Was droht der Sozialen Arbeit durch die AfD? Einblicke in die empirische Forschung

Matthias Lorenz, Technische Hochschule Nürnberg
Dieu-An Tran, Technische Hochschule Nürnberg
In der öffentlichen Debatte und der sozialwissenschaftlichen Zeitdiagnostik ist viel vom politischen Rechtsruck die Rede. Oftmals sind dabei die diskursiven Verschiebungen der letzten zehn Jahre – salopp ausgedrückt, ein allgemeiner vibe shift – benannt worden. Schlimm genug. Doch gegenwärtig droht sich die Situation noch weiter zu verschärfen. In Anbetracht der bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern scheint es nicht ausgeschlossen, dass mit der AfD in nächster Zukunft erstmals seit 1945 eine Partei der äußersten Rechten eine Landesregierung stellt. Mit Blick auf die Gestaltungsmacht der Länder in der föderalen Struktur der Bundesrepublik zeigt sich: Gelänge es der AfD in einem oder gar in mehreren Bundesländern, die (Allein-)Regierung zu stellen, dann könnte sich ihr destruktives und demokratiefeindliches Potential insbesondere dort entfalten, wo es eigentlich um Bildung, Gleichstellung, Selbstbestimmung, Empowerment, Menschenrechte, Inklusion, Partizipation, Diversität, Freiheit und offene Diskursräume geht: im Bereich der Schulen und Universitäten, der Kultur, der Demokratieförderung und nicht zuletzt im Bereich der Sozialen Arbeit.
Extrem rechte Einflussnahmen auf die Soziale Arbeit
Doch wie geht die ‚Demokratie- und Menschenrechtsprofession‘ der Sozialen Arbeit mit den politischen Rechtsverschiebungen und der zunehmenden Macht der anti-demokratischen Rechten um? Auf welche Weise wirkt die extreme Rechte bereits jetzt auf die Soziale Arbeit ein? Welche Befürchtungen artikulieren Sozialarbeiter*innen angesichts düsterer Zukunftsaussichten, welchen Gefahren ist ihr professionelles Handeln längst ausgesetzt und welche Potentiale sowie Praxen demokratischer Gegenwehr gibt es bereits jetzt?
Das Forschungsprojekt Rechtsextreme Einflussnahmen auf die Soziale Arbeit in Bayern (RESAG) kann – bezogen auf die Situation in Bayern – Antworten auf diese Fragen liefern und will damit zur Stärkung einer demokratischen und menschenrechtsorientierten Praxis (in) der Sozialen Arbeit beitragen. Im Rahmen einer umfassenden quantitativen Erhebung haben wir gut tausend Sozialarbeiter*innen aus ganz Bayern befragt, ob und wie extrem rechte Akteur*innen versuchen, Einfluss auf die Soziale Arbeit zu nehmen und wie sich entsprechende Einflussnahmen auf ihre professionelle Praxis als Sozialarbeiter*innen auswirken. In der anstehenden qualitativ ausgerichteten Projektphase wollen wir zudem Wissen darüber sammeln, wie und mit welchen Strategien sich Soziarbeiter*innen wappnen und solche Einflussnahmen zurückweisen.
In unserer Forschung orientieren wir uns an der etablierten Typologie verschiedener ‚Einflussnahmen‘1. So unterscheiden wir zwischen eigenen Angeboten (etwa die ideologisch motivierte Unterstützungsarbeit für rechte Straffällige oder das partizipative Dorffest einer Gruppe völkischer Siedler*innen), äußeren Einflussnahmen (etwa rechte Demonstrationen gegen queer-freundliche Angebote in Jugendzentren oder tendenziöse Landtagsanfragen durch extrem rechte Parlamentarier*innen) sowie inneren Einflussnahmen (z. B. Ausgrenzung oder Schlechterstellung von Adressat*innen einer sozialen Einrichtungen durch deren Mitarbeiter*innen, wenn diese etwa aus rassistischer, antisemitischer oder ableistischer / behindertenfeindlicher Motivation geschieht).

Foto: Robert Andreasch
Befürchtungen und Erfahrungen von Sozialarbeiter*innen
Alle drei Typen der Einflussnahme sind, so ein Ergebnis unserer Studie, in Bayern verbreitet. Bemerkenswert ist unseres Erachtens, dass äußere Einflussnahmen in Bayern 2025 weit häufiger beschrieben wurden als 2019 in Nordrhein-Westfalen (14,3 %)2, aber auch als 2021 in Mecklenburg-Vorpommern (23,1 %)3: 27,5 % der befragten Sozialarbeiter*innen in Bayern weiß unmittelbar von solchen Einflussnahmen und/oder hat diese selbst erfahren. In 57,5 % dieser äußeren Einflussnahmen benennen die Befragten die AfD als involvierte Akteurin.
Was diese Zahlen konkret bedeuten, lässt sich aus den Freifeldantworten der Studienteilnehmer*innen erfahren: Befragt nach ihren Befürchtungen hinsichtlich solcher Einflussnahmen gibt eine Sozialarbeiterin aus der Arbeit mit FLINTA*4 an: „Ich habe Angst, dass mein Job gestrichen wird, wenn die AfD im Kreistag landet. Außerdem, dass weitere feministische oder queere Projekte unter Beschuss stehen könnten, weil die aktuelle kommunalpolitische Stimmungslage zu vielen Ausgabenkürzungen führt“. Ein Sozialarbeiter aus der Straffälligenhilfe sieht wiederum die Gefahr, dass „AfD-Politiker in Stadtverwaltungen oder Landratsämtern einen Einfluss auf die Arbeit kommunaler Jugendarbeit nehmen und Angebote politischer Bildung einschränken oder zu Gunsten ihrer Gesinnung verändern [könnten]“. Angesichts der starken Zuwächse der AfD, die sich bei den Kommunalwahlen im bayernweiten Durchschnitt von 4,7 % auf 12,2 % steigerte5, sind zunehmende kommunalpolitische Interventionen realistischerweise erwartbar.
Eine Sozialarbeiterin, die mit geflüchteten Mädchen* arbeitet, berichtet von einer Sachbeschädigung, die eine Bezugnahme auf die AfD enthalten habe: „Wir hatten bei einem Träger in der Mädchen*-Arbeit bereits eine AfD-Schmiererei am Briefkasten. Ich könnte mir vorstellen, dass die Rechte versuchen könnte, gerade Träger in der Geflüchteten – sowie der Mädchen*-Arbeit einzuschüchtern“. Ein Kollege aus der Kinder- und Jugendsozialarbeit benennt hingegen die Gefahr, dass konservativ-demokratische Parteien ihre Abgrenzung zur AfD aufgeben könnten. Dies, so die Befürchtung, hätte unmittelbare Konsequenzen für die Soziale Arbeit: „Sollte die AfD immer stärker werden und/oder die Union ihre noch bestehende Brandmauer endgültig einreißen, erwarte ich mir tatsächlich eine politische Steuerung der Sozialen Arbeit“. Eine an demokratischen und menschenrechtsorientierten Normen orientierte und nach professionellen Standards vorgehende Soziale Arbeit wäre in einem solchen Szenario kaum noch möglich.
Wiederkehrend stoßen wir in unserer Analyse auch auf Beschreibungen von Einflussnahmen, die unmittelbar auf die Be-/Verhinderung sozialarbeiterischer Praxis zielen. So berichtet ein Sozialarbeiter aus der Wohnungslosenhilfe: „Ein Mitglied einer rechten Partei forderte mehrfach eine offizielle Besichtigung mit Presse unserer Einrichtung. Vorab sollten Informationen bereitgestellt werden, welchen ‚Ausländeranteil‘ unsere Bewohner haben und wovon sie leben“.
Anfragen und Angriffe aus dem Landtag. Die AfD als Akteurin extrem rechter Einflussnahmen
6,3 % der bayerischen Befragten haben bereits Erfahrungen mit kommunalen bzw. parlamentarischen Anfragen machen müssen, die in ihrer Intention gegen Träger und Strukturen der Sozialen Arbeit gerichtet sind. Wie Gille und Jagusch in ihrer Auswertung rechtextremer Einflussnahmen in NRW analysiert haben, zeigt sich, dass derartige „Anfragen offensichtlich nicht in erster Linie der Wahrnehmung der demokratischen Kontrollrechte der gewählten Abgeordneten dienen. Sie werden auch seitens der Urheber_innen bewusst inszeniert, dienen der Skandalisierung und dem Versuch, Strukturen anzugreifen […]“6.
Werfen wir einen Blick in parlamentarische Anfragen von Mitgliedern der AfD-Fraktion aus der laufenden Legislaturperiode, dann finden wir reichlich Material, das diese Einordnung stützt und die Befürchtungen von Sozialarbeiter*innen bestätigt. Oftmals treffen wir in diesem Material auf rassistische, trans*-/queerfeindliche, inklusions-/behindertenfeindliche Abwertungen von Adressat*innen Sozialer Arbeit: So fragen die AfD-Abgeordneten Franz Bergmüller und Andreas Winhart im März 2026 in femonationalistischer und rassistischer Manier, ob „die Staatsregierung […] bei der Jugendhilfe eine ‚Kultur des Wegschauens‘ bei Übergriffen durch ausländische, insbesondere muslimische Jugendliche [dulde]“7. Ziel ist hier nicht nur, Träger der Jugendhilfe zu diskreditieren, sondern die Themen Migration und sexuelle Gewalt diskursiv zu koppeln. Im Juni 2025 frage die AfD-Abgeordnete Katrin Ebner-Steiner in einer Schriftlichen Anfrage, wie viele „Kunden von Tafeln sowie Suppenküchen und anderen vergleichbaren Einrichtungen amtlicher, privater und kirchlicher Träger […] in den Jahren von 2014 bis 2024 keine deutschen Staatsbürger“ waren8. Auch hier steht eine menschenrechtsorientierte und universalistische Praxis der Sozialen Arbeit, die Menschen in Armut unabhängig von Staatsbürger*innenschaft unterstützt, in Frage.
Im April 2024 behauptete die AfD-Abgeordnete Ramona Storm in einer transfeindlichen Anfrage, „die Arbeiterwohlfahrt (AWO) […] bereitet ihre Erzieher bereits darauf vor, kleinen Kindern die Transsexualität nahezubringen“9. Aufhänger war ein Flyer der AWO mit dem Titel „Alle Kinder sind willkommen“, der unter Bezugnahme auf die UN-Kinderrechtskonvention und die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zur Aufklärung über die Situation von trans* Kindern beitragen soll. Dabei zielt die Abgeordnete auch auf eine etwaige finanzielle Förderung der AWO mit „Steuergeldern“10 und fragt, ob „weitere Sozialverbände und/oder ähnliche Organisationen […] die Trans-Ideologie […] bei Kitakindern fördern“11 würden. Anfragen wie diese richten sich unmittelbar gegen das Recht auf körperliche Selbstbestimmung wie gegen verbriefte Kinder- und Menschenrechte. Trans* Kinder geraten so ins Visier extrem rechter Kampagnen.
Die Soziale Arbeit steht, so zeigt es unsere Forschung, im Fokus der extremen Rechten. Im „Gravitationszentrum“– um es mit einem treffenden Begriff unserer Kolleg*innen Elke Rajal, Nikolai Schreiter, Robert Andreasch, Katharina Fuchs, Tobias Holl, Jan Nowak und Dominik Sauerer12 zu sagen – steht dabei die AfD. Unsere Forschung hält aber auch gute Nachrichten bereit: Die allermeisten Sozialarbeiter*innen in Bayern stehen entschieden für Demokratie und Menschenrechte ein, sie haben auch einen präzisen Begriff, was ihnen, ihren Adressat*innen und ihrer professionellen Praxis von rechtsaußen droht und sind bereit, sich diesen Gefahren aktiv entgegenzustellen. Darin verdienen sie unseren Respekt und unsere Unterstützung.
- Gille, Christoph & Jagusch, Birgit (2019): Die Neue Rechte in der Sozialen Arbeit in NRW. Exemplarische Analysen. In: Lynn Berg & Andreas Zick (Hrsg.): FGW-Studie. Rechtspopulismus, soziale Frage & Demokratie. Düsseldorf. ↩︎
- ebd., S. 46. ↩︎
- Gille, Christoph; Krüger, Christine & Wéber, Júlia (2022): Einflussnahmen der extremen Rechten. Herausforderung für die Soziale Arbeit in Mecklenburg-Vorpommern. Weinheim/Basel, S. 74. ↩︎
- Das Akronym FLINTA* steht für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans* sowie agender Personen. ↩︎
- Deutschlandfunk (11.03.2026): Kommunalwahl in Bayern. Offizielles Endergebnis: CSU verliert, AfD legt zu. https://www.deutschlandfunk.de/offizielles-endergebnis-csu-verliert-afd-legt-zu-100.html (abgerufen am 14.07.2026). ↩︎
- Gille, Christoph & Jagusch, Birgit (2019): Die Neue Rechte in der Sozialen Arbeit in NRW. Exemplarische Analysen. In: Lynn Berg & Andreas Zick (Hrsg.): FGW-Studie. Rechtspopulismus, soziale Frage & Demokratie 03. Düsseldorf, S. 68. ↩︎
- Bayerischer Landtag (2025): Drucksache 19 / 11967, S. 7. ↩︎
- Bayerischer Landtag (2025): Drucksache 19/7777, S. 2 [Hervorh. d. Verf.]. ↩︎
- Bayerischer Landtag (2024): Drucksache 19/2254, S. 1. ↩︎
- ebd., S. 5. ↩︎
- ebd., S. 6. ↩︎
- Rajal, Elke; Schreiter, Nikolai; Andreasch, Robert; Fuchs, Katharina; Holl, Tobias; Nowak, Jan & Sauerer, Dominik (11.05.2026): Zwei Themen, ein Zentrum: Anti-Asyl-Agitation und Queerfeindlichkeit als Mobilisierungsfelder der AfD. https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/zwei-themen-ein-zentrum-anti-asyl-agitation-und-queerfeindlichkeit-als-mobilisierungsfelder-der-afd/ (abgerufen am 14.07.2026). ↩︎