Von Evolution zum Konstruktivismus

Wie ich in einem anderen Zusammenhang schon geschrieben habe, wird die Evolutionstheorie oft falsch verstanden. Die natürliche Auslese, eines der Grundprinzipien der Evolution, ist keine Auslese der besten Individuen, sondern ein Ausscheiden der erfolglosen Gene. Das hat weitreichende Konsequenzen.

Im Wesentlichen basiert Evolution wie ich sie verstehe auf drei Vorgängen: Zufällige Mutation einzelner Gene in den Keimzellen erzeugen neue Erbinformationen. Diese wirken sich oft neutral oder schädlich, manchmal aber auch positiv aus. Die Verschmelzung von Samen- und Eizelle erzeugt zufällige Mischungen aus dem elterlichen Genpool, die unterschiedliche Auswirkungen haben können. Zuletzt sorgt die Selektion dafür, dass sich allzu schädliche Gene langfristig nicht durchsetzen können.

Es gibt einen qualitativen Unterschied zwischen Evolution und Zuchtauswahl. In der Tierzucht hat der Züchter ein Ziel. Er möchte möglichst schnelle Pferde oder langohrige Kaninchen züchten und wählt die Viecher zur Weiterzucht aus, die dem Ideal am ehesten entsprechen. Auch er ist (sehen wir mal von der Gentechnik ab) auf zufällige Mutation und glücklichen Zufall bei der Kombination der Erbanlagen abgewiesen, aber mit der richtigen Auswahl an reinerbigen Langohrkanninchen oder Rennpferden aus traditionsreichen Gestüten hat er einen erheblichen Einfluss auf das Zuchtergebnis. Vor allem aber kann er seine Tiere in jeder Generation mit dem Ziel vergleichen und die geeignetsten Kandidaten zur Weiterzucht auswählen.

Die Evolution dagegen kennt kein Ziel und sie wählt nicht aktiv die besten Individuen einer Generation zur Paarung aus. Der Erfolg eines Individuums und damit seiner Gene hängt nicht zuletzt von äußeren Umständen ab und es kann durchaus vorkommen, dass ein in beinahe allen Punkten unterlegenes Individuum größeren Paarungserfolg hat, als sein überlegener Konkurrent. Das erklärt, warum es eine so große Vielfalt im Tierreich gibt. Es zeigt außerdem, wie unsinnig die Idee ist, der Mensch könnte die Spitze einer zielgerichteten Entwicklung sein, der bisherige Höhepunkt der Entwicklung auf das perfekte Lebewesen hin.

Gene setzten sich in der Evolution durch, wenn sie nicht scheitern. Dabei müssen sie nicht unbedingt einen Vorteil für den Organismus bewirken. Es reicht, wenn sie nicht direkt nachteilig sind. Natürlich stimmt es, dass Gene besonders große Chancen haben, wenn sie zur Reproduktion eindeutig vorteilhaft sind, ihre Träger also tatsächlich zu den besten machen. Aber das ist nicht Voraussetzung. Wir haben viele sehr alte Gene, die nicht unbedingt von Vorteil sind.

Zum Konstruktivismus

Ernst von Glasersfeld, einer der Begründer des radikalen Konstruktivismus, hat in einem Vortrag Mitte der 80er Jahre den Vergleich mit der Evolution benutzt um seinen erkenntnistheoretischen Standpunkt zu erläutern. Ich habe das Buch, in dem der Vortrag abgedruckt ist, nach einigen Jahren mal wieder aus dem Bücherschrank geholt und mit neuem Interesse darin gelesen.

Wenn wir mit offenen Augen durch die Welt gehen und die Zusammenhänge zu verstehen versuchen, haben wir oft einen naiven Realismus im Kopf. Wir nehmen an, dass uns unsere Sinne ein direktes Abbild der Realität geben und dass wir die Welt umso genauer erkennen, je exakter wir unsere Messmethoden ausfeilen. Tatsächlich haben wir aber gar keinen von der Wahrnehmung unabhängigen Zugriff auf irgendeine Realität. Wir müssen zugeben, dass die Annahme, es gäbe da draußen eine Realität Metaphysik ist. Physikalisch experimentell beweisen können wir die Realität nicht.

Was wir haben sind Wahrnehmungen, die wir durch Instrumente verfeinern und erweitern können, und Theorien. Die Theorien der Physik machen immer Aussagen über die Wahrnehmungen. Oft machen sie aber darüber hinausgehende Aussagen. Zum Beispiel behauptet die Quantenmechanik in ihrer Standardinterpretation, dass es echten Zufall gibt. Die Viele-Welten-Interpretation behauptet dagegen, dass das Universum sich ständig in unzählige Unterbereiche aufspaltet. Nicht zuletzt behauptet die Quantenmechanik in jeder beliebigen Interpretation, dass es Wellenfunktionen gibt, obwohl diese nicht direkt wahrnehmbar sind.

Ähnlich wie in der Evolutionstheorie die Gene nicht danach ausgesucht sind, am besten in einen Plan zu passen, werden in der persönlichen Welterkenntnis und in der Wissenschaft die Theorien nicht danach ausgewählt, wie nahe sie an der Realität sind. Theorien können sich nur an Wahrnehmungen und Experimenten messen und an ihnen scheitern. Es gibt aber keine Garantie, dass eine Theorie, die an keinem Experiment gescheitert ist, irgendwie der Realität nahekommt. So wenig wie es eine Garantie gibt, dass eine evolutionär erfolgreiche Tierart optimal an ihre Umgebung angepasst ist.

Radikale Konstruktivisten betrachten Theorien nicht als Abbildungen der Realität, sondern als Konstruktionen, die versuchen Wahrnehmungen miteinander sinnvoll zu verknüpfen. Diese Konstruktionen können sich bei weiteren Experimenten bewähren oder sie können scheitern. Zu keiner Zeit sind sie aber etwas anderes als menschengemachte Konstruktionen. Wir finden Naturgesetze nicht, wir konstruieren sie.

Ich habe lange darüber nachgedacht, wo der entscheidende Unterschied des Konstruktivismus zu Poppers kritischen Rationalismus ist. Mit meinem Mitblogger Dierk Haasis von den Chronologs bin ich einig geworden, dass es in der wissenschaftlichen Praxis keinen Unterschied gibt. Was die radikalen Konstruktivisten das Scheitern einer Theorie nennen, nennt Popper Falsifikation. Konzeptionell gibt es aber einen Unterschied. Popper fordert Falsifizierbarkeit von einer wissenschaftlichen Theorie. Er geht also davon aus, dass die Welt da draußen existiert und hinreichend strukturiert ist, um durch Experimente erfahrbar zu sein. Konstruktivisten dagegen fordern von wissenschaftlichen Theorien nichts als dass sie zu Experimenten und direkten Wahrnehmungen passen.

Manche Naturwissenschaftler scheinen auf Konstruktivismus allergisch zu reagieren. Die Aussage, dass wir uns die Naturgesetze ausgedacht, sie konstruiert haben, klingt ihnen zu beliebig. Ich möchte aber zu bedenken geben, dass Popper in diesem Punkt auch nichts anderes sagt. Man nennt seine Richtig deshalb kritischen Rationalismus, weil er mit den Rationalisten davon ausgeht, dass Erkenntnis im Wesentlichen durch Nachdenken erlangt wird. Durch das Aufstellen von Theorien, die dann kritisch am Experiment überprüft werden.

Auch der Vorwurf der Beliebigkeit kann entkräftet werden. Zwar lassen die Konstruktivisten im Prinzip auch Theorien zu, die gar keine Aussagen über Wahrnehmungen machen, aber solche Theorien sind langweilig. Kaum ein Wissenschaftler oder interessierter Laie wird ich mit ihnen aufhalten. Interessante Theorien machen stets überprüfbare Aussagen und können damit scheitern. Auch der Konstruktivismus öffnet Pseudowissenschaften nicht Tür und Tor, denn diese machen in aller Regel durchaus überprüfbare Aussagen und würden auch von Konstruktivisten als gescheitertes Konstrukt erkannt werden.

Wenn jemand, wie in meinem Viele-Welten-Artikel geschehen, Metaphysik vollständig ablehnt, dann empfehle ich den Konstruktivismus als Alternative. Denn dieser kommt tatsächlich ganz ohne die nicht nachweisbare Annahme einer Realität aus. Ich bin, die Offenbarung sei mir erlaubt, im Alltag ein naiver Realist.

Anmerkung
Dies ist die eine Hälfte eines Doppelblogs. Über das selbe Thema habe ich zugleich einen zweiten Text auf Quantenmeinung verfasst.

Veröffentlicht von

www.quantenwelt.de/

Joachim Schulz ist Gruppenleiter für Probenumgebung an der European XFEL GmbH in Schenefeld bei Hamburg. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann in der Quantenoptik, in der er die Wechselwirkung einzelner Atome mit Laserfeldern untersucht hat. Sie führte ihn unter anderem zur Atomphysik mit Synchrotronstrahlung und Clusterphysik mit Freie-Elektronen Lasern. Vier Jahre hat er am Centre for Free-Electron Laser Science (CFEL) in Hamburg Experimente zur kohärenten Röntgenbeugung an Biomolekülen geplant, aufgebaut und durchgeführt. In seiner Freizeit schreibt er zum Beispiel hier im Blog oder an seiner Homepage "Joachims Quantenwelt".

68 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Oh ja…

    Auch mich hat der Glasersfeld damals bei der Diss zur sog. “Neurotheologie” sehr begeistert. Der Konstruktivismus war und ist m.E. der beste Weg, um auch die Ergebnisse der Hirnforschung aufzugreifen, die ja ebenfalls unseren naiven Realismus hinterfragen (und zugleich dessen Evolutionsgeschichte verdeutlichen). Und ich denke, das heutige Generationen durch den zunehmend selbstverständlichen Umgang mit virtuellen Realitäten, Cyberkultur(en) usw. durchaus auch leichter lebensweltliche Zugänge zum (auch radikalen) Konstruktivismus finden können – zumindest fiel mir das z.B. bei der Analyse von Shadowrun-Romanen sehr auf. Danke für den schönen Blogpost, der Erinnerungen hochgespült hat! 🙂

  2. Konstruktivismus

    Ein sehr sehr schöner Artikel, danke!

    Hierzu noch eine kleine Anmerkung:

    Diese Konstruktionen können sich bei weiteren Experimenten bewähren oder sie können scheitern.

    Der Konstruktivist ist eigentlich noch wesentlich “trockener”: Theorien, die bekanntlich beschreiben und/oder erklären und/oder bei der Prädiktion hilfreich sind – wobei mindestens ein Aspekt abgedeckt sein muss, scheitern nicht, sondern verlieren Anhänger und geraten im schlimmsten Fall in Vergessenheit.

    Selbstverständlich ist es nicht schön, wenn eine Theorie empirisch “scheitert”, aber es genügt für eine Theorie ein einziger (am besten: sich wiederholender) Anwendungsfall, um einen Wert zu erhalten.

    Demzufolge wird dann auch bei Theorien, die empirisch zu nagen haben, hinzugebaut oder sonstwie ausgeholfen. Man postuliert dann auch gerne bisher Ungemessenes, meist etwas Dunkles. – Und das ist auch grundsätzlich gut so.

    MFG
    Dr. Webbaer

    PS: Die Realität (Sachlichkeit) und der diesbezügliche Ismus sind natürlich “nicht ganz” unproblematisch (Wo hört der Tisch/die Katze auf, wo fängt er/sie an?), die Wirklichkeit oder die Welt oder das Universum bieten sich hier begrifflich als Varianten an.

    PPS: Sorry wg. der drei Versuche, das Quoten erwartet überraschenderweise Whitespace nach dem Zitat…
    Gerne Version 1+2 löschen, danke.

  3. Sexuelle Selektion

    Zu ergänzen wäre vielleicht noch, dass die sexuelle Selektion eine gewisse Zucht darstellen kann, die automatisch abläuft und dann eine gewisse “Richtung” haben kann, zB beim Pfauenschwanz hin zu Größe und deutlicheren Augen bei der intersexuellen Selektion oder bei dem Geschlecht, das um das andere Geschlecht körperlich konkurriert zu mehr Größe und höherer Körperkraft in der intrasexuellen Selektion.

  4. Evolution und Lebensraum

    Ich möchte hier nicht auf den Konstruktivismus eingehen, sondern den Gedanken verfolgen, warum bestimmte Theorien oder Lebewesen wieder verschwinden und andere sich grosser “Gesundheit” erfreuen und sich vielfältig entwicklen.

    Was lässt eine Theorie oder ein Lebewesen überleben?
    Ein weitverbreiterter Denkfehler lässt alle Lebewesen mit allen anderen konkurrieren, wobei dann die “besten” überleben oder die “schwächsten” eliminiert werden.
    Solch einen Konkurrenzkampf um begrenzte Ressource gibt es tatsächlich – und zwar sowohl in der Biologie als auch in einer Wissenschaft wie der Mathematik und der Physik. Die begrenzte Ressource in der Mathematik ist beispielsweise die Anzahl der wirklich qualifizierten Mathematiker. Gibt es zuwenig Mathematiker oder auch Physiker, die sich mit einem bestimmten Untergebiet, einer Untertheorie der Physik beschäftigen, so “stirbt dieses Gebiet, diese Theorie” aus. Das heisst, sie überlebt eventuell noch in ein paar Büchern oder Internetseiten, ist aber sonst so tot wie Latein als Kommunikationssprache.

    In der Biologie gibt es aber für Lebewesen die Möglichkeit dem Kampf um begrenzte Ressourcen zu entgehen, in dem sie sich einen neuen Lebensraum eröffnen, den andere meiden oder der anderen verschlossen bleibt. Dies ist der Grund, dass das Leben sich in immer neue Gefilde ausbreitet. Darum gibt es Vögel oder Lebewesen, die in finsteren Höhlen wohnen und mehrzellige Lebewesen anstatt nur Einzellige. Mehrzellige Lebewesen sind evolutiv betrachtet nicht “höhere” Lebewesen, sondern Lebewesen, die sich einen Lebensraum geschaffen haben, der vorher ungenutzt blieb, der Raum des Makroskopischen nämlich, den Einzeller höchstens in Form von Zellanhäufungen nutzen konnten.

    Auch im theoretischen Raum der Mathematik und Physik gibt es neue Lebensräume, in die Pioniere vordringen können. In der Physik z.B. gibt es einen immer grössere Bedeutung von spekulativen Theorien wie der Stringtheorie. Diese Theorien stehen zwar nicht im Widerspruch zu den Beobachtungen, zu den Experimenten, sie werden aber auch nicht gestützt durch Experimente. Zugleich versprechen sie radikal neue Welterklärungen, die in ihrer Allgemeinheit alles übertreffen was es schon gibt. Solche Theorien schaffen einen neuen “Lebensraum”, besser vielleicht sogar “Theorieraum” genannt, der den Physikern, die sich damit beschäftigen ganz neue Denkmöglichkeiten eröffnet, die zudem nicht in Gefahr sind durch schnöde Beobachtungen unmittelbar in Gefahr zu geraten.

    Allerdings hört hier die Analogie zur Biologie schon auf. Denn theoretische Physiker können sich nicht wie Lebewesen fortpflanzen, sie können höchstens ihre potentiellen Nachfolger motivieren. Zudem sind sie von finanzieller Unterstützung abhängig, so dass man sie in der Analogie zur Biologie vielleicht sogar als parasitäre oder mindestens symbiontische Geschöpfe auffassen könnte.

    Es gibt also viele Möglichkeiten evolutionäre Mechanismen auch an anderen Orten als der Biologie am Werk zu sehen. Allerdings ist die Biologie schwer zu übertreffen, vor allem weil die Träger der Evolution in der Biologie sich physich reproduzieren, währen Physiker das nicht tun, denn Physiker sein ist ja mehr eine Rolle als etwas Eingeborenes.

  5. Evolutionismus

    @Holzi
    Sie sind hier womöglich ein wenig zu biologistisch unterwegs. Theorienmengen sind primär an Datenträger gebunden, die es Erkenntnissubjekten erlauben bei Bedarf Information zu extrahieren. Dies geschieht unabhängig von ‘Lebensräumen’ wie ‘Physikerreplikationen’, sondern auf Grund von Ideen, die wiederum -eine geeignete Kodierung vorausgesetzt- kulturtragend sind und nicht personen- oder gruppengebunden.

    Erfahren Sie sich vielleicht am besten informationsgebunden und sachtragend, wenn das einmal so gefordert werden darf.

    Konstruktivistische Konzepte sind etwas Natürliches, sofern nur diese Aussage angenommen werden kann – ‘Aussagen zu einer Sache oder einem diesbezüglichen Verhalt sind für den Systematiker zuerst als Aussagen zu einer Sache oder einem diesbezüglichen Verhalt zu bearbeiten!’ -,dann ergibt sich der Rest fast von allein.

    Höhlengleichnisse müssten dann nicht einmal bemüht werden.

    HTH
    Dr. Webbaer

  6. @Dr. Web: Theorien ! personengebunden?

    Sind Theorien nicht personengebunden?

    Sie schreiben:

    Theorienmengen sind primär an Datenträger gebunden, die es Erkenntnissubjekten erlauben bei Bedarf Information zu extrahieren. Dies geschieht unabhängig von ‘Lebensräumen’ wie ‘Physikerreplikationen’, sondern auf Grund von Ideen, die wiederum -eine geeignete Kodierung vorausgesetzt- kulturtragend sind und nicht personen- oder gruppengebunden.

    Diese Aussage ist zugegeben nicht biologistisch wie mein Kommentar Evolution und Lebensraum, dafür aber idealistisch, indem sie Theorien ein Leben unabhängig von Personen gibt.

    Wenn sie schreiben

    Theorienmengen sind primär an Datenträger gebunden, die es Erkenntnissubjekten erlauben bei Bedarf Information zu extrahieren

    so haben sie prinzipiell – nämlich theoretisch – recht. Doch Theoriengebäude verstehen und sie weiterentwickeln benötigt qualifizierte Theoretiker und nicht nur eine Kultur, die das trägt. Die Aussage Erkenntnissubjekte, die bei Bedarf Information extrahieren verkennt den Aufwand der mit dem Verstehen der Information verbunden ist.

    Nicht die Summe alles Existierenden macht unsere Kultur aus. Das wäre heute – im Zeitalter der Daten- und Ideenexplosion (ein Physiker würde vielleicht von Inflation sprechen) auch gar nicht mehr möglich. Eine lebendige Kultur benötigt Investments/Ressourcen/Kulturträger. Und damit kommen sehr schnell evolutive Kräfte ins Spiel. Theorien konkurrieren dann um vielfältige Ressourcen, die von der nötigen finanziellen Unterstützung bis zum Lehrauftrag oder der Vermittlung im Wissenschaftsdiskurs geht.

    Zugegeben das hat alles nichts mit dem Konstruktivismus zu tun. Den Zusammenhang Konstruktivismus Evolution sehe ich im Moment noch nicht.

    Allerdings stellt Joachim Schulz diesen Zusammenhang über den Realitätsbegriff her. Sein Startpunkt ist die Selektion des “Richtigen” durch die Realität (Realitätstest) und die Vorstellung, dass ein traditioneller Ansatz die Realität in einer Abbildung modellieren möchte während der Konstruktivismus einen freieren lego-artigen Ansatz wählt, wobei die Legosteine fast frei gewählt sind und sich das Legogebäude nicht nur im Realitätstest beweisen muss sondern auch in der Qualität der Legobausteine. Die Legobausteine müssen dabei überhaupt nichts mit der Realtität zu tun haben. Dem stimme ich natürlich völlig zu.
    Mein Punkt war allerdings ein anderer. Zugegeben, mein biologistischer Kommentar hat sich mit etwas anderem beschäftigt als um das, was es Joachim Schulz überhaupt ging.

    So wie Joachim Schulz den Konstruktivismus darstellt, scheint er mir besser zu so “exotischen” Konzepten wie Quantum entanglement zu passen als der Ansatz des Modellierens nach der Natur.

  7. Es geht um Konstruktivismus

    Mein alter Kommentar Evolution und Lebensraum ist (nach nochmaligem Lesen des Beitrags von Joachim Schulz) off-topic.
    Bitte vergessen.
    Hier geht es um Konstruktivismus und nicht um Evolution und Joachim Schulz hat das Wort Evolution wahrscheinlich vor allem darum in den Titel aufgenommen, weil dieses Thema (die Evolution) momentan ein ungenanntes Bloggewitter zu sein scheint.

  8. Evolution im Titel

    @Martin Holzherr

    Nein, es geht durchaus auch um Evolution. Das nimmt immerhin ungefähr 1/3 des Textes aus. Allerdings um einen bestimmten Aspekt. Ich freue mich immer, wenn sich Kommentare auf den Text und nicht nur auf ein Stichwort in der Überschrift beziehen.

    Dass es einen Bezug zu Michael Blumes Blog gibt, ist Zufall. Der Text war fast fertig, als ich Michaels Frage sah. Da habe ich kurzerhand einen Link eingebaut.

  9. Starrer Konstruktivismus?

    Hm, verstehe ich nicht ganz. Du schreibst “Popper fordert Falsifizierbarkeit von einer wissenschaftlichen Theorie.” Das bedeutet doch letztlich, dass eine Theorie falsifizierbare Vorhersagen machen muss, die eine bestehende Theorie nicht macht, um als “bessere” Theorie zu gelten, oder? Wenn der Konstruktivismus, so wie Du ihn beschreibst, nur darin besteht, das was wir schon wissen in ein Konstrukt einzubauen, worin besteht dann im Konstruktivismus der Fortschritt?

  10. Zwei Arten von Wissenschaftsforschung

    Man muss unterscheiden zwischen normativer Wissenschaftstheorie und deskriptiver. Eine normative Theorie versucht bestimmte Erkenntnistechniken zu rechtfertigen; eine deskriptive Theorie verhält sich da skeptischer (und geht nicht unbedingt davon aus, dass jeder Schritt in der Wissenschaft ein Fortschritt ist). Konstruktivismus kann beides.

  11. Fortschritt im Konstruktivismus

    @Stefan Taube:
    Nach dem Kommentar von @Erbloggtes muss ich hier zwei Antworten geben:

    1) Als deskriptive Theorie beschreibt Konstruktivismus die selbe Wissenschaft wie Popper. Ich finde sogar noch treffender, denn oft ist Falsifizierbarkeit gerade bei ganz neuen Theorien anfangs kein Thema. Manchmal werden Theorien einfach bevorzugt, weil sie einfacher oder eleganter sind.

    Man nehme die spezielle Relativitätstheorie (SRT) gegen den Lorentz-Äther. Die Theorien sagen exakt dasselbe. Beide beschreiben dieselben Phänomene. Nur ist die SRT viel eleganter. Der Konstruktivismus lässt beide Theorien zu. Popper allerdings auch. Die Forderung, dass eine neue Theorie mehr beschreiben muss, als die alte, stimmt nicht immer.

    2) Als normative Theorie könnte man Konstruktivismus den Vorteil zusprechen, dass sie mehr Freiheiten lässt. Man probiert einfach eine neue Theorie aus und wird sehen, ob sie sich bewährt.

    Eine Theorie, die keine Voraussagen macht, ist im schlimmsten Fall nutzlos, dann wird sie durchfallen, weil sie niemand braucht. Aber das Austesten neuer Ansätze ohne Einschränkung kann tatsächlich zu neueren Ansätzen führen, die sich dann vielleicht bewähren.

  12. Theorienkonkurrenz

    In der Wissenschaftsgeschichte ist Kopernikus ein wichtiges Beispiel für die Konkurrenz zwischen verschiedenen Theorien. Geozentrismus und Heliozentrismus waren zu seiner Zeit empirisch gleich gut belegt. Martin Carrier hat die revolutionäre Entscheidung für den Heliozentrismus damit erklärt, dass der Neoplatonismus vor Kopernikus einen Aufschwung erlebte und Gott mit Sonne identifizierte, um die sich alles drehen müsse.

    Es ist (deskriptiv) davon auszugehen, dass auch Wissenschaftler heute ähnliche Motive haben. (normativ) ist es deshalb sinnvoll, diese zu reflektieren. Dazu zeigen Sie Ansätze in Ihren Blogs, meine ich. Finde ich gut!

  13. Evolutionion / Konstruktivismus

    @Holzi
    Der obige Kommentar hatte Experimentalcharakter, weil es dem Webbaeren unklar blieb, was Sie eigentlich geschrieben haben.

    Jetzt ischt besser. Zu ‘Den Zusammenhang Konstruktivismus Evolution sehe ich im Moment noch nicht.’ vielleicht noch: Die Evolution ist sowas wie ein ‘Es ist, weil es ist, und es ist so, wie es ist, weil es so ist, wie es ist.’, d.h. man versteht’s nicht so recht, kann es biologisch und auch in anderen Systemen aus dem Ex Post heraus beschreiben, aber man weiß nicht was los ist. – Irgendwie greifen Regelmengen (vom Menschen verstanden u.a. als Naturgesetze) auf Zustandsmengen, man weiß nicht, ob hier sicher getrennt werden kann, und dann passiert etwas, das zumindest nicht vollständig chaotisch ist und zumindest partiell Sinn macht.

    Der Konstruktivismus ist die Methode derartige Theorien, hier: die ET, zu verwalten und einige (nicht letztlich beantwortbare) Fragen auszuklammern.

    MFG
    Dr. Webbaer

  14. Tatsächlich ist es so, dass die meisten meiner KollegInnen (NaturwissenschaftlerInnen) sind, ebenso wie viele andere mir bekannten NaturwissenschaftlerInnen.

    Ich kann noch weniger Unterschiede zwischen kritischen Rationalismus und Konstruktivismus erkennen, als im Text oben schon angesprochen wurde.

    Poppers Vorstellung von einer Welt “da draußen” zielt doch auf etwas anderes ab.
    Für Popper ist die “Realität” niemals entgültig erfahrbar, wir können uns niemals sicher sein, ob unsere Theorien die Welt “richtig” beschreiben. Es ist für uns niemals entgültig erfahrbar ob eine unserer Theorien wahr ist. Das bedeutet aber nicht, dass es so etwas wie “Wahrheit” nicht gibt.

    Der Begriff der “Realität”, der “Wahrheit”, der “tatsächlichen Welt da draußen” ist ein notwendiger Begriff, eine notwendige Vorstellung. Wenn wir diese Vorstellung aufgeben, dann besitzen wir kein Mittel mehr unsere Theorien zu hinterfragen.
    Für Popper ist alles Ideologie, die Falsifikation ist aber eine Methode (nicht _die_ wissenschaftliche Methode, wie er nicht müde war zu erklären), um diese Ideologie zu hinterfragen.

    Mit dem Wissen, dass wir niemals wissen werden, ob eine Theorie “wahr” ist und dem Anerkennen, dass unsere Vorstellungen immer Ideologie sind und der Vorstellung einer vorhandenen “Wirklichkeit”, ergibt sich der unbedingte Anreiz Wege zu finden, die eigene Theorie zu hinterfragen und zu verbessern. So Popper.

    Die Aufgabe des Wahrheitsbegriff, der Vorstellung einer (wenn auch nicht entgültig) erfahrbaren Wirklichkeit bedeutet, dass die eigene Ideologie zur Wahrheit wird. Ein juridisch-positivistischer Ansatz den Popper immer kritisert hat (siehe seine Kritik an Hegel).

    Ich wüsste nicht warum KonstruktivistInnen keine “Popperianer” sein können. Und umgekehrt. KonstruktivistInnen lehnen doch ebenfalls nicht den Begriff der “Wirklichkeit” ab, nicht einmal, dass diese “Wirklichkeit” (wenn auch nicht entgültig) erfahrbar ist.
    KonstruktivistInnen argumentieren nur, dass unsere Vorstellung von Wirklichkeit durch unseren Wahrnehmungsapperat, unserer Erfahrung, etc konstruiert wird.

    Aber nichts anderes sagt auch Popper. Der Methodenpluralismus (also Poppers Ansatz*) sagt deutlich: “Es gibt keine objektive Methode”. Auch der kritische Rationalismus war für Popper nur eine Ideologie.
    Poppers Ansatz ist ein sehr praktischer, die Einführung des Begriffs der “Wahrheit” und “Wirklichkeit” zwingt die eigene Ideologie zu hinterfragen.

    Und auch der Konstruktivismus ist natürlich eine metaphysische Theorie. Er macht eine (nicht erfahrbare, also falsifizierbare) Aussage über die Wirklichkeit.

    Poppers kritischer Rationalismus behauptet dagegen weder die Existenz oder die Nicht-Existenz der “Wirklichkeit”, sondern sagt nur, dass uns praktisch nichts anderes übrigbleibt, als so zu tun, als gäbe es die “Wirklichkeit” (siehe Poppers “logik der Forschung”). Der kritische Rationalismus ist daher eine eindeutig nicht-metaphysische Theorie.


    * Damit war Popper übrigens um einiges “radikaler” als der Feyerabend, der ja nur einen Ideenpluralismus vertrat. Ganz im Gegenteil war Feyerabend sogar ein Verfechter von erfolgreichen Methoden, wie er es im Vorwort zu “Wider dem Methodenzwang” beschreibt. Feyerabend vertrat als Kuhns Auffassung, wonach alle paar Jahrzehnte die Forschung von überholten Methoden gereinigt werden muss. Für Popper war das aber eine Sichtweise, die auf den logischen Positivismus zu traf. FalsifikationistInnen suchen doch – im Idealfall – den Weg die eigene Theorie/Ideologie zu widerlegen. Popper hätte Feyerabends Vorstellungen niemals zugestimmt, für Popper konnte man nie wissen, ob Methoden auch in Zukunft erfolgreich sein werden und lehnte daher das unhinterfragte festhalten an “erfolgreiche” Methoden prinzipiell ab.

  15. Ergänzung: “Tatsächlich ist es so, dass die meisten meiner KollegInnen (NaturwissenschaftlerInnen) _KonstruktivistInnen_ sind, ebenso wie viele andere mir bekannten NaturwissenschaftlerInnen.”

  16. Um das:
    “Und auch der Konstruktivismus ist natürlich eine metaphysische Theorie. Er macht eine (nicht erfahrbare, also falsifizierbare) Aussage über die Wirklichkeit.”
    zu verdeutlichen: Der Konstruktivismus behauptet, dass wir “Wirklichkeit” so wie wir sie erfahren konstruiert ist. Das ist eine Aussage über die “Wirklichkeit”. NOch dazu eine nicht-falsifizierbare, denn wir werden niemals entscheiden können, ob wir die Welt so wahrnehmen wie sie ist oder ob wir sie konstruieren.

    De facto geht der kritische Rationalismus hier nicht so weit, weder bejaht er die Existenz von einer “Wirklichkeit”, noch verneint er sie. Popper führt den Begriff der “Wirklichkeit” nur als wichtiges pragmatisches Regulativ ein, um Theorien (= Ideologien) hinterfragbar zu machen (s.o. erklärt). Popper sagt aber klar und eindeutig, dass die Frage nach der “Wirklichkeit” nicht entscheidbar ist.

  17. Ergänzungen

    @Gustav
    Dr. Webbaer wieder ganz bei Ihnen, hierzu aber vielleicht noch:

    Der Begriff der “Realität”,
    (…)
    Die Aufgabe des Wahrheitsbegriff, der Vorstellung einer (wenn auch nicht entgültig) erfahrbaren Wirklichkeit bedeutet, dass die eigene Ideologie zur Wahrheit wird.

    Statt ‘Realität’ (‘Sachlichkeit’) vielleicht einfach: ‘Welt’?! – Und braucht man noch die ‘Wahrheit’? Oder kann man die für Systeme reservieren, die der umfänglichen Kontrolle unterliegen, somit tautologisch sind? Oder einfach als Kampfwort für Politisches?

    MFG
    Dr. Webbaer

  18. @Gustav: Wirklichkeit

    Vorsicht, hier missverstehen Sie den Konstruktivismus:

    Der Konstruktivismus behauptet, dass wir “Wirklichkeit” so wie wir sie erfahren konstruiert ist. Das ist eine Aussage über die “Wirklichkeit”.

    Wenn ein/e Konstruktivist/-in davon spricht, dass die Wirklichkeit konstruiert sei, dann ist das keine ontologische Aussage über sie Welt da draußen. “Wirklichkeit” bezieht sich hier nicht auf eine Außenwelt sondern wird aufgefasst als das Konstrukt, das wir im Kopf und in den Physikbüchern haben.

    Man muss in der Philosophie genau hinschauen, wie die einzelnen Denker ihre Begriffe definieren. Bei der Einführung von Glasersfelds findet sich der Satz “Wir konstruieren die Wirklichkeit” nicht, er sagt ganz klar, dass er als Konstruktivist keine Aussage zur ontologischen Wirklichkeit macht und den Begriff zu vermeiden versucht.

    Was mich stutzig macht ist auch, dass sie davon sprechen, viele NaturwissenschaftlerInnen in ihrem Bekanntenkreis seien KonstruktivitInnen. Ich versuche tatsächlich hier keinen Standpunkt einzunehmen. Für mich als Physiker ist das nicht nötig.

    Ich versuche ein paar der wichtigsten philosophischen Strömungen zu lernen und verstehen und berichte hier darüber um zu lernen. Ich werde aber nicht für die eine oder andere Position Partei ergreifen. Dazu bin ich einfach nicht tief genug im Thema.

  19. Wirklichkeit

    Die ‘Wirklichkeit’ scheint eine deutsche Spezifität zu sein, die auf Meister Eckhart zurückgeführt werden kann und die theologisch von Interesse ist, aber auch wissenschaftlich “ein wenig” problematisch sein kann.

    Dennoch ist der Begriff heutzutage erkenntnistheoretisch von Interesse – egal wie parteilich man sein oder nicht sein möchte -, die Existenz einer ‘Wirklichkeit’ anzunehmen scheint OK, vgl. auch das gute alte Höhlengleichnis, das den Skeptizismus zu begründen in der Lage war.

    MFG
    Dr. Webbaer

  20. Theorie: geistiges Abbild der Realität??

    Im Spektrum der Wissenschaft vom März 2012 gibt es einen Artikel über Leonard Susskind mit der Überschrift Antirealistischer Querenker.

    Hier eine kurze Zusammenfassung:

    Einstein und andere Realisten fordern eine Physik, die ein geistiges Abbild der objektiven Realtiät ist, Niels Bohr und auch Susskind, einer der Begründer der Stringtheorie, halten diesen Ansatz angesichts der Paradoxien der modernen Physik zum Scheitern verurteilt.

    Susskind sieht den Begriff der objektiven Realität schon gescheitert, wenn man den Standpunkt verschiedener Beobachter einnehme: Ein Objekt, das den Ereignishoirzont eines schwarzen Lochs passiert, passiert diesen Ereignishorizont aus der Sicht des Objekts ohne Zwischenfall und wird erst im Zentrum der Singularität zerstört, während für einen aussenstehenden Beobachter das Objekt schon am Horizont vernichtet wird. Dass es nicht immer eine eindeutige Beschreibung gebe, zeige auch das holographische Prinzip, welches erlaubt die Ereignisse in einem bestimmten Raumzeitvolumen durch die Vorgänge auf seiner Oberfläche zu erklären. Es gibt also einen Innen-und eine ganz andere Aussensicht und beide beschreiben das gleiche System, aber unterschiedliche Realitäten.
    Susskind möchte auf den Begriff der objektiven Realität verzichten und sich mit der Reproduzierbarkeit von Experimenten begnügen. Physiker sprächen sowieso kaum je von der Realtität, das täten mehr Biologen und Evolutionsforscher, denn der Begriff betreffe vor allem die biologische Hardware und damit uns Menschen als Gefangene unserer neuronalen Architektur. Schon Einsiens vierdimensionale Raumzeit verstosse aber gegen diesen biologisch begründeten Realitätsbegriff, der viele habe fragen lassen, was denn nun mit der wirklichen Zeit und dem wirklichen Raum passiert sei. Fakt sei, dass man mit dieser biologisch begründeten Art und Weise von Realtitätsauffassung nicht weiterkomme und man sich deshalb davon trennen müsse.
    Der klassische Realitätssinn werde auch durch die Quantenmechanik in Frage gestellt, wo man alles über ein zusammengesetztes System wissen kann und dennoch nicht alles über die Bestandeteile weiss. Auch die Unmöglichkeit Ort und Impuls gleichzeitig zu wissen veletze den klassischen Realitätssinn.

    Die Stringtheorie wiederum habe das Bild der EINEN Realität erschüttert, denn sie spricht von ganzen Landschaften. Nur schon die Tatsache dass das Universum sicher 1000-mal grösser sei als der sichtbare Teil eröffne die Möglichkeit, dass sogar innerhalb dieses einen Unviersums an unerschiedlichen Orten unterschiedliche Gesetze gelten. Damit werde auch die Idee in Frage gestellt, es gebe eine Erklärung für alles.

  21. Ist die Qualle ein Konstruktivist?

    Also, unser Denkorgan, dass sich evolutionär in einer dauernden, unausweichlichen Konfrontation mit den ihn umgebenden Umständen überhaupt erst gebildet hat, ist zu nicht mehr in der Lage, als “nur” Konstrukte zu bilden?
    Das es auch Konstrukte bildet ist klar, aber in der konstruktivistischen Vorstellung tut es ja nichts anderes.
    Was mich interessiert, ist, ob erst das zu hohen Abstraktionsleistungen fähige Gehirn des Homo sapiens ein “Konstruktivist” ist, also ein Gehirn, das überhaupt in der Lage ist, so etwas wie Konstruktivismus überhaupt zu denken, oder prinzipiell jedes, mit Sinnen ausgestattete Lebewesen?
    Nehmen wir mal eine Qualle, die auf meine Berührung reagiert, ist die Reaktion schon ein Konstrukt? Oder was ist mit der Rabenkrähe (die da gegenüber auf dem Dach gerade sitzt) – sie ist ja schon zu recht hohen Abstraktionsleistungen in der Lage, ist sie ein “Konstruktivist”?
    Es interessiert mich, was jemand dazu sagt, der dem Konstruktivismus zugeneigt ist.

  22. Die Qualle ist kein Philosoph

    @Detlef Piepke: Ich traue Quallen und Rabenkrähen eine menge zu, aber dass sie eigenständige philosophische Standpunkte entwickeln und vertreten, halte ich für unwahrscheinlich. Nein, Quallen sind vermutlich weder Konstruktivisten noch Popperianer.

    Aber natürlich machen sowohl Popper als auch die KonstruktivistInnen Aussagen dazu, wie Tiere zu Erkenntnissen kommen, also lernen. Und natürlich besagt der Konstruktivimus, dass Rabenkrähe und Quallen ein Konstrukt der Welt entwickeln, wenn sie aus Erfahrungen lernen.

    RealistInnen würde dagegen eher sagen, dass die Tiere ein Abbild der Außenwelt entwickeln.

  23. konstruktiv zugeneigt

    Es interessiert mich, was jemand dazu sagt, der dem Konstruktivismus zugeneigt ist.

    Wenn die Mausefalle zuschnappt, war sie noch nicht erwiesenermaßen konstruktiv oder konstruktivistisch unterwegs – was sich aber ändern kann, wenn das Geschnappte vertilgt wird und Unterhalt wie Existenz absichert, gerne auch lang anhaltende weitergegebene “replizierte” Existenz.

    Man muss sich hier mit dem Erkenntnissubjekt anfreunden, dessen Denkleistung Weltbilder schafft, wenn nicht Welten, vgl. auch die Tegmark-Hypothese, ein bewusst Denkender ist ein Konstruktivist.

    HTH
    Dr. Webbaer (der nichts gegen eine Voransicht in Bezug auf seine Nachrichten hätte)

  24. vom bloßen Reiz zum reinen Konstrukt?

    @Joachim
    “Nein, Quallen sind vermutlich weder Konstruktivisten noch Popperianer.”
    Ich hatte die Quallen eher den Popperianern zugerechnet und die Rabenkrähen den Konstruktivisten. (Um auf Ihren Scherz einzugehen ;-))
    Also, Lernfähigkeit ist die Voraussetzung dafür, Konstrukte einer Welt zu bilden. Das schließt die Qualle also aus, denn soweit ich weiß, ist sie nicht lernfähig, da sie ohne Gehirn auskommen muss (aber das könnte sich im Laufe der Evolution womöglich ändern, da ist seit vielen Millionen Jahren allerdings wenig passiert). Die Rabenkrähe bildet aber Konstrukte und zwar ausschließlich. Genau wie wir.
    Der Konstruktivismus (als Philosophie) ist ja nur dann interessant, wenn er zeigen kann, dass es plausibel ist, dass wir ausschließlich Konstrukte einer Welt wahrnehmen können. Mein Argument bzgl. der evolutionären Entwicklung des Gehirns lässt mich ja gerade an dieser Plausibilität zweifeln. Irgendwo scheint es da einen Sprung zu geben:
    Die bloße Reiz-Reaktion (z.B. der Qualle) ist ja noch kein Konstrukt. Nun entwickeln sich im Laufe eines evolutionären Prozesses Gehirne, die ausschließlich Konstrukte ihrer Umwelt bilden.
    Das erscheint mir sehr merkwürdig und ist für mich erst mal nicht nachvollziehbar, also nicht plausibel. Denn die bloße Reizreaktion der Qualle haben wir auch. Also: Sie kneifen mich. Meine Reizleitung funktioniert und ich reagiere, einmal als vom Gehirn unabhängiges Zucken und darüber hinaus mit einer Informationsverarbeitung im Gehirn. Wie kann ich nun sagen, dass diese Informationsverarbeitung (, die eben auch sagt, aha, Herr Schulz hat mich gekniffen) ein reines Konstrukt ist. Da gibt es doch einen merkwürdigen Bruch.
    Aber es kann auch sein, dass ich gerade einen Knoten im Hirn habe und Sie können ihn mit einem Schlag lösen. Vielleicht aber auch nicht.

  25. Dr. Webbaer: Ja, Realität habe ich hier unglücklich gewählt. “Welt” ist hier besser. Und ich verstehe die Problematik des Begriffs “Wahrheit”, dieser kann natürlich auch politisch missbraucht werden, aber ich verwende ihm hier explizit erkenntnistheoretisch und sehe dann keine Problematik darin.

    @Joachim: Aber das ist doch ebenso eine Aussage über die Wirklichkeit. Wenn ich sage: “Unsere Vorstellung von Physik ist konstruiert”, treffe ich damit natürlich auch eine Aussage über die Wirklichkeit. Ich kann gar nicht wissen, ob unser Wissen in unseren Büchern nur konstruiert ist oder ob unsere empirischen Wahrnehmungen mit der objektiven Wirklichkeit zu 100% übereinstimmen.

    Die Vorstellung der “Wirklichkeit” wird keineswegs im Konstruktivismus abgelehnt, sondern nur verneint, dass wird diese erfahren können. Glasersfeld dazu (in: “Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivität”): “So verstrickt man sich immer wieder in das gleiche, alte Problem der Westlichen Epistemologie: erkennen zu wollen, was außerhalb der Erlebniswelt liegt” – das ist eine Negation der Erfahrbarkeit und damit eine Aussage über die “Wirklichkeit”. Das können wir aber nicht wissen! Wir können nur sagen, dass wir das nicht wissen können, ob wir eine „wahre“ Aussage darüber treffen.
    Oder auch Försters: “Die Umwelt, so wie wir sie wahrnehmen, ist unsere Erfindung” (in: “Das Konstruieren einer Wirklichkeit”) – das ist eine Aussage über die “Wirklichkeit” “da draußen”.
    Glasersfeld Vorstellung und Kritik an der damaligen Wissenschaftstheorie, bezieht sich auf den damals noch vorherrschenden Positivismus und so urteilte er, dass eine “empirische Bestätigung einer Hypothese oder der Erfolg einer Handlungsweise” nicht Erkenntnis einer objektiven Welt bedeuten. Was er hier kritisiert ist aber eindeutig die Vorstellung der positiv erfahrbaren Erkenntnis, also die Vorstellung des Positivismus.

    Konstruktivismus ist in dem Sinne ganz ähnlich zum Positivismus. Während Letzterer sagt, dass Bestätigungen unserer Theorien, Erkenntnis über die objektive Welt bedeuten. Sagt der Konstruktivismus, dass die “Umwelt” wie wir sie wahrnehmen erfunden ist. Jede empirische Bestätigung unserer Theorien, ist damit maximal nur eine Erkenntnis unserer subjektiv konstruierten Annahmen über „die Welt“. Das ist das gleiche was der Positivismus sagt, nur auf einer anderen Ebene. Dahinter stecken aber die selben positivistischen Grundanahmen. Der Konstruktivismus sowie der Positivismus gehen von bestimmten Strukturen in der Welt aus (*Umwelt ist erfunden, alles ist immer subjektiv und es gibt auch keine Möglichkeit das zu ändern* – *empirische Bestätigungen sind positives Wissen*) und von dieser ideologischen Annahme treffen sie Aussagen über die „Wirklichkeit“ – wenn auch nur impliziert, wie der Konstruktivismus.
    Die ideologische Grundannahme wird unhinterfragbar gemacht, „alles ist immer erfunden“, „wahre Aussagen betreffen immer unserer subjektiven Vorstellungen“ – das kann man nicht wissen, vielmehr muss man sagen: „Vielleicht kann ich wahre Aussagen über die objektive Wirklichkeit treffen, aber ich kann nicht erfahren, ob diese tatsächlich wahr sind“. Das ist ein großer Unterschied.

    Der radikale Rationalismus verneint ebenso die Vorstellung der Möglichkeit positivies Wissen zu erfahren, schließt aber nicht aus, dass “Wirklichkeit” erfahrbar ist (in Form vom Negativwissen, das Scheitern einer Theorie). Wir können nur nicht mit absoluter Gewissheit sagen, ob unsere Vorstellungen die “Wirklichkeit” korrekt beschreiben. So könnten wir im Besitz der “Wahrheit” sein, wir würden aber nicht erkennen können, ob es sich dabei tatsächlich um „die Wahrheit“ handelt.
    Popper sagt ebenfalls, dass wir eine “Wirklichkeit” pragmatisch annehmen müssen, um unsere subjektiven Theorien/Ideologien hinterfragbar machen zu können. Ohne diesen Anreiz einer angenommenen “Wirklichkeit”, um unsere Theorien daran zu messen, werden unsere eigenen Ideologien selbst zu einer Wahrheit. Das war seine Kritik an den zahlreichen positivistischen Vorstellungen, vor allem an Hegel und seinen späteren Jüngern (Franfurter Schule). Und das war auch seine Kritik am Relativismus und dem radikalen Konstruktivismus.
    Die Annahme, dass eine Aussage „wahr“ ist, ist für Popper vertretbar, solange diese „Wahrheit“ kritikoffen vertreten wird.

    Der kritische Rationalismus hat kein Problem mit konstruktivistischen Aussagen und das ist der große Unterschied zum Positivismus. Die Annahme des Konstruktivismus, dass wir unsere “Umwelt” erfinden, ist vereinbar mit der Vorstellung des Kritischen Rationalismus, dass Naturgesetze nur Hypothesen über die Wirklichkeit sind. Der kritische Rationalismus macht nur keine unzulässige Aussagen darüber, ob unsere Vorstellung über Wirklichkeit nun erfunden ist oder ob wir uns da tatsächlich an „der“ Wirklichkeit abarbeiten.

    „Was mich stutzig macht ist auch, dass sie davon sprechen, viele NaturwissenschaftlerInnen in ihrem Bekanntenkreis seien KonstruktivitInnen. Ich versuche tatsächlich hier keinen Standpunkt einzunehmen. Für mich als Physiker ist das nicht nötig.“

    Naja, für die Forschung selbst ist es egal. Aber die meisten NaturwissenschaftlerInnen sind ja auch PhilosophInnen ode rrden gerne darüber und auch wenn sie vielleicht keinen offiziellen Standpunkt dazu haben, so gibt es soch gewisse „Vorlieben“. 😉

  26. @Gustav: Konstruiert

    Ich kann gar nicht wissen, ob unser Wissen in unseren Büchern nur konstruiert ist oder ob unsere empirischen Wahrnehmungen mit der objektiven Wirklichkeit zu 100% übereinstimmen.

    Diese Logik verstehe ich nicht. Inwiefern hört denn eine Konstruktion auf Konstruktion zu sein, wen sie 100% mit etwas anderem übereinstimmt?

    Der Konstruktivismus macht keine Aussage über die objektive Wirklichkeit. Nicht einmal darüber, ob es diese gibt. Er besagt nur, dass das, was umgangssprachlich als Wirklichkeit bezeichnet wird, ein Konstrukt ist, das sich an Wahrnehmungen zu bewähren hat.

    Aber damit, dass er zugibt, über die objektive Wirklichkeit nichts wissen zu können, schließt er natürlich nicht den Sonderfall 100%er Übereinstimmung aus. Ich fürchte, Sie bekämpfen da einen Strohmann.

  27. Konstruktivismus, Wirklichkeit, Erfolg

    Es muss nicht unbedingt eine objektive Wirklichkeit geben und unsere empirischen Wahrnehmungen könnten noch einmal auf einer anderen Ebene beheimtat sein als die objektive oder auch nicht-objektive Wirklichkeit. Dies nur zu folgender Aussage:

    Ich kann gar nicht wissen, ob unser Wissen in unseren Büchern nur konstruiert ist oder ob unsere empirischen Wahrnehmungen mit der objektiven Wirklichkeit zu 100% übereinstimmen.

    Leider habe ich mich selber zuwenig mit dem Konstruktivismus beschäftigt um kompetent mitzudiskutieren. Naiv würde ich den konstruktivististischen Ansatz in der Naturwissenschaft so einschätzen:

    Man konstruiert ein Modell in das Beobachtungen hineinpassen ohne den Anspruch, dass das Modell die “natürlichen Beziehungen” zwischen den Beobachtungen wiedergibt. Und dies vor allem darum, weil es nach konstruktivistischer Ansicht eine natürliche Abbildung der “Realität” – einen Isomorphismus also – gar nicht gibt.

    Allerdings muss ich dazu bemerken, dass es – vor allem in der Früh- und Vorgeschichte der Physik – häufig Konstruktionen gab, die gerade auf einem vorbestehenden Modell beruhten, das zuwenig kritisch hinterfragt wurde. Ausgehend von der geozentrischen Weltsicht wurde beispielsweise versucht, die Planetenbahnen zu beschreiben, was aber nur gelang, wenn man Epizyklen (Zusätzliche Kreisbewegungen um gedachte Punkte auf der Planetenbahn) einführte. Diese Vorgehensweise ist auch in einer gewissen Weise konstruktivistisch. Sie könnte bei genügender Verfeinerung sogar zu einer guten Beschreibung der beobachteten Planetenbahnen führen. Heute sagen wir aber unsiono, dieser Ansatz ist falsch. Und das zurecht.
    Ein wichtiger Grund warum solche komplizierte Konstruktionen wie die mit den Epizyklen falsch sind, liegt meiner Ansicht nach – abgesehen davon, dass das geozentrische Weltbild sowieso daneben liegt – bei ihrer Kompliziertheit. Wenn es zwei Lösungen gibt mit ähnlicher Prognose- und Aussagekraft und eine der beiden ist konzeptionell wesentlich einfacher, dann obsiegt in der Regel die Einfachere. Dies liegt auch in der Erfahrung begründet, die Einstein folgendermassen beschrieben hat:
    Nach unserer bisherigen Erfahrung sind wir zum Vertrauen berechtigt, dass die Natur die Realisierung des mathematisch denkbar Einfachsten ist.

  28. Konstruktionen

    Inwiefern hört denn eine Konstruktion auf Konstruktion zu sein, wen[n] sie 100% mit etwas anderem übereinstimmt?

    Terry Pratchett hat sich mit seiner DiscWorld unter anderem auch darüber lustig gemacht: Was in der DiscWorld wahr scheint, ist dort auch oft wahr. – Was wäre, wenn die Wissenschaft mit ihrer Newtonschen Physiklehre und einem endgültig erscheinenden Verstehen von Mikro- und Makrokosmos glücklich geworden wäre? – Wären Konstruktivist wie Skeptizist dann nicht Esoteriker?

    MFG
    Dr. Webbaer (der für Artikel und Diskussion dankt und sich freut, dass bisher noch nicht Occam kam)

  29. Theorien beschreiben die Realität

    Die Theorien der Physik machen immer Aussagen über die Wahrnehmungen.

    Der Satz ist meines Erachtens nach falsch. Theorien machen Aussagen über die bzw. beschreiben die Realität.

    Aus diesen Beschreibungen gewinnen wir dann Aussagen über unsere Wahrnehmungen, bzw. Prognosen darüber, was wir bei diesem oder jenem Experiment wahrnehmen müßten.

  30. @Detlef Piepke: Reiz und Konstrukt

    Ich schulde Ihnen noch eine Antwort:

    Mein Scherz mit der nicht philosophienden Qualle hatte einen ernsten Hintergrund. In diesem Artikel habe ich mich auf den Konstruktivismus als erkenntnistheoretischen und spezieller wissenschaftstheoretischen Standpunkt beschränkt.
    Erkenntnistheorie fragt danach, wie Menschen (und vielleicht Tiere mit Bewusstsein) zu Erkenntnissen kommen. Quallen fallen als Erkenntnissubjekte aus, weil sie vermutlich über kein Bewusstsein, also auch nicht über Erkenntnisse verfügen. Wir können über Beobachtung Kenntnis von Quallen erlangen, sie aber haben keine Kenntnis von sich selbst oder einer Umwelt.

    Man kann aber tatsächlich weitergehen und sagen, dass in angeborenen Reflexen von Lebewesen wie Quallen ja durchaus auch Erkenntnis über die Umwelt besteht. Quallen führen möglicher Weise bei Berührung Fluchtbewegungen aus. (Ich kenne mich mit Quallen nicht besonders gut aus.) Diese Fluchtbewegung hilft beim Überleben, stellt also eine nicht erlernte, aber evolutionär erworbene Anpassung an die Umwelt dar.

    Die Evolution hat also in den “Schaltkreisen” der Qualle bereits die Erkenntnis einer tendentiell feindlichen Umwelt konstruiert. Diese Argumentation ist vielleicht ein bisschen weit hergeholt, aber ich meine sie mal irgendwo aufgeschnappt zu haben.

  31. reine Konstrukte sind unwahrscheinlich

    @Joachim
    Erst mal, Danke für die (Reiz-) Reaktion 😉

    Ich habe gemerkt, dass wir auf unterschiedlichen Ebenen diskutieren.
    Ich weiß worum es der Erkenntnistheorie geht. Mein Beispiel mit der Qualle verstehen Sie (soweit ich das verstehe) allerdings falsch.
    Mir geht es um den Evolutionären Prozess: von der Evolution zum Konstruktivismus. (ihr Titel)
    Die Qualle ist für mich ein Synonym einer Lebensform ohne Bewusstsein in einem frühen, evolutionären Stadium. Sie ist nicht in der Lage Konstrukte einer Welt zu bilden, das schreibe ich ja. Der menschliche “Geist” fiel ja nicht vom Himmel, sondern bildete sich aus genau solchen Lebensformen.
    Die Reiz-Reaktion der Qualle kann sich nur auf “objektive” Reize aus “der Welt” beziehen, worauf denn sonst? Wenn Sie eine Antwort haben: her damit. Wenn nicht, dann ist das der Ausgangspunkt meiner Argumentation.
    “Erkenntnistheorie fragt danach, wie Menschen (und vielleicht Tiere mit Bewusstsein) zu Erkenntnissen kommen.”
    Die Erkenntnistheorie kann ja nicht einfach zu Abstraktionen fähige Tiere (mein Beispiel Rabenkrähe) ausschließen, da wir ja nur graduelle und keine prinzipiellen Unterschiede zwischen diesen Gehirnen erwarten und schließlich selber aus dem “Tierreich” stammen. Es muss also irgendwann im evolutionären Prozess von einer bloßen Reaktion auf eine “objektive” Welt, zum reinen Konstrukt (beim erkenntnisfähigen Gehirn) kommen, welches nichts mehr über diese “objektive” Welt aussagen kann.
    Das ist nicht plausibel.
    Wie gesagt, das auch Konstrukte gebildet werden, ist klar, dass es nichts anderes, als Konstrukte sind, ist sehr unwahrscheinlich, wenn man meiner Argumentation folgt.

  32. @Detlef Piepke: reines Konstrukt

    Ich denke, Sie sehen den Begriff des Konstrukts zu scharf vom “Bild der Realität” getrennt, wie es der klassische Realist auffassen würde. Was wir von der Welt haben, ist ein Konstrukt. Es ist nicht reines Konstrukt als Gegensatz zu einer realen Welt.

    Das heißt, der radikale Konstruktivismus schließt nicht kategorisch aus, dass eine reale Außenwelt existiert noch dass das Konstrukt mit dieser übereinstimmen könnte. Der radikale Konstruktivismus verzichtet nur Konsequent darauf, auf eine reale Welt hinter den Wahrnehmungen Bezug zu nehmen.

    Gerade die Qualle gibt uns ein gutes Beispiel. Nehmen wir mal an, unser Konstrukt von der Welt sei die Realität. Dann sind die Reize, die die Qualle empfängt selbstverständlich ganz reale Reize. Aber die Welt, die sich eine erinnerungsfähige Qualle aus diesen Reizen konstruieren könnte, weicht dramatisch von unserer Welt ab. Sie besteht nur aus einer zeitlichen Abfolge von Berührungsreizen. Die Qualle kann mit ihrem begrenzten Wahrnehmungsapparat möglicherweise nicht einmal einen Begriff von Raum entwickeln. Es ist eine reine Reizwelt mit nur einer Dimension, der Zeit.

    Nun sind auch wir aus derselben Entwicklungsgeschichte vorhergegangen, wie die Qualle. Wir haben einen viel differenzierteren Wahrnehmungsapparat und können uns daraus eine dreidimensionale Welt mit Formen, Farben und Geräuschen erschließen. Diese Welt halten wir für real. Wir wissen aber nicht, wie nahe unsere (re-)konstruierte Welt der tatsächlichen Welt kommt.

    Es gibt ernsthafte Theorien, die elf und mehr Dimensionen postulieren. Dimensionen, die wir, falls es sie gibt, aus irgend einem Grund nicht wahrnehmen können. Es ist also durchaus möglich, dass unsere konstruierte Wirklichkeit so stark von der Welt da draußen abweicht, wie die eindimensionale Reizwelt der Qualle von unserer.

    Ihre Frage könnte man auch interpretieren als die Frage, wie es zur Entwicklung von Bewusstsein gekommen ist. Das weiß ich leider auch nicht.

  33. Realität

    @Bell

    Die Theorien der Physik machen immer Aussagen über die Wahrnehmungen.

    Der Satz ist meines Erachtens nach falsch. Theorien machen Aussagen über die bzw. beschreiben die Realität.

    Wobei die Realität (“Sachlichkeit”) eine Meta-Theorie darstellt und landläufig als ‘Realismus’ transportiert wird.

    Der Konstruktivismus möchte nun als Metatheorie die Metatheorie des Realismus meiden, auch weil die aktuelle Datenlage/Verständnislage im Lager der Physiklehre die Sachlichkeit nicht bestätigen kann, ihr sogar widerspricht.

    MFG
    Dr. Webbaer (der auch Reflexe und pflanzliche Aktionen/Reaktionen als konstruktiv versteht)

  34. Quallenexperimente ohne Tierquälerei

    @Detlef Piepke
    Ich würde die Quallen-Geschichte noch etwas anders angehen. Sie schrieben:
    “Nehmen wir mal eine Qualle, die auf meine Berührung reagiert, ist die Reaktion schon ein Konstrukt?”
    Dann postulierten Sie:
    “Die bloße Reiz-Reaktion (z.B. der Qualle) ist ja noch kein Konstrukt. Nun entwickeln sich im Laufe eines evolutionären Prozesses Gehirne, die ausschließlich Konstrukte ihrer Umwelt bilden.”
    Letzteren Satz haben Sie dann als unplausibel verworfen.
    Joachim Schulz gab zu:
    “Quallen führen möglicher Weise bei Berührung Fluchtbewegungen aus.”
    Das steht ja im Zusammenhang mit der Evolution; denn wenn ein Lebewesen nicht auf schädliche Außeneinflüsse reagiert, kann seine Existenz rasch enden.
    Ohne etwas von Quallen zu verstehen, können wir doch versuchen, uns als Gedankenexperiment in eine Qualle hinein zu versetzen. Da stellen wir fest: Es gibt Reize, die bei der Qualle ankommen. Und es gibt Reaktionen der Qualle, die Menschen dann von außen beobachten können.
    Häufig dürfte es der Fall sein, dass die Qualle einen Reiz wahrnimmt und dann eine Reaktion bemerken lässt. Joachim Schulz hat den Fall angedeutet, dass in der Umwelt der Qualle etwas existiert, was diese nicht wahrnehmen kann. Offensichtlich ist die Wirklichkeit aus Sicht der Qualle ohne dieses nichtwahrnehmbare Ding konstruiert, da es keine Quelle von Reizen ist.
    Ich möchte nun auf einen anderen Fall hinweisen: Die Qualle nimmt einen Reiz wahr (und reagiert entsprechend), obwohl (aus menschlicher Perspektive) gar kein Objekt neben der Qualle ist, das diesen Reiz ausgelöst haben könnte. Vermutlich “zuckt” die Qualle, als ob etwas sie berührt hätte. Die Wirklichkeit aus Sicht der Qualle ist dann mitsamt einem Ding konstruiert, das diesen Reiz auslöst. Aus menschlicher Sicht ist dieses Ding jedoch nicht vorhanden.

    Ich finde, dass demnach auch die Qualle ihre Wirklichkeit konstruiert (auch wenn sie nicht der Überzeugung ist, dass sie ihre Wirklichkeit konstruiert). Evolutionär ist es womöglich vorteilhaft, manchmal ohne äußere Ursache zu “zucken”, oder zumindest lieber einmal zu oft als einmal zu selten. Die Rede vom “reinen Konstrukt” impliziert, dass es gar keine Außenwelt gäbe, die auf die Konstruktion einwirkt. Das wäre aber wiederum eine radikale Position.

    Denken ist immer eine Denkleistung, also nie unabhängig von der Leistungsfähigkeit des Denkenden. Diese Leistungsfähigkeit ist evolutionär unterschiedlich. Es ist nicht davon auszugehen, dass das menschliche Gehirn evolutionär einen absoluten Status erreicht hat und die objektive Realität so wahrnimmt/verarbeitet/denkt, wie diese an und für sich ist. Schon deshalb ist das Ergebnis menschlicher Denkvorgänge nur ein vorläufiges und menschliches Produkt.

  35. Konstruktivität – Qualle vs Mausefalle

    Ich finde, dass demnach auch die Qualle ihre Wirklichkeit konstruiert (auch wenn sie nicht der Überzeugung ist, dass sie ihre Wirklichkeit konstruiert).

    Man könnte sich vielleicht darauf einigen, dass ein außenstehendes Erkenntnissubjekt der Qualle Konstruktivität zuspricht.

    Man muss hier ein wenig vorsichtig sein, denn irgendwann und irgendwie sind auch Mausefallen und Himmelskörper “konstruktiv”.

    Demzufolge scheinen Konstruktivismus und dessen Zusprechung an Erkenntnissubjekte gebunden, die den Konstruktivismus auch verstehen, also zumindest eine Sprache ihr eigen nennen.

    Nur fast bedeutungslose Nuancen natürlich…

    MFG
    Dr. Webbaer

  36. wirklich konstruktive Reaktionen auf …

    … meine Qualle. Da gibt es schöne und erhellende Text Passagen von Joachim, Dr. Webbaer und Erbloggtes (sogar spät in der Nacht).
    Danke dafür!
    Ich hatte mich anfangs noch gewundert, warum das bei meinem ersten Beitrag noch so anders war, denn der war eigentlich schon ganz gut.

    Das, was Dr. Webbaer unten schreibt, scheint mir sehr wesentlich und mehr als eine Nuance zu sein:
    “Demzufolge scheinen Konstruktivismus und dessen Zusprechung an Erkenntnissubjekte gebunden, die den Konstruktivismus auch verstehen, also zumindest eine Sprache ihr eigen nennen.”
    Genaus so scheint es mir auch.
    Denn wenn auch schon die Qualle “konstruktiv” ist, bekommt der Konstruktivismus tatsächlich etwas Beliebiges. Dann ist der Weg zum “konstruktiven Himmelskörper” nicht mehr weit, (denn der reagiert ja auch auf seine Umwelt) und ab da ist auch alles “egal” (im wahrsten Sinne des Wortes).
    Erbloggtes schrieb:
    “Die Rede vom “reinen Konstrukt” impliziert, dass es gar keine Außenwelt gäbe, die auf die Konstruktion einwirkt.” Ja, so sehe ich das auch. Und das ist eben sehr unwahrscheinlich! Aber es ist wahrscheinlich, dass es Konsens ist, dass da eine Außenwelt ist. (Ansonsten wäre mir schleierhaft, warum überhaupt jemand Naturwissenschaft betreibt. Traumdeutung wäre dann viel nahe liegender.)
    Joachim schrieb:
    “Wir wissen aber nicht, wie nahe unsere (re-)konstruierte Welt der tatsächlichen Welt kommt.” Auch ja! Auch das wird kaum jemand ernsthaft bestreiten wollen (ich jedenfalls nicht).
    Der radikale Konstruktivismus schien mir immer an der Evolution vorbei gedacht! So, als ob ein erkenntnisfähiger “Apparat” (unser Gehirn) in einem Schöpfungsprozess in die Welt gekommen wäre und sich nicht in einer dauernden Auseinandersetzung mit einer Welt erst gebildet hätte.
    Wie gesagt, “reine” Konstrukte sind sehr unwahrscheinlich. Allerdings reicht unsere Sprache (also jede menschliche Sprache) nicht dafür aus, wesentlich mehr dazu sagen zu können. Das ist das große Problem der Philosophie überhaupt. Deswegen bin ich auch immer gespannt auf neue “Konstrukte” aus den Naturwissenschaften, speziell aus der Gehirnforschung, der Physik und der Biologie.

  37. Karnevalsscherz?

    Theorien machen Aussagen über die bzw. beschreiben die Realität.

    Wobei die Realität (“Sachlichkeit”) eine Meta-Theorie darstellt (…)

    Realität ist weder eine Theorie noch hat der Begriff etwas mit Sachlichkeit zu tun.

    Es handelt sich vielmehr um jenes Etwas, welches auch einen Konstruktivisten mit Wahrnehmungen versorgt … oder wo nimmt ein Konstruktivist diese her?

  38. @Bell / Theorien und Realität

    Zitat: »Theorien machen Aussagen über die bzw. beschreiben die Realität.«

    Bei genauer Betrachtung sind Theorien in den empirischen Wissenschaften eher eine Art des reverse engineering von Mess- und Beobachtungsdaten mittels abstrakter Konzepte und Methoden.

    Ontologische Wahrheiten lassen sich so aber nicht gewinnen. Wir können also letztlich nichts darüber sagen, wie die Natur es hinkriegt, die Phänomene zu generieren, die wir an ihr wahrnehmen. Die Naturwissenschafter können sich bestenfalls bemühen, diese Phänomene mit den begrenzten Werkzeugen des menschlichen Verstandes möglichst exakt und plausibel zu rekonstruieren.

    Der Begriff “Realität” ist in diesem Zusammenhang absolut verzichtbar, das sieht Leonard Susskind meines Erachtens durchaus richtig.

  39. Reine Konstrukte

    @Detlef Piepke

    Der radikale Konstruktivismus schien mir immer an der Evolution vorbei gedacht!

    Das Gegenteil ist der Fall. Der radikale Konstruktivimus ist stark von der Evolution beeinflusst. Er berücksichtigt, dass Gehirne und unser Wahrnehmungsapparat im Laufe der Evolution entstanden ist und es daher keine Garantie gibt, dass er zur Erkenntnis der vollständigen Realität fähig ist.

    Konstruktivismus ist Erkenntnistheorie, also die Theorie darüber, wie bewusste Subjekte ihre Umwelt wahrnehmen und aus dieser Wahrnehmung einen Begriff von Realität konstruieren. Die Qualle oder die Gestirne konstruieren vermutlich selbst nichts, weil sie kein Bewusstsein haben.

    Wie gesagt, “reine” Konstrukte sind sehr unwahrscheinlich.

    Ja, wie gesagt sind “reine” Konstrukte, die nichts mit der Außenwelt zu tun haben dürfen, auch keine Erfindung der radikalen Konstruktivisten. Diese sprechen ja gerade von Konstrukten, die an Wahrnehmungen überprüft werden, sich also durchaus auf die Wahrnehmungen beziehen und damit auch auf die Außenwelt. Von deren Existenz gehen die meisten sicher aus, auch wenn sie sie nicht streng beweisen können.

  40. Sind Wahrnehmungen Phantasiekonstrukte?

    Theorien machen Aussagen über die bzw. beschreiben die Realität.

    (…)Wir können also letztlich nichts darüber sagen, wie die Natur es hinkriegt, die Phänomene zu generieren, die wir an ihr wahrnehmen.

    Worin besteht denn der inhaltliche Unterschied in den Aussagen
    Wir können also letztlich nichts darüber sagen, wie die Natur es hinkriegt
    und
    Wir können also letztlich nichts darüber sagen, wie die Realität es hinkriegt

    Es scheint doch ein Streit um Worte zu sein. Wenn ich sage die ‘Realität’, dann meine ich doch nicht anderes als wenn Du sagst die ‘Natur’.

    Es gibt etwas, was uns mit Wahrnehmungen versorgt … ob ich dieses etwas nun Realität oder Natur nenne ist doch völlig unerhebich.

    Wo erklärt denn Susskind, wer oder was das produziert, was er wahrnehmen kann …. oder erklärt auch seine Wahrnehmungen als Konstrukt seiner Phantasien … was man bei Susskind ja wirklich nicht ausschließen kann.

  41. Konstruktivismus: Faktencheck/Mülltrenn.

    Um die Begriffe Wahrnehmung, Realität, Erkenntnis zu klären hier eine kurze Zusammenfassung von radikalem Konstruktivismus und philosophischem Materialismus, welche diese Begriffe benötigen und definieren.

    Radikaler Konstruktivismus
    Der radikale Konstruktivismus postuliert, dass erkennende Wesen sich die wahrgenommene Realität aus Sinnesreizen und Gedächtnisleistungen konstruieren. Deshalb sind Wahrnehmungen subjektiv und ein (Zitat Glaserfeld)“Erkennen wollen dessen, was ausserhalb der Erlebniswelt liegt” zum Scheitern verurteilt. Genau das versuchen aber viele das “Objektive” suchende Wissenschaften, weshalb sie scheitern müssen.
    Nahe beim radikalen Konstruktivismus liegt das Konzept der autopoietischen, selbstreplzierenden Systeme, die dadurch charaktersiert sind, dass das Produkt ihrer Organisation sie selbst sind und es somit keine klare Trennung zwischen Erzeuger und Erzeugnis gibt. Die Rekursivität der autopoeitischen, also der “lebenden” Systeme dient der Selbserhaltung und Selbsterzeugung des Systems und die Wahrnehmnungen die ein autopoeitisches System (z.B. ein Mensch) macht dienen ebenfalls letzlich der Selberhaltung und sind somit nur insofern “objektiv” als sie die Selbsterhaltung zuverlässig unterstützen.

    Der Fokus des radikalen Konstruktivismus ist somit der Erkenntnisprozess unter den Bedingungen in denen er in lebenden Systemen stattfindet, womit auch der Bezug zur Evolution hergestellt ist, denn lebende Systeme sind Produkte der Evolution. Andererseits gibt es im Beitrag von Joachim eine Analogie zwischen “evolutionärem Fortschritt” und erkenntnistheoretischem Fortschritt: Beide führen nicht zur “Wahrheit”, also zur Erkenntnis der objektiven Realität beim Erkenntnisprozess oder zum perfekten Geschöpf bei der “evolutionären Verbesserung” sondern zu besserer Angepasstheit an die “Wahrnehmungen” beim erkenntnistheoretischen Fortschritt bezugsweise zu besserer Angepasstheit an die Lebensumwelt beim evolvierenden Geschöpf. Zudem wird beim “Fortschritt” unnötiger Ballast nicht unbedingt eliminiert – solange er nicht zu stark stört.

    Der radikale Konstruktivismus beschäftigt sich nicht eigentlich mit der Realtität, sondern mit dem Erkenntnisgewinnungsprozess. Deshalb macht der radiale Konstruktivismus auch keine Aussagen darüber was zur Realtität gehört und was nicht, denn eigentlich geht es ihm nur um die nachgelagerten Prozesse, die es im Zusammenhang mit der Wahrnehmung der Realtität gibt. Die Wahrnehmung und der Erkenntisprozess, der folgt, sind die Konstruktoren der erlebten Realität und basieren auf weit mehr als auf simplen Abbildungsprozessen.

    Philosophischer Materialismus
    Das Wesen der Realität beschreiben dagegen nicht erkenntnistheoretische Theorien wie der Konstruktivismus sondern das ist der Gegenstand der Metaphysik (Meta=Über der Physik), die sich mit der Beschaffenheit der Welt, mit dem Seienden, der Natur der Dinge auseinandersetzt. Der philosophische Materialismus – im englischen Sprachraum auch Physikalismus genannt – defniert die Realität als die Summe alles Materiellen. Und materiell sind alle konkreten Objekte, die sich durch folgende Eigenschaften auszeichnen: Sie können sich verändern und besitzen eine (physikalische) Energie. Energie wiederum ist an die Existenz eines materiellen Objekts geknüpft. Dieser Realitäts- und Materiebegriff ordnet auch der Wellenfunktion der Quantenmechanik eine Realität zu, obwohl die Wellenfunktion nicht wahrnehmbar/detektierbar ist.

    Steht nun der philosophische Materialismus im Gegensatz zum radikalen Konstruktivismus? Ich denke nicht, denn insoweit sich der radikale Konstruktivismus mit Realität beschäftigt ist es immer die wahrgenommene/erlebte Realität.

    Im Licht des obigen Materials können wir nun auch einige Kommentare zum Beitrag Joachims abklopfen:

    @Bell’s Kommentar “Sind Wahrnehmungen Phantasiekonstrukte?”: (Zitat)Es gibt etwas was uns mit Wahrnehmungen versorgt Der radikale Konstruktivismus beschäftigt sich nicht mit der Natur oder Realität sondern mit der Wahrnehmung und der Erkenntnis. Nicht jede philosophische Theorie will alles erklären.

    @Chrys @Bell/Theorien und Realtität: (Zitat)Der Begriff “Realität” ist in diesem Zusammenhang [dem reverse engineering mittels Messdaten] absolut verzichtbar. Physikalische Theorien enthalten Begriffe wie Energie, Masse, Geschwindigkeit, die nur Sinn machen, wenn es materielle Dinge gibt. Und für den philosophischen Materialismus ist die Welt/Realität gerade die Summe aller materiellen Dinge.

  42. begriffliche Abgrenzungen

    @Bell
    Die Realitas, betont die ‘Sachlichkeit’ der Welt, die Wirklichkeit (Meister Eckhart – ein Konzept, das in anderen Sprachen niederrangig ist), die Wirkung der Welt und die Welt “das, was ist”.

    Man kann sich natürlich auch auf andere begriffliche Abgrenzungen einigen.

    So, wie Sie schreiben, würde den Schreiber dieser Zeilen interessieren, ob Sie Realität und Welt gleichsetzen oder eine Zwischenschicht sehen…

    MFG + Helau!
    Dr. Webbaer

  43. @Bell: Susskind als Antirealist

    Susskind ist insoweit ein Antirealist, als er die Existenz einer einzigen für alle gleichen Realität in Frage stellt.
    Sie (Bell) schreiben:

    Wo erklärt denn Susskind, wer oder was das produziert, was er wahrnehmen kann …. oder erklärt auch seine Wahrnehmungen als Konstrukt seiner Phantasien … was man bei Susskind ja wirklich nicht ausschließen kann.

    Susskind sagt im Spektrum-Interview:
    Jeder Physiker muss irgendwie voraussetzen, dass es in der Welt objektive Dinge gibt und dass es unsere Aufgabe ist, etwas darüber herauszufinden. Ich glaube nicht, dass man ohne dieses Gespür für eine objektive Realität Forschung treiben könnte. Das Indiz für Objektivität sit die Reproduzierbarkeit der Experimente.

    Im weiteren Verlauf des Interviews wird klar, dass Susskind insoweit ein Antirealist ist, als er den naiven Realitätssinn (Susskinds Setzung), den wir als biologische Geschöpfe mit einer gegebenen neuronalen Architektur besitzen, als wenig hilfreich für den Erkenntnisgewinn betrachtet.
    Für diesen naiven Realitätssinn ist es naheliegend, dass es nur eine Realität gibt, die sich als eindeutiges Ergebnis von Grundprinzipien erlären lässt.

    Doch Dinge wie Konplementarität, holographische Sicht versus Innensicht für einen Raum, Landschaften von Stringtheorien, die ganz unterschiedliche Universen beschreiben oder die Innen- versus die Aussensicht eines schwarzen Loches erschüttern diesen naiven Universalismus und das Bild einer unzweideutigen Realität.

  44. @Bell / @Martin Holzherr

    @Bell

    Das Wort “Natur” statt “Realität” bringt nicht die sprachliche Präzisierung, wie sie von Susskind gefordert wird. Meine Formulierung, die Natur “kriege etwas hin”, ist ja schon fast allegorisch, und ich hätte hier auch von “Mutter Natur” reden können ohne die Intention der Aussage zu verändern.

    Sorry, mein undokumentierter Gedankensprung bezog sich auf den vorausgegangenen Kommentar von Martin Holzherr zum Spektrum-Interview mit Susskind. (Original in Scientific American, 7/2011, [PDF].)

    @Martin Holzherr

    Zitat: »Physikalische Theorien enthalten Begriffe wie Energie, Masse, Geschwindigkeit, die nur Sinn machen, wenn es materielle Dinge gibt.«

    Hier, zum Vergleich, eine weniger materialistisch gefärbte Auffassung zur Definition von Masse in der mathematischen Physik:

    [N]ous sommes acculés à la définition suivante, qui n’est qu’un aveu d’impuissance : les masses sont des coefficients qu’il est commode d’introduire dans les calculs.

    — H. Poincaré, La Science et l’Hypothèse

  45. Realität

    @Holzi
    Die Kritik am Realismus ist sehr alt und der Skepizismus hat sich hierzu seit eh und je bemüht. So gelten ‘Objekt’ (das “Entgegengeworfene” oder “Entegegenliegende”) und ‘Subjekt’ (das sich dem Prozess “Unterwerfende” bzw. “Unterliegende”) bereits als Sicht und in gewissem Sinne als realistisch, ‘Wo fängt der Tisch/die Katze an, wo hört er/sie auf?’

    Es gab diesen Skeptizismus als prinzipielle Skepsis gegenüber dem Erfahrenen schon sehr lange, das gute alte Höhlengleichnis ist dementsprechend einzuordnen, und als dann die RT und die “Spukeffekte” kamen, gewann er wieder an Bedeutung und Anhängerschaft.

    Dazu bedurfte es also keiner modernen zeitgenössischen Theoretisierung.

    Eine sehr interessante Frage bleibt natürlich wie hilfreich (oder irreleitend) die Realitas als Zwischenschicht ist.

    MFG
    Dr. Webbaer

  46. Unterscheidung: Wirklichkeit / Realität

    Ich habe auf der Parallelseite dieses Doppelblogs eine begriffliche Differenzierung vorgeschlagen, die ich nützlich finde:
    1. Wirklichkeit als die von uns aus Wahrnehmungen konstruierte Welt; M. Holzherr hat das “wahrgenommene/erlebte Realität” genannt. Bei Kant ist das die Sinnenwelt. Sie besteht aus Phänomena.
    2. Realität als eine nicht erfahrbare Welt, die wir uns aber als Ursache unserer Wahrnehmungen vorstellen. Diese Realität soll naturgesetzlich und regelmäßig sein; nur wissen wir nicht, inwiefern sie mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Bei Kant wäre sie die Welt der Dinge an sich. Sie besteht aus Noumena.

    Vielen Dank an M. Holzherr für die Unterscheidung zwischen Erkenntnistheorie und Ontologie! Ich sehe bei naivem Materialismus zumindest eine Tendenz, die Erkenntnistheorie der Ontologie anzupassen (und die Unterscheidung zwischen Realität und Wirklichkeit aufzugeben).

    Quallen unterscheiden sich von Mausefallen/Himmelskörpern dadurch, dass sie Wahrnehmungen besitzen. Das reichte mir, um der Qualle Konstruktionstätigkeit zu unterstellen, da ihre Wahrnehmungen eine Wirklichkeit erzeugen. (Wenn diese nur eine einzige, nämlich zeitliche Dimension hat, dann könnte der Bewusstsseinsstrom einer Qualle so zu formulieren sein: “Da war grad was; und da, schon wieder; und nochmal.” Aber ob der Wahrnehmung von Quallen eine zeitliche Dimension zuzusprechen ist, oder ob dazu ein rudimentäres Gedächtnis notwendig wäre, das kann ich nicht beurteilen.)

  47. @Joachim und wen es sonst interessiert

    Dass es “keine Garantie für die vollständige Erkenntnis der Realität” gibt, dürfte jedem “aufgeklärten” Menschen ohnehin klar sein. Dafür braucht man natürlich keinen Konstruktivismus. Da würde ja schon Kant reichen, den ich als vorevolutionären Philosophen bezeichnen würde, also jemand, der noch in Unkenntnis evolutionärer Prozesse Erkenntnistheorie betrieb.
    Den evolutionären Prozess bezeichne ich als: “Das Überleben des hinreichend Passenden.” Die unzutreffende, darwinsche Formulierung “fittest” hat ja wohl dazu geführt, dass Evolution von vielen, als ein, auf das Beste hin zielgerichteter Prozess missverstanden wurde.
    Organismen und Erkenntnisapparate müssten also so ausgestattet sein, dass sie mit ihrer Umwelt auch hinreichend klar kommen, sonst sterben sie aus. Diese dauernde Interaktion mit einer vorgefundenen und eben nicht immer schon konstruierten Welt (denn zu Konstrukten sind ja erst sehr komplexe Gehirne wie das menschliche in der Lage, so Joachim), macht es eben sehr wahrscheinlich, dass sie diese Welt auch hinreichend passend erkennen können.

    Klassische menschliche Konstruktionen, wie z.B. Religion, die nicht primär auf das bloße Überleben ausgerichtet sind, tauchen in diesem Prozess ja erst sehr spät auf. Auch der Aufbau des menschlichen Gehirns in stammesgeschichtlich ältere und jüngere Regionen, zeigt, dass wir auch weiterhin “Anteile” in uns haben, die gar nicht zu Konstruktionen in der Lage sind. Ebenso besitzen wir auch die bloßen Reiz-Reaktions Schemata der Qualle weiterhin. (Wenn man auch der Qualle eine “Konstruktionstätigkeit” unterstellt, wie ich das gerade Erbloggtes lesen kann, dann … weiß ich auch nicht mehr …)
    All das sind für mich Hinweise darauf, dass unser Erkenntnisapparat hinreichend zur Erkenntnis dieser Welt ausgestattet ist. Von optimal, vollständig oder “perfekt” (wie gerne in Natur-Dokus dummer Weise behauptet wird,) kann natürlich keine Rede sein, da wir gar nicht wissen, was das ist.
    Vor diesem Hintergrund bietet mir der Konstruktivismus keinen Erkenntnisgewinn. Dass Religion oder die Stringtheorie Konstruktionen sind ist klar. Dass wir zu nichts anderem in der Lage sind, ist es nicht.

  48. @ Dr. Webbaer: Sachlichkeit, Realität un

    Die Realitas, betont die ‘Sachlichkeit’ der Welt, die Wirklichkeit …

    Nein, Sachlichkeit bezieht sich immer auf die Qualität der Interpretation, der Darstellung, der Wiedergabe der Welt bzw. der Realität.

    Die Realität ist in dem Sinne also ein Kriterium für die Sachlichkeit der Wiedergabe.

    So, wie Sie schreiben, würde den Schreiber dieser Zeilen interessieren, ob Sie Realität und Welt gleichsetzen oder eine Zwischenschicht sehen…

    Die Welt ist meine persönliche Sicht der Realität … die Sicht eines Lebewesens welches Sinne und Bewustsein hat.

    Aber mir ist natürlich bewust, dass es meine begrenzte Sicht ist … die Realität sehr vielmehr (unbegrenzt vielen?) Sichten zugänglich ist… schon jede über Geräte gewonnene Sicht auf andere Größenskalen, zeigt ja eine völlig neue Sicht auf die gleiche Realität.

  49. @Martin Holzherr: Realität und Theorie

    Jeder Physiker muss irgendwie voraussetzen, dass es in der Welt objektive Dinge gibt und dass es unsere Aufgabe ist, etwas darüber herauszufinden. Ich glaube nicht, dass man ohne dieses Gespür für eine objektive Realität Forschung treiben könnte. Das Indiz für Objektivität ist die Reproduzierbarkeit der Experimente.

    Was Susskind da sagt, kann ich voll unterschreiben … es unterscheidet sich nicht vom kritischen Rationalismus.

    Für diesen naiven Realitätssinn ist es naheliegend, dass es nur eine Realität gibt, die sich als eindeutiges Ergebnis von Grundprinzipien erlären lässt.

    Ich glaube Sie verwechseln da die Begriffe ‘Realität’ und ‘Interpretation der Realität’ (sprich Theorie). Dass es tatsächlich eine objektive Realität (Joachim nennt sie Außenwelt) gibt, streitet Susskind offensichtlich gar nicht ab … es geht doch wohl darum, dass er scheinbar behauptet, es sei nicht möglich diese eine Realität mit einer einzigen (schlüßigen) Theorie zu beschreiben.

    Damit mag er ja recht haben.

  50. persönliche Realität

    So, wie Sie schreiben, würde den Schreiber dieser Zeilen interessieren, ob Sie Realität und Welt gleichsetzen oder eine Zwischenschicht sehen… (Dr. Webbaer)

    Die Welt ist meine persönliche Sicht der Realität … die Sicht eines Lebewesens welches Sinne und Bewustsein hat.

    Kriegen Sie da keine Probleme mit der Sachlichkeit anderer? Oder meinen Sie immer die aktuelle wissenschaftliche Sachlichkeit? Und, falls ja, wie sachlich diese?

    MFG
    Dr. Webbaer (der hier mal verschachtelte Quotes getestet hat, hoffentlich gab es keine Katastrophe 🙂 )

    PS: Jeweils wurde das Blockquote mit dem Abschluss-Tag versehen und wie anscheinend erforderlich Whitespace beigefügt, also “umrandet”.

  51. @Bell: Philosophie+Begriffe

    Jede Philosophie verwendet die gleichen Begriffe etwas anders und häufig werden von Philosophen keine eigenen Fachbegriffe geschaffen sondern gängige Begriffe wie Realität, Wirklichkeit und so weiter auf je eigene Art interpretiert.

    In der Aussage, die sie kritisieren
    Für diesen naiven Realitätssinn ist es naheliegend, dass es nur eine Realität gibt, die sich als eindeutiges Ergebnis von Grundprinzipien erlären lässt.
    habe ich das Wort Realitätssinn so verwendet, wie das Susskind macht. Er meint damit den naiven Sinn für Realität, den wir als Gefangene unserer neuronalen Architektur mitbekommen.
    Als Menschen, die zur Abstraktion fähig sind neigen wir zu Verallgemeinerungen und sehen gar den heiligen Gral aufleuchten, wenn es letztlich nur EIN (ehernes) GESETZ gibt.

    Wenn sie daher schreiben

    Ich glaube Sie verwechseln da die Begriffe ‘Realität’ und ‘Interpretation der Realität’ (sprich Theorie).

    dann erwarten sie eine bestimmte Art wie das Wort ‘Realität’ verwendet wird. Genau das können sie im Zusammenhang mit der Philosophie nicht machen. Sie müssen für jeden Sprecher – hier Martin Holzherr als Susskind – aus der Art wie er ein Wort wie ‘Realität’ verwendet darauf schliessen, was er meint.

    Ich glaube Sie verwechseln da die Begriffe ‘Realität’ und ‘Interpretation der Realität’ (sprich Theorie)

  52. Sichten

    @Holzi

    Sie müssen für jeden Sprecher – hier Martin Holzherr als Susskind – aus der Art wie er ein Wort wie ‘Realität’ verwendet darauf schliessen, was er meint.

    ‘Müssen’ sicherlich nicht, es gibt auch philosophische Modelle, die das jeweilige Erkenntnissubjekt als zentristisch und Normen, Werte wie Welten bestimmend sehen; vielleicht ist Bell ja diesbezüglich unterwegs, in den Hintern beißen kann man ihn dafür nicht.

    Auf das Soziale bezogen würde Dr. W dann aber in der Tat politisch Ichbezogenheit und vielleicht sogar Exaltiertheit feststellen wollen – wobei man dann wieder schön die Übergänge zwischen gemeinschaftlich bezogenen Konstruktivismus und dem individuellen sehen kann.

    SCNR
    Dr. Webbaer

  53. Susskind-Quiz

    Vielleicht wäre an dieser Stelle eine Umfrage unter den Diskussionsteilnehmern angebracht.

    An wieviele Realitäten glaubt Leonard Susskind:
    a) 0
    b) 1
    c) ∞
    d) er weiss es selber nicht

    Mehere Antworten erscheinen möglich 😉

  54. An wieviele Realitäten glaubt Leonard S.

    A: An n/a ?

    MFG
    Dr. Webbaer

    PS + BTW: Ist denn eigentlich heutzutage noch jemand Existenzialist?

  55. @Dr. Webbaer

    »A: An n/a ?«
    Ja, das kann gut sein. So “wirklich” klar ist mir Susskinds Rede nicht. Was sagt er denn da?

    1) Jeder Physiker braucht einen Sinn für objektive Realität.

    2) Der Beweis für Objektivität ist die Reproduzierbarkeit von Experimenten.

    3) Was sich die Leute intuitiv unter Realität vorstellen, ist neural verdrahtet.

    4) Diese Vorstellung von Realität ist kaum hilfreich für kontraintuitive Einsichten, z.B. bei der RT. Deshalb sollten wir statt von real besser von reproduzierbar sprechen.

    ad 1) Ist als pers. Meinung gekennzeichnet und wird nicht weiter begründet.

    ad 2) Reproduzierberkeit von experimentellen Ergebnissen liefert höchstens eine Evidenz für intersubjektive Observabilität. Das Wort Objektivität beschwört hier bereits metaphysische Geister aus der Ontologie.

    ad 3) Ja, und hier scheint die einzige Stelle zu sein, wo er zugesteht, dass Wahrnehmung wohl eine Rolle spielt.

    ad 4) Ob reproduzierbar stets das angemessene Ersatzwort für real ist, darüber liesse sich streiten. Grundsätzlich stimme ich aber zu, dass in dem betrachteten Kontext das Wort real verzichtbar oder ersetzbar ist.

    Résumé: Susskind scheint mir insgesamt noch der Meinung zu sein, die Physik mache objektive Aussagen über eine objektive Welt. Aber wenn er schon die “Realitát” in die Tonne tritt, dann hätte er die “Objektivität” besser auch gleich entsorgen sollen.

  56. Susskind-Interpretationen

    @Chrys
    Dr. Webbaer will sich hier nicht als Vertreter Susskinds und seiner Sichten ausprägen, dafür ist er zu wenig drin, darum nur kurz zu Ihrer Interpretation, die hier schlüssig erscheint:

    > 1) Jeder Physiker braucht einen Sinn für objektive Realität.

    Die Physiklehre arbeitet mit einer ihr eigenen nicht als unbdingt wahr angenommenen Sachlichkeit.

    > 2) Der Beweis für Objektivität ist die Reproduzierbarkeit von Experimenten.

    Der Forschungsgegenstand wird in diesem Sinne als objektiv bearbeitet. Die Empirie ist hier der Helfer. Man könnte von einem metaphorischen Nutzen der Begriffe ‘Realität’ und ‘Objektivität’ ausgehen wollen.

    > 3) Was sich die Leute intuitiv unter Realität vorstellen, ist neural verdrahtet.

    Ischt wohl so.

    > 4) Diese Vorstellung von Realität ist kaum hilfreich für kontraintuitive Einsichten, z.B. bei der RT. Deshalb sollten wir statt von real besser von reproduzierbar sprechen.

    Man kann weiterhin bewusst mit den Begriffen ‘Realität’ und ‘Objektivität’ arbeiten. – Nehmen wir mal vergleichend die Begriffe ‘Hypothese’ und ‘Theorie’, die in den Wissenschaften ebenfalls von der ursprünglichen Bedeutung ein wenig weggehend neu besetzt worden sind.

    Ihrem Resümee schließt sich der Schreiber dieser Zeilen nicht ganz an.

    MFG
    Dr. Webbaer

  57. Konstruktivismus vs. Rationalismus

    Danke für diese gelungene Diskussion, auch die zum Thema Naturgesetze.

    Ich denke jedoch nicht, dass man Konstruktivist sein muss, um die konstruierte Natur unserer Naturgesetze zu verstehen. Schließlich handelt es sich dabei um (i.d.R. durch Induktion von Einzelbeobachtungen) gewonnene Verallgemeinerungen. Dass diese durch neue und/oder genauere Beobachtungen verändert, präzisiert usw. werden können (etwa die Weismann-Doktrin: Das Keimplasma wirkt auf das Körperplasma, nicht umgekehrt), sollte deutlich machen, dass wir es hier mit keinen Akteuren zu tun haben (etwa der Form: Der Apfel fällt vom Baum, weil es das Gravitationsgesetz gibt), sondern mit Beschreibungen.

    Was Beschreiben nun Naturgesetze? Vermutlich Interaktionen von Naturkräften. Man kann also Realist bezüglich der Naturkräfte sein (“was die Welt wirklich zusammenhält”) und trotzdem anerkennen, dass unsere Gesetze konstrukte sind.

    Ich denke, dass sich hieran auch ein Unterschied zwischen einem Konstruktivismus und Poppers Fallibilismus deutlich machen lässt:

    Für Konstruktivisten ist das Konstruieren essenzieller Bestandteil wissenschaftlichen Handelns, nach Popper jedoch eher Ausdruck von etwas, das in der Wissenschaft (zumindest manchmal) etwas schief geht. Gerade langfristig gesehen lässt Popper den Konstruktivismus hinter sich, nämlich mit der Hoffnung, dass durch fleißiges Prüfen und Widerlegen die vorhandenen Naturbeschreibungen eben doch wahr sind oder sich zumindest der Wahrheit weiter annähern.

    In diesem Sinne läuft sein Fallibilismus dann doch in die Richtung eines Realismus, wenn auch eines Realismus in weiter Ferne.

  58. P.S. Popper

    Wie in der Literatur diskutiert wurde, besteht in Poppers Wissenschaftstheorie eine Spannung zwischen seinem Fallibilismus und seinem Festhalten an einer Korrespondenztheorie der Wahrheit:

    Einerseits ist die Entscheidung, ob eine Beobachtung nun eine Theorie falsifiziert oder nicht, letztlich auch an Konvention gebunden; Beispiele für ein experimentum crucis (so wie die Messung der Lichtablenkung bei der Sonnenfinsternis 1919 zur Überprüfung von Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie, die Popper so beeindruckt hat) sind schwer zu finden.

    Andererseits klingt die Idee der schrittweisen Annäherung an die Wahrheit eben gar nicht mehr fallibilistisch – ist er also doch mehr Realist, als ihm als kritischer Rationalist lieb sein müsste?

    Siehe etwa die Diskussion in der Stanford Encyclopedia of Philosophy.

  59. Selektion und Evolutionstheorien

    Deine Deutung der Selektion geht meines Erachtens aber schief; zunächst interessiert mich, welche Evolutionstheorie hast du im Sinn? Die Synthetische Theorie mit der Ergänzung Dawkins’, dass die Selektionseinheit der Genotyp ist, der über den Phänotyp zum Fortpflanzungserfolg beiträgt?

    Die Deutung geht meines Erachtens schon deshalb schief, weil Vor- und Nachteil relativ zueinander und sowieso immer zur Umwelt sind: Wenn Merkmal A gegenüber B in Umwelt U vorteilhaft für die Fortpflanzung ist, dann ist umgekehrt Merkmal B gegenüber Merkmal A nachteilhaft. Auf sprachlicher Ebene lässt sich die Redeweise also ineinander überführen (d.i. jeder Vorteil von A gegenüber B lässt sich in einen Nachteil von B gegenüber A übersetzen).

    Empirisch gesehen dürfte es sowohl Beispiele dafür geben, dass ein vorteilhaftes Gen den Fortpflanzungserfolg erhöht, als auch dafür, dass ein nachteilhaftes ihn verringert. Im ersten Fall wird ein Organismus dafür eher durch das Zeugen von mehr Nachkommen selektiert, im zweiten durch das Zeugen von weniger Nachkommen eher wegselektiert.

    Wichtig ist aber: “Vorteil” und “Nachteil” müssen hier definiert werden, eben in Relation zu einer bestimmten Umwelt. In meinem Beispiel könnte der Vorteil ein Merkmal sein, das neue Wege zum Futtersuchen ermöglicht, während der Nachteil in einer lähmenden Krankheit besteht.

    Aber auch hier gilt: Was vorteilhaft und nachteilhaft im Sinne des Fortpflanzungserfolgs ist, das kann sich durch Umwelteinflüsse schnell ändern; man denke daran, dass sich in der Erdatmosphäre plötzlich die Sauerstoffkonzentration schlagartig änderte, was einen enormen Effekt auf die Entwicklung des Lebens hatte.

    Wir tragen sicher sowohl vor- als auch nachteilhafte Gene in uns (und dabei ist es noch eine theoretische Annahme, die nicht unumstritten ist, dass der Genotyp wirklich die Ebene der Selektion ist und nicht etwa der Phänotyp, der gesamte Organismus, eine Gruppe von Organismen); welche nun mehr zu unserem Fortpflanzungserfolg beitragen, das müsste man schon an konkreteren Beispielen untersuchen und ist dann sowieso immer relativ zueinander und zur Umwelt.

  60. @Stephan Schleim /Selektion

    Hallo, mein Gutster, mir ist überhaupt nicht klar geworden, worin sich Dein Verständnis vom Evolutionsprinzip der Selektion von dem von Joachim Schulz unterscheidet.

    Es geht nach meinem Empfinden aus Joachims Text auch klar hervor, dass die DNA, sprich das Gen/Allel bzw. die genetische Information, die Einheit der Evolution ist, wobei die Selektion klarerweise am Individuum ansetzt (wenn man das mal so sagen darf, denn natürlich ist da keiner, der selektiert).

  61. @Balanus: Textverständnis

    Die These Joachims, auf die ich mich beziehe, steht gleich am Anfang seines Beitrags:

    …die Evolutionstheorie [wird] oft falsch verstanden. Die natürliche Auslese, eines der Grundprinzipien der Evolution, ist keine Auslese der besten Individuen, sondern ein Ausscheiden der erfolglosen Gene. Das hat weitreichende Konsequenzen.

    Dies bestreite ich aus den genannten Gründen.

  62. die Konstruktion der Realität

    Hallo! eine gute (kritische) Darstellung über die Unterschiede zwischen Konstruktivismus und kritischem Realismus findet sich hier: http://www.univie.ac.at/…journal/3/3/153.gadenne

    Ich finde vieles am Konstruktivismus spannend und gut, aber anderes wiederum ziemlich unplausibel (z.B. die Verweigerung, klar auszusprechen, dass die Annahme einer vom Beobachter unabhängigen Realität auch für den Konstruktivismus eine notwendige Voraussetzung ist, wenn er nicht in den Idealismus abgleiten will).

    Beste Grüße!

  63. Begriffe

    Den Zusammenhang zwischen der Evolution und verschiedenen erkenntnistheoretischen Positionen auf eine solche Weise herzustellen, finde ich interessant. Nun ist es in der Philosophie leider üblich, ähnliche Sachverhalte mit verschiedenen Begriffen zu bezeichnen und ähnliche Begriffe für verschiedene Sachverhalte zu verwenden. So auch hier: Poppers Begriff des “kritischen Rationalismus” ist unglücklich gewählt, weil der Begriff des Rationalismus ja bereits als Gegensatz zum Empirismus verwednet wurde. Besser wäre es, hier den Begriff “kritischer Realismus” zu verwenden.

    Eine ähnlichen Bezug zwischen Evolutionstheorie und Erkenntnistheorie stellt auch die Evolutionäre Erkenntnistheorie her. Hier passt die Begriffsbildung recht gut zum Inhalt. Ein noch lebender Vertreter ist Gerhard Vollmers, und auch Karl Popper taucht in der Vorgeschichte dieses Ansatzes auf. In Bezug auf das Verhältnis zwischen Wirklichkeit und Erkenntnis verwenden die EEler den Begriff “hypothetischer Realismus”, der mir sehr treffend erscheint und weitgehend dassselbe bedeutet wie “kritischer Realismus”.

    Die EE erklärt auch sehr schön, warum eigentlich alle Menschen im Alltag naive Realisten sind – unsere Sinneseindrücke sind uns im Bewusstsein unmittelbar präsent, ohne dass wir uns über ihr Zustandekommen Rechenschaft ablegen. Erst wenn man sich näher mit den damit verbundenen Implikationen auseinandersetzt, beginnen die Schwierigkeiten.

  64. @Köppnik

    “Poppers Begriff des “kritischen Rationalismus” ist unglücklich gewählt, weil der Begriff des Rationalismus ja bereits als Gegensatz zum Empirismus verwednet wurde. Besser wäre es, hier den Begriff “kritischer Realismus” zu verwenden.”

    Das sehe ich nicht so. “Kritischer Rationalismus” passt genau, denn es handelt sich ja gerade um einen Ansatz, der dem Rationalismus nahesteht: Erkenntnis wird nicht direkt aus der Empirie gewonnen, sondern rationalistisch indem Forschende ein (Gedanken-)Modell aufstellen, das dann anhand von Beobachtungen und Experimenten kritisch überprüfbar sein muss.

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  68. Eine vielleicht etwas spät kommende Anmerkung:

    Bei komplexeren Organismen spielt die homologe Rekombination eine viel wichtigere Rolle, als Mutationen. Züchter könnten niemals so erfolgreich sein, wenn sie für schnellere Rennpferde auf geeignete Mutationen warten müssten.

    E. v. Kitzing

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