Forschungsfreiheit in der Pflanzenbiotechnologie?

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Welche Zukunft hat der Forschungsstandort Deutschland bei Zukunftstechnologien, fragten viele Wissenschaftler, als BASF im Januar entschied, ihre Pflanzenbiotechnologie ins Ausland zu verlagern. Eine der Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts findet in Deutschland nicht die erforderliche Akzeptanz. Welche Konsequenzen hat dies für die Forschung an Universitäten? Wir sprachen mit Hans-Jörg Jacobsen, Professor für Pflanzenbiotechnologie an der Leibniz Universität Hannover.

Herr Prof. Jacobsen, die industrielle Forschung zur Pflanzenbiotechnologie hat sich weitgehend aus Deutschland zurückgezogen. Wie steht es um die Forschung an Universitäten?
Jacobsen: Die grüne Gentechnik ist noch nicht ganz verschwunden aus Deutschland. An einigen Universitäten und Forschungseinrichtungen und auch in Firmenlabors wird sie noch betrieben. Die Frage ist allerdings: Wie lange noch? Denn auch wir Forscher an den Universitäten führen zunehmend entscheidende Freilandexperimente nicht mehr in Deutschland, sondern in Nordamerika durch.

Woran liegt das?
Jacobsen: Die politische Lage rund um die Pflanzenbiotechnologie hat sich in den letzten Jahren verschlechtert und macht Forschungsaktivitäten auch für Universitäten und wissenschaftliche Einrichtungen schwierig. Die Hindernisse, vor denen wir Forscher stehen, reichen von Feldzerstörungen, die jahrelange wertvolle Forschungsarbeit zunichtemachen, über Koalitionsverträge zwischen roten und grünen Politikern, die zum Ausdruck bringen, dass auf Landesebene keine Forschung der grünen Gentechnik gefördert wird, bis hin zu Angstmeldungen durch manche Medien und durch NGOs, die so ihre Kampagnen finanzieren. Diese Entwicklung hat schon vor langer Zeit begonnen. Als Folge hat sich die Angst vor einer angeblich unbeherrschbaren Biotechnologie in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Nachrichten wie die offizielle Bestätigung der EU-Kommission,  dass Biotechnologie, und insbesondere GMO1, nicht per se mit mehr Risiken behaftet sind als konventionelle Methoden der Pflanzenzüchtung, werden ausgeblendet.

Wie wirkt sich diese Entwicklung auf Ihre Arbeit als Professor an einer deutschen Universität aus?
Jacobsen: Arbeitet man in einem Bundesland wie Baden-Württemberg, in dem die Forschung zur Pflanzenbiotechnologie politisch nicht gewünscht ist und per Koalitionsvertrag nicht mit Landesmitteln gefördert werden darf, kann das zu einem Gewissenkonflikt führen. Ich stelle mir die Frage: Wie weit greifen diese Vereinbarungen in die Forschungsaktivitäten ein? Darf ein Wissenschaftler, der aus Landesmitteln bezahlt wird, mit Drittmitteln ein Gebiet beforschen, das politisch unerwünscht ist? Darf er die vom Land Baden-Württemberg finanzierten Geräte seiner Grundausstattung für ein solches Projekt nutzen? Darf er während seiner vom Land bezahlten Dienstzeit über Projekte zur grünen Gentechnik nachdenken, oder muss er stattdessen Biolandbaumethoden erforschen? Für mich beginnt hier bereits eine Beschränkung der Forschungsfreiheit2, auch wenn Politiker offiziell eine Verletzung des Artikels 5 des Grundgesetzes elegant umgangen haben.

Was bedeutet das Abwandern der Forschung zur Pflanzenbiotechnologie für Deutschland?
Jacobsen: Die Pflanzenbiotechnologie hat global eine wichtige gesellschaftliche Bedeutung. Die Weltbevölkerung wächst, die Zahl der Hungernden nimmt zu, das Klima verändert sich, die Nachfrage nach alternativen erneuerbaren Energieformen steigt. Bei all diesen Trends kann die Pflanzenbiotechnologie zu Lösungen beitragen. Dafür benötigen wir aber weiterhin exzellente Forschung. Ist die Chance vergeben, diese in Deutschland zu betreiben, findet sie im Ausland statt. Dieser Prozess der Auslagerung von Forschung ist in vollem Gange. Im Gegensatz zu vielen anderen Disziplinen lassen sich aber die Ergebnisse nicht so leicht zurückholen, denn die Freilandforschung in der Pflanzenbiotechnologie findet auf Feldern unter anderen klimatischen Bedingungen statt als in Europa. Sie ist auf die jeweiligen Regionen ausgerichtet. Man lässt also vielversprechende Chancen ziehen, obwohl die Entdeckungen und Entwicklungen in diesem Land begonnen haben.

Wie machen Sie persönlich mit ihrer Forschung weiter?
Jacobsen: Sie treffen mich gerade in Kanada an, wo wir Freisetzungsversuche laufen haben. Ich finde hier ein sehr offenes Meinungsklima vor, unsere Arbeit ist erwünscht, und ich habe konstruktive Kollegen an den Universitäten. Was will man mehr?

 

1 genetically modified organism
2 §5 GG „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei

 

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Judith Schrauf-Papadopoulos

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Judith Schrauf-Papadopoulos studierte Germanistik und Computerlinguistik an der Universität Heidelberg. Im DFG-Graduiertenkolleg „NeuroAct“ promovierte sie zum Einfluss von Sinneswahrnehmung, Emotionalität und Metaphorik auf die Sprachverarbeitung. 2010 fing sie bei BASF Crop Protection in der globalen Kommunikation an. Anschließend wechselte sie in den spannenden Bereich der Forschungskommunikation und kümmert sich unter anderem darum, die Forschung bei BASF im Web zu präsentieren. Dr. Judith Schrauf-Papadopoulos

5 Kommentare

  1. Forschungsfreiheit

    In einem Land, in dem das Verfassungsgericht den Vorsorgegedanken über alles stellt, sich bei seinem Urteil keinen fachlichen Sachverstand einholt und fast wortwörtlich die „Argumentation“ von Kampagnen-NGO`s für die Urteilsbegründung übernimmt, sind noch ganz andere Freiheiten bedroht.
    http://www.bverfg.de/…itteilungen/bvg10-108.html
    http://www.dgfz-bonn.de/…_uebt_harsche_krit.html

  2. Forschungsfreiheit

    In einem Land, in dem das oberste Verfassungsgericht den Vorsorgegedanken über alles stellt, in seiner Urteilsfindung keine fachliche Beratung einholt und in der Urteilsbegründung fast wortwörtlich die Gegenargumente von kampagnengetriebenen NGO`s übernimmt, sind noch ganz andere Freiheiten als nur die Forschungsfreiheit bedroht.
    http://www.bverfg.de/…itteilungen/bvg10-108.html
    http://www.dgfz-bonn.de/…_uebt_harsche_krit.html

  3. Forschungsfreiheit – Biotechnologie

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