Dieter Jahn: Geheimsache Forschung?

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Forschungskooperationen zum beiderseitigen Nutzen gestalten

Prof. Dr. Dieter Jahn

Wie Unternehmen und Wissenschaftler gemeinsam forschen, ist in jüngster Zeit immer wieder diskutiert worden. Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft hat dieses Thema für sein neues Gesprächsforum am 7. Juni aufgegriffen und ein Interview mit Professor Dr. Dieter Jahn, Leiter des Globalen Kompetenzzentrums “Science Relations und Innovation Management bei BASF, geführt. Mit freundlicher Erlaubnis des Stifterverbandes übernehmen wir den Text und laden ein zur Diskussion.

Welche Bedeutung haben Kooperationen zwischen Hochschulen und Unternehmen?

Jahn: Für beide Seiten eine enorm hohe, denn viele wichtige Innovationen haben ihren Ursprung im kreativen Umfeld von Hochschulen und wurden dann in Kooperationen mit Unternehmen bis zur Marktreife entwickelt und schließlich in den Markt eingeführt. Prominentes Beispiel aus unserem Unternehmen ist die Entwicklung des Haber-Bosch-Verfahrens zur Ammoniak-Herstellung vor 100 Jahren: Fritz Haber, Professor an der TH Karlsruhe, erfand den Prozess, Karl Bosch und das Forschungsteam der BASF entwickelten ein großtechnisches Hochdruck-Verfahren. Beide erhielten unabhängig voneinander den Nobelpreis für Chemie. Heute hängt ca. 40 Prozent der Welternährung von diesem Prozess ab (1). Dieses Beispiel zeigt auch sehr gut die gegenseitige Abhängigkeit: Weder die Hochschule noch die Industrie können alleine eine solche Innovation erfolgreich gestalten.

Gibt es hierbei auch Konfliktpotenzial?

Jahn: Ja sicher, vor allem wenn man die spezifischen Rollen der Partner in diesem Innovationsprozess nicht berücksichtigt. Universitäten sind nach unserem Verständnis Partner, deren Forschung in erster Linie erkenntnis-, weniger anwendungsorientiert ist. Vorhandenes wirtschaftliches Anwendungspotenzial soll natürlich auch hier umfassend genutzt werden. Die Unternehmen wiederum sind primär an einer schnellen und konsequenten wirtschaftlichen Umsetzung interessiert. Konflikte tauchen typischerweise dann auf, wenn es um die Nutzungsrechte und die Publikation der Ergebnisse geht. Da die Unternehmen im Wettbewerb stehen, sind sie darauf angewiesen, Patentrechte für eine exklusive Nutzung zu erlangen. Für Hochschulen wiederum zählt in erster Linie die wissenschaftliche Publikation der Forschungsergebnisse. Dieser Konflikt kann aber leicht gelöst werden: So vereinbart man üblicherweise, dass das Unternehmen die Ergebnisse vor einer Veröffentlichung für einen beschränkten Zeitraum zum Patent anmelden können und erst anschließend publiziert wird.

Welche Konsequenzen hat die beschriebene Rollenverteilung für die Partner und für die Politik?

Jahn: Die Unternehmen tun gut daran, Kooperationsprojekte mit Universitäten bevorzugt mit längerem Zeithorizont und nahe der Grundlagenforschung mit anspruchsvollem wissenschaftlichen Hintergrund durchzuführen. Den Universitäten  rate ich, sich nicht als verlängerte Werkbank der Industrie zu begreifen, die nur Forschungsaufträge entgegennimmt. Bei der BASF führen wir deswegen Kooperationen mit Hochschulen im Grundsatz nicht als Auftragsforschung durch. Eine solche eigenständige Rolle liegt übrigens auch im Interesse der Wirtschaft, weil auch wir an Hochschulen mit hohem wissenschaftlichen Standard interessiert sind. Für die Politik bedeutet dies, für eine ausreichende Finanzierung der Grundlagenforschung an unseren Universitäten zu sorgen. Sie sollte sich auch nicht falschen Hoffnungen hingeben, dass über Forschungskooperationen Probleme der Grundfinanzierung der Hochschulen gelöst werden können.

Nun gibt es Forderungen, auch die Verträge zwischen den Universitäten und Unternehmen offenzulegen. Wie stehen Sie dazu?

Jahn: Die Unternehmen forschen in einem harten internationalen Wettbewerb. Verträge mit Hochschulen beinhalten wettbewerbsrelevante Informationen, zum Beispiel über Forschungsinhalte, Forschungsleistungen des Unternehmens, finanziellen Umfang der Kooperationen etc. Dies sind Informationen, die wir natürlich nicht öffentlich machen können. Einer unabhängigen Kontrolle verschließen wir uns aber natürlich nicht. Hier sehen wir die Aufsichtsgremien und gegebenenfalls Ministerien in der Pflicht. Diese Aufsicht muss aber auf jeden Fall so durchgeführt werden, dass keine Zeitverzögerung und zusätzliche bürokratische Hürden entstehen. Im übrigen wundere ich mich schon über diese Diskussion, bei der mitunter der Eindruck erweckt wird, die Unternehmen würden den Hochschulen ihr Wissen quasi im stillen Kämmerlein rauben. Dies ist bereits allein aufgrund der vorhandenen gesetzlichen Vorgaben nicht möglich. Darüber hinaus ist unsere Wahrnehmung, dass viele Hochschulen uns als Partner gewinnen wollen, weil für eine öffentliche Förderung zum Beispiel durch das BMBF oder die EU eine Industriebeteiligung notwendig ist und weil wir als kompetenter wissenschaftlicher Partner anerkannt sind, der auch zum wissenschaftlichen Erfolg beiträgt. Gerade bei dem jetzt laufenden Wettbewerb Forschungscampus und beim Spitzen-Cluster-Wettbewerb des BMBF erhielten wir viel mehr Kooperationsangebote als wir annehmen konnten. Wir sehen uns deswegen als ein geschätzter Partner der Universitäten, der in einer fairen Weise die Kooperationen gestaltet.

(1) Quelle: Vaclov Smil “Enriching the Earth”: Fritz Haber, Carl Bosch and the Transformation of World Food Production

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AutorInnen in diesem Gruppenblog: +++ Dr. Peter Erk +++ Peter Erk studierte Chemie an der Universität Würzburg und promovierte zu metallisch leitfähigen organischen Radikalanionensalzen. Nach einem Forschungsjahr an der Stanford University bei Prof. James P. Collman arbeitete er mehrere Jahre im Bereich Pigmentforschung der BASF mit dem Schwerpunkt auf Polymorphie und Grenzflächeneigenschaften von Lackpigmenten. Seit 2001 gestaltet er die Projekte der BASF zu OLEDs und zu Organischen Solarzellen mit und leitet zurzeit die Gruppe Bauteil-Entwicklung für beide Technologien im Joint Innovation Lab Organic Electronics der BASF. Als technischer Projektleiter und Research Director ist er global für die Forschung an organischen Solarzellen zuständig. +++ Anja Feldmann +++ Anja Feldmann studierte Journalistik in Dortmund und Slawistik an der Ruhr-Universität Bochum. Nach längeren Auslandsaufenthalten in Russland und Japan arbeitete sie zunächst als Wirtschaftsredakteurin bei dpa und Reuters. 2002 wechselte sie nach China und war für den DAAD in einer Hochschulkooperation mit der Tongji Universität in Shanghai tätig. Nach ihrer Rückkehr schloss sie sich 2008 der neu gegründeten Forschungskommunikation der BASF SE an und beschäftigt sich unter anderem mit dem Einsatz von Social Media in Wissenschaft und Forschung. +++ Dr. Judith Schrauf-Papadopoulos +++ Judith Schrauf-Papadopoulos studierte Germanistik und Computerlinguistik in Heidelberg. Nach einer Tätigkeit in der internen Kommunikation bei DHL bekam sie ein DFG Stipendium im Graduiertenkolleg "NeuroAct" und promovierte zur kognitiven Sprachverarbeitung. 2010 fing sie bei BASF Crop Protection in der globalen Kommunikation an. Anschließend wechselte sie in den spannenden Bereich der Forschungskommunikation, wo sie sich unter anderem darum kümmert, die vielseitigen Forschungsfelder der BASF im Web zu präsentieren.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das Unternehmen als Forscher

    “Wie Unternehmen und Wissenschaftler gemeinsam forschen, ist in jüngster Zeit immer wieder diskutiert worden. “

    Was die neoliberale Ideologie doch für Blüten treibt. Auf “wie Papst Julius und Michelangelo gemeinsam malten” warten wir noch, aber sicher nicht mehr lange.

  2. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass bei den Forschungsvereinbarungen mehr Transparenz gewünscht wird. Angesichts des großen Anteils von Drittmitteln an der Finanzierung besteht natürlich die Gefahr, dass die Geldgeber auch über einzelne Projekte hinaus Einfluss nehmen.

    Wobei natürlich vor allem die Hochschulpolitik dieses Problem mit ihrem Sparkurs und ihrer Begeisterung für private Gelder zu verantworten hat.

  3. Transparancy in Communications

    Well, Dieter Jahn is right, we don’t need to be ashamed of our BASF – university co-operations. Strangely enough at Achema, the EVONIK logo was on every other stand in Hall 9.2. “Hochschulen”. The BASF logo was not even displayed on posters about our most active co-operative projects. Maybe we need to be more pro-active about this and less restrictive about our logo.

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