Influencerinnen, KI-Bilder und Diskurskoalitionen: Neue Forschungsperspektiven auf rechte Geschlechterdiskurse

Geschlecht ist ein zentrales ideologisches Kampffeld der extremen Rechten und zugleich ein Terrain voller Widersprüche. Einerseits zeigen sich in rechten Milieus eine starke Ablehnung feministischer Errungenschaften sowie eine Rückbesinnung auf traditionelle Geschlechterrollen. Andererseits übernehmen Frauen zunehmend prominente Rollen in rechtspopulistischen Parteien und Organisationen. Geschlecht ist ein Diskussionsfeld, das nicht zuletzt mit dem steigenden Einfluss der sozialen Medien weiter an Relevanz gewinnt.
Eine Vortragsreihe der Universität Augsburg in Kooperation mit der Universität Passau brachte daher internationale Expertinnen zusammen mit dem Ziel, neue Perspektiven auf die strategische Nutzung von Geschlechterfragen durch die extreme Rechte zu entwickeln. Die zentrale Erkenntnis aus der Reihe: Um den Wandel rechter Geschlechterdebatten adäquat zu erfassen, braucht die kommunikationswissenschaftliche Forschung länderübergreifende Perspektiven, neue methodische Ansätze und ein besonderes Augenmerk auf thematische Vernetzungen sowie dynamische Weiblichkeitsdarstellungen durch neue Technologien. Doch was genau wurde in den Vorträgen diskutiert und woraus entwickelten sich diese neuen Perspektiven?
Rechte Geschlechterdiskurse sind global vernetzt und doch national geprägt
Rechtsextreme Diskurse überschreiten längst nationale Grenzen. An geschlechterbezogenen Diskursen lässt sich exemplarisch aufzeigen, wie sich grenzübergreifende Argumentationsmuster wie der Femonationalismus mit lokalen Spezifika verbinden. Femonationalismus1 beschreibt , wie rechte Akteur:innen feministische Anliegen dazu nutzen, um rassistische oder ausgrenzende Positionen zu legitimieren, etwa wenn sie unter dem Vorwand des Schutzes von Frauenrechten gegen Migration argumentieren. Tina Askanius (Malmö University) und Maria Brock (Södertörn University) zeigten in ihrem Vortrag diese länderspezifischen Unterschiede am Beispiel weiblicher Influencerinnen auf. Während in Russland verstärkt christlich-orthodoxe, religiös geprägte Influencerinnen rechtsextreme Inhalte verbreiten, spielt Religion in den entsprechenden deutschen und schwedischen Kontexten eine deutlich geringere Rolle. Hier überwiegen stattdessen migrationskritische Inhalte und speziell „nordische“ Ästhetiken. Auch Annett Heft (Universität Tübingen) und Susanne Reinhardt (Freie Universität Berlin) wiesen in ihrem Vortrag darauf hin, dass rechtspopulistische Parteien europaweit ähnliche Geschlechterthemen aufgreifen, diese aber jeweils an die gesellschaftlichen Bedingungen vor Ort anpassen. So kritisieren rechte Parteien in Schweden Gleichstellungsmaßnahmen deutlich weniger stark als etwa in Deutschland oder Italien – ein Unterschied, den die Vortragenden auf den unterschiedlichen gesellschaftlichen Stellenwert von Geschlechtergleichstellung zurückführen. Künftige Forschung sollte daher sowohl gemeinsame Muster rechtsextremer Kommunikation als auch ihre nationale Einbettung systematisch analysieren.

Wie fluide Allianzen stabile Deutungsmuster prägen und gesellschaftliche Mitte neu verhandeln
Geschlechterpolitische Themen bieten rechten Akteur:innen vielfältige Anschlussmöglichkeiten an konservative, religiöse oder antifeministische Diskurse und bilden somit Brücken in die gesellschaftliche Mitte. Annett Heft und Susanne Reinhardt zeigten, wie fluide und kontextabhängig solche sogenannten Diskurskoalitionen sein können. Besonders deutlich wird dies bei Themen wie Abtreibung, wo sich rechte und konservative Positionen (beispielsweise von Teilen der katholischen Kirche) überschneiden. Dadurch können solche Themen als Brückenbauer in die gesellschaftliche Mitte fungieren und rechtsextremen Deutungsmustern indirekt Legitimität verleihen. Diese Diskurskoalitionen können auch unbeabsichtigt auftreten und sind in ständigem Wandel. Für die Forschung bedeutet das, solche Verbindungen sichtbar zu machen, ohne dabei die Wandelbarkeit und situative Ausprägung dieser Allianzen aus dem Blick zu verlieren.
Digitale Weiblichkeitsbilder und rechte Netzwerke: Neue Technologien, Ästhetiken und Methoden
Die Reihe thematisierte auch aktuelle Phänomene rechter Weiblichkeitsinszenierung. Sandra Kero (Universität Bremen) beleuchtete in ihrem Vortrag die Rolle neuer Technologien wie generativer KI bei der Gestaltung rechter Bildwelten. Durch neue technische Entwicklungen werden sowohl tradierte wie auch neuartige Weiblichkeitsdarstellungen produziert. Diese Technologie bietet somit neue und bisher unerforschte Ästhetiken und Bildkompositionen. Aber auch die Vorstellung von Weiblichkeit an sich wird differenzierter. Während Tradwife-Influencerinnen konservative Rollenbilder ästhetisch aufbereiten und popularisieren, zeigen sich auch gänzlich andere Trends. Unter dem Hashtag #Ostmullen finden sich beispielsweise großstädtische Lebenswelten und burschikose Frauenbilder. Dies zeigt, dass sich innerhalb rechter Milieus auch subversive oder widersprüchliche Inszenierungen von Weiblichkeit artikulieren. Diese Brüche und Entwicklungen deuten darauf hin, dass auch rechte Geschlechtervorstellungen im Wandel begriffen sind und die Forschung mit dynamischen Konzepten auf neue technische Möglichkeiten und Darstellungsformen reagieren muss.
Um die komplexe Vernetzung und mediale Reichweite rechter Kommunikation zu erfassen, braucht es zuletzt auch neue methodische Werkzeuge. Computergestützte Verfahren wie Netzwerkanalysen bieten hier wichtige Zugänge. Sie ermöglichen es, digitale Resonanzräume, Interaktionen und Verlinkungen systematisch zu untersuchen. Annett Heft und Susanne Reinhardt nutzten diese Methoden, um aufzuzeigen, wie rechtspopulistische Parteien in Europa unterschiedliche geschlechterbezogene Themen miteinander verknüpfen. Auch Tina Askanius und Maria Brock betonten die Relevanz computergestützter Analysen, um künftig beispielsweise digitale Verbindungen zwischen rechten Influencerinnen in Deutschland, Schweden und Russland zu identifizieren. Gerade weil viele dieser Netzwerke für Außenstehende unsichtbar bleiben, ist eine methodische Weiterentwicklung der Forschung zur rechtsextremer Kommunikation dringend geboten.
Die Vortragsreihe zeigt: Ein zeitgemäßes Verständnis von Rechtsextremismus im digitalen Zeitalter erfordert die Berücksichtigung medialer Strategien und der vielfältigen Darstellung von Geschlechterrollen. Erst durch länderübergreifende Vergleichsperspektiven, die Verbindung klassischer Ansätze mit neuen computergestützten Verfahren, die Untersuchung inhaltlicher Bündnisse bis in die gesellschaftliche Mitte sowie, last but not least, die Analyse, wie die extreme Rechte künstliche Intelligenz einsetzt, lassen sich die komplexen Mechanismen rechter Mobilisierung und ihre politischen Botschaften zu Geschlechterfragen differenziert erfassen.
Quellen
(1) Farris, Sara R. (2017). In the Name of Women’s Rights: The Rise of Femonationalism. Duke University Press.
(2) Beitragsbild: Foto von Jill Wellington auf Pexel
Wobei der Frauenanteil bei bekannt rechtsextremistischen Bewegungen/Parteien gering, bis sehr gering ist:
– gemäss Verfassungsschutz: Frauenanteil in der Kameradschaftsszene 10%
– Bayrischer Verfassungsschutz: Frauenanteil 16%.
– Niedersächsischer Verfassungsschutz: Frauenanteil 20%.
– Thüringer Verfassungsschutz: Frauenanteil 30 %.
– Rechtsextreme Parteien: Frauen stellen bei Parteien wie der NPD nur einen kleinen Teil der Mitglieder und einen noch geringeren Teil der Funktionäre.
Allerdings ist hier die Frage wo der Rechtsextremismus überhaupt beginnt. Wenn man zum Rechtsextremismus auch die AfD oder Le Pen‘s bezugsweise Melonis Partei hinzuzählt, dann sieht es schon etwas anders aus. Denn Marine Le Pen, Georgia Meloni und Alice Weidel sind ja alles Frauen und haben übrigens teilweise ein Profil, das ziemlich weit entfernt vom klassischen Rollenbild der Frauen entfernt liegt.
Kurzum: Welche Rolle Frauen in rechtsextremen Parteien spielen hängt sehr stark davon ab, wo man den Rechtsextremismus beginnen lässt. Es gibt keine klare Trennlinie zwischen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus, es gibt aber ein ziemlich anderes Auftreten von Frauen in der klar rechtsextremen Szene und der rechtspopulistischen Szene.
Vielen Dank für diesen Kommentar, Sie sprechen damit einen wichtigen Punkt an. Tatsächlich zeigt die Rechtsextremismusforschung, dass Frauen in klar rechtsextremen Strukturen zahlenmäßig deutlich unterrepräsentiert sind. Renate Bitzan hat hierzu beispielsweise eine bildliche Darstellung mit einer Pyramide zur der Beteiligung von Frauen in der extremen Rechten entwickelt. Diese verdeutlicht, dass Frauen an der Spitze, also etwa in führenden Kadern rechtsextremer Kameradschaften oder Parteien, selten zu finden sind, ihre Präsenz jedoch in der Mitte und besonders an der Basis breiter wird.
Diese Pyramide macht auch deutlich, dass man Einfluss nicht allein an formaler Macht oder Mitgliederzahlen festmachen sollte. Frauen in der extremen Rechten übernehmen häufig zentrale, wenn auch weniger sichtbare Rollen, etwa in der Vermittlung ideologischer Inhalte im Alltag, in Familienstrukturen oder durch scheinbar „harmlosere“ Formen politischer Kommunikation. Gerade durch ihre Präsenz können sie rechtsextreme Positionen „normaler“ oder gesellschaftlich anschlussfähiger erscheinen lassen.
Zudem spielt das Thema Geschlecht selbst eine strategisch wichtige Rolle. Rechtsextreme Akteur:innen knüpfen gezielt an gesellschaftlich breit diskutierte Themen wie Gender, Familie oder Kinderschutz an, oftmals mit dem Ziel, Anschluss an konservative oder gar bürgerliche Milieus zu finden. Hier entstehen thematische Allianzen, die bewusst oder unbewusst zur Normalisierung rechtsextremer Diskurse beitragen können.
Sie sprechen zurecht an, dass der Übergang zwischen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus nicht scharf trennbar ist. Gerade in diesen Grauzonen zeigen weibliche Führungspersonen wie Le Pen, Meloni oder Weidel, wie erfolgreich Frauen rechtspopulistische bis extrem rechte Inhalte repräsentieren und kommunizieren können und das nicht trotz, sondern gerade wegen ihres vermeintlich „untypischen“ Profils. Ihr Auftreten kann helfen, ideologische Inhalte anschlussfähiger zu machen und dabei auch männlich dominierte Machtstrukturen strategisch zu verschleiern.
Der geringe Frauenanteil im organisierten Rechtsextremismus bedeutet also nicht, dass Frauen dort unwichtig wären. Im Gegenteil, ihre Rollen sind oft subtiler, aber nicht weniger wirksam.
Quellen:
Bitzan, R. (2002). Frauen in der rechtsextremen Szene. In Grumke, T., Wagner, B. (Hrsg.) Handbuch Rechtsradikalismus (S. 87-104). VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Bitzan, R. (2017). Research on Gender and the Far Right in Germany Since 1990. Developments, Findings, and Future Prospects. In M. Köttig, R. Bitzan, & A. Petö (Hrsg.), Gender and Far Right Politics in Europe (S. 65–78). Palgrave Macmillan.