Vergleichszahlen und Vorurteil

Zahlenangaben sind in wissenschaftlichen Publikationen meist unverzichtbar. Berichten über Wissenschaft geben sie Glaubwürdigkeit. Doch nicht immer können Laien etwas mit den Zahlen anfangen. Deshalb sind Vergleiche als Maßstab wichtig. Leider geht die Suche nach einem guten Vergleich manchmal schief. Besonders wenn die Erwartung der/des Suchenden stark von den tatsächlichen Verhältnissen abweicht. Das fällt mir oft bei Berichten über die Wirkung radioaktiver Strahlung auf.

Kaum eine alltägliche Gefahr wird in der öffentlichen Wahrnehmung so überschätzt wie radioaktive Strahlung. Während ich als Experte weiß, dass eine Strahlendosis von ein paar Milligray mehr oder weniger keinen messbaren Effekt auf die Gesundheit hat, berichten öffentliche Medien schon einmal von großen Strahlenkatastrophen wo sich der eigentliche Schaden in Grenzen hält.

Ich habe 2012 einen Bericht über viele Millionen Becquerel im Meer kommentiert und gezeigt, dass Vergleichszahlen zur radioaktiven Aktivität nicht so leicht zu bekommen sind. Vor allem aber, dass große Zahlen manchmal gar nicht so groß sind, wenn man sie ins richtige Verhältnis setzt. Zuletzt fand ein Kommentator meines Blogs einen verblüffenden Vergleich von Leukämie-Todesfällen aufgrund von Strahlung:

Trotz ihrer eigentlich geringen Exposition starben im Untersuchungszeitraum 531 Arbeiter an Leukämie, 814 an Lymphomen und 293 an einem multiplen Myelom, wie die Forscher berichten. Das aber war deutlich mehr als erwartet. Denn in der breiten Bevölkerung liegt die Leukämierate bei 4,3 pro 10.000 Menschen – es hätten daher nur 134 Arbeiter an dem Blutkrebs sterben dürfen.

berichtet das Wissenschaftsmagazin Scinexx.

Es ist leicht nachzuvollziehen, was hier passiert ist: Die Redaktion von Scinexx hat die Todesfall-Zahlen – 531 für Leukämie1, 293 für Myelome und 814 für Lymphome – in der Veröffentlichung gefunden, wusste aber nicht so recht etwas damit anzufangen. Ist das nun viel oder wenig?

Also wurde ein wenig recherchiert und der verantwortliche Redakteur oder die Redakteurin fand eine Angabe zur Leukämierate2 von 4,3 pro 10.000 Menschen in der “breiten Bevölkerung”. Multipliziert mit der Gesamtzahl der Probanden in der Langzeitstudie – 308.297 Personen – ergibt sich die Vergleichszahl von 134 Leukämiefällen. 531 zu 134! Wenn das stimmte, würden Strahlenarbeiter_innen fast vier mal so häufig an Leukämie sterben als Menschen in anderen Berufen.

Die Scinexx-Redaktion ist über diese Zahl offenbar nicht erstaunt gewesen. Man hatte einen Vergleich, so dass sich die Leserinnen und Leser ein Bild machen können. Und dieser Vergleich schien plausibel. Jedes Kind weiß, dass Strahlung Leukämie verursacht. Auch in kleinen Dosen, wie sie Überschrift der Scienexx-Artikels deutlich macht.

Mich hat diese Zahl dagegen schockiert. 53% der an Leukämie verstorbenen Probanden hatten nämlich laut Veröffentlichung eine berufsbedingte Lebenszeitdosis von weniger als 5 Milligray abbekommen. Bei natürlicher Strahlenbelastung von etwa 2-3 Milligray pro Jahr und  nochmal so viel durch medizinische Behandlungen und Diagnose sollte das nicht ins Gewicht fallen.

Wäre also die Vergleichszahl korrekt, die die Redaktion gefunden hat, so hätten wir es hier mit einer handfesten Sensation zu tun. Weltweit hätten Grundprinzipien des betrieblichen Strahlenschutzes infrage gestellt werden müssen. Vor allem aber hätte es uns das Rätsel aufgegeben, warum sich dieser Effekt nicht bei den stark variierenden lokalen natürlichen Strahlendosen bemerkbar macht. Je nachdem, ob wir im Erzgebirge oder in der norddeutschen Tiefebene leben, unterscheidet sich nämlich die natürliche Strahlenbelastung erheblich. Weit stärker als die in der Studie gemessenen betrieblichen Belastungen.

Auch aus der Studie selbst ist zu entnehmen, dass der Vergleich falsch sein muss. Dort ergibt sich für Leukämie3 eine Steigung der Sterbehäufigkeit von 3 Fällen pro Gray mit einer Streubreite zwischen 1 und 5. Um die vierfache Sterberate zu zeigen, hätten die Probanden also mindestens ein knappes Gray, wahrscheinlicher zwei oder mehr Gray zusätzlich zur natürlichen Belastung abbekommen müssen. Das ist, bei aller Messunsicherheit, ausgeschlossen.

Ich kann also Entwarnung geben: Die Erkenntnisse dieser Studie sind nicht so besorgniserregend, wie die Scienexx-Redaktion es verstanden hat.

Und ich muss warnen: Wenn in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung keine Vergleichszahlen angegeben sind, liegt das meist daran, dass solche Zahlen nicht leicht zu bekommen sind. Eine kurze Recherche und eine schnell ausgerechnete Zahl können da leicht in die Irre führen.

Anmerkungen:
1. tatsächlich sind es 669, wenn man Chronische lymphatische Leukämie (Altersleukämie) einrechnet.
2. Es ist nicht ganz eindeutig, was mit Leukämierate gemeint ist. Für die Inzidenz, die Zahl der Neuerkrankungen pro Jahr ist die angegebene Zahl zu hoch. Sie könnte eine Prävalenz sein, ein Verhältnis von an Leukäme Erkrankten zur Bervölkerungszahl. Aber eigentlich ist es notwendig Sterbehäufigkeiten mit einem Ausschnitt der Bevölkerung gleicher Altersstruktur und ähnlicher Lebensumstände zu vergleichen. Solche Daten liegen nicht auf der Straße sondern müssten aufwendig erforscht werden. Und natürlich darf solch eine Sterbehäufigkeit nicht einfach mit der Zahl der Probanden, von denen die meisten noch leben, multipliziert werden.
3. ohne Chronische lymphatische Leukämie, für die ein negativer Zusammenhang gemessen wurde.

Veröffentlicht von

www.quantenwelt.de/

Joachim Schulz ist Gruppenleiter für Probenumgebung an der European XFEL GmbH in Schenefeld bei Hamburg. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann in der Quantenoptik, in der er die Wechselwirkung einzelner Atome mit Laserfeldern untersucht hat. Sie führte ihn unter anderem zur Atomphysik mit Synchrotronstrahlung und Clusterphysik mit Freie-Elektronen Lasern. Vier Jahre hat er am Centre for Free-Electron Laser Science (CFEL) in Hamburg Experimente zur kohärenten Röntgenbeugung an Biomolekülen geplant, aufgebaut und durchgeführt. In seiner Freizeit schreibt er zum Beispiel hier im Blog oder an seiner Homepage "Joachims Quantenwelt".

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