Der Rassismus-Begriff: Von internationalen zu deutschen Diskursen. Ein Überblick über die Forschung und wissenschaftliche Perspektiven.

Die Bekämpfung des Rassismus erfordert wissenschaftliche Untersuchungen und Begriffsklärungen des Phänomens. Obwohl eine der ersten Publikationen zum Thema 1938 vom deutschen Wissenschaftler Hirschfeld verfasst wurde1, wurde ein Großteil der Rassismusforschung jahrzehntelang hauptsächlich im anglo-amerikanischen Raum betrieben. Anfangs prägten Sklaverei und NS-Zeit, später der Kampf um Gleichberechtigung internationale Publikationen zu Rassismus2. Bahnbrechend waren die in Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen entstandenen UNESCO-Erklärungen zu dem Thema in den 1950/60er Jahren sowie die sog. International Convention on the Elimination of Racial Discrimination (ICERD) zum Schutz vor rassistischer Diskriminierung. Der Tod von George Floyd durch rassistisch motivierte Polizeigewalt in den USA befeuerte globale Proteste sowie eine intensive Diskussion über Rassismus. Dieser Blogbeitrag zeichnet die Entwicklung der Rassismusforschung, ihrer Perspektiven und des Begriffsverständnisses von der internationalen zur deutschen Debatte nach.

Foto: UnratedStudio auf Pixabay

Die internationale Rassismusforschung

International entwickelten sich in der kritischen Rassismusforschung verschiedene Perspektiven aus(einander), die Rassismus kritisch analysieren und definieren. Die marxistische Perspektive sieht in Rassismus die Abwertung einer Menschengruppe mit dem Ziel ihrer (ökonomischen) Ausbeutung. Laut dem neomarxistischen Forscher Miles ist Rassismus eine Ideologie, bei der durch die Einteilung von Menschen in konstruierte Gruppen negative Folgen für die Betroffenen entstehen3. Die Einteilung basiert auf biologischen Merkmalen, die gesellschaftlich mit negativen Bedeutungen verbunden werden. Rassistische Ideologie entsteht laut Hall durch die Verknüpfung der Schaffung und Zuschreibung von Bedeutung mit Machtstrategien, in deren Folge Gruppen von Ressourcen ausgeschlossen werden4.  

Die institutionelle Perspektive nimmt die Beziehung zwischen Vorurteilen und Macht in den Blick. Rassismus dient dem Erhalt von Macht bestimmter gesellschaftlicher Gruppen5. Basierend auf Erfahrungen mit rassistischer Unterdrückung im Kontext der Jim Crow Order in Mississippi, unterscheiden Carmichael und Hamilton 1967 zwischen „persönlicher und institutionell rassistischer“ Unterdrückung: zwischen Rassismus zwischen Einzelpersonen und durch gesellschaftliche Institutionen6. Die erste Praxisdefinition von institutionellem Rassismus legt 1999 MacPherson of Cluny im Rahmen seiner Untersuchung der Aufklärung des Mordes an einem von Rassismus betroffenen Jugendlichen durch die Londoner Polizei vor7. Institutioneller Rassismus findet auch heute statt, z.B. in Form von Racial Profiling der Polizei oder von rassistischer Diskriminierung auf den Arbeitsmarkt.

In den 1970er Jahren bemerkten Forschende, dass sich rassistische Erzählungen nach dem 2. Weltkrieg zunehmend auf kulturelle anstatt biologische Unterschiede zwischen Menschen bezogen: Die Unvereinbarkeit von Kulturen wird betont und ihre Vermischung abgelehnt8. Dieser kulturell argumentierende Rassismus wird auch „Neuer Rassismus”9, „Differentialistischer Rassismus”10 oder „Neo-Rassismus”11 genannt. Heute wird diese Form oftmals in der antimuslimischen Rhetorik rechtspopulistischer oder -extremer Parteien genutzt. In den 1980er Jahren rückte die Forschung dann die alltäglichen Konsequenzen von Rassismus für Betroffene in den Blick: Mithilfe des Konzepts des Alltagsrassismus untersucht Essed 1984 die Alltagserfahrung betroffener Frauen aus deren Perspektive12.

Die strukturelle Perspektive beleuchtet ab den 1980/90er Jahren, dass Staat und Gesellschaft von Rassismus durchdrungen sind. Omi & Winant betrachten die USA: Hier strukturiere die Einteilung von Personen in Menschengruppen die Gesellschaft als eine Art „Ordnungsprinzip“13. Dadurch würden die Identität von Personen und ihr soziales Leben in der Gesellschaft geprägt. Laut Bonilla-Silvas Konzept der sog. Racialized Social Systems ergeben sich Strukturen der Gesellschaft aus der Zuordnung von Menschen(gruppen) in rassistische Kategorien. Rassismus beeinflusst folglich den Platz von betroffenen Personen in der gesellschaftlichen Hierarchie, ihre Beziehungen zu anderen Personen(gruppen), ihren Zugang zu Ressourcen, ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt und/oder gesellschaftliche Reputation negativ14.    

Die deutsche Rassismusforschung

Aufgrund der deutschen Geschichte und der Verbrechen während des Nationalsozialismus blieb der Rassismusbegriff bis in die 1990er Jahre in Politik und Wissenschaft weitestgehend tabuisiert und wurde nur im Kontext dieser Zeit verwendet. Zudem wurde die Forschung im deutschen Diskurs stark durch das Phänomen Rechtsextremismus beeinflusst: Lange wurde die Rassismusforschung der Rechtsextremismusforschung untergeordnet oder von dieser überschattet15. Erst als internationale Diskurse deutsche Gesetzgebung beeinflussten, begann die deutsche Forschungslandschaft sich dem Rassismus unabhängig von Rechtsextremismus und Nationalsozialismus zuzuwenden. Folglich ist die Rassismusforschung eine relativ junge Disziplin.

Laut Mecherils Definition basiert Rassismus auf der Unterscheidung zwischen „Wir“ und „den Anderen“. Zweitere werden auf Grundlage rassistischer Bilder und Erzählungen vom „Wir“ unterschieden und herabgewürdigt, ihre Ungleichbehandlung als legitim dargestellt. Durch Abgrenzung von den rassistisch markierten „Anderen“ definiert sich die „Wir“-Gruppe selbst16.

Rassismus wird in Definitionen der 2010/20er Jahre mit Machtausübung, -erhaltung und Herrschaft verbunden. Foroutan analysiert Rassismus als Ordnungssystem und Dominanzstruktur17. Als „globales Gruppenprivileg“18 nutze Rassismus laut Sow „soziale, wirtschaftliche, politische und kulturelle Beziehungen“ zum Erhalt von Herrschaft. Rommelspacher versteht ihn als ein System von Diskursen und Praxen, die Machtverhältnisse rechtfertigen, wiedergeben und nachbilden. Menschen werden aufgrund von vermeintlich naturgegebenen biologischen und kulturellen Merkmalen als ungleich eingestuft und in vereinheitlichte und als grundsätzlich unterschiedlich angesehene Gruppen zusammengefasst. Damit soll eine vermeintliche Rangfolge dieser Gruppen legitimiert werden19.

Die Kritische Diskursanalyse beschäftigt sich mit Diskriminierung und Sprache: Rassismus, Ungleichheit und Machtstrukturen werden in politischen und medialen Debatten sowie Alltagsgesprächen analysiert. Rassismus manifestiert sich durch Sprache als soziales Konzept, Praktik und Ideologie: durch Diskurse werden sowohl rassistische als auch antirassistische Äußerungen ab- und nachgebildet sowie verbreitet20.

Weitere Entwicklungen zeigen sich in der empirischen Forschung mit den Studien des Nationalen Rassismusmonitors (NaDiRa) sowie den Afro-Zensus und im Kontext der politischen Bildung mit der Arbeitsdefinition Rassismus für die berufliche Praxis21.  Die Forschung zeigt: Die Bekämpfung des Rassismus erfordert Überlegungen über das Phänomen an sich, die seine Wandelbarkeit wiederspiegeln.
 

  1. Hirschfeld 1938. ↩︎
  2. Miles 2014. ↩︎
  3. Miles 1989. ↩︎
  4. Hall 1989. ↩︎
  5. Bonilla-Silva 1997, S. 466. ↩︎
  6. Carmichael & Hamilton 1967. ↩︎
  7. MacPherson of Cluny 1999; siehe Rattansi 2020. ↩︎
  8. siehe Barskanmaz 2019, S. 54–55. ↩︎
  9. Barker 1981. ↩︎
  10. Tanguieff 1990. ↩︎
  11. Balibar 1989. ↩︎
  12. Essed 1984. ↩︎
  13. Omi & Winant 2014. ↩︎
  14. Bonilla-Silva 1997. ↩︎
  15. Mecheril & Melter 2011; Rommelspacher 2011; Scherr 2011. ↩︎
  16. Mecheril 2004, S. 187. ↩︎
  17. Foroutan 2020. ↩︎
  18. Sow 2011. ↩︎
  19. Rommelspacher 2011, S. 29. ↩︎
  20. Wodak und Reisigl 1999, S. 175–176. ↩︎
  21. Schellenberg 2020. ↩︎

Quellen

Balibar, Ètienne (1989): Gibt es einen “neuen Rassismus”? In: Das Argument, 175, 369-380.
Barker, Martin (1981): The New Racism: Conservatives and the Ideology of the Tribe. London: Junction Books.
Barskanmaz, Cengiz (2019): Rassismus differenziert. In: Cengiz Barskanmaz (Hg.): Recht und Rassismus. Das menschenrechtliche Verbot der Diskriminierung aufgrund der Rasse. Wiesbaden: Springer VS, S. 51-66.
Bonilla-Silva, Eduardo (1997): Rethinking Racism: Toward a Structural Interpretation. In: American Sociological Review 62 (3), S. 465–480.
Carmichael, Stokely; Hamilton, Charles (1967): Black Power: the politics of liberation in America. New York: Vintage Books.
Essed, Philomena (1984): Alledaags Racisme. Amsterdam: Feministische Uitgeverij Sara.
Foroutan, Naika (2020): Rassismus in der Postmigrantischen Gesellschaft. In: APuZ, (70)42-44, 12-28.
Hall, Stuart (1989): Rassismus als ideologischer Diskurs. In: Das Argument, 178, S. 913-921.
Hirschfeld, Magnus (1938): Racism. London: Gollancz.
MacPherson of Cluny, William (1999): The Stephen Lawrence Inquiry. Report of an Inquiry by Sir WIlliam MacPherson of Cluny. Hg. v. Home Office. Online verfügbar unter https://www.gov.uk/government/publications/the-stephen-lawrence-inquiry.
Mecheril, Paul (2004): Einführung in die Migrationspädagogik. Weinheim: Beltz.
Mecheril, Paul; Melter, Claus (2011): Rassismustheorie und -forschung in Deutschland. Kontur eines wissenschaftlichen Feldes. In: Claus Melter und Paul Mecheril (Hg.): Rassismuskritik. Band 1: Rassismustheorie und -forschung. 2. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl. (Reihe Politik und Bildung, 47), S. 13–24.
Miles, Robert (1989): Bedeutungskonstitution und der Begriff des Rassismus. In: Das Argument, 175, S. 353–367.
Miles, Robert (2014): Einführung in die Geschichte und Theorie eines Begriffs. Hamburg: Argument Verlag.
Omi, Michael; Winant, Howard (2014): Racial Formation in the United States (3rd Edition). Third edition. New York, London: Taylor and Francis.
Rattansi, Ali (2020): Racism: a very short introduction: Oxford University Press.
Rommelspacher, Birgit (2011): Was ist eigentlich Rassismus? In: Claus Melter und Paul Mecheril (Hg.): Rassismuskritik. Band 1: Rassismustheorie und -forschung. 2. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl. (Reihe Politik und Bildung, 47), S. 25–38.
Schellenberg, Britta (2020): Training Antidiskriminierung. Den Menschen im Blick : Schwerpunkt Rassismus. 1. Aufl. Schwalbach am Taunus, Stuttgart: Wochenschau Verlag; UTB GmbH.
Scherr, Albert (2011): Rassismus oder Rechtsextremismus? Annäherung an eine vergleichende Betrachtung zweier Paradigmen jenseits rhetorischer Scheinkontroversen. In: Claus Melter und Paul Mecheril (Hg.): Rassismuskritik. Band 1: Rassismustheorie und -forschung. 2. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl. (Reihe Politik und Bildung, 47), S. 75–97.
Sow, Noah (2011): Rassismus. In: Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Münster: Unrast Verlag, S. 37
Taguieff, Pierre-André (1990): The New Cultural Racism in France. In: Telos, 83, 109-122.
Wodak, Ruth; Reisigl, Martin (1999): Discourse and Racism: European Perspectives. In: Annual Review of Anthropology 1999 (28), S. 175–199.

Avatar-Foto

Veröffentlicht von

Paulina Seelmann arbeitet im Teilprojekt 04: "Rechtsextremismus und Rassismus – Framing und policy making in Bayern" des Forschungsverbunds ForGeRex. Das Projekt widmet sich der Frage, welche Wirkungsmacht spezifische Ideen und Institutionen auf die Politikgestaltung (policy making) in Bayern haben. Welche Maßnahmen wurden in Folge rassistischer Morde gegen Rechtsextremismus und Rassismus ergriffen?

Schreibe einen Kommentar


E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
-- Auch möglich: Abo ohne Kommentar. +