Verschwörungsdenken und Antisemitismus in der extremen Rechten und darüber hinaus

Verschwörungsdenken und Antisemitismus hängen eng zusammen. Auch in den Krisendiskursen der extremen Rechten der vergangen rund zehn Jahre zeigt sich, wie sie zusammenspielen. Ein Einblick in aktuelle Forschung zu projektiv-paranoiden Gedankenwelten, ihren grundlegenden Funktionsweisen und ihren politischen Erscheinungsformen.
Der Antisemitismus ist die Verschwörungsideologie par excellence: Egal worum es geht, dahinter stehen die Juden. Versinnbildlicht in der Vorstellung einer ‚jüdischen Weltverschwörung‘ ist sie für jene, die sich entschieden haben daran zu glauben, so unwiderlegbar wie tatsächlich wahnhaft: Jeder Hinweis, Beweis oder Anhaltspunkt, dass die Welt nicht grundlegendvon einer kleinen Elite im Verborgenen gesteuert wird, könnte ja von den Verschwörer:innen gezielt platziert worden sein, um von der Verschwörung abzulenken. Dies ist nicht nur ein Zirkelschluss, sondern auch ein Paradebeispiel dafür, was Max Horkheimer und Theodor W. Adorno eine pathische Projektion nannten: Wie in einem geschlossenen System kann nur mehr wahrgenommen werden, was als Prämisse die eigene Sicht auf die Welt bereits grundlegend prägt. Social Media und Messaging-Apps machen es zudem besonders leicht, sich nur mehr mit Informationen zu konfrontieren, die das eigene Weltbild bestätigen, doch rechtsextreme Lebenswelten waren auch zuvor bereits stark geschlossen. So könnte man die Bude einer deutschnationalen Burschenschaft als die Echokammer schlechthin bezeichnen.
Von diesen Grundlagen ausgehend untersuchen wir in unserem Forschungsprojekt die Kommunikation der extremen Rechten in Bayern auf antisemitische Verschwörungserzählungen in der „Fluchtkrise“ der Jahre 2015/16, der Corona-Krise, der Klimakrise und in der Krise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine. Dabei beziehen wir neuere als auch seit längerem bestehende Gruppierungen und Medien in die Analyse mit ein. Anhand einiger Beispiele aus diesem laufenden Forschungsprozess illustrieren wir im Folgenden das Verschwörungsdenken in der extremen Rechten, seine Funktionen und die dadurch entstehenden Anschlussfähigkeiten antisemitischer Denkweisen für breitere gesellschaftliche Milieus.
‚Vermischung‘ und ‚Beherrschung‘ der ‚Völker‘ und Menschen
Ein Beispiel aus dem Kontext einer besonders traditionsreichen Vereinigung stammt aus „Mensch und Maß“, der Zeitschrift des im bayerischen Tutzing beheimateten „Bundes für Deutsche Gotterkenntnis“. Im Frühling 2016 beschreibt man dort unter dem Titel „Strategie und Taktik der Menschheitsgleichmacher“ den „Bevölkerungsaustausch“, die in der extremen Rechten derzeit wohl die am breitesten geteilte antisemitische und rassistische Verschwörungserzählung. Zuerst geht es im Artikel kryptisch um Personen, die eine „künstliche[..] Einheitswelt ohne Grenzen“ – eine „One World“ – einrichten wollten, dann beschwört man offen rassistisch, dass diese eine „Masse von Hominiden gleicher Farbe und minderer Intelligenzquotienten“ erschaffen würden. Die angeblich bevorstehende Zerstörung (völkischer) Identität wird den „Globalisierern“ zugeschrieben. Ihr zersetzendes Ziel verfolgen sie in der Erzählung über Flüchtlingsströme, die sie angeblich steuern. Als Antwort auf die Frage, wer den entstehenden „unförmigen Rasseneinheitsbrei“, der sich in Deutschland bilde, regieren solle, werden die üblichen antisemitischen Chiffren genannt: die „Weltfinanz an der Wall Street“, die „Rothschilds“, George Soros usw. Für die, die es noch immer nicht verstanden haben, wird nochmal „ganz einfach ‚die Juden‘“ nachgesetzt. Migrationsphänomene sind in dieser Erzählung von den jüdischen Verschwörern und ihren Handlangern geplant und gezielt eingesetzt, um Deutschland zu schaden.
So offen antisemitisch zeigt sich das Verschwörungsdenken allerdings nicht immer: Der ‚alternative Fernsehsender‘ AUF1 etwa behauptete im April 2023, „Globalisten“ wollten „mit transhumanistischen Plänen den Menschen ‚überwinden‘“ und eine „‚Gesundheits‘-Diktatur“ einrichten. Dazu seien „der Corona-Ausnahmezustand und die erzwungenen Spritzen“ lediglich der Anfang gewesen, das Ziel sei es nun, „den Menschen unter dem Vorwand des ‚Klimaschutzes‘ jegliche Freiheit“ zu nehmen. Anders als beim vorherigen Beispiel wird hier nicht offen ausgesprochen, dass „Globalisten“ eine Chiffre für „die Juden“ ist. Die antisemitische Denkstruktur der Verschwörung wird dennoch deutlich: Der Artikel macht gleichzeitig Werbung für einen „AUF1-Abend zum Thema Globalismus“, der „aktuelle Bedrohungs-Szenarien wie Great Reset, Gesundheits-Ausnahmezustand, Ukraine-Krieg, Bevölkerungsaustausch und Transhumanismus“ behandeln soll. Es gehe nämlich aktuell „für die Globalisten um alles“ und in ihrer vermeintlichen Verschwörung gegen die Menschheit gingen sie deshalb „mit entsprechender Härte gegen die Völker vor“.

Von der Metakrise zur Schuldzuweisung
In solchen Diskursen, die sich nicht nur auf eine Krise beziehen, sondern jede Krise lediglich als „Symptom“ einer Metakrise verstehen und alles unter der Prämisse verhandeln, dass es böse Mächte gäbe, die die Deutschen, die Familie oder gleich die ganze Menschheit bedrohten, wird das antisemitische Verschwörungsdenken besonders deutlich. Die Metakrise entstehe aus einem einzigen Grund – der Verschwörung der „bösen Mächte“ – und zeige sich dann in verschiedenen Bereichen. Eine derartige Rahmung von Krisen begünstigt einfache Schuldzuweisungen, kann sich graduell verdichten und zu immer hermetischeren verschwörungsideologischen Narrativen führen, bis hin zur Vorstellung einer „jüdischen Weltverschwörung“. Bezugnahmen auf eine solche finden sich auch in der extremen Rechten nach 1945 häufig in Andeutungen, in ironischem Ton oder in Form von rhetorischen Fragen und nicht offen.
Verschwörungserzählungen mit ihrer Tendenz zum Antisemitismus erfüllen dabei psychische Funktionen über die extreme Rechte hinaus und bieten jederzeit, auf jeder Ebene und zu jedem auch neuen Thema den Einstieg und gleichzeitig die Erklärung an. Dies konnte man beispielsweise auch nach dem Massaker der Hamas und verbündeter Terrorbanden an der israelischen Zivilbevölkerung am 7. Oktober 2023 sehen: Das eine ist die naheliegende Frage, warum es der Hamas gelang, dieses genozidale Pogrom zu begehen. AUF1 aber fragte nicht nach dem wie oder dem warum, sondern nach dem „wer“, eine in der Tendenz bereits verschwörungsideologisch eingefärbte Frage: „Wem nützt das Blutbad in Israel wirklich?“ Mit dem Artikel „Jetzt bewiesen: Der Überfall der Hamas war gewollt“ im Compact-Magazin schließt sich dann der antisemitische Kreis über die ‚bösen Absichten‘. Darin wird über ein Buch berichtet, das die „Mitverantwortung israelischer Geheimdienst- und Sicherheitskreise beim Hamas-Überfall am 7. Oktober“ beweise.

Der spektrenübergreifende Reiz des Verschwörungsdenkens
Das Denken in Verschwörungen ist integraler Teil des Rechtsextremismus. Es ist aber auch darüber hinaus attraktiv, weil die komplexe, kontingente, in sich widersprüchliche und meist unbefriedigende Realität verzerrt zum kausalen Ergebnis der Machenschaften der immergleichen ‚Bösen‘ erklärt wird. Durch die ungeheure Macht, die diesen Feindbildern zugeschrieben wird, ist man selbst machtlos und aus der Verantwortung entlassen, kann sich aber kritisch und auf der Seite der Guten, der Wissenden und der Aufdecker wähnen. Davon fühlen sich nicht nur extrem Rechte angezogen, wie sich etwa im verschwörungsideologischen Antisemitismus aus einigen linken und sich progressiv verstehenden Milieus seit dem 7. Oktober zeigte.
Weiterführende Literatur:
Heil, Johannes (2006). „Gottesfeinde“ – „Menschenfeinde“. Die Vorstellung von jüdischer Weltverschwörung (13. bis 16. Jahrhundert) (1. Aufl). Klartext.
Kirchhoff, Christine (2021). „Das Gerücht über die Juden“ – Zur (Psycho-)Analyse von Antisemitismus und Verschwörungsideologie. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hg.), Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Antisemitismus (8. Aufl., S. 104–115). Amadeu Antonio Stiftung. https://doi.org/10.19222/202101/09
Nocun, Katharina & Lamberty, Pia (2021). Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen. Quadriga.
Rajal, Elke (2025). ‚Schuldkult‘ und ‚German Guilt‘. Rechte und linke Abwehr durch Projektion im Kontext des 7. Oktobers. In: Grigat, Stephan & Stögner, Karin (Hg.): Projektiver Antizionismus. Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober (S. 179–200). Nomos. https://doi.org/10.5771/9783748965787-153
Rensmann, Lars (2025). Politischer Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter. Formen und Ursachen in Demokratien des 21. Jahrhunderts. Nomos.
Schreiter, Nikolai & Rensmann, Lars (2025). Die radikale Rechte in Deutschland nach dem 7. Oktober. Ein Beispiel des politischen Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter. In: Grigat, Stephan & Stögner, Karin (Hg.): Projektiver Antizionismus. Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober (S. 153–178). Nomos. https://doi.org/10.5771/9783748965787-153
Stögner, Karin & Bischof, Karin (2018). International high finance against the nation? Antisemitism and nationalism in Austrian print media debates on the economic crisis. Journal of Language and Politics, 17(3), S. 428–446. https://doi.org/10.1075/jlp.16040.sto
„.…Wie in einem geschlossenen System kann nur mehr wahrgenommen werden, was als Prämisse die eigene Sicht auf die Welt bereits grundlegend prägt….“
(Zitatende)
Theorie- bias und Selbstimmunisierung von Theorien oder Hypothesen sind keineswegs nur bei antisemitischen Verschwörungstheorien zu finden, sondern man findet sie in der gesamten Geisteswelt angefangen bei theologischen Dogmatiken und „Philosophischen „Schulen“ bis hin zu manchen großen und zum Teil halb- oder ganz – metaphysischen Theorien in den Naturwissenschaften. Und natürlich auch bei politischen, soziolgischen und ökonomischen Theorien.
Zu behaupten, dass die beschriebenen Selbstimmunisierungsstrategien einzig und allein oder auch nur vorwiegend ein Merkmal antisemitischer Verschwörungstheorien seien , halte ich für (mindestens) intelektuell unredlich.
Wenn sie nicht gar für einen Ausdruck eventuell unterbewusster politisch- dogmatischer Parteilichkeit.
Verbreitet man das trotz dieser Faktenlage trotzdem, muss man sich früher oder später den Vorwurf gefallen lassen , bewusst „fake -news“ zur Durchsetzung einer politischen Agenda zu verbreiten
.
Das mag zunächst hart klingen, doch befinden wir uns hier auf einem Portal für (zumindest „“populäre“ ) Wissenschaft. Und es bedeutet letztendlich den Verlust jeglicher aufgeklärten Wissenschaft, wenn man die (nicht immer angebrachte) „Wissenschaftsgläubigkeit“ in der Durchschnittsbevölkerung gezielt zur Etablierung eigener geopolitischer Narrative in den Köpfen verunsicherter Menschen benutzt.
Selbstimmunisierung und „biases“ (Verzerrungen) sind tatsächlich in vielen Weltbildern und Theorien zu finden – das bestreiten wir im Beitrag nicht. Unser Punkt ist aber ein anderer: In antisemitischen Verschwörungserzählungen ist diese Immunisierungslogik besonders systematisch zu finden. Sie dient dazu, Gegenbelege als Teil der „Verschwörung“ umzudeuten und so eine geschlossene, schuldzuweisende Welterklärung zu stabilisieren. Dass das Muster auch anderswo vorkommt, relativiert nicht seine Funktion und Gefährlichkeit im Kontext von antisemitischen Verschwörungsmythen. Von „Fake News zur Durchsetzung einer politischen Agenda“ kann daher keine Rede sein – es geht um die Analyse eines Mechanismus, der in der extremen Rechten und in antisemitischen Weltdeutungen empirisch gut belegbar ist.
„…Auffällig ist, dass selten eine Verschwörung von Erdmännchen imaginiert wird. Stattdessen landet man stets bei ‚den Juden‘….“ (Zitatende)
Es mag durchaus sein, dass sich noch Reste nazistisch -rassentheoretischer Denkweisen in einigen Nischen der Gesellschaften erhalten haben. Und zwar weltweit und gerade auch in USA.
Angesichts der obigen Zitation und der Ausführungen im Artikel fragt man sich allerdings , ob es überhaupt noch möglich ist, Kritik und Skepsis gegenüber dem faktischen (!) bzw faktisch globalen Finanzkapitalismus äußern zu können, ohne (antifaktisch) als „Rassistischer Antisemit“ gebranntmarkt zu werden.
Das ist (man bemerke den Bumerang bezüglich des Vorwurfs der Selbstimmunisierung der Verschwörungstheoretiker) für Finanzmarktkreise die ideale Methode, sich gegen fast jede Kritik zu immunisieren. Und das dann noch quasi „auf dem Rücken“ der Opfer des großen Menschheitsverbrechens der Shoa. Wenn nicht gar unter Missbrauch der Erinnerung an diese. Und selbstverständlich benutzen dann ALLE (Finanz- „Ethnien) diese praktische Strategie , selbst wenn Sie „eigentlich“ (christlich- traditionelle) antisemitische Vorurteile pflegen.
Kritik am globalen Finanzkapitalismus ist selbstverständlich möglich und legitim – und sie ist nicht automatisch antisemitisch. Und selbst wenn etwas (ein Diskurs, ein Artikel, ein Posting, etc.) als antisemitisch kritisiert wird, ist das keine Aussage über eine Person als „rassistischer Antisemit“. Auch in solcher Wahrnehmung von Kritik wird ein Denken in Personifizierung deutlich. Problematisch wird es nämlich dort, wo komplexe ökonomische Prozesse durch die Personalisierung einer vermeintlich homogenen, im Verborgenen agierenden Gruppe erklärt werden oder wo antisemitische Codes („Finanzeliten“ als geheime Drahtzieher, „jüdische Lobbys“ als allmächtige, alles steuernde Netzwerke, als jüdisch bekannte Einzelpersonen wie George Soros als heimlicher Strippenzieher etc.) mitschwingen. Genau diese Muster thematisiert der Beitrag: nicht jede Kapitalismuskritik, sondern die spezifische Form verschwörungsideologischer Deutung, die häufig in antisemitische Stereotype und Welterklärungen kippt. Seriöse Kritik anerkennt die Komplexität unseres Wirtschaftssystems und benennt Strukturen, Institutionen und konkrete Verantwortlichkeiten – nicht „Ethnien“ oder kollektiv zugeschriebene Eigenschaften. Die Shoah-Erinnerung wird in der Benennung antisemitischer Verschwörungserzählungen als das, was sie sind – antisemitisch – nicht „missbraucht“. Sie ist ein wesentlicher Bezugspunkt, weil die Shoah und die Erinnerung an sie im Antisemitismus nach 1945 häufig abgewehrt, in Konkurrenz gesetzt und relativiert werden. Ein zentrales Element ist dabei die Täter-Opfer-Umkehr, die in antisemitischen Verschwörungserzählungen häufig angewandt wird. Juden und Jüdinnen werden dämonisiert, (auch) um die Schuld an dem nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen zu relativieren.
Besten Dank für den Beitrag! Bei den im Beitrag zitierten Aussagen wird deutlich, dass es eine recht robuste geistige Gesundheit braucht, um in diesem Gebiet Forschung betreiben zu können. Besten Dank insbesondere auch dafür!
Vielen Dank für den wertschätzenden Kommentar!