Neuer deutscher Rechtsextremismus oder warum wir uns in Deutschland mit den „Grauen Wölfen“ befassen müssen

Die extreme Rechte mit Türkeibezug, auch bekannt unter der Bezeichnung „Graue Wölfe“, formiert sich in Deutschland vor allem (aber nicht nur) im Rahmen von Vereinen und Verbänden der Ülkücü-Bewegung. Damit ist sie die zweitgrößte formal zusammengehörige extrem rechte Organisation in Deutschland. Ideologisch beziehen sich die „Grauen Wölfe“ auf ein „Türkentum“, welches in der Forschung als faschistisch bezeichnet wird 1. Die ersten Vereine der Ülkücü-Bewegung in Deutschland wurden in den 1970ern gegründet.

Alparslan Türkeş, Begründer und Führungsfigur, bezog auch türkische Arbeitsmigrant*innen in Deutschland und Europa in das nationale Wir ein2. Er etablierte 1996 die Idee des „europäischen Türkentums“ (avrupa türklüğü) auf einer Ansprache in Essen, Deutschland3. Damit erweiterte Türkeş das Phantasma eines türkischen Großreiches um Westeuropa, denn viele seiner Anhänger*innen (aber nicht nur diese) verlagerten ihren Lebensmittelpunkt dauerhaft nach Europa. Er griff dies auf und signalisierte ihnen damit, dass sie ihren ideologischen Türkeibezug auch dort ausleben können. Lokale Kontexte, digitale Kommunikationstechnologien und Infrastrukturen erleichtern eine transnationale Vernetzung, die sich nicht an nationalen Grenzen orientiert.
Normalisierung von Vereinsinteressen durch Repräsentationsstrategien
Eine transnationale Ausrichtung für Organisationen der Ülkücü-Bewegung ist also aus ideologischen Gründen hilfreich. Diese beziehen sich programmatisch auf ihre extrem rechten Mutterparteien, wie die MHP (Milliyetçi Hareket Partisi), die seit 2018 in einem Wahlbündnis mit Erdoğans AKP (Adalet ve Kalkınma Partisi) ist. Damit ist sie nicht in Regierungsverantwortung, jedoch sind wichtige Positionen im türkischen Staatsapparat durch ihre Mitglieder beeinflusst. Für die Ülkücü-Vereine in Deutschland bedeutet das wiederum, dass sie in einer vorteilhaften Position gegenüber anderen türkeibezogenen Organisationen, wie etwa alevitische Gemeinden, sind.
Für ihre Innenwirkung ist es wichtig, sich als Repräsentant*innen der Türkei und der sogenannten türkischen Kultur platzieren zu können, denn die extreme Rechte in der Türkei ist als Verbündete des Nationalstaates gewachsen4 – anders als die autochthone extreme Rechte in Deutschland nach 1945. Auf dieser Verbindung beruhen ihre Existenz- und Legitimierungsgrundlagen; ohne sie würden sie aus organisationssoziologischer Sicht schnell zerfallen. Es muss also Vorteile für Einzelne mit sich bringen, um auf freiwilliger und „ehrenamtlicher“ Basis für extrem rechte Vereinsinteressen zu arbeiten:
Durch transnationale Vernetzungen mit einflussreichen türkischen Parteien und politischen Eliten eröffnen sich für einzelne Mitglieder neue Möglichkeiten. Diese umfassen insbesondere Prestige, gesellschaftliches Ansehen sowie Karrierechancen in der türkischen Politik, in wissenschaftlichen Institutionen und in Think Tanks (z. B. SETA)5.

Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel, dass Unterstützer*innen der Ideologie nicht im konstruierten Territorium Turan6 leben. Strategien, die diese Vereine insbesondere in Deutschland nutzen, um ihre Legitimität zu begründen, sind nicht deckungsgleich mit analogen Organisationen und Gruppen in der Türkei und bedürfen einer gesonderten Analyse, die wir in Teilprojekt 08 des Forschungsverbundes ForGeRex vornehmen.
Vorläufige Ergebnisse zeigen, dass es den Vereinen der Ülkücü-Bewegung insbesondere dort gelungen ist, sich als entsprechende Repräsentant*innen zu positionieren, wo sich zivilgesellschaftliche Gegenwehr nur schwach etablieren konnte, etwa weil es an Problembewusstsein in der Stadtgesellschaft mangelte. Dynamiken zugunsten der Ülkücü-Vereine entstanden dann, wenn Menschen mit Türkeibezug einem „deutschen Wir“ gegenübergestellt und gemeinsam mit vielen anderen Bevölkerungsgruppen zu Migrant*innen zusammengefasst wurden. Das führte in manchen Situationen zu einer Entpolitisierung des Themas und unterstütze eine Normalisierung der extremen Rechten mit Türkeibezug. Es erleichterte Ihnen, die Rolle der „türkischen“ Repräsentation für sich zu beanspruchen. So veranstalteten Anhänger*innen der Ülkücü-Bewegung bereits mit Unterstützung von städtischen Integrations- oder Migrationsbeiräten Empfänge in Rathäusern, bei denen Oberbürgermeister*innen Grußworte hielten, mit Funktionär*innen der Ülkücü-Bewegung posierten7 und es zu keiner öffentlichkeitswirksamen Skandalisierung kam.
Postmigration als Paradigma
Nicht nur bezogen auf die anfängliche Feststellung braucht es einen genaueren Blick auf Vereine der Ülkücü-Bewegung in Deutschland und damit einhergehende Dynamiken. Das Paradigma Postmigration, aus dem heraus in Teilprojekt 08 gedacht und geforscht wird, zielt darauf ab, die systematische Konstruktion von sogenannten Migrant*innen als homogene, abweichende und erklärungsbedürftige Gruppe aufzubrechen und Migration als historische Normalität und damit als Perspektive zu begreifen, aus der heraus Gesellschaften8 und urbane Situationen9 beschrieben werden können.
In pluralen Gesellschaften bedeutet Diversität auch, dass unterschiedliche Vorstellungen und Ideologien über Ungleichheit existieren. Diese stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern überschneiden sich, beeinflussen sich gegenseitig und entwickeln sich weiter. Dabei können sie Brücken zueinander bilden – etwa im Fall von Antigenderismus oder verschiedenen Formen des Antisemitismus. Diese Vielfalt an Perspektiven und Deutungsmustern entsteht unter anderem auch durch transnationale Verflechtungen: Sie bringen unterschiedliche biografische Erfahrungen, Wissensbestände und diskursive Traditionen in Austausch und Beziehung zueinander.
Aus dieser Perspektive stellt sich die Frage, wie Zugehörigkeiten, Identitäten und Diskriminierungen in pluralen Demokratien entstehen, zusammenwirken und verhandelt werden. Dabei ist entscheidend, transnationale Verflechtungen nicht als Ursache bestimmter Ideologien zu verengen, sondern Postmigration als einen Kontext zu verstehen, in dem vielfältige Perspektiven aufeinandertreffen, einander verändern und neue Bezugnahmen hervorbringen.
- Vgl. Yaşlı, Fatih (2020): Kinimiz dinimizdir. Türkçü faşizm üzerine bir inceleme (5. Baskı). İstanbul: Yordam Kitap. ↩︎
- Vgl. Savaş, Ali Rıza/ Zabun, Ahmet Hikmet (2023): Türk milliyetçiliğin partileşme süreci: CKMP’den IYI Parti’ye Türkiye’de milliyetçi partiler. In: Karadeniz Uluslararasi Bilimsel Dergi, 59. Jg., S. 146-165. https://doi.org/10.17498/kdeniz.1298283 ↩︎
- Vgl. Bozay, Kemal (2022): “Europäisches Türkentum“ als Mobilisierungsfaktor. Erscheinungsformen und Aktivitäten des türkischen Ultranationalismus in Deutschland. In: Lobna Jamal/ Yaşar Aydin (Hrsg.): „Graue Wölfe“. Türkischer Ultranationalismus in Deutschland. Bonn: bpb, S. 84-106. ↩︎
- Vgl. Şahin, Reyhan (2020): Türkische (extrem) rechte Bewegungen in Deutschland. Entstehung, Hintergründe und Ausdrucksforme. In CJD Hamburg (Hrsg.), Fokusheft (extrem) rechte Identitäten mit Türkeibezug – Nationalistische und extrem rechte Einstellungen und Bewegungen in der (post)migrantischen Gesellschaft in Deutschland (NaReMi), Broschüre (S. 6–29). ↩︎
- Vgl. Kökten, Rabia (2025): Transnationale Organisationslogiken der extremen Rechten mit Türkeibezug. Working Paper des Fachbereichs Migrationssensible Soziale Arbeit, Ostbayerische-Technische Hochschule Regensburg. https://doi.org/10.35096/othr/pub-8460; Cemal Çetin, der Chef der Konföderation der Türk Federasyon (KTF), war beispielsweise seit längerem für die Ülkücü-Bewegung in Deutschland und Europa aktiv und zog in der 27. Legislaturperiode (2018-2023) für die MHP ins türkische Parlament ein (vgl.: TÜRKİYE BÜYÜK MİLLET MECLİSİ). ↩︎
- Extrem rechte Fantasie eines einheitlich türkischen Großreichs, das vom Balkan bis nach Westchina reichen soll (vgl. Schmidinger, Thomas (2022): Turanismus, Panturkismus und Islam(ismus). Die „Grauen Wölfe“ und ihr Verhältnis zum Islam und zur AKP. In: Lobna Jamal/ Yasar Aydın (Hrsg.): „Graue Wölfe“. Türkischer Ultranationalismus in Deutschland. Bonn: bpb, S. 37-59.) ↩︎
- Details hierzu werden zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht. ↩︎
- Vgl. Mecheril, Paul (2010): Migrationspädagogik. Hinführung zu einer Perspektive. In: Mecheril, Paul et al. (Hrsg.): Migrationspädagogik. Weinheim/Basel: Beltz, S. 11–62. ↩︎
- Vgl. Yıldız, Erol (2013): Die weltoffene Stadt. Wie Migration Globalisierung zum urbanen Alltag macht. Bielefeld: transcript. ↩︎
„Für ihre Innenwirkung ist es wichtig, sich als Repräsentant*innen der Türkei und der sogenannten türkischen Kultur platzieren zu können, denn die extreme Rechte in der Türkei ist als Verbündete des Nationalstaates gewachsen.“
Und……die Türkei ist ein Bündnispartner, und die Aufgabe unserer Kommunalpolitiker muss sein, hier eine Brücke zu schlagen, die Türken haben in den Innenstädten schon einen Anteil von geschätzten 25 %, in den Schulen liegt der Anteil noch höher.
Das bedeutet, wir müssen uns mit diesen Gruppen beschäftigen, schon um den Inneren Frieden zu bewahren.
In einer pluralen Demokratie geht es bei der Auseinandersetzung mit Ungleichwertigkeitsideologien nicht nur darum, Gefahren zu verhindern, sondern darum, die Grundwerte der Demokratie, wie Gleichheit, Freiheit und Teilhabe praktisch umzusetzen. Letzteres ist nur möglich, wenn der Sagbarkeitsraum die Menschenwürde schützt. Sonst ziehen sich immer mehr Menschen aus dem öffentlichen Leben zurück. Eine Demokratie braucht aber, dass Menschen sich frei beteiligen können.