Erinnern und rechte Gewalt: Welche Begriffe können den Blick für rechte Gewalt schärfen?

Was heißt es, sich mit rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt auseinanderzusetzen, ohne vorschnell zu erklären, zu schließen oder zu versöhnen? Diese Frage steht im Zentrum unseres Projekts, das von Beginn an zwei methodische Zugänge eng miteinander verschränkt hat: künstlerische Forschung und theoretische Reflexion. Beide wurden nicht als getrennte Arbeitsschritte verstanden, sondern als sich wechselseitig herausfordernde und produktive Verfahren. Hier geben wir einen Einblick in die Begriffe unseres bisherigen Prozesses und zeigen, wie daraus eine Ausstellung entstehen kann.
Künstlerische Forschung an den Lücken der Erinnerung
Der menschliche Alltag ist geprägt von Vergessen, Erinnern ist eine aufwändige Mehrarbeit – insbesondere, wenn es sich um Themen handelt, die gesellschaftlich, also kollektiv, geleistet werden müssen. Rechte Gewalt gehört hierzu. Hierfür reicht es nicht, nur in die Vergangenheit zu blicken, vielmehr muss der Bogen zur Gegenwart gespannt werden, um Kontinuitäten und Verbindungen zu verstehen und Wiederholungen zu vermeiden. Ausgehend von einem künstlerisch-theoretischen Ansatz, sich der Erinnerung an rechte Gewalt über ihre Vermeidung zu nähern, beschäftigen wir uns in diesem Projekt mit verschiedenen Begriffen. Intensive Lektüren und Diskussionen mit Texten und künstlerischen Positionen, die Gewalt, Erinnerung und die Bedingungen von Wahrnehmung thematisieren – lenken unsere Auseinandersetzung insbesondere dorthin, wo rassistische und antisemitische Gewalt nicht als Ausnahme, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Normalität erscheint. Diese Auseinandersetzungen dienen nicht der bloßen Wissensakkumulation. Vielmehr geht es darum, Begriffe zu schärfen, methodische Fragen zu entwickeln und eine Perspektive zu finden, die tiefergehende Möglichkeiten der Erinnerung bilden soll.
Die künstlerische Praxis besteht hierbei nicht einfach nur daraus, theoretische Ergebnisse „anzuwenden“, vielmehr können Erkenntnisse aus der Theorie sowie aus künstlerischen und aktivistischen Methoden die künstlerische Praxis und die Theoriearbeit inspirieren. Künstlerische Strategien, Ausstellungsformate und kollaborative Arbeitsweisen sind dabei eigenständige Formen der Erkenntnis.
Von Anfang an war das Projekt zweigleisig angelegt: Neben der Arbeit im interdisziplinären Team bestand der Anspruch, eine Gruppe von Studierenden langfristig einzubinden und sie in ihrer eigenen Auseinandersetzung mit dem Themenfeld zu begleiten. Seit Sommer 2025 arbeitet diese Gruppe an eigenen künstlerischen Projekten, die von Januar bis März 2026 in einer Rechercheausstellung im NS-Dokumentationszentrum München gezeigt werden.
Vier Begriffe, die Erinnerung strukturieren können

Aus der gemeinsamen Arbeit haben sich vier inhaltliche Schwerpunkte und damit Schlüsselbegriffe herauskristallisiert, die weniger als abgeschlossen, sondern als ineinandergreifende Denkfiguren zu verstehen sind.
Gewalt war der Ausgangspunkt. Zentrale Voraussetzung unserer Arbeit ist ein Gewaltbegriff, der rechtsextreme Taten nicht isoliert betrachtet, sondern sie in Beziehung zu gesellschaftlichen Verhältnissen setzt, die selbst gewaltförmig sind. Rassismus und Antisemitismus erscheinen dabei nicht nur als Motive einzelner Täter:innen, sondern als strukturelle Normalität, die beeinflusst, was gesehen, benannt und anerkannt wird. Dass die Perspektiven von Betroffenen und Angehörigen – wie etwa im Kontext der NSU-Morde – systematisch ignoriert wurden, verstehen wir selbst als Teil eines erweiterten Gewaltbegriffs: Gewalt zeigt sich nicht nur in den Taten, sondern auch im institutionellen und gesellschaftlichen Nicht-Wahrnehmen.
Aus dieser Diagnose heraus rückte der Begriff der Lücke ins Zentrum unserer Arbeit. Er bezeichnet jene Brüche, Leerstellen und Blockaden, die eine gewaltvolle Normalität in Wahrnehmung, Wissen und Erinnerung hinterlassen. Inspiriert von Saidiya Hartmans Überlegungen zu den Archiven der Sklaverei verstehen wir diese Lücken nicht als Defizite, die gefüllt werden müssten, sondern als Spuren von Gewalt, die sichtbar gemacht werden sollten. Anstatt zu erklären oder „bessere“ Erinnerungsformen vorzuschlagen, interessiert uns eine künstlerische Praxis, die Nicht-Wissen, Unverständnis und Verdrängung thematisiert – und darin eine andere Form der Reflexion eröffnet.
Unmittelbar damit verbunden ist die Frage der Situiertheit. Für wen existieren diese Lücken eigentlich? Die Geschichte rechter Gewalt zeigt, dass Wissen ungleich verteilt ist und eng mit sozialen Positionen zusammenhängt. Während Angehörige und Betroffene häufig früh auf rassistische Motive hinweisen, bleiben diese Einsichten für andere unsichtbar. Unsere Arbeit fragt daher danach, welche Erfahrungen und Positionierungen Wissen ermöglichen oder verhindern – und wie künstlerische Arbeiten eine Reflexion der eigenen Situiertheit, der eigenen Wahrnehmungslücken und der Grenzen des Verstehens leisten können.
Der vierte Schwerpunkt betrifft den Raum. Rechte Gewalt ereignet sich an konkreten Orten des Alltags, denen diese Geschichte meist nicht anzusehen ist. Gerade darin liegt eine weitere Lücke: Tatorte werden zu „normalen“ Orten, während Erinnerungsarbeit oft unsichtbar bleibt oder politisch umkämpft ist. Künstlerische und aktivistische Arbeiten haben uns gezeigt, wie Räume diese Unsichtbarkeit zugleich reproduzieren und infrage stellen können. Im Projekt versuchen die Studierenden, mit dieser Spannung zu arbeiten: Sie fragen danach, was Orte erinnern, wie Nicht-Sehen thematisiert werden kann und wie sich individuelle Erfahrungen von Rassismus, Solidarität oder Migration räumlich artikulieren lassen.
Diese Überlegungen prägen auch das Ausstellungskonzept. Die Rechercheausstellung im NS-Dokumentationszentrum wird bewusst kein klassischer White Cube, also kein neutraler weißer Ausstellungsraum sein. Stattdessen intervenieren die Arbeiten in den institutionellen und architektonischen Raum: in Durchgängen, Treppenhäusern, Schließfächern oder Auslageflächen. Kunst fügt sich ein, unterbricht Routinen, wandert aus der Institution hinaus und stellt die Frage, wie Erinnerung nicht nur gezeigt, sondern räumlich erfahren werden kann.
So versteht sich das Projekt insgesamt als ein offener Prozess – eine gemeinsame Arbeit an den Lücken der Wahrnehmung, die weniger Antworten liefert als neue Formen des Fragens ermöglicht.

Die Fotos in diesem Beitrag wurden von Manuela Unverdorben aufgenommen und sind aus der Rechercheausstellung, die vom 29. Januar bis 1. März 2026 im NS-Dokumentationszentrum München zu sehen ist. Sie gehen aus dem künstlerisch-philosophischen Forschungsprojekt DisIgnoranz – Sehen im rassistischen Nebelfeld hervor.