Wissenschaft: Ein klares Ja zum Vielleicht

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Gedanken eines Experimentalphysikers
Quantenwelt

Bei Diskussionen mit wissenschaftsfernen oder -skeptischen Menschen gibt es oft Missverständnisse in der Interpretation von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die Naturwissenschaft kann über einfache Vorgänge, wie das Streuen von Elektronen an Protonen, sehr genaues Wissen liefern. Die Sozialwissenschaft kann mit geschickt geplanten und professionell durchgeführten Studien Zusammenhänge sehr präzise deutlich machen. Aber jede Wissenschaft stößt an ihre Grenzen, wenn von Politikern und Steuerzahlern unumstößliche Wahrheiten gefordert werden.

Gibt es neben den bekannten und untersuchten Kräften noch weitere, bisher unentdeckte Vorgänge? Ist Atomkraft sicher genug beherrschbar um mit vorhandenen Abfällen umzugehen? Beruhen die gemessenen kleinen Unterschiede im Verhalten zwischen Männern und Frauen auf geschlechtsspezifische Erziehung oder genetische Disposition? Bei all diesen Fragen kann man als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler nicht von ganzem Herzen mit einem Wort antworten. Die Antwort wird immer kompliziert ausfallen.

Mit einem „Vielleicht“ oder „Wir wissen es nicht“ ist nichts beantwortet. Und viel schlimmer: Diese Antwort wäre ebenso falsch wie das klare Entweder-Oder. Es ist ja nicht so, dass wir gar nichts wissen. Unsere Antworten müssen aber die Voraussetzungen enthalten, auf die wir bauen. Sie können nicht im Leeren stehen und in einem Satz die Wahrheit verkünden. Nun können wir kaum bei jeder Frage die ganze Wissenschaftsgeschichte von Descartes bis heute erläutern. Man wird sich meist eher implizit auf die Tradition berufen, aus der man die Ergebnisse gewonnen hat.

Wenn ich als Physiker eine Frage beantworte, dann setzte ich physikalisches Lehrbuchwissen einfach voraus. In Fachpublikationen ist es nicht üblich, Lehrbücher zu zitieren. Was man in jedem Anfängerbuch findet, wird vorausgesetzt. Ebenso werde ich auf die Frage, wie die Sekunde definiert ist, nicht immer mit einer Ausführung über Messprobleme im Allgemeinen und das Phänomen Zeit im Besonderen eingehen. Eine kurze Erklärung der aktuellen Definition reicht.

Auf die obigen Fragen könnte ich konditional antworten:

Wenn es eine bisher unentdeckte Kraft zwischen Elektronen und Protonen gibt, dann muss sie entweder so schwach sein, dass sie in den präzisen Streuexperimenten stets im experimentellen Rauschen untergegangen ist, oder sie kann nur in sehr ungewöhnlichen Situationen auftreten, die wir bisher nie experimentell untersucht oder beobachtet haben. Vielleicht klappt‘s dann doch mit dem Beamen.

Atomkraft ist dann und nur dann beherrschbar, wenn wir es schaffen, eine unabhängige und effektive Kontrolle aller beteiligten Akteure zu etablieren. Diese Kontrolle muss finanziell und moralisch unabhängig aber zugleich fachlich Qualifiziert sein. Ein Anspruch, der vermutlich nur durch freie, öffentlich finanzierte Forschung und Lehre erreicht werden kann. Und natürlich durch offene und transparente Kommunikation auf allen Ebenen.

Das Verhalten von Menschen wird nachweislich sowohl von äußeren Einflüssen über Erziehung und gesellschaftliche Strukturen als auch durch biologische Faktoren wie genetische Prädestination und hormonell gesteuerte Expression der Gene beeinflusst. Die Trennung dieser Einflussfaktoren ist mit stochastischen Auswertungen empirischer Studien nicht möglich. Daran ändert auch eine komplizierte Abstandsanalyse nichts.

Wie Sie an diesen Beispielen sehen, sind wissenschaftlich haltbare Antworten auf viele alltägliche Fragen mit starken Einschränkungen versehen. Absolut ausschließen können wir eine weitere Kraft nicht, sicheren Umgang mit Atomkraft kann man nur mit Einschränkungen garantieren, die Trennung von gesellschaftlichen von biologischen Einflüssen ist soziologisch kaum möglich.

Aber das bedeutet nicht, dass die Wissenschaften nichts taugen. Ganz im Gegenteil heißt das, dass Wissenschaften mehr bieten können als einfache Antworten auf einfache Fragen. Sie können die Bedingungen ausloten unter denen Fragen beantwortet werden können oder auch nicht. Sie können damit Entscheidungshilfen für politische und gesellschaftliche Fragestellungen geben. Die Entscheidungen selbst sind aber immer Entscheidungen unter Ungewissheit.

Entscheidungen unter Ungewissheit sind ein Thema, das sich in der Betriebswirtschaftslehre großer Beliebtheit erfreut. Fast jede Entscheidung, die ein Manager zu treffen hat, basiert auf lückenhafte oder manchmal sogar fehlerhafte Information. Getroffen werden muss sie dennoch, denn eine Möglichkeit verstreichen zu lassen ist letztlich auch eine Entscheidung. In der Spieltheorie gibt es zwar gewisse Ansätze, wie mit unsicheren Informationen umgegangen werden kann. Da versucht man dann die Gewinn- und Verlustmöglichkeiten auszuloten und zu jedem möglichen Ausgang eine Wahrscheinlichkeit anzugeben. Die richtige Entscheidung hängt dann außer von den Risiken auch von der Risikobereitschaft des Entscheiders ab. Aber auch diese Verfahren basieren auf Zahlen, die nur mehr oder weniger gut abgeschätzt sind. Sie können, wie jede wissenschaftliche Theorie, Hilfsmittel sein. Entscheidungen treffen können sie nicht.

Entscheidungen treffen immer Menschen. Individuelle Entscheidungen treffen wir selbst, Firmenentscheidungen treffen Manager und die Gesellschaft betreffende Entscheidungen treffen gewählte Volksvertreter oder, in Deutschland nur ausnahmsweise, die Mehrheit der motivierbaren Wähler.

Wenn Politiker versuchen, eine Entscheidung auf wissenschaftliche Studien zu reduzieren, geht das fast sicher schief. Vorletztes Jahr hat die Bundesregierung mit einer wissenschaftlichen Studie die Entscheidung über die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke zu rechtfertigen versucht. Prompt wurden die Wissenschaftler angegriffen, die diese Studie verfasst haben. Sie seien nicht unabhängig, weil sie Forschungsmittel von Betreiberfirmen der Kraftwerke bekommen hätten. Tatsächlich war das aber nicht das Problem. Das Problem lag darin, dass die Entscheidung Laufzeiten zu verlängern schon in der Studienvoraussetzung vorgegeben war. Die Studie war so angelegt, dass nur verschieden lange Restlaufzeiten der Atomkraft unter sonst gleichen Rahmenbedingungen miteinander verglichen wurden.
Die Einschränkung der Rahmenbedingungen, war nicht Fehler der wissenschaftlichen Studie. Sie war Resultat einer politischen Entscheidung. Solche Entscheidungen zu treffen ist die Aufgabe von Politikern. Damit habe ich kein Problem. Es war aber ein Fehler, die Studie dann als Grundlage der Entscheidung zu verkaufen. Das war ein durchschaubares Ablenkmanöver.

Wissenschaftliche Studien eignen sich hervorragend, um Entscheidungen zu erleichtern und vorzubereiten. Sie können, wie im gerade genannten Fall, dazu eingesetzt werden, die Folgen einer Entscheidung abzuschätzen. Dazu müssen sie aber ehrlich kommuniziert werden.

Wir leben in einer regelmäßig strukturierten Welt, die sich mit wissenschaftlichem Methoden offenbar recht gut modellieren lässt. Wir müssen außerdem mit Naturgesetzen leben, die sich nicht einfach durch Mehrheitsentscheidungen ändern lassen. Deshalb ist Wissenschaft zur Entscheidungsfindung notwendig. Deshalb ist es wichtig, wissenschaftliche Ergebnisse öffentlich zu diskutieren. Deshalb ist es ärgerlich, wenn wissenschaftliche Ergebnisse in der Tagespresse falsch wiedergegeben werden.

Veröffentlicht von

www.quantenwelt.de/

Joachim Schulz ist Gruppenleiter für Probenumgebung an der European XFEL GmbH in Schenefeld bei Hamburg. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann in der Quantenoptik, in der er die Wechselwirkung einzelner Atome mit Laserfeldern untersucht hat. Sie führte ihn unter anderem zur Atomphysik mit Synchrotronstrahlung und Clusterphysik mit Freie-Elektronen Lasern. Vier Jahre hat er am Centre for Free-Electron Laser Science (CFEL) in Hamburg Experimente zur kohärenten Röntgenbeugung an Biomolekülen geplant, aufgebaut und durchgeführt. In seiner Freizeit schreibt er zum Beispiel hier im Blog oder an seiner Homepage "Joachims Quantenwelt".

10 Kommentare

  1. Zustimmung

    Lieber Joachim,

    als Wissenschaftler, der im Bereich der Politik arbeitet, kann ich Dir da nur völlig zustimmen. Einerseits ist Politik heute mehr denn je auf wissenschaftliche Beratung angewiesen – und ganze Politikfelder, wie z.B. der Klimaschutz, werden durch wissenschaftliche Hypothesen geprägt. Und wer erinnert sich eigentlich noch an die deutsche Panik rund um das von Wissenschaftlern in drastischen Szenarien prophezeite Waldsterben?
    https://scilogs.spektrum.de/…tlich-aus-dem-waldsterben

    Zur Fairness gehört dabei m.E. auch die Erkenntnis, dass nicht nur Politiker bisweilen “die Wissenschaft” vorführen, sondern dass auch umgekehrt Wissenschaftler Argumente suchen, um für sich öffentliche Aufmerksamkeit und Steuergelder zu akquirieren. Gerade auch Fachleute sind bisweilen gerne Lobbyisten in eigener Sache, was die Sache nicht immer einfacher und durchsichtiger macht…

  2. Wissenschaft und Konsequenzen

    Interessanter als so umstrittene Fragen wie die Sicherheit von AKW’s oder die Rolle des biologischen Geschlechts scheinen mir gerade die Fragen, die die Wissenschaft mit recht grosser Sicherheit beantworten kann und wo sich trotzdem oder gerade deshalb die Frage nach den gesellschaftlichen Konsequenzen stellt.

    So ist wissenschaftlich erwiesen, dass es ansteckende Krankheiten gibt und wer selber wissentlich andere ansteckt oder nur schon eine Ansteckung in Kauf nimmt, gefährdet damit die Gesundheit oder vielleicht sogar das Leben eines anderen. Das sieht sogar das Gesetz so. So wurden HIV-Infizierte verurteilt, die andere angesteckt haben. Doch wie steht es mit den Impfverweigern. Diese sind mitverantwortlich dafür, dass z.B. Masern in Europa immer noch nicht ausgerottet sind. Masern können einen invalidiesernden oder gar tödlichen Verlauf nehmen. Müsste das nicht auch sogar juristische Konsequenzen haben für Impfverweigerer?

    Ein anderes Beispiel ist die Malaria, welche eine Million Menschen pro Jahr tötet. Diese Krankheit könnte mit radikalen Methoden wie der Ausrottung der Vektoren (Insekten wie Anopheles) zum Verschwinden gebracht werden. Im Rahmen des universellen Menschenrechts auf Gesundheit/Unversehrtheit wäre es eigentlich die Pflicht der Uno oder aller Länder, die dazu in der Lage sind, diese Krankheit – also die Malaria – zum Verschwinden zu bringen. Die Wissenschaft kennt also Lösungen. Diese Lösungen bleiben aber trotzdem in der Schublade. Wenn es eine Verantwortung der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft gibt, dann doch gerade die, darauf hinzuweisen, dass gewisse Dinge möglich sind und aucht getan werden müssten.

  3. @Michael

    Hi Michael,

    du hast natürlich recht. Wissenschaftler sind nicht selbstlos und stellen ihre eigene Arbeit auch oft in ein zu gutes Licht. Das passiert vor allem in den Zusammenfassungen (abstract) und den abschließenden Bemerkungen in Veröffentlichungen.

    (Es geht jetzt hier absichtlich nicht um Forschungsbetrug, sondern um die “kleinen Sünden” übertriebener Darstellung der Relevanz eigener Forschung.)

    Dagegen hilft aber dieselbe Medizin, die ich hier angedeutet habe: Würde die Tagespresse nicht jede im Abstract angedeutete Sensation dankbar aufgreifen, sondern wissenschaftliche Veröffentlichungen kritische hinterfragen, wäre das ein großer Schritt in die richtige Richtung.

    Das soll jetzt keine Generalkritik sein, es gibt hervorragende Wissenschaftsjournalisten. Aber wir brauchen mehr davon.

  4. Wissenschaft für Bürger

    M.E. geht es bei der ganzen Diskussion gar nicht so sehr darum, dass jede Wissenschaft an Grenzen stößt, das ist doch nur normal, weil man sich immer nur am gegenwärtigen Stand des Wissens orientieren kann und erst wenn es neue Erkenntnisse gibt, dann geht es wieder einen (kleinen) Schritt weiter. Das größte Problem sehe ich darin, dass es kaum mehr unabhängige Forschung gibt und jede “Studie” nur dazu dient, irgendjemanden zu helfen, sich die Taschen zu füllen. Sie haben das anhand der Studie zu den verschieden langen Restlaufzeiten zur Atomkraft recht gut verdeutlicht. Durch die Einschränkung der Rahmenbedingen sollte die Studie wohl auch mehr der Manipulation des Volkes dienen und war gar nicht darauf ausgelegt neue Erkenntnisse zu erlangen, was freilich nicht den Wissenschaftlern, sondern den Lobbyisten und der Politik anzulasten ist.

    Für viele Menschen wird “Wissenschaft” immer undurchschaubarer und unglaubwürdiger, besonders wenn sie sich von der reinen Lehre wegbewegt und anfängt sich in den Dienst von Weltanschauungen und Religionen zu stellen und jede neue Erkenntnis “hingebogen” wird, um das jeweilige Weltbild, oder auch nur eine Werbeaussage, zu stützen. Ich würde es von daher auch begrüßen “wissenschaftliche Ergebnisse öffentlich zu diskutieren”, wie der Autor hier schreibt, und sich nicht nur auf die Tagespresse zu verlassen. Dazu bräuchten wir aber eine etwas andere Kultur.

    Anstatt der unendlich schwachsinnigen Fernsehunterhaltung könnte man z.B. auch lehrreiches zeigen, das den Leuten hilft. Ein kleines Beispiel: Viele Eltern sind bei der Erziehung ihrer Kinder oft verunsichert oder gar überfordert, sie wollen zwar oft nicht mehr so wie ihre eigenen Eltern erziehen, wissen aber nicht, wie sie es besser machen sollen. Eine Bekannte, die eine Zeitlang in Australien lebte, erzählte mir, dass es dort ein Erziehungsprogramm im Fernsehen gäbe, dass von der Universität in Queensland entwickelt wurde und sich auf den aktuellen Wissensstand in Sachen Kindererziehung stütze. Dabei wären auch viele neue wissenschaftliche Erkenntnisse, bezüglich der Entwicklung und Gesundheit von Kindern, mit aufgenommen worden und es gäbe den Eltern Anregungen wie sie die kindliche Entwicklung fördern und eine gute Eltern-Kind-Beziehung aufbauen könnten. Die Fernsehsendungen müssen sich als wahrer Renner entpuppt haben und wurden von den Leuten äußerst positiv aufgenommen. Wissenschaft wurde als gut und bürgernah angesehen. In der Schweiz wird dieses Erziehungsprogramm, das sich Triple P nennt, inzwischen in Form von teuren Kursen vermarktet.

  5. @Joachim

    Ja, ein verantwortungsvoller Wissenschaftsjournalismus wie auch eine lebendige Wissenschaftsbloggerszene werden m.E. immer wichtiger!

    Wobei ich nicht einmal sagen würde, dass die Äußerungen von Wissenschaftlern in Abstracts o.ä. das Problem wären – dort befinden sie sich ja sogar in einem gewissen Korsett.

    Schwieriger wird es bei Interviews, populären Büchern, Zeitungsartikeln, Vorträgen und Fernsehauftritten, bei denen Wissenschaftler ihre Autorität für konkrete Forderungen in die Waagschale werfen können, ohne dass dies peer-reviewt würde. 😉 Die Wissenschaftler leihen damit ihre Autorität spezifischen Forderungen – übrigens sehr oft auch berechtigten.

    Aber das Ganze führt dann zu dem Problem, das ja auch @Mona angesprochen hat: Fast jede einflußreiche und vor allem finanzkräftige Lobby kann sich damit “ihre” wissenschaftlichen Positionen, Autoritäten und ganze Institute, Programme etc. einkaufen. Das wiederum führt zu Mißtrauen sowohl in der Öffentlichkeit wie auch in der Politik ggü. Wissenschaft an sich, die m.E. so nicht berechtigt ist.

  6. Auch ein Wissenschaftler ist ein Mensch.

    .. wie jeder andere. Also in eine bestimmte Gesellschaft hineingeboren, von der er viele Werte und Denkweisen ohne gross zu reflektieren übernimmt. Deutsche Wissenschaflter haben darum die Grundlagen für die Rassenlehre gelegt, die während des Naziregimes eine so grosse Rolle gespielt hat. Die damaligen Wissenschaftler haben natürlich schon von Klein an gewusst, dass es minderwertige Rassen gibt, aber als Wissenschaflter konnten sie das später sogar beweisen und ihre Wissenschaft in den Dienst der Gesellschaft stellen.

    Heute ist das nicht völlig anders auch wenn es heute leichter fällt einen globaleren Standpunkt als Weltbürger einzunehmen.

    Die Beispiele für die Bewältigung von Unsicherheit in der Wissenschaft, die Joachim Schulz hier auswählt, sind zum Beispiel recht spezifisch für Fragen, die sich einem deutschen Akademiker und Bildungsbürger stellen. Es sind vielleicht Fragen von (Zitat)wissenschaftsfernen oder -skeptischen Deutschen an die Wissenschaft gestellt werden, die sich jedoch Menschen anderer Gesellschaften möglicherweise gar nicht stellen.

    Ist Atomkraft sicher genug beherrschbar um mit vorhandenen Abfällen umzugehen?

    Nur für jemanden, der ja oder nein zur Atomkraft sagen kann ist das eine bewegende Frage. Und selbst dann muss man sich fragen was das umgehen mit vorhandenen Abfällen bedeutet. Dazu kommt, dass damit das Augenmerk auf die Risiken der Atomkraft gelegt wird. Doch auch andere Energiequellen haben ihre Risiken.

    Noch deutlicher wird die Kontextabhängigkeit von “Fragen an die Wissenschaft” beim nächsten Beispiel:

    Beruhen die gemessenen kleinen Unterschiede im Verhalten zwischen Männern und Frauen auf geschlechtsspezifische Erziehung oder genetischer Disposition?

    Dahinter ist sofort das Thema Gender, also soziales Geschlecht auszumachen. Die Frage ist zudem völlig irreführend, sogar und gerade dann wenn man einen expliziten Genderstandpunkt einnimmt. Denn unabhängig von gemessenen Unterschieden gibt es offensichtliche Unterschiede zwischen dem durchschnittlichen Verhalten der beiden Geschlechter. Männer sind nicht etwa doppelt so oft Mörder, Vergewaltiger oder begehen schwere Verbrechen als Frauen, sondern sie sind vielleicht 10 Mal so oft Täter und Frauen sind x Mal häufiger Opfer als Täter. Von kleinen aktuellen Unterschieden im Verhalten von Männern und Frauen zu sprechen ist so gesehen ein Hohn. Aber Joachim Schulz meint natürlich etwas ganz anderes und ich will ihn ja nicht missverstehen. Er meint nicht den aktuellen Verhaltensunterschied von Männern und Frauen, sondern die echte Unterschiedlichkeit, genau im Sinne des Genderstandpunkts.

    Und eine überzeugte Verfechterin des Genderstandpunkts kann sich durchaus vorstellen, dass, wenn Männer und Frauen anders erzogen wären, es ganz anders aussähe: Dass also anders erzogene Männer Tag und Nacht an ihre Liebste denken könnten und sich Gedanken machen würden wie sie sie glücklich machen können, indem sie sie richtig bekochen oder sich den Kopf zermartern, welches Accessoire sie ihr schenken könnten, damit sie im Büro einen guten Auftritt hat und ihre Kolleginnen im Kader beindrucken kann.
    Diese anderen Männer hätten natürlich auch ihre Sorgen. Sie würden vielleicht gewisse Viertel und Strassen meiden, weil ihnen dort Frauen nachpfeifen oder sie gar begrapschen und darum vielleicht, wenn es dunkel wird, das Haus gar nicht mehr verlassen.

  7. @Michael

    Hallo Michael,

    Nun können wir doch Wissenschaftlern nicht ernsthaft verbieten wollen, Meinungen zu haben und diese auch öffentlich zu vertreten. Wir können ihnen nicht verbieten, Vorträge und Fachartikel an Interessenverbände zu verkaufen. Auch das ist ihr Job.

    Deshalb ist mein Appell: Diskutiert die Inhalte, nicht die Personen und von wem sie finanziert sind. Wir brauchen gesellschaftliche Debatten zu wissenschaftlichen Themen und das dürfen keine Grabenkämpfe zwischen Interessenverbänden oder Extremmeinungen sein.

    Martin Holzherr macht schön vor, wohin Grabenkämpfe führen. Statt ernsthaft zu überlegen ob Wissenschaft etwas zur Gleichstellung beitragen kann, malt er den Dämon der Rollenumkehr an die Wand. Das macht er geschickt, keine Frage. Ich lese Ihre Kommentare gern, Herr Holzherr. Aber diese Art zu diskutieren, das “Wer nicht für mich ist, ist gegen mich” wird in einer Demokratie, die nach mehr Bürgerbeteiligung strebt, nicht funktionieren.

  8. Anmerkung

    “Wir müssen außerdem mit Naturgesetzen leben, die sich nicht einfach durch Mehrheitsentscheidungen ändern lassen.”

    🙂

    Das fällt mir ja eben erst auf! Stimmt! Die Physik ist zutiefst UNDEMOKRATISCH, wobei ich es erstmal dahingestellt sein lassen will, ob man ihr das zum Vorwurf machen kann.

    Man darf sich aber sicher fragen, ob eine demokratische Entscheidung auch GEGEN gut oder sogar sehr gut abgesichertes naturwissenschaftliches Wissen gefällt werden darf/kann.

    Und natürlich kann man das tun und tut es laufend, denn schon das hier:

    “We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty, and the Pursuit of Happiness.”

    ist naturwissenschaftlich nur schwer haltbar, wiewohl es die Gründungsurkunde der Demokratie ist.

    Aber es stimmt eben nicht, wir sind nicht alle gleich geschaffen, und ich will jetzt gar nicht auf “gender” oder “sex” hinaus, es reicht, wenn ich Zwerge und Riesen, blonde und schwarzhaarige anführe. Die Verfasser der Declaration of Human Rights waren naturwissenschaftlich schlecht beraten. Zum Glück. Denn wie klänge denn das:

    “We hold these approximations to be scientifically acceptable, that all modern men are descendants of a common ancestor, yet equipped with a considerable genomic and somatic diversity and sets of certain Rights they attribute to themselves depending on race, creed, status and historical moment.”

  9. @Joachim Schulz: Fragen sind politisch!

    Wo endet Wissenschaft und wo beginnt Weltanschauung. Diese Frage stellt sich sehr schnell: Sobald wissenschaftliche Erkenntnisse nämlich Konsequenzen haben sollen.
    Ein Satz wie

    Statt ernsthaft zu überlegen ob Wissenschaft etwas zur Gleichstellung beitragen kann…

    offenbart ja gerade dass bei dieser Frage die reine Wissenschaft schon verlassen wurde. Hier will ein Wissenschaflter also etwas zur Gleichstellung beitragen und er glaubt damit etwas Gutes zu tun. In einer anderen Gesellschaft könnte dieselbe Absicht aber als Verletzung der gottgegebenen und -gewollten Geschlechtsunterschiede aufgefasst werden und ein Wissenschaflter der so etwas äusserte wie ob Wissenschaft etwas zur Gleichstellung beitragen kann wäre dann eben kein “Guter”, sondern ein Häretiker, der den Menschen und der Gesellschaft Schlechtes bringen will.

    Ein gutes Beispiel für die Probleme an der Wissenschaft-/Menschen- und Gesellschaftsschnittstelle ist die Klimaforschung. Klimaskeptiker, aber nicht nur die, werfen der Mehrzahl der Klimatologen immer wieder vor, sie verbreiteten Weltanschauungen und keine Wissenschaft. Es sei beispielsweise auffällig, dass bis zu 1/3 der IPCC-Klimaforscher Mitglieder von WWF oder Greenpeace seien. Diese Zahlenverhältnisse stimmen. Doch diese Mitgliedschaft macht die Wissenschaftler ja nicht automatisch zu Ideologen. Es beeinflusst sie aber schon. So ist bei deutschen aber auch Klimatologen anderer Nationen die Meinung verbreitet, nur Erneuerbare Energien, nicht aber AKW’s seien der richtige Ersatz für die fossilen Energien. Damit gehen diese Klimatologen aber über die Forderungen der reinen Wissenschaft hinaus. Wenn die Klimatologie eine Zusammenhang zwischen anthropogenem CO2 und der Klimaerwärmung konstatieren, können sie streng genommen daraus nur ableiten, dass der Mensch die CO2-Produktion reduzieren sollte, wenn er das Klima nicht verändern will. Doch eine solch minimale Forderung ist vielen Klimatologen dann doch zuwenig. Wenn der Mensch sein Verhalten aufgrund klimawissenschaftlicher Erkenntnisse ändern muss, dann bitte richtig, denken sich diese Klimatologen wohl. Damit verlassen sie aber die Wissenschaft.

    Und das sollten sie ehrlicherweise auch offenlegen.

  10. Wissenschaft und Bekenntnis

    Mit einem „Vielleicht“ oder „Wir wissen es nicht“ ist nichts beantwortet. Und viel schlimmer: Diese Antwort wäre ebenso falsch wie das klare Entweder-Oder.

    Also soll der Wissenschaftler, wenn er etwas zu wissen meint, sich zu diesem Wissen auch bekennen. Von Joachim Schulz wurde ja schon ein kleines Benntnis zur Geschlechtergleichheit abgegeben.

    Doch vom Bekenntnis zur Geschlechtergleichheit ist es nicht mehr weit zum Bekenntnis, dass Homosexualität keine Verirrung der Natur sei und keine Perversion, die Gott verurteilt, sondern eine Variante mit der unsere Gesellschaft leben kann. Das ist ja immer noch die offizielle Haltung in unserer Gesellschaft und wird auch von den meisten Wissenschaftlern gedeckt. Nur wie lange noch?

    Heute liest man im Spiegel unter dem Titel

    Zwei Jahre Haft für Hass-Flyer gegen Schwule

    Drei Muslime hatten mit Flugblättern zur Exekution von Homosexuellen aufgerufen, nun sind im britischen Derby zu Haftstrafen verurteilt worden. Polizei und Schwulenvertreter feiern den Richterspruch als Meilenstein.

    Wir dürfen ziemlich sicher sein: Die Muslime, die für ihr Flugblatt verurteilt werden, ändern in der Haft ihre Meinung nicht und viele Muslime hier in Europa und anderswo denken gleich wie die Verurteilten.

    Die Verurteilung bedeutet wie im Spiegel als Titel geschaltet: “Niemand muss wegen seiner sexuellen Orientierung Angst haben”.

    Doch die Zeiten werden sich ändern und nicht unbedingt in die Richtung von mehr Libertinage. Selbst für Wissenschaftler dürfte es in einer anderen Umgebung schwierig werden zu ihrer wissenschaftlichen Einsicht zu stehen. Vielleicht schweigen sie dann zuerst um später vielleicht sogar die von der neuen Umgebung gewünschten “wissenschaftlichen Erkenntnisse” zu verbreiten.

    Wie Helmut Wicht schon in einem Kommentar hier angetönt hat, siegt im allgemeinen die Politik (oder auch die Religion) über die Wissenschaft. Nicht immer zum Schaden der Wissenschaft.

    Das mögliche Verhältnis Wissenschaft zu Gesellschaft könnte man grob so einteilen

    – Die Gesellschaft lässt sich von der Wissenschaft leiten und ändert wegen neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse auch Lehre und Praxis bis hin zur gesellschaftlichen Fragen wie denen der “richtigen Behandlung” von Delinquenten oder “Dissidenten”.

    – Die Gesellschaft akzeptiert neue wissenschaftliche Erkenntnisse ungeteilt und tranportiert sie ohne Barrieren in die Schulen, Firmen, Publikationen. Sie sieht aber keinen Grund unmittelbare Konsequenzen in der Lebenspraxis zu ziehen

    – Die Gesellschaft akzeptiert die Publikation neuer Erkenntnisse, überlässt es aber den föderalen Unterstrukturen wieweit sie in der Schule und Lehre Einzug halten sollen (in den USA wird die Evolutionslehre in gewissen Staaten nur in Kombination mit “alternativen Erklärungen” (aka Schöpfungsgeschichte) zur Artenentstehung gelehrt).

    Ganz am Schluss dieser Unterteilung steht eine Gesellschaft, in der die Wissenschaft sich der Politik und oder Religion unterordnen muss. Beispiele dafür kennen wir alle.

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