Antifeministische Mobilisierung als Katalysator der extremen Rechten?

Antifeminismus ist ein zentrales ideologisches Element der extremen Rechten. Er richtet sich gegen Gleichstellung und geschlechtliche Vielfalt und hält an traditionellen Geschlechter- und Familienbildern fest. Zugleich verbindet er als Brückenideologie extrem rechte, konservative und religiöse Akteur*innen und trägt so zur gesellschaftlichen Anschlussfähigkeit extrem rechter Positionen bei.

Im Sommer 2025 sorgte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) mit einer Metapher für Schlagzeilen: „Ohne Auto, Maschinenbau und Chemie ist Deutschland wie eine Dame ohne Unterleib.“ Dieser Vergleich, der auf einer alte Jahrmarkt-Attraktion beruht, reduziert Frauen auf ihre Fortpflanzungsorgane und bemisst ihren Wert an ihrer Gebärfähigkeit. Er offenbart ein sexistisches und patriarchales Gesellschaftsbild, das Frauen nicht als selbstbestimmte Subjekte sieht, sondern sie auf ihre vermeintlich „natürliche“ Rolle reduziert. Trotz feministischer Erfolge seit Ende des 19. Jahrhunderts halten sich solche Geschlechterbilder hartnäckig – und quer durch die Gesellschaft.

Maßnahmen, wie das in Bayern beschlossene Verbot geschlechtergerechter Sprache in Teilen der öffentlichen Verwaltung und an Schulen zeigen zudem, dass Auseinandersetzungen um Geschlecht und Gleichstellung zunehmend politisiert werden. Doch handelt es sich bei solchen Fällen nicht nur um veraltete Sprachbilder, überkommene gesellschaftliche Deutungsmuster und individuelle Denkweisen. Dahinter verbirgt sich ein größerer ideologischer Zusammenhang.

Antifeminismus als Kernelement extrem rechter Ideologie

Antifeministische Positionen zeigen sich auf unterschiedliche Arten und in diversen Ausprägungen insbesondere in konservativen, religiösen und extrem rechten Milieus. In der extremen Rechten ist der Antifeminismus zudem ein zentraler ideologischer Bestandteil. Geschlechterkonstruktionen und -‍‍verhältnisse nehmen dabei eine wichtige Rolle ein. Die Ideologie der extremen Rechten richtet sich gegen eine Gleichstellung der Geschlechter und lehnt geschlechtliche Vielfalt grundsätzlich ab. Stattdessen wird eine vermeintlich „natürliche“ Zweigeschlechtlichkeit mit spezifischen Rollenbildern und ein heteronormatives Familienbild aus Mann, Frau und Kind(ern) propagiert.

Exemplarisch zeigt sich das auch in der programmatischen Ausrichtung der AfD sowie in öffentlichen Äußerungen von Parteivertreter*innen. „Genderwahn“ und „Gender-Ideologie“ sind zentrale Kampfbegriffe und in der Partei weit verbreitet. Ebenso die Behauptung, es gäbe nur zwei Geschlechter. Gender Studies werden als angeblich unwissenschaftlich und ideologiegetrieben diffamiert und deren Abschaffung gefordert.

In der Ideologie der extremen Rechten wird der Frau eine reproduktive Rolle als Gebärerin und Erzieherin zugeschrieben, die dem Erhalt der „Volksgemeinschaft“ dient, während der Mann in soldatisch-kämpferischer Manier als deren Beschützer inszeniert wird. Für die Rechtfertigung dieser geschlechterstereotypischen Zuschreibungen zieht die extreme Rechte vermeintlich naturgegebene Unterschiede zwischen den Geschlechtern sowie biologische Merkmale heran. Diese gelten als unveränderlich und dienen zur Legitimation einer traditionellen Geschlechterordnung.

Antifeminismus als Abwehrreaktion

Zugleich wird das Familienbild rassistisch aufgeladen: die weiße deutsche Familie als „Keimzelle der Nation“ hat in diesem Weltbild die Funktion, die „Rasse“ zu erhalten. Der weiße Mann wird durchweg positiv, der Schwarze bzw. migrantisierte Mann als besonders triebhaft oder sexuell übergriffig dargestellt. Sexualisierte Gewalt wird so externalisiert und als spezifisches Problem bestimmter ethnischer und kultureller Gruppen imaginiert, während sich die „eigene“ Gruppe selbst entlastet und als schützende Instanz inszeniert.

Antifeminismus ist eine Reaktion auf gesellschaftliche Modernisierungsprozesse, die u.a. durch den Feminismus vorangetrieben werden. Feministische Bewegungen zielen darauf ab, bestehende männlich dominierte Machtstrukturen und Hierarchien in der Gesellschaft sowie traditionelle Rollen- und Geschlechterbilder zu überwinden. Da geschlechtsspezifische Unterschiede im extrem rechten Weltbild als vermeintlich unveränderlich gelten, wird der Feminismus, genauso wie queere Lebensentwürfe und geschlechtliche Vielfalt, als „widernatürlich“ abgelehnt und als Feindbild betrachtet. Antifeminismus fungiert somit als Abwehrreaktion gegen den Verlust traditioneller Ordnungsvorstellungen.

Der Frauenkampftag am 8. März steht für diese andauernde Auseinandersetzung um Gleichstellung und geschlechtliche Vielfalt – wie hier 2025 in Regensburg. Foto: eben.widerspruch

Gleichstellungsarbeit und Gender Studies unter Druck

Auch Gleichstellungsarbeit und Gender Studies als Teil von Modernisierungsprozessen geraten ins Visier der extremen Rechten. Gleichstellungsarbeit nimmt strukturelle Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern in den Blick. Gender Studies untersuchen die Bedeutung von Geschlecht in Geschichte, Kultur, Politik, Gesellschaft, Technik und Wissenschaft sowie Geschlechterverhältnisse. Trotz ihrer unterschiedlichen Schwerpunkte sind beide Bereiche immer wieder Ziel ähnlicher Anfeindungen und Angriffe. Unser Forschungsprojekt untersucht, wie und in welchem Ausmaß extrem rechte Einflussnahmen auf Gleichstellungsarbeit und Gender Studies in Bayern wahrgenommen werden.

Die Ergebnisse unserer Erhebung unter kommunalen und hochschulischen Gleichstellungsbeauftragten sowie unter Forschenden und Lehrenden der Gender Studies zeigen, dass Betroffene in beiden Bereichen häufig nicht ernst genommen werden. Neben Desinteresse und Geringschätzung begegnen insbesondere Gleichstellungsbeauftragte dem Vorwurf, ihre Arbeit sei überflüssig. Dahinter steckt oft die Vorstellung, Gleichstellung sei bereits erreicht, wodurch die Notwendigkeit weiterer Maßnahmen infrage gestellt wird. Zugleich nehmen antifeministische Einflussnahmen laut der Befragten seit einigen Jahren deutlich zu. Sie umfassen etwa die Infragestellung der fachlichen Kompetenz, Forderungen nach Abschaffung der Stellen, Störungen von Veranstaltungen, Sachbeschädigungen, verbale Angriffe, Bedrohungen und vereinzelt auch körperliche Übergriffe oder Doxing (Veröffentlichung privater Informationen). Viele Betroffene reagieren mit einem Rückzug aus öffentlichen und digitalen Räumen sowie aus wissenschaftlichen Diskursen. Sie berichten von Verunsicherung und gefühlter Isolation. Gleichzeitig sehen sich die meisten in ihrem Engagement bestärkt.

Antifeminismus als Brückenideologie

Unsere Ergebnisse zeigen, dass Einflussnahmen auf Gleichstellungsarbeit und Gender Studies nicht nur von der extremen Rechten ausgehen. Die Befragten beschreiben auch Anfeindungen und Angriffe aus der breiten Gesellschaft. Antifeminismus fungiert als verbindendes Element zwischen verschiedenen Akteur*innen und dient als Brücke zwischen konservativer, extremer und religiöser Rechter aber auch der sogenannten „gesellschaftlichen Mitte“. Deutlich wird dies beim Marsch für das Leben, der jährlich in mehreren deutschen Städten stattfindet. Hier kommen Abtreibungsgegner*innen aus dem fundamental christlichen, konservativen und extrem rechten Lager zusammen, um gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche zu demonstrieren. Bei Demonstrationen des Netzwerks Demo für Alle gingen in mehreren Städten extrem rechte und konservative Antifeminist*innen gegen eine angebliche „Frühsexualisierung“ von Kindern (durch Sexualunterricht in der Grundschule), gegen die gleichgeschlechtliche Ehe für Alle und gegen eine angebliche „Gender-Ideologie“ auf die Straße. Der Begriff der „Gender-Ideologie“ ist bis in die CSU hinein verbreitet.

Solche Schulterschlüsse bleiben nicht folgenlos. Die eingangs zitierte Aussage von Markus Söder verweist auf ein überholtes Geschlechter- und Gesellschaftsbild, das nicht nur auf extrem rechte Milieus beschränkt, sondern in weiten Teilen der Gesellschaft verbreitet ist. Wenn antifeministische Argumentationen gesamtgesellschaftlich akzeptiert werden, kann dies zu einer Normalisierung eben jener Positionen beitragen. So können Resonanzräume entstehen, die wiederum die Handlungsspielräume der extremen Rechten erweitern. Diese erkennt im Antifeminismus Potenzial, um konservative und bürgerliche Milieus anzusprechen und macht extrem rechte Positionen dadurch anschlussfähiger.

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Jessica Hoyer arbeitet im Doppelprojekt „Rechtsextreme Einflussnahmen und Gegenstrategien – Die Bereiche der Sozialen Arbeit und der Geschlechtergleichstellung (RESAG)“. Hier untersucht sie extrem rechte Einflussnahmen auf Gleichstellungsarbeit und Gender Studies. Ziel ist es, herauszuarbeiten, mit welchen extrem rechten Einstellungen und Handlungen die jeweiligen Akteur*innen in den beiden Bereichen konkret konfrontiert sind und welche Handlungsoptionen sie im Hinblick auf Positionierung, gesellschaftliche Unterstützung und Gegenwehr haben.

7 Kommentare

  1. „Doch handelt es sich bei solchen Fällen nicht nur um veraltete Sprachbilder, überkommene gesellschaftliche Deutungsmuster und individuelle Denkweisen. Dahinter verbirgt sich ein größerer ideologischer Zusammenhang.“

    Können die zwei Sätze auch in ihr Gegenteil verkehrt werden?

    Feminismus/Wokeness:

    Doch handelt es sich bei solchen Fällen nicht nur um neue Sprachbilder, progressive Deutungsmuster und individuelle Denkweisen. Dahinter verbirgt sich ein größerer ideologischer Zusammenhang.

    Was ist Henne und was ist Ei? Oder laufen gesellschaftliche Entwicklungen in einer pendelnden Bewegung ab? Führt das Eine nicht zum Anderen und umgekehrt?

  2. Was haben denn Zweigeschlechtlichkeit und Gender Studies mit Feminismus zu tun? Das eine ist Biologie, das andere Ideologie und ich kann erstere hochhalten und letztere ablehnen, ohne damit im geringsten eine Aussage über den Feminismus zu treffen.

  3. hallo Frau Hoyer

    Ich würde von Ihnen gern ein Definition folgender Begriffe lesen:

    Geschlecht

    Identität

    Mit Grüßen

    Felix, das Zebrastreifenpferd

    • Hallo Felix,
      der Begriff „Geschlecht“ hat im Deutschen zwei Dimensionen: das biologische Geschlecht (sex) und das soziale Geschlecht (gender). Bei der Geburt erfolgt die Zuordnung zu einem Geschlecht in der Regel anhand körperlicher Merkmale wie äußere und innere Geschlechtsorgane, Chromosomen oder Hormone. Hierbei handelt es sich um das biologische Geschlecht.
      Das soziale Geschlecht bezeichnet die sozial und kulturell geprägte Dimension von Geschlecht und verweist darauf, dass Geschlechterrollen gesellschaftlich konstruiert sind. Es umfasst gesellschaftliche Erwartungen, Normen, Zuschreibungen und Rollenbilder, die mit Geschlecht verbunden werden. In manchen Fällen stimmt das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht nicht mit der eigenen Geschlechtsidentität überein. Die Geschlechtsidentität beschreibt, welchem Geschlecht sich eine Person zugehörig fühlt.

  4. Noch einen Begriff hätte ich gern definiert: Was genau verstehen sie unter den Begriff “ Feminismus“?

    Felix

  5. Bis zu dem Satz “ Das soziale Geschlecht wäre ich sogar mit Ihnen.
    Dann kommt aber der Bruch indem sie aus den sozialen Zuordnungen (Geschlechterrollen, Geschlechttsstereotypen) das Identitätsgeschlecht machen.
    Ab hier wirds unscharf.
    Erstens kann eine „Identität“ nie fix sein da sie ein Ergebnis sozialer Interaktion sind und damit wandelbar.
    Zweitens kann man dadurch das körperliche Geschlecht nicht derart wegdefinerten, daß man bei der Geburt das Geschlecht nur zuweist. (sind Größe und Gewicht bei der Geburt auch „zugewiesen'“ ? )
    Vor allem, daß man daraus ableitet, daß es besser wäre ein Kind das sich nicht geschlechterkonform verhält zu transitiern mit unabsehbaren Risiken und Nebenwirkungen für den Menschen später und der Tatsache , daß man das nicht mehr zurücknehmen kann.
    Man weiss noch nicht mal ob es den betroffenen Jahre später wirklich besser geht oder sogar schlechter.
    Ehrlich wäre, den Kindern zu erklären, daß man aus einem Mann keine Frau und aus einer Frau keinen Mann machen kann – auch mit bester medizinischer Kunst nicht dafür aber mit sehr großen Risiko.

    Auf Ihren Text bezogen:
    Ich habe den Eindruck, daß sie sehr viele Aussagen aus dem Queerfeministischen Spektrum für gesetzt halten und eine Diskussion darüber überflüssig wäre.
    Sie glauben offensichtlich, daß Kritik daran automatisch von Rechts, Transfeinden
    oder sonstigen mißliebigen Gestalten kommt.
    Sie kommt aber schon von Anfang mitten aus der feministischen, Lesbischen, Schwulen und sonstwie emanzipatorischen Milieus wird aber selbst da regelmäßig rechts bzw transfeindlich markiert.
    Das Problem: wenn wir so mit diesen Themen umgehen, dann ist die Rechte die einzige politische Gruppierung, die davon profitiert…sie bekomment massenweise Punkte geschenkt…unverdient.
    Damit das klar ist: ich will AFD und Konsorten an keiner Regierung sehen.
    Dann muß der demokratische Rest der Gesellschaft aber selber die „schwierigen“ Themen ausdiskutieren und abarbeiten.
    Eine Debatte muß möglich sein.
    Ein paar Namen fallen mir da ein: Sofinette Baker, oder vor kurzem Sigi Lieb.
    Da draußen gibt es viele Leute, die mal mit Herzblut bei der Sache waren und dann wegen irgendeinem Begriff angepfiffen wurden.
    Da wärs für Heute.

    Felix, das Zebrastreifenpferd

    Felix

    • Hallo Felix,

      ich werde nicht auf alles eingehen, da die Diskussion für eine Kommentarspalte sonst zu weit führen würde, hier aber trotzdem ein paar Punkte:

      Ich habe nie behauptet, dass das soziale Geschlecht bzw. soziale Zuschreibungen dasselbe sind wie die Geschlechtsidentität, hier gab es wohl ein Missverständnis.

      Das biologische Geschlecht existiert natürlich – genauso wie Größe oder Gewicht. Es gibt aber eben neben dem biologischen Geschlecht noch das soziale Geschlecht. Teilweise lässt sich das biologische Geschlecht aber auch nicht klar männlich oder weiblich zuordnen, etwa bei Intergeschlechtlichkeit (das nur als Ergänzung).

      Ein Kind, das sich nicht geschlechterkonform verhält oder aussehen möchte, muss natürlich nicht trans* sein. Es gibt, um nur ein Beispiel zu nennen, auch Tomboys. Das sind Personen, denen bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugeordnet wurde, die sich aber nach außen hin eher männlich präsentieren (männlich im Sinne, was gesellschaftlich stereotyp als männlich verstanden wird). Hier geht es nicht um die Geschlechtsidentität, sondern um den Geschlechtsausdruck.

      Zu diesem Satz von Ihnen: „Ehrlich wäre, den Kindern zu erklären, daß man aus einem Mann keine Frau und aus einer Frau keinen Mann machen kann“:

      Bei einer Geschlechtsangleichung geht es nicht darum, aus einem Mann eine Frau zu machen oder aus einer Frau einen Mann zu machen. Transpersonen erleben vielmehr, dass ihr bei der Geburt zugewiesenes Geschlecht nicht mit ihrer Geschlechtsidentität übereinstimmt. Manche entscheiden sich deshalb für geschlechtsangleichende Maßnahmen (Hormone und/oder Operationen). Kindern zu erklären, dass es keine Transpersonen gibt (falls das so gemeint gewesen sein sollte), würde bedeuten, ihnen ihre eigene Geschlechtsidentität abzusprechen.