buch „Remigration“ im Raum Augsburg angekündigt, die Stadt Augsburg verhängte daraufhin ein Aufenthalts- und Betretungsverbot für diesen Tag gegen Sellner. Der behauptete in der Folge, dass die Lesung an einem „geheimen Ort“ stattfinden werde und inszenierte sich in Videos, als sei er auf der Flucht vor der Polizei. In diesen vermeintlichen „Live“-Aufnahmen trat er mit IB-Bundessprecher Maximilian Märkl auf, der bis vor kurzem – auch während des Auftritts mit Sellner – auch AfD-Mitglied in Bayern war und nach Medienberichten Anfang 2026 seinen Austritt ankündigte.[3] Märkls Rolle in den Videos war die des lokalen Gastgebers und Veranstalters – doch die tatsächlichen Gastgeber des Vortrags waren andere. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die gesamte Inszenierung auf Augsburgs Straßen am Tag zuvor stattgefunden hatte und Sellner den Vortrag bei der Münchner AfD im Stadtteil Perlach hielt. Dort haben MdL René Dierkes und MdB Tobias Teich – beide gehören zum völkischen Lager der Partei – ihre Wahlkreisbüros, sie sprechen ganz offen vom „Blauen Haus“. Die Parteizentrale der NSDAP in München hieß „Braunes Haus“.

Christoph Rätscher, Ortsvorsitzender und im März 2026 Bürgermeisterkandidat der AfD für die Gemeinde Haar im Münchner Osten, postete am 2. Juli 2025 ein Foto von sich, Sellner, und zwei späteren Mitgliedern der Generation Deutschland. Einer davon – er trägt Seitenscheitel und Undercut im Stile Heinrich Himmlers – ist Tim Schulz, der im März 2026 kurz nach seiner Wahl zum stellvertretenden Vorsitzenden der neuen bayerischen Parteijugend schon wieder zurücktreten musste. Der ehemalige Social-Media-Spindoctor der AfD, Erik Ahrens, hatte der Münchner Abendzeitung Videos zugänglich gemacht, auf denen Schulz mit Lois Wagner in Budapest zu sehen ist, der Juden antisemitisch beschimpft. Wagner ist das Gesicht der Jungen Nationalisten, der Jugendorganisation von Die Heimat (früher: NPD), und bezeichnet sich selbst als Nationalsozialist. MdL und Burschenschaftler Benjamin Nolte verbreitete Schulz‘ darauffolgende Rücktrittserklärung, in der er die Vorwürfe vor allem bestreitet, auf Telegram. Berichte, nach denen Schulz im bayerischen Landtag für Nolte arbeite, wollte dieser unter Berufung auf „Datenschutz“ dem BR gegenüber nicht dementieren. Schon vor den Recherchen der Abendzeitung ist Schulz wiederholt auf Fotos der sogenannten Lederhosen Revolte, dem bayerischen Ableger der IB, zu sehen: Auf Wanderungen der Gruppierung setzte er sich er mit dem „White Power“ Zeichen vor heimatlicher Kulisse in Szene oder trat mit anderen Mitgliedern der Lederhosen Revolte in einheitlichen IB-Bayern T-Shirts auf der „Remigrationsdemo“ in Wien auf.
Diese Beispielkomplexe, und es sind nur zwei von vielen, illustrieren die zentrale Rolle, die die AfD in der bayerischen extremen Rechten spielt. Nicht nur taucht sie an allen Ecken auf, nicht nur hat ihr Personal oft keine Berührungsängste mit neonazistischen Geschäftsleuten und Aktivisten, von denen Teile der Parteispitze die Partei lieber fernhalten würde. Manchmal, wie im Falle der Sellner-Lesung in den Perlacher AfD-Räumlichkeiten, greift man ihnen auch aktiv unter die Arme.
Im 3. und abschließenden Teil dieser Serie beschäftigen wir uns mit zwei zentralen Agitationsfeldern der extremen Rechten und der Rolle der AfD darin: Anti-Asyl-Agitation und Queerfeindlichkeit.
[1] Screenshots/Fotos für dieses wie auch für alle nachfolgenden Beispiele liegen den Autor*innen vor.
[2] Zur selbsternannt Identitären „Bewegung“ siehe u.a.: Goetz, Judith/Sedlacek, Joseph Maria/Winkler, Alexander (Hg.) (2017): „Untergangster des Abendlandes“. Ideologie und Rezeption der neofaschistischen ‚Identitären‘. Hamburg: marta press.
[3] https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/afd-im-wahlkampf-wie-die-naehe-zu-rechtsextremen-zum-risiko-wird,VAMqdFh
Man sollte sich auch mit dem Themenbereich AfD und Kirchen beschäftigen:
Denn die AfD versucht bei Gläubigen Unterstützer zu finden, indem sie sich gegen Abtreibung positioniert (damit mehr ´deutsche´ Kinder geboren werden und man keine Asylanten/Muslime als Arbeiter mehr braucht, die man dann abschieben kann).
So werden Gläubige für rassistische Zwecke mißbraucht.
Wie Sie richtig anmerken, gibt es ideologische Schnittstellen zwischen konservativen Vertreter:innen rigider Geschlechternormen, religiösen Abtreibungsgegner:innen und Rechtsextremen, siehe dazu z.B. die Broschüre „Die selbsternannte Lebensschutz-Bewegung. Antifeministische Agitation gegen körperliche Selbstbestimmung“ (https://www.feierwerk.de/fileadmin/firm/Flugblaetter/firm_Lebensschutz-Bewegung_2025.pdf).