Die AfD als Gravitationszentrum rechter Krisendiskurse

Teil 1 einer Serie zur Zentralität der AfD in der bayerischen extremen Rechten
Ausgehend von einer Akteursanalyse im Zuge des ForGeRex-Teilprojekts 9 „Antisemitismus und Krisen“ verdichtet sich eine zentrale These: Die AfD fungiert im Feld der bayerischen extremen Rechten als Gravitationszentrum. Der erste Beitrag der dreiteiligen Serie entfaltet diese These am Beispiel eines viel diskutierten Falls, und zwar anhand der wenig beachteten Facetten des Strafprozesses gegen AfD-MdL und völkisch-nationalistischen Burschenschafter Daniel Halemba. In den Teilen zwei und drei folgen weitere ausgewählte Beispiele aus dem Teilprojekt und der Arbeit von a.i.d.a.-Archiv und Mobiler Beratung gegen Rechtsextremismus in Bayern. Die Artikel-Serie ist eine Koproduktion von Elke Rajal und Nikolai Schreiter (ForGeRex), Katharina Fuchs und Jan Nowak (Mobile Beratung Ost), Tobias Holl (Mobile Beratung Süd), Dominik Sauerer (Mobile Beratung Nord) und Robert Andreasch (antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München e.V.).
Das ForGeRex-Teilprojekt 9 untersucht, wie rechtsextreme Akteur*innen in Bayern Krisen deuten, politisch mobilisieren und dabei auf antisemitische Verschwörungsmythen zurückgreifen. Im Forschungsprozess hat sich schnell gezeigt, dass die Übergänge zwischen parteiförmigem und nicht-parteiförmigem Agieren personell, inhaltlich und auf der Ebene der Mediennutzung fließend sind. Gerade die AfD erweist sich in unserem Material nicht als ein Akteur unter anderen, sondern als Knotenpunkt, über den sehr unterschiedliche Strömungen, Milieus und Kommunikationszusammenhänge miteinander verbunden sind. Die Partei hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Gravitationszentrum der extremen Rechten entwickelt: Fast alle ihrer Strömungen finden Platz unter dem blauen Dach und wer rechte Krisendiskurse verstehen will, kommt an ihr nicht vorbei.
Diese Rolle der AfD als Akteurin der Vernetzung, Übersetzung und Verdichtung wurde im Strafprozess gegen AfD-MdL Daniel Halemba Anfang 2026 deutlich sichtbar. Dominik Sauerer arbeitet für die Mobile Beratung Nord und hat den Prozess beobachtet. Er berichtet von Netzwerken unter Beteiligung von Identitärer Bewegung, der neonazistischen Kleinpartei Der III. Weg, Republikanern, NPD, Die Heimat, Burschenschaften, Aryan Peoples Resistance und – ganz prominent – der AfD. Der siebentägige Prozess vor dem Amtsgericht Würzburg fand zwar großes mediales Echo, nicht immer wurde dabei aber einer der wichtigsten Punkte deutlich: Wie klar sich die AfD in dem Prozess als rechtsextreme Sammlungspartei fast ohne Berührungsängste zeigte.
Prozess und Urteil
Zum Hintergrund: Kurz vor der Landtagswahl durchsuchte die Polizei im September 2023 die Räume der Burschenschaft[1] Teutonia Prag zu Würzburg, in der Daniel Halemba und sein späterer Mitangeklagter Harald D. zu diesem Zeitpunkt gemeldet waren. In Halembas Zimmer fand sie eine Schreckschusswaffe mit geladenem Magazin, einen USB-Stick mit Hitlerreden, NS-Material und härtestem Rechtsrock. „Eine der größten Sammlungen“ ihrer Dienstzeit, sagte eine Staatsschützerin vor Gericht. Auch ein Elektroschocker, ein Teleskopschlagstock, eine Machete, Schlagringe und Banner, Plakate und Flyervorräte der Identitären Bewegung (IB) wurden gefunden.

Anlass der Durchsuchung waren Fotos aus den Innenräumen der Verbindung, auf denen bereits die ersten Hinweise zu sehen waren, dass das Burschenhaus eine rechtsextreme Immobilie ist: Kühlschranktüren mit Aufklebern von Der III. Weg, der IB, anderer Burschenschaften, der Partei Die Rechte und weiterer Organisationen. Das Burschenhaus fungiert als Ort für Feiern und Vernetzung jenseits der Öffentlichkeit, für Vorträge wie den eines Aktivisten der neonazistischen Partei Der III. Weg im Dezember 2022. Auch persönlich kennt man sich: Der Teutone Ronald S. begleitete im Sommer 2025 Torsten Kokula, den Landesvorsitzenden von Der III. Weg, gemeinsam mit anderen Bundesbrüdern und dem jungen Nick E. zur Burschenschaft Frankonia nach Erlangen. Nick E. führte des Weiteren Demonstrationen von Der III. Weg an, wirkt an Aktionen ihrer Nationalrevolutionären Jugend (NRJ) mit und tritt regelmäßig in Parteiuniform auf. Fotos zeigen ihn beim „Tag der Ehre“ in Budapest, bei dem in historischen Uniformen der SS gehuldigt wird.[2] Während das Gericht im Januar 2026 tagt, steht der Nachname von Nick E. auf dem Klingelschild der Burschenschaft, über die Richterin Gudrun Helm im Prozess sagt, sie sei eins mit der AfD.
Aber all das war vor Gericht nicht Thema: teilweise aufgrund unsauberer und widersprüchlicher Ermittlungs- und Justizarbeit, teilweise, weil die genannten Naheverhältnisse nicht strafbar sind. Halemba wurde von den Vorwürfen der versuchten Nötigung des AfD-Landesschiedsgerichtspräsidenten Thomas Bayer, der auch Rechtsanwalt seines Mitangeklagten werden sollte, und der Volksverhetzung am 2. Februar 2026 freigesprochen, da ihm nicht nachgewiesen werden konnte, dass er bei seiner Geburtstagsfeier selbst die volksverhetzende Musik von Landser[3] abgespielt hatte. Verurteilt wurde er nicht rechtskräftig wegen Nötigung und Geldwäsche zu 160 Tagessätzen. Die politischen Zugehörigkeiten zentraler Akteure im Netzwerk um die Würzburger AfD erwiesen sich im Prozess als flexibel und die Verhältnisse zueinander als unstet. Ehemalige Feinde wurden zu Freunden, Rollen als Geschädigte, Täter, Zeuge oder Rechtsanwalt wechselten sich ab. Deutlich wird das an Thomas Bayer, einer zentralen Person in diesem Vorgang. Er ist seit März 2026 einer von drei Stadträten der Würzburger AfD. Als die Partei ihre Kommunalwahlliste zusammenstellte, bekam er nicht nur den aussichtsreichen Platz vier (und wurde auf zwei vorgewählt), er wurde in zeitlicher Nähe auch von Halembas Mitangeklagtem mandatiert und vom Belastungs- zum Entlastungszeugen gegen bzw. für Halemba und D.
AfD-interne Konkurrenz und Querelen im Hintergrund
Bei den Aufstellungsversammlungen zur Landtags- und Bezirkstagswahl 2022/2023 war durch verschiedene Meldedelikte versucht worden, Daniel Halemba einen Vorteil zu verschaffen.
[Redaktionelle Anmerkung, 30.04.2026/18.05.2026: Eine frühere Version dieses Artikels hat an dieser Stelle den Eindruck erweckt, dass die Beteiligung an Demonstrationen des III.-Weg-Kaders Roger Kuchenreuther der zentrale Vorwurf in einem Parteiausschlussverfahren (PAV) gegen Halemba gewesen sei. Richtiggestellt sei: Der Vorwurf der Beteiligung mit Rede an einer Demonstration des III.-Weg-Kaders Roger Kuchenreuther war Gegenstand des Parteiausschlussverfahrens gegen die AfD-Funktionärin Tanja E. Das AfD-Landesschiedsgericht Bayern stellte zudem in seiner Entscheidung vom 21.11.2024 über das Parteiausschlussverfahren gegen Tanja E. fest, dass der Landesvorstand der AfD Bayern in vergleichbarer Weise auch gegen Halemba hätte vorgehen müssen.]
Thomas Bayer war zu der Zeit Präsident des Landesschiedsgerichts der AfD. Er warf im Urteil dem Landesvorstand sowie Teilen der Landtagsfraktion Willkür und Rechtsbeugung vor: Sie sollen versucht haben, Tanja E. politisch auszuschalten und hätten mit dieser „Schneepflugaktion“ zugunsten von Halemba auf den Kreisverband Unterfranken-Nord eine „zersetzende Wirkung“ ausgeübt. Ähnlich harte Anschuldigungen äußerte Bayer in Briefen an den Landesvorstand und in Aussagen bei der Polizei, bei der er Harald D. und Halemba schwer belastete.
Bayer stand bei den parteiinternen Machtkämpfen aber nicht allein: Vor Gericht beteuerte er, dass die Beschwerdebriefe, die er mit allerhand Vorwürfen gegen Halemba und D. (Ruhestörung, Sachbeschädigung, Nötigung, Stalking und Erpressung) an den Landesvorstand schickte, vom ehrenamtlichen bayerischen Verfassungsrichter und neugewählte Münchner AfD-Stadtrat Peter Ditges formuliert worden seien. Bayer selbst nannte im Prozess auch den langjährigen Kader und Mandatsträger der Republikaner Berthold Seifert als weiteren Akteur im Hintergrund. Der wiederum sitzt nun für die AfD im Würzburger Kreistag, gemeinsam mit Federico Beck.
Gegen Beck läuft aktuell ein Parteiausschussverfahren, da er 2025 nicht nur den neonazistischen Sänger Kavalier vom Label Neuer Deutscher Standard nach Würzburg holte, sondern auch in Nürnberg an einer Demonstration der Aryan Peoples Resistance (APR)[4], des selbsternannten „arischen Volkswiderstands“, teilgenommen hatte. AfD-Bayern-Chef Stephan Protschka posierte am 2. Februar 2026 auf einer Wahlkampfveranstaltung mit Beck. Der soll dafür verantwortlich sein, dass der Konflikt zwischen Halemba, Harald D. und Bayer schließlich geschlichtet wurde.
Aufgrund des zeitlichen Zusammenhangs dieser „Schlichtung“ mit der Aufstellung der Würzburger Stadtratsliste und dem Mandat D.s an Thomas Bayer fragte auch Richterin Helm: „Wurden sie unter Druck gesetzt, wurde ihnen etwas angeboten? Ein Platz auf der Stadtratsliste?“ Bayer verneinte.
Freundschaft, Bruderschaft, Partei
Während das Amtsgericht die Vorwürfe der versuchten Nötigung – wie bereits erwähnt – als nicht erwiesen ansah, verurteilte es Halemba dafür, mit anderen seinen burschenschaftlichen Bundesbruder Roland S. nach der Durchsuchung des Burschenhauses genötigt zu haben, keine Aussage bei der Staatsanwaltschaft zu tätigen. S. trat vor Gericht sehr unsicher auf, bestritt die Nötigungshandlungen vehement und betonte stattdessen das „sehr gute Verhältnis“ zu den Angeklagten. Seine Mutter beschrieb ihn als introvertierten, schwierigen jungen Mann, der sich mit Gleichaltrigen schwertue und keine engen Freunde habe. Über sein Verhältnis zu Halemba sagte S. dennoch, man könne „schon von Freundschaft sprechen“. Auf die Frage der Richterin, ob „AfD und Teutonia eigentlich dasselbe seien“, antwortete S.: „Nein, aber sehr viele sind in beiden aktiv“. Ähnliches steht in einem Brief von Alten Herren der Teutonia, den die Autonome Antifa Freiburg 2024 veröffentlichte und dessen Inhalt ein Unterzeichner gegenüber der Zeitung Mainpost bestätigte:
„Zum einen sehen die gegenwärtige Aktivitas sowie einige wenige jüngere Alte Herren, die teilweise noch nicht lange Mitglied des Bundes sind, den Schwerpunkt des Bundeslebens in einer aktiven politischen Betätigung für nur eine einzige Partei. […] Alle Initiative wird der parteipolitischen Betätigung untergeordnet […] Im Ergebnis ist Teutonia zu einem Instrument und einer Plattform einer einzigen politischen Partei geworden.“[5]

Im Halemba-Prozess wurde die Zentralität der AfD am Würzburger Beispiel deutlich und flexible politische Zuordnungen sowie die mangelnde Trennschärfe zwischen verschiedenen rechtsextremen Organisationen wurden greifbar. Auch Thomas Bayer, Halembas ehemaliger Kritiker, nahm im August 2025 an einer Kundgebung der NPD in Würzburg teil. Nicht zuletzt sind die beteiligten Rechtsanwälte interessant: Harald D. ließ sich neben Bayer unter anderem von Matthias Bauerfeind vertreten, der nach seiner Karriere in NPD und freien Kameradschaften die Partei Der III. Weg in Bayern mitaufgebaut hatte. Ronald S. hatte zeitweise den Szeneanwalt Andreas Wölfel mandatiert. Halemba selbst wurde von Dubravko Mandic vertreten, einem wegen Körperverletzung vorbestraften Burschenschafter und ehemaligen AfD-Politiker, der sich für die Identitäre Bewegung einsetzt oder für das NPD-Organ „Deutsche Stimme“ referierte. Mandic schrieb bereits 2014 in einer Facebookgruppe der Jungen Alternative (JA): „Von der NPD unterscheiden wir uns vornehmlich durch unser bürgerliches Unterstützerumfeld, nicht so sehr durch Inhalte“[6].
Im zweiten Teil der Artikelserie veranschaulichen wir die Zusammenarbeit zwischen AfD und anderen Teilen den extremen Rechten mit Fällen aus München und der Oberpfalz.
[1] Weiterführende Lektüre zur Funktion und Rolle von Burschenschaften etwa: Kurth, Alexandra/Weidinger, Bernhard: Burschenschaften 2017: Geschichte, Politik und Ideologie. bpb.de. https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/256889/burschenschaften-geschichte-politik-und-ideologie/; Goetz, Judith 2018: „Vergemeinschaftet durch das Abverlangen von Standhalten und Beherrschung.“ Männerbund, Mensur und Antifeminismus bei deutschnationalen Burschenschaften. In: Lang, Juliane/Peter, Ulrich [Hrsg.innen]: Antifeminismus in Bewegung: Aktuelle Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt. Hamburg: marta press; Fachinformationsstelle Rechtsextremismus in München 2024: Gehorchen und Herrschen. Ideologie und Praxis studentischer Verbindungen in München. https://www.feierwerk.de/fileadmin/firm/Buch/Feierwerk_firm_Gehorchen_und_herrschen_2024.pdf
[2] Belege für diese und weitere Behauptungen liegen den Autor*innen vor.
[3] Siehe: https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/500793/landser/
[4] Siehe auch: https://nuernberg.t-online.de/region/nuernberg/id_100816986/nuernberg-200-gegendemonstranten-bei-rechtsextremer-demo-.html
[5] https://autonome-antifa.org/breve8976
[6] Siehe: Justus Bender/Rüdiger Soldt: Eine Krähe der anderen; Frankfurter Allgemeine Zeitung: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wolfgang-gedeon-droht-der-ausschluss-aus-der-afd-14339164.html (zuletzt abgerufen am 25.3.2026).