Auf eine friedliche Wiesn? 45 Jahre nach dem rechtsterroristischen Oktoberfestattentat in München – Rückblick auf Kämpfe um Erinnern und gegen Verdrängen

Am Abend des 26. September 1980 explodierte am Haupteingang des Oktoberfests eine Bombe. Gabriele Deutsch, Robert Gmeinwieser, Axel Hirsch, Markus Hölzl, Paul Lux, Ignaz und Ilona Platzer, Franz Schiele, Angela Schüttrigkeit, Errol Vere-Hodge, Ernst Vestner und Beate Werner kommen ums Leben. Auch der Täter stirbt. Mindestens 221 Menschen werden zum Teil schwer verletzt. Das Ziel des Anschlags war, die anstehende Bundestagswahl zugunsten des „starken Mannes“, des CSU-Kandidaten Franz Josef Strauß, zu beeinflussen. Im Vorfeld hat der Freistaat Bayern die Gefahr, die von der rechtsextremen „Wehrsportgruppe Hoffmann“ ausging und zu dessen Umfeld der Täter zählte, wiederholt geleugnet. 1982 wurden die Ermittlungen eingestellt und als „Fazit einer persönlichen Katastrophe“ eines Einzeltäters geschlossen.

Am 26. September 2025, 45 Jahre nach der Tat, findet erneut eine jährliche Gedenkveranstaltung statt. Aber was bedeutet es, an Todesopfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt zu erinnern? Ein Blick in die Vergangenheit? Ja – jedoch nicht ausschließlich. Denn auch wenn explizite Gewalttaten vergangen sein mögen, wirken die Ursprünge für die Taten, wie bspw. Rassismus oder Antisemitismus, in der Gegenwart weiter fort. Die Analyse von Praktiken des (Nicht-)Erinnerns zeigt also auch auf, wie Gesellschaften gegenwärtig mit Ideologien der Ungleichwertigkeit umgehen. Ob, wie und wann (nicht) an rechte Gewalttaten erinnert wird, ist historisch spezifisch und Gegenstand gesellschaftlicher Aushandlungen. In vielen Fällen fehlt ein Erinnern an Todesopfer rechter Gewalt, auch weil eine juristische Anerkennung der Taten nicht vorliegt. Nicht selten sind es die Überlebenden und Angehörigen selbst, die sich gemeinsam mit solidarischen Akteur:innen aus der Zivilgesellschaft gegen ein Verdrängen einsetzen. Kämpfe um ein Erinnern adressieren dabei etwa die Errichtung eines Gedenkortes, aber auch die Wiederaufnahme der Ermittlungen oder die Verantwortungsübernahme von staatlichen Institutionen. Im Teilprojekt „(un)doing memory und Rechtsextremismus“ werden Praktiken des (Nicht-)Erinnerns an Todesopfer rechter Gewalt in Bayern untersucht (https://www.forgerex.de/forschungsthemen/undoing-memory-und-rechtsextremismus-in-bayern/).

Kämpfe um Erinnern an die Tat einer „faschistischen Mörderbande“ – Interventionen und Kritik von Überlebenden, Angehörigen und aus der Zivilgesellschaft

Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München (a.i.d.a.) / Flugblatt von der Ortsgruppe München des Arbeiterbunds für den Wiederaufbau der KPD zum 7. Jahrestag des Oktoberfestattentats am 26. September 1987

Nach dem Oktoberfestattentat wurde wiederholt versucht die Tat zu entpolitisieren und Kämpfe um eine Politisierung wurden kriminalisiert. So hat die Landeshauptstadt München 1982 versucht, die Kundgebung anlässlich des Jahrestags zu verbieten, mit der Begründung, dass dort illegitimerweise eine Mitverantwortung des Freistaats für das Attentat thematisiert werde. 1991 wurde im Stadtrat eine Bannmeile für politische Veranstaltungen während des Oktoberfestbetriebs diskutiert, was Gedenkveranstaltungen anlässlich des Attentats eingeschlossen hätte. Im selben Jahr wurde aufgrund eines Flugblatts, auf dem der Freistaat für sein zögerliches Vorgehen gegen rechte Strukturen kritisiert wurde, ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Dies sind nur einige Beispiele für die Kämpfe um eine politische Einordnung der Tat, die Betroffene gemeinsam mit Akteur:innen aus antifaschistischen, zivilgesellschaftlichen und gewerkschaftlichen Kontexten geführt haben.

Trotz dieser Widerstände haben Überlebende und Angehörige mit offenen Briefen und auf Pressekonferenzen an die Politik appelliert und die Wiederaufnahme der Ermittlungen oder die Schließung des Oktoberfestbetriebs während der Tatzeit gefordert. Eine Vernetzung mit Betroffenen weiterer rechtsterroristischer Taten, wie dem rassistischen und rechten Attentat in und um die ehemalige Diskothek „Twenty Five“ in Nürnberg vom 24. Juni 1982, fand statt. Jene Überlebende haben auf der Veranstaltung anlässlich des Oktoberfestattentats 1982 in München Redebeiträge gehalten. Die Opfervereinigung, die sich anlässlich des faschistischen Bombenanschlags am 02. August 1980 in Bologna gründete, nimmt für die Überlebenden des Oktoberfestattentats eine Vorbildrolle im Umgang mit der Tat ein. Nicht nur in Bologna, sondern in vielen Städten in Italien gab es anlässlich des Attentats Gedenkveranstaltungen mit großer Beteiligung der Bevölkerung, inklusive ranghöchster Politiker:innen. Es gab wechselseitige Delegationen und die Vernetzung zwischen den Städten hält bis heute an.

Im Rahmen von Gedenkveranstaltungen zum Oktoberfestattentat wurden Verbindungen zu weiteren politischen Themen hergestellt. So sprachen beispielsweise bei der Kundgebung 1982 Betroffene des türkischen Faschismus der „Grauen Wölfe“ oder Personen, die ihre Arbeit aufgrund von politisch motivierten Berufsverboten verloren haben. Die Gedenkveranstaltungen zum 20. Jahrestag waren wiederum eng verknüpft mit einer Mobilisierung gegen zeitgleich stattfindende NPD-Kundgebungen.

Die Verdichtung politischer Kämpfe am Gedenk- und Tatort

Kämpfe um eine politische Einordnung der Tat und ein Erinnern an die Todesopfer lassen sich zudem unmittelbar am Tatort nachzeichnen. Am 17. September 1981, zwei Tage bevor das Oktoberfest eröffnet wurde und neun Tage vor dem eigentlichen Tattag, wurde eine Gedenkstele mit dem Schriftzug „Zum Gedenken an die Opfer des Bombenanschlags vom 26.9.1980“ am Tatort eingeweiht. Ein Verweis auf den politischen Charakter der Tat fehlte auf dem „Zahnstocher“ – so wurde die Gedenkstele bezeichnet, da diese leicht zu übersehen gewesen sein soll. Eine Intervention und Politisierung am Tatort ereignete sich im August 1981, als illegal kurzzeitig ein acht Tonnen schwerer Gedenkstein mit der Aufschrift „Dem Naziterror Einhalt gebieten!“ aufgestellt wurde.

Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München (a.i.d.a.) / Flugblatt von der Ortsgruppe München des Arbeiterbunds für den Wiederaufbau der KPD vom 21. August 1981

Zu den Jahrestagen hat der Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD über Jahrzehnte Mahn- und Schutzwachen organisiert. Die Mitglieder standen den ganzen Tag um die Gedenkstele, da diese während dem Oktoberfestbetrieb nicht abgesperrt war und schützten diese so vor alkoholisierten Besucher:innen und rechten Gruppen. Sie zeigten Fotos und Namen der Ermordeten und forderten Aufklärung. Auf der offiziellen Stele selbst wurden die Namen der Ermordeten erst 1987 nachträglich eingraviert – aber auch dies musste von den Angehörigen erkämpft werden, weil die Stadt eine Veränderung der Gedenkstele „aus künstlerischen Gründen“ anfangs ablehnte.

Juristische Anerkennung und politische Einordnung – das Gedenken heute

Der Kampf um die Wiederaufnahme der Ermittlungen war über die Jahrzehnte hinweg die wichtigste Forderung von Überlebenden und Angehörigen. Die Generalbundesanwaltschaft hat aufgrund neuer Zeug:innenaussagen 2014 die Ermittlungen wieder aufgenommen, was zu einer Neubewertung der Tat als rechtsextremistisch kurz vor dem 40. Jahrestag 2020 führte. Obwohl keine weiteren Mitwisser:innen oder -täter:innen ausfindig gemacht werden konnten, bedeutet die Einordnung als politische Tat eine juristische Anerkennung für die zahlreichen Überlebenden und Angehörigen und ist damit im Kampf um ein Erinnern als große Errungenschaft einzuordnen.

Zum diesjährigen 45. Jahrestag findet um 09:30 Uhr am Tatort (https://bayern-jugend.dgb.de/seminare/gedenken/oktoberfestattentat-muenchen/++co++91d3dc98-8fc6-11f0-91fd-c97237599985) eine von der Münchner DGB-Jugend gemeinsam mit der Landeshauptstadt München organisierte Gedenkveranstaltung statt, bei der neben dem Oberbürgermeister auch Angehörige und Überlebende sprechen. Ebenfalls am Tatort kann seit dem 40. Jahrestag 2020 die Installation „Dokumentation Oktoberfestattentat“ besucht werden, die unter der Mitwirkung von Angehörigen und Überlebenden gestaltet wurde. 234 Figuren erzählen die Geschichten von Todesopfern, Angehörigen und Überlebenden und geben einen Rückblick auf den Umgang mit der Tat, die Ermittlungen und die Erinnerungskämpfe. Gegenwärtige Errungenschaften im Hinblick auf das Erinnern, wie die juristische Anerkennung der Tat oder die Verantwortungsübernahme der Landeshauptstadt München für das Gedenken sind den jahrzehntelangen Kämpfen, Kritik und Interventionen von den Überlebenden, Angehörigen und zivilgesellschaftlichen Gruppen zu verdanken.

Erinnern als Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft

Erinnern ist nicht nur ein Blick in die Vergangenheit. Sich zu erinnern ist mit einem moralischen Appell und Verantwortung für den zukünftigen Verlauf gesellschaftlicher Verhältnisse verbunden. Der Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin hat dies in seinen geschichtsphilosophischen Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ 1 eruiert: werden die Ermordeten und das, was sie erleiden mussten, und sie ausgelöscht hat vergessen, dann verschwinden auch ihre Geschichten. Sich zu erinnern wird somit zu einem Akt des Widerstands gegen ein Fortwirken menschenfeindlicher Ideologien.

Quellen

  1. Benjamin, Walter (1940): Über den Begriff der Geschichte. https://www.burg-halle.de/home/129_baetzner/SoSe_2017/benjamin_Ueber_den_Begriff_der_Geschichte.pdf. ↩︎

2. Beitragsbild: Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München (a.i.d.a.) / Flugblatt von der Ortsgruppe München des Arbeiterbunds für den Wiederaufbau der KPD zum 7. Jahrestag des Oktoberfestattentats am 26. September 1987

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Das Forschungsprojekt untersucht, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Praktiken des Erinnerns in Bezug auf Rechtsterrorismus und extrem rechter Gewalt möglich sind bzw. verunmöglicht werden. Anhand konkreter Fallbeispiele rechter Anschläge soll eruiert werden, wie die Themen Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus gesellschaftlich verhandelt werden, welche Veränderungen es über die Zeit gab und welche Akteur:innen das Erinnern an rechtsterroristische Taten gestalten.

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