Visite 2009 – Helmut Wicht zu Besuch in der Quantenwelt

BLOG: Quantenwelt

Gedanken eines Experimentalphysikers
Quantenwelt

Visite2009Heute freue ich mich über einen netten Besuch, der mir – die Freude wird größer – sogar etwas mitgebracht hat. Zu Besuch ist ein guter Nachbar aus den Brainlogs, der Autor von Anatomisches Allerlei. Aber genug der Vorrede. Lassen wir unseren Gast, Helmut Wicht zu Wort kommen:

 

Visite 2009 – Helmut Wicht zu Besuch in der Quantenwelt

Was macht man, wenn man auf Besuch kommt?

Man bringt ein Gastgeschenk mit.

Ein literarisches in diesem Falle, das zugleich verraten wird, ob ich die Inhalte dieses Blogs, den ich zwar regelmässig lese, mich aber selten zu kommentieren getraue, recht verstanden habe. Das Gastgeschenk zuerst – und dann doch noch ein paar kommentierende Worte.

Froschdrama

Dramatis personae (Ranae):
6 namentlich bekannte und ordentlich mit lateinischen Artnamen versehene Frösche:

Der Blankfrosch (Rana nitida) (Chef von allen)
Ein Steinfrosch (Rana petrosa)
Der Gellmann-Frosch (Rana clamans)
Der Feldfrosch Erwin (Rana campestris)
Die Fröschin Mileva (Rana serbica)
Der Bohrfrosch (Rana perforans)
und
eine Katze (Felis domestica)
und
ein Überraschungsgast (Ciconia ciconia)

(im Quantensumpf, der Blankfrosch sitzt einer Froschvollversammlung vor)

Der Gellmann-Frosch: “Quark!”
Der Blankfrosch: “Das heisst: ‘Quaak’!”
Der Gellmann-Frosch (in imposantem Bariton): “QUUAAAAARK!”
Die Fröschin Mileva (verliebt): “Charming!”
Ein Steinfrosch (verbittert, zu sich): “Strange, how the Charme of love has it’s Ups and Downs, how it oscillates between Top and Bottom. I’ll get a divorce…”
(dann laut, zu allen): “Higgs!”
Der Feldfrosch Erwin: “Schon wieder blau?”
Ein Steinfrosch: “Nein. Es ist nur schwer. Ehe gleich Mühe mal Cuneigungsquadrat..”
Der Blankfrosch: “…das schreibt man mit ‘Zett’!”
Der Gellmann-Frosch: “Ey – das ‘Zett’ – das ist MEIN Boson!”
Ein Steinfrosch: “Das scheint mir aber eher eine STARKE Wechselwirkung zu sein, zwischen Dir und der Fröschin Mileva!”
Die Fröschin Mileva: “Ach Glu, ohne … äh … ich meine: ach Du! Ohne Dein Gehiggse kann ich leichter leben.”
Der Blankfrosch: “Oh, das ist schwer. Kraft der mir verliehenen Wirkung erkläre ich Euch für hiermit für geschiedene Leute!”
Die Fröschin Mileva: “Ich krieg’ das Haus und die Kinder!”
Ein Steinfrosch: “Das ist mir alles relativ egal…”
Die Fröschin Mileva. “Und die Katze? Wer kriegt die Katze?”
Ein Steinfrosch: “Wo ist sie eigentlich, die Katze?”
Der Feldfrosch Erwin: (wird blass)
Der Bohrfrosch: “Erwin!! Was hast Du angestellt …. in dem grossen Kasten da drüben???”
Der Feldfrosch Erwin: (nickt)
Ein Steinfrosch: “Lass’ meine Katze da raus!”
Der Feldfrosch Erwin: “Das geht nicht. Sie ist — ähh — sie ist überlagert…”
Der Bohrfrosch: “Überlagert? Wie lange hast Du die schon da drin? Haben Katzen ein Zerfallsdatum? Ist sie verhungert?”
Der Feldfrosch Erwin: “Neinneinnein. Sie ist noch gar nicht lange da drin. Ihr Sein überlagert sich aber gerade mit dem Nicht-Sein oder einem ganz anderen Sein und es kann sein, dass die Katzenfellfunktion – ähh: die KatzenFELDfunktion – mittlerweile ein ganz anderes Funktionsfeld angenommen hat, zum Beispiel eine Spatzenfeldfunktion oder sonstwas Gefiedertes, denn die Feldfunktion des Felles oder Gefieders fiedert sich zu jedem Moment in multiple Möglichkeiten und Welten auf und ich hab’ keine Ahnung was da ‘raus kommt, wenn man die Kiste…”
Ein Steinfrosch: “Erwin, red’ kein’ Stuss. Mach’ die Kiste auf!”
Der Feldfrosch Erwin: “Auf Deine Verantwortung!”
(macht die Kiste auf)
Alle (entsetzt): “EIN STORCH, EIN STORCH!”
Der Storch (Ciconia ciconia, frisst sie alle und fliegt mit vollem Kropf heim in’s Nest, wo ihn Frau und hungriger Nachwuchs erwarten)
Die Storchenfrau (erwartungsvoll, bei seiner Ankunft). “Quantum?”
Der Storch (speit all die toten Frösche aus): “Tantum!”

Eigentlich gar kein Drama, mehr ein albernes Worträtselspiel für die Initiierten der Quantenmechanik. Die werden ihre Frösche und deren quere Wortspielereien wiedererkennen und zugleich vermutlich der Ignoranz des Autors auf die Spur kommen, der wahrscheinlich doch den ein oder anderen Frosch und seine Rolle in der Historie der Quantenmechanik “unscharf” abgebildet hat. Richtig: den Rana fervidomontana, den heissen Bergfrosch, den hab’ ich zum Beispiel völlig vergessen. Gar nicht zu reden von Rana multimundana, Everetts Vielweltfrosch…

Egal. Die Artnamen hab’ ich alle hübsch frei erfunden (bis auf den des Storches, der und seine Frau heissen wirklich Ciconia und haben Latinum, damit sie das “Tantum–Quantum” Wortspiel machen können) — also, ich hab’ sie alle frei erfunden, um mich daran zu erinnern, dass ich mal Biologe war. Und der surreale Unfug, den die Frösche und ich da anstellen, das ist schon so eine Art der (versuchten) Rezeption des Gegenstandes dieses Blogs: der Quantenmechanik eben. Schrödingers Katze könnte sich in einen Storch verwandeln (naja: einen kleinen Storch), aber es ist nicht sehr wahrscheinlich. Und wenn die Frösche in ihrer Konversation kalauern, was die Quarks und die Bosonen hergeben, so ist das eine Reaktion auf deren (der Quarks) Namen, die mir ihrerseits manchmal Kalauer für die Initiierten zu sein scheinen.

Und es ist ja gar nicht als Kritik gedacht: Wenn mich etwas an der Quantenmechanik fasziniert, dann ist es die spielerische Leichtigkeit, mit der sie sich über die Alltagswelt der Störche hinwegsetzt. Nicht dass ich glaubte, dass diese Quantenwelt “unwirklich” wäre – oh nein. Eher glaube ich, dass sich der Storch und seine Angehörigen an den Fröschen den Magen verderben werden. Denn wenn die Welt ein kohärentes Geschehen ist, wenn also die logischen Regeln, die auf einer ihrer Ebenen gelten (der der Quantenmechanik zum Beispiel) auf einer anderen Ebene (der des Storchenmesokosmos) nicht vollständig aufgehoben sein können, dann wird der Storch einiges überdenken müssen, wenn er die Kröten – äh: Frösche – schluckt. Er wird sich zum Beispiel – so denke ich – vom liebgewonnenen “tertium non datur” verabschieden müssen. Materie: Welle oder Teilchen? Antwort: Beides. Katze tot oder lebendig? Beides. Und er wird von der Idee der Substanz Abschied nehmen müssen, der Storch. Da sind keine immerwährenden “Dinge”.  Da sind nur veränderliche Beziehungen…und das gilt womöglich auch für den Mesokosmos.

Das ist mein momentanes Lieblingsthema … und wenn ich mir von diesem Blog etwas wünschen dürfte, dann wär’s eben nicht nur, dass er das tut, was er tut – nämlich die Quantenmechanik so vorzustellen, dass ich sie zu verstehen glaube (sofern “verstehen” überhaupt das angemessene Wort ist) – sondern darüber hinaus auf’s Glatteis zu gehen, dahin, wo ein “Verständnis” der Quantenwelt zu einer Kritik an der Struktur unseres Verständnisapparates wird. Also mehr Aufsätze wie dieser über den Zufall und den freien Willen .

Ich komme zum Schluss.

Die Störchin: “Diese Frösche sehen ja EKLIG aus! Völlig zerfetzt! Totgespielt! Was hast Du mit denen gemacht?”
Der Storch: “Was erwartest Du von einer Katze?”

Hier geht es weiter zur 2. Visite 2009: Besuch vom Chef

Joachim Schulz

Veröffentlicht von

www.quantenwelt.de/

Joachim Schulz ist Gruppenleiter für Probenumgebung an der European XFEL GmbH in Schenefeld bei Hamburg. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann in der Quantenoptik, in der er die Wechselwirkung einzelner Atome mit Laserfeldern untersucht hat. Sie führte ihn unter anderem zur Atomphysik mit Synchrotronstrahlung und Clusterphysik mit Freie-Elektronen Lasern. Vier Jahre hat er am Centre for Free-Electron Laser Science (CFEL) in Hamburg Experimente zur kohärenten Röntgenbeugung an Biomolekülen geplant, aufgebaut und durchgeführt. In seiner Freizeit schreibt er zum Beispiel hier im Blog oder an seiner Homepage "Joachims Quantenwelt".

3 Kommentare

  1. Visite

    Dieses Blogwichteln war eine wirklich gute Idee vom Carsten. Das war ein richtiger Knaller vom Wicht. Hoffentlich sind die anderen davon nicht verdattert, weil der Beitrag so gut war.

    Ich bin schon auf die nächste Visite gespannt.

  2. @ Huhn

    Wart nur’, bis ich Carstens (und in gewisser Weise: auch Deinen) Besuchsbeitrag beim mir in’s Allerlei gestellt hab’. Gleich mach’ ich mich an die Arbeit (kann sein, dass ich Deine Hilfe brauche…jede Menge Uploads und Links) DER Besuch knallt!

  3. Genial! Da musste ich sehr lachen.

    Aber: tertium non datur:=’Von zwei kontradiktorischen Aussagen ist _genau_ eine wahr’. Das bedeutet, dass nicht gleichzeitig zwei Aussagen A und B wahr sein koennen, wenn eine der beiden impliziert, dass die andere nicht wahr ist, also von der Form ist: [A=> nicht(B)], was auch einigermassen einsichtig ist. Die beiden Aussagen A1:=”Materie hat Teilcheneigenschaften” und A2:=”Materie hat Welleneigenschaften” koennen aber ganz friedlich koexistieren und gleichzeitig wahr sein, weil sie sich nicht gegenseitig widersprechen, es gilt weder [A1 => nicht(A2)], noch gilt [A2 => nicht(A1)]. Dem tertium non datur geht es deswegen – meiner Meinung nach – auch in der Quantenwelt noch ganz praechtig.

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