Strahlenmedizin: Keine Schwelle des Risikos

Dass radioaktive Strahlung Krebs verursacht, ist bekannt. Das im Strahlenschutz gängige Modell geht davon aus, dass es hierfür keine Schwelle gibt. Bereits das erste Strahlenquant kann einen Schaden anrichten und mit Zunahme der Strahlendosis steigt das Risiko linear: Doppelt so viel Strahlung ist für ein doppelt so hohes Strahlenrisiko verantwortlich. Dieses Modell heißt LNT-Modell (Linear No Threshold = Linear und keine Schwelle). In einem früheren Blogbeitrag habe ich dem LNT-Modell ein langes Leben vorausgesagt. Das scheint nun bestätigt.

In einem Artikel der wissenschaftlichen Zeitschrift The Lancet Haematology werteten die Autor_innen 66632 Todesfälle von 308297 Strahlenarbeiter_innen aus Frankreich, den USA und der UK auf Korrelationen zwischen Arten von Blutkrebs und Strahlendosis aus. Dabei zeigt sich, wie schwierig es tatsächlich ist, zuverlässige Daten zum Risiko kleiner Strahlendosen zu erhalten.

Zusammengefasst haben die Autor_innen zwei wichtige Erkenntnisse herausgearbeitet:

  1. Die Beobachtete Zunahme des Krebsrisikos mit Bestrahlung war in Einstimmung mit den Beobachtungen, die nach instantaner Bestrahlung in Hiroshima und Nagasaki gemacht wurden.
  2. Ein lineares Modell, das LNT-Modell, ließ sich gut an die Messwerte anpassen. Die Daten widersprechen diesem Modell nicht.

Im Anreißer eines Artikels auf Scinexx wurde diese Nachricht kommentiert mit: “Entgegen gängiger Annahme gibt es dabei keine Untergrenze und eine anhaltende Niedrigdosis wirkt genauso krebserregend wie eine einzige höhere Akutbelastung”.

Dieser Kommentar hat mich schockiert. Die gängige Annahme ist nach wie vor genau die, die mit der vorliegenden Untersuchung bestätigt wurde. Auf dieser Basis gründet sich jeder betriebliche Strahlenschutz und jede medizinische Nutzen-Risiko-Abschätzung. Was hält die Redaktion für die “gängige Annahme”?

Es gibt eine Hypothese, nach der niedrige Strahlendosen unschädlich oder sogar vorteilhaft sind. Die Idee dahinter ist, dass Strahlung die Reparaturmechanismen in den Zellen anregen könnte und so zu einer effektiveren Krebsabwehr der Zellen beitragen könnte. Auch das Immunsystem könnte von Strahlung beeinflusst sein. Einige Tiermodelle scheinen dieses Modell, die Hormesis-Hypothese zu bestätigen.

Eine evolutionstheoretische Begründung für die Hormesis-Hypothese ist, dass sich das Leben auf der Erde unter Bedingungen entwickelt hat, in der die natürliche Radioaktivität viel stärker war als heute. Könnten die Vorgänge der Zellbiologie für ein erhöhtes Strahlenniveau optimiert sein? Ich habe da meine Zweifel. Reparaturmechanismen sind für die Vervielfältigung unserer Erbanlagen ohnehin notwendig, auch ohne Strahlung. Radioaktivität ist nicht der einzige und vermutlich auch nicht der wichtigste Auslöser für Mutationen. Zu dem ist nicht jeder vorteilhafte Mechanismus auch durch die Evolution verwirklicht, natürliche Selektion wählt zufällige Anpassungen aus. Dass diese stattgefunden haben, können wir nicht voraussetzen.

Aber bleiben wir bei der Empirie. Ist die Hormesis-Hypothese jetzt vom Tisch? Nein, dass die vorliegende Studie eine Übereinstimmung mit dem LNT-Modell zeigt, bedeutet nicht, dass nicht auch ein anderes Modell passen könnte. Neben der Hormesis-Hypothese käme ein Schwellen-Modell in Frage, bei dem das Risiko erst ab einer bestimmten Dosis einsetzt.

Die meisten Strahlenarbeiter_innen, die in dieser Studie untersucht wurden, hatten recht geringe Gesamtdosen von unter 10 Milli-Gray erhalten. Zu beachten ist dabei, dass betrieblicher Strahlenschutz nur die zusätzlichen Dosen während der Arbeit erfasst, die natürliche Strahlenexposition von 3 bis 4 Milli-Gray pro Jahr, etwa 150 Milli-Gray für einen Vierzigjährigen, wurden nicht eingerechnet. Damit untersucht diese Studie aufgrund ihres Designs nur den Einfluss zusätzlicher Strahlung. Es gibt keine Referenzgruppe, die gar keiner Strahlung ausgesetzt war. Wo soll die auch herkommen.

Wir könnten daraus schließen, dass die Schwelle oder der vorteilhafte Bereich der Bestrahlung im Bereich der natürlichen Radioaktivität liegen muss. Schließlich passt eine lineare Anpassung ohne Schwelle zu den Daten. Aber auch bei diesem Schluss muss ich zur Vorsicht mahnen. Die Daten geben einen sicheren Ausschluss anderer Modelle nicht her. Wir können aus der vorliegenden Studie genau eines schließen: Das LNT-Modell ist mit den Daten kompatibel. Es lässt sich mit diesen Daten nicht widerlegen.

Damit werden wir es nach wie vor im Strahlenschutz nutzen müssen. Das gebietet das Vorsichtsprinzip: Das LNT-Modell ist von allen glaubwürdigen Modellen das, das die Risiken am pessimistischsten einschätzt. Aber wichtiger noch ist hier das ALARA-Prinzip: “As low as reasonably achievable”. Wir halten Strahlenbelastung auch unterhalb gesetzlicher Grenzwerte so niedrig, wie mit vernünftigen Mitteln erreichbar.

Was beim Strahlenschutz selbstverständlich ist, wirft in anderen Fällen, wo Chancen und Risiken gegeneinander abgewogen werden müssen, Fragen auf. Um eine Strahlentherapie zu optimieren oder die Evakuierung und Rückkehr der Bevölkerung nach einem Atomunfall einzuschätzen, sind möglichst exakte Modelle des Risikos nötig. Hier müssen wir leider damit leben, dass die Wissenschaft keine eindeutige Aussage macht. Entscheidungen sind oft unter Unsicherheit zu treffen. Davor kann Wissenschaft uns nicht bewahren.

Nachtrag 8. Juli 2015

Auf Twitter hat mich der Account des Nuklearia e.V. auf eine Diskussion im Nature Magazin hingewiesen. Dort wird die Studie kritisch betrachtet. Insbesondere ist problematisch, dass der Untergrund von natürlicher und medizinischer Bestrahlung der Probanden außerhalb des Dienstes nicht nur höher ist, als die gemessene zusätzliche Belastung, sondern zudem noch in Industrieländern ansteigt. Ein unbekannter, ansteigender Untergrund macht Studien, die nach kleinen Effekten sucht, natürlich sehr anfällig.

Im Verlauf der Diskussionen gestern ist aufgefallen, dass das Scinexx-Magazin die Leukämie-Todesfälle von 531 Arbeiter_innen mit einer Zahl von 134 Leukämiefällen in der “breiten Bevölkerung” vergleicht. Sterben Strahlenarbeiter_innen also 4 mal häufiger an Leukämie als andere? Nein, dieser Vergleich ist Falsch. Die Redaktion hat einfach die Zahl aller Probanden mit einer Leukämierate von 4.3/10.000 multipliziert. Das funktioniert aber so nicht.

Wollte man die Sterbefälle mit einer Gruppe nicht beruflich strahlenexponierter Personen vergleichen, müsste man sehr genau auf gleiche Zusammensetzungen beider Gruppen achten. Krebserkrankungen sind sehr altersabhängig und Strahlenarbeiter_innen haben nicht dieselbe Altersverteilung wie die “breite Bevölkerung”, die auch Kinder beinhaltet, bei denen das Krebsrisiko sehr viel geringer ist als bei Erwachsenen.

Eine kurze Abschätzung unten im Kommentar  ergibt, dass die 531 Leukämie-Toten von 66.632 Sterbefällen (0.8%) insgesamt nicht überraschend hoch sind.

Veröffentlicht von

www.quantenwelt.de/

Joachim Schulz ist Gruppenleiter für Probenumgebung an der European XFEL GmbH in Schenefeld bei Hamburg. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann in der Quantenoptik, in der er die Wechselwirkung einzelner Atome mit Laserfeldern untersucht hat. Sie führte ihn unter anderem zur Atomphysik mit Synchrotronstrahlung und Clusterphysik mit Freie-Elektronen Lasern. Vier Jahre hat er am Centre for Free-Electron Laser Science (CFEL) in Hamburg Experimente zur kohärenten Röntgenbeugung an Biomolekülen geplant, aufgebaut und durchgeführt. In seiner Freizeit schreibt er zum Beispiel hier im Blog oder an seiner Homepage "Joachims Quantenwelt".

29 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die natürliche Hintergrundsstrahlung kann von Ort zu Ort um einen Faktor 10 bis 100 variieren, dennoch kenne ich keine Studie, die erhöhte Krebsraten in Gebieten mit hoher Hintergrundsstrahlung eindeutig nachweist. Das verwundert mich aufs Höchste, denn wenn das lineare Risikomodell gilt, müsste man einen Unterschied feststellen. Als Beispiel möchte ich auf die Studie Background radiation and cancer incidence in Kerala, India-Karanagappally cohort study. verweisen. Dort liest man

    The coastal belt of Karunagappally, Kerala, India, is known for high background radiation (HBR) from thorium-containing monazite sand. In coastal panchayats, median outdoor radiation levels are more than 4 mGy y-1 and, in certain locations on the coast, it is as high as 70 mGy y-1. Although HBR has been repeatedly shown to increase the frequency of chromosome aberrations in the circulating lymphocytes of exposed persons, its carcinogenic effect is still unproven.

    In site-specific analysis, no cancer site was significantly related to cumulative radiation dose. Leukemia was not significantly related to HBR, either. Although the statistical power of the study might not be adequate due to the low dose, our cancer incidence study, together with previously reported cancer mortality studies in the HBR area of Yangjiang, China, suggests it is unlikely that estimates of risk at low doses are substantially greater than currently believed.

  2. > Die meisten Strahlenarbeiter, die in dieser Studie untersucht wurden, hatten recht geringe Gesamtdosen von unter 10 Milli-Gray erhalten. Zu beachten ist dabei, dass betrieblicher Strahlenschutz nur die zusätzlichen Dosen während der Arbeit erfasst, die natürliche Strahlenexposition von 3 bis 4 Milli-Gray pro Jahr, etwa 150 Milli-Gray für einen Vierzigjährigen, wurden nicht eingerechnet.

    Aus http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-19028-2015-07-01.html

    > Trotz ihrer eigentlich geringen Exposition starben im Untersuchungszeitraum 531 Arbeiter an Leukämie, 814 an Lymphomen und 293 an einem multiplen Myelom, wie die Forscher berichten. Das aber war deutlich mehr als erwartet. Denn in der breiten Bevölkerung liegt die Leukämierate bei 4,3 pro 10.000 Menschen – es hätten daher nur 134 Arbeiter an dem Blutkrebs sterben dürfen.

    Wenn ich versuche die beiden Textstellen zu vergleichen fällt mir auf, dass ein paar Prozent zusätzliche Strahlung (unter 10 zu 150 Milli-Gray) einen enormen Zuwachs an Leukämietoten (531 zu 134 Arbeiter) verursachen. Wie verträgt sich das mit einem linearen Zusammenhang?

    • Die 4-5 Todesfälle auf 10.000 Menschen finde ich auch in der englischsprachigen Wikipedia dort allerdings geht es um 4-5 Todesfälle auf 10.000 Menschen in einem Jahr (2004). Ich befürchte also, dass die Redaktion hier die jährliche Sterberate mit der Gesamtzahl der Todesfälle in einer Langzeitstudie verglichen hat. Aus der Studie selbst sind diese Zahlen jedenfalls nicht zu entnehmen.

      • Ich lese an der verlinkten Stelle:

        Age-standardized death rates from leukemia per 100,000 inhabitants in 2004.

        Das macht immerhin einen Faktor 10 aus.

        • Sie haben recht. Mein Fehler.
          Da haben die also nicht die Vergleichswerte her. Aus der Studie auch nicht. Ich bin da jetzt ein bisschen Ratlos. In der Veröffentlichung im Lancet gibt es keine Kontrollgruppe mit gleicher Altersstruktur wie die Strahlenarbeiter, aus der die 134 Fälle berechnet sein könnten. Dort sind die Strahlenarbeiter mit geringen Dosen die Kontrollgruppe, mit denen die anderen verglichen werden.

  3. Karl Mistelberger hat recht! Aber woran liegts? Meine These: Die Empfindlichkeit der aktuellen amtlichen Dosimeter liegt bei > 0,1 mSv, alles darunter wird nicht gemessen. Früher waren die Dosimeter vermutlich noch schlechter. Aber selbst bei aktuellen Dosimetern würde eine zusätzliche Dosis von ca. 1 mSv/Jahr also auf 25 Jahre von 25 mSv nicht auffallen. D.h. im Niedrigdosisbereich also bei mehr als der Hälfte der Probanden (median 1,3 mGy) liegt eine Unsicherheit bezüglich der tatsächlichen Dosis von 2000% vor.
    Die Arbeiter haben viel mehr abbekommen als registriert wurde!

  4. Diese Studie zum Leukämierisiko von AKW-Arbeitern ist mit 300’000 Strahlenexponierten in AKW’s wirklich äusserst umfangreich und damit aussagekräftiger als die meisten anderen Studien.
    Im Mittel wurden diese Nukleararbeiter 27 Jahre lang verfolgt.
    Es wurden 531 Todesfälle durch Leukämie, 814 Todesfälle durch Lymphom und 293 Todesfälle durch Multiples Myelom festgestellt. Das waren deutlich mehr als in der Durchschnittsbevölkerung zu erwarten wären. Es sind aber immer noch wenige Fälle von Leukämie, denn 531 Todesfälle durch Leukämie bei 300’000 Studienteilnehmern sind weniger als 2 Promille der Studienteilnehmer (die meisten der Studienteilnehmer lebten allerdings am Ende der Studie noch).

    Soviel ich weiss war etwas ähnliches bei den Hiroshima- und Nagasaki-Überlebenden festzustellen. Die Zahl der Todesfälle durch Leukämie verdoppelte sich, aber es blieben trotzdem wenige Todesfälle durch Leukämie gemessen an allen Todesfällen. Leukämie tritt nicht allzu häufig auf. Die altersspezifische Inzidenz von Leukämie in den USA liegt in der Altersklasse 10 bis 50-jährige deutlich unter einem Leukämiefall/pro Jahr/ pro 100’000 Einwohner und insgesamt sterben weniger als 2% aller Menschen an der Ursache Leukämie. Leukämie wurde allerdings schon sehr früh mit Bestrahlung in Verbindung gebracht. Diese Studie bestätigt nun eine solche Assoziation und bestätigt damit, dass die insgesamt aufgenommene Strahlendosis darüber entscheidet wie wahrscheinlich es ist an Leukämie zu erkranken.

  5. ‘Verwirklicht’, ‘Begründung’ & an einer Stelle könnte ‘Fragen’ auch groß geschrieben werden, ansonsten ist diese Aussage interessant – ‘Es gibt eine Hypothese, nach der niedrige Strahlendosen unschädlich oder sogar vorteilhaft sind.’ – auch vor evolutionärem Hintergrund, abfeimen und so.
    MFG
    Dr. W (der ohne (philosphisch) Utilitarist zu sein, hier auch utilitaristisch zu Verstehendes sieht)

  6. In der Tat sind manche Dosimeter deutlich genauer als > 0,1 Gy bzw. Sv. Die Anforderungen an amtliche Dosimeter nach der Richtlinie (Richtlinie über Anforderungen an Personendosismessstellen nach Strahlenschutz- und Röntgenverordnung)
    vom 10. Dezember 2001sind aber nicht so hoch. Das amtliche Dosimeter, das beruflich strahlenexponierte Personen tragen müssen, misst in 0,1 Sv Schritten (s. Anforderungen an Personendosimeter Strahlenschutzkommision 2011).

    • Ich zitiere aus ebendieser Richtlinie: “Die Erkennungsgrenze der verwendeten Dosimeter muss deshalb nach DIN 1319 bei bekannter Umgebungsstrahlung für Ganzkörperdosimeter kleiner als 0,05 mSv und für Teilkörperdosimeter kleiner als 0,5 mSv sein.”
      Zu beachten ist, dass Dosimeter typischerweise genauer sind als hier gefordert, aber die “durch lokale Unterschiede der natürlichen Umgebungsstrahlung hervorgerufene Messunsicherheit 0,1 mSv im Monat” beträgt.

      • Danke! Das ist genau der springende Punkt. Die größte Unsicherheit im Bereich von 0,1 mSv pro Monat ist die Umgebungsstrahlung. Dieser Strahlung sind aber alle Menschen ausgesetzt, Sie kann also nicht zu einem höheren Krebsrisiko bei Strahlenarbeiter_innen führen.

  7. “…dass Strahlung die Reparaturmechanismen in den Zellen anregen könnte und so zu einer effektiveren Krebsabwehr der Zellen beitragen könnte. ”
    Ohne das jetzt groß auszuformulieren: Bwahahahahaha.

    • Äh, sorry, aber das Immunsystem / Mikrobiom spielt eine große Rolle bei der Entstehung von Krankheiten. Würden wir alle Zellen bei Defekten nämlich einfach abschalten, wären wir nie krank. Allerdings wohl ziemlich schnell gealtert.
      Abgesehen davon, dass Telomere bei Krebs wie beim Altern ne wichtige Rolle spielen.
      Autoimmunerkrankungen, denen man mit Würmern begegnen kann, sind da nur ein Beispiel, wie “Belastungen” in unserem System miteingerechnet sind.
      Ob dazu Strahlenbelastung zählt, weiß ich nicht, kann ich mir aber gut vorstellen.
      Viele Prozesse sind ja Gleichgewichtsprozesse, heißt läuft ständig (ohne an/aus-Schalter), aber benötigt eben auch Gelegenheit.

      Zum Autor: Mich würde ja mal ganz konkret die Situation von Flughafenmitarbeitern interessieren, die an den Gepäckkontrollen arbeiten.
      Meinem Gefühl / meiner Vermutung (hypochondrischer Dickschädel, unabhängig vom Stress) nach kriegen die höhere Dosen ab, als der Gesetzgeber selbst vermutet. Und sogar 1mSv / a sind ja recht viel.
      Und ist auch nur die Grenze, damit die Mitarbeiter kein Dosimeter tragen müssen (da ja anscheinend ohnehin nur ungenau misst).

    • Die meisten DNA-Schäden werden nicht durch ionisierende Strahlung sondern durch oxidativen Stress ausgelöst, wie der Wikipedia-Artikel DNA damage mitteilt. Ohne Reparatur können DNA-Schäden später Krebs auslösen oder die Zelle altern lassen unter Bildung von seneszenten Zellen, auch wenn der DNA-Schaden nicht unbedingt mit Mutationen verbunden ist sondern nur mit einer Änderung der chemischen Struktur der DNA. Eine verstärkte DNA-Reparatur könnte also durchaus antikarzinogen/antiaging wirken. Würden niedrige Dosen von ionisierenden Strahlen die DNA-Reparatur anregen wäre das ein möglicher Mechanismus wie niedrige Bestrahlungsdosen die Gesundheit der Zellen erhalten und/oder Krebsraten reduzieren könnten.
      Laut Wikipedia gibt es oxidativ bedingt pro Humanzelle und Tag etwa 10’000 DNA-Schäden. Das sind also sehr viele. Und diese müssen alle repariert werden.

      Der Artikel Evidence for beneficial low level radiation effects and radiation hormesis berichtet nun, dass niedrige Dosen ionisierender Strahlung weniger DNA-Schäden hervorrufen als allein schon aufgrund oxidativen Stresses entsteht. Doch die niedrigen Dosen genügen um die DNA-Reparaturmechanismen zu aktivieren, was sich insgesamt positiv auswirken könne. Hier das vollständige Abstrakt

      Low doses in the mGy range cause a dual effect on cellular DNA. One is a relatively low probability of DNA damage per energy deposition event and increases in proportion to the dose. At background exposures this damage to DNA is orders of magnitude lower than that from endogenous sources, such as reactive oxygen species. The other effect at comparable doses is adaptive protection against DNA damage from many, mainly endogenous, sources, depending on cell type, species and metabolism. Adaptive protection causes DNA damage prevention and repair and immune stimulation. It develops with a delay of hours, may last for days to months, decreases steadily at doses above about 100 mGy to 200 mGy and is not observed any more after acute exposures of more than about 500 mGy. Radiation-induced apoptosis and terminal cell differentiation also occur at higher doses and add to protection by reducing genomic instability and the number of mutated cells in tissues. At low doses reduction of damage from endogenous sources by adaptive protection maybe equal to or outweigh radiogenic damage induction. Thus, the linear-no-threshold (LNT) hypothesis for cancer risk is scientifically unfounded and appears to be invalid in favour of a threshold or hormesis. This is consistent with data both from animal studies and human epidemiological observations on low-dose induced cancer. The LNT hypothesis should be abandoned and be replaced by a hypothesis that is scientifically justified and causes less unreasonable fear and unnecessary expenditure.

      • Ergänzung: Oxidativer Stress und nicht ionisierende Strahlung ist die Hauptursache von DNA-Schäden und die Akkumulation von DNA-Schäden wiederum begünstigt Altern und Krebs. Dies ist die Hauptaussage von DNA damage, cellular senescence and organismal ageing: causal or correlative wo man in der Kurzzusammenfassung liest:

        Cellular senescence has long been used as a cellular model for understanding mechanisms underlying the ageing process. Compelling evidence obtained in recent years demonstrate that DNA damage is a common mediator for both replicative senescence, which is triggered by telomere shortening, and premature cellular senescence induced by various stressors such as oncogenic stress and oxidative stress. Extensive observations suggest that DNA damage accumulates with age and that this may be due to an increase in production of reactive oxygen species (ROS) and a decline in DNA repair capacity with age. Mutation or disrupted expression of genes that increase DNA damage often result in premature ageing. In contrast, interventions that enhance resistance to oxidative stress and attenuate DNA damage contribute towards longevity. This evidence suggests that genomic instability plays a causative role in the ageing process.

        DNA-Schäden enstehen im menschlichen Organismus in jedem Augenblick. Meist durch oxidativen Stress, aber auch durch andere metabolische Vorgänge, durch UV-Strahlen und durch ionisierende Strahlen. DNA-Schäden sind primär chemische Schäden der DNA, die aber Mutationen begünstigen (wenn sie falsch repariert werden) oder aber wenn der DNA-Schaden nicht repariert wird und eine Zellteilung stattfindet. Diese kann dann in einer mutierten Ziel-DNA enden.
        Damit komme ich zu folgenden Aussagen:
        – Krebs hat (fast) immer DNA-Schäden und/oder DNA-Mutationen als Ursache
        – Chemische Reaktionen, UV-Strahlen (Haut) und ionisierende Strahlung verursachen DNA-Schäden und/oder DNA-Mutationen
        – Eine verminderte DNA-Reparatur begünstigt Krebs
        – Krebs wird oft von verminderter DNA-Reparatur begleitet

        Ionisierende Hintergrunds-Strahlung (natürlliche Radioaktivität) spielt jedenfalls eine untergeordnete Rolle bei der Entstehung von DNA-Schäden und DNA-Mutationen. Es darf bezweifelt werden, dass die leicht unterschiedlichen Niveaus natürlicher Radioaktivität die es beispielsweise zwischen dem Schwarzwald und Berlin gibt, eine Rolle spielen bei der Krebsentstehung und dem Altern, ausgeschlossen ist es aber auch nicht. Zudem könnte es sich je nach Krebsart unterschiedlich verhalten.

      • Äh, nein. Ohne Reparatur passiert gar nichts, außer dass falsche Proteine produziert werden, die entweder nichts oder das falsche machen.
        Mag sein, dass das in Signalwegen falsche Signale steuern kann. Deswegen würde der Körper die Apoptose auslösen. Aber Rückentwicklung der Zellen zu indifferenzierten Krebszellen geht dann nur, wenn Zelle sagt: kann noch repariert werden…

  8. Wizzy hat natürlich recht, ich habe heute früh auf die Schnelle statt mSv und mGy (s. mein erster Eintrag, da hat es noch gestimmt) Sv und Gy geschrieben… so ein Kappes! Danke für die Korrektur und für die indirekte Bestätigung meiner ursprünglichen Aussage, dass Personendosimeter (die monatlich ausgewertet werden) eine jährliche Exposition in der Größenordnung von um 0,5 mSv (d.h. z.B. 0,04 mSv/monat) nicht erfassen also in 25 Jahren mehr als 10 mSv unter Umständen nicht registriert werden (wir reden ja über Daten die mit der Technik der 60er oder 70er Jahre gemessen wurden).
    Ich habe die Angaben zur Spontanhäufigkeit von Leukämien nicht überprüft, aber wenn 500 Fälle nach gerundeten Wahrscheinlichkeiten erwartet werden und 530 auftreten, klingt der Befund auf einmal weniger dramatisch. Eine Knochenmarkexposition von ca. 0,5 -1,2 Gy (jetzt stimmt die Einheit) wie in der Studie beschrieben halte ich schon für gefährlich, aber wie die Autoren ein Risiko für die offensichtlich größte Gruppe (> 50% s. Angabe für Median) bis 3 mGy kumulative Knochenmarkexposition errechnen konnten bleibt mir schleierhaft. Mir fehlen Zahlen für die Anzahl und Dosis relevant belasteter Arbeiter also ab 100 mGy kumulative Knochenmarkexposition. Wenn die Autoren statt lustiger Modelle mit einer irren Streuung einfach die nackten Zahlen zu Erkrankungs-Häufigkeit relativ zu der Dosis präsentiert hätten könnte man eher ein Gefühl für das tatsächliche Risiko bekommen. Ich habe mal gegoogelt Onkopedia: “Die Inzidenz der CML beträgt etwa 1,5/100.000 Einwohner und Jahr” bei 25 Jahren und 300000 Menschen also 113 Fälle, in der Studie waren es 100 Fälle, das Risiko war lt. Studie pro Gy um ca. den Faktor 10 erhöht. Auf wieviel Fällen basiert diese Abschätzung wohl? Immerhin wurden nur im UK Dosen > 1Gy gemessen.

    • Zur Ehrenrettung der Autoren: Die Daten sind alle veröffentlicht. Im Anhang zur Veröffentlichung gibt es ausführliche Tabellen. Ohne die hätte ich diesen Artikel gar nicht schreiben können.

      Es ist ja das Problem in dieser Thematik, dass geringe Dosen, so unter 0,5 Gy recht kleine Effekte erzeugen und damit schwer statistisch zu fassen sind. Hohe Dosen, bei denen die Effekte deutlicher sind, kommen dagegen glücklicher Weise recht selten vor, Deshalb stützt sich das Wissen über den Effekt kleiner Dosen größtenteils auf Extrapolation von Beobachtungen bei hohen Dosen. Auch in der hier vorliegenden Studie ergibt sich eine statistisch belastbare Steigung des Risikos nur durch einbeziehen von Probanden mit Dosen über 300 mGy.

  9. Im Februar hat Scienexx auf eine Schweizer Studie hingewiesen, die eine Korrelation zwischen der Höhe der natürlichen Strahlung und dem Auftreten von Leukämie bei Kindern findet.
    “Insgesamt deuten unsere Resultate darauf hin, dass ionisierende Strahlung auch im Niedrigdosisbereich das Krebsrisiko bei Kindern erhöhen kann.” (Environmental Health Perspectives, 2015; doi: 10.1289/ehp.1408548)

  10. Pingback:Vergleichszahlen und Vorurteil › Quantenwelt › SciLogs - Wissenschaftsblogs

  11. Dank dieses Artikels habe ich Ihren Blog entdeckt und bin darüber sehr glücklich. 🙂

    Nur eine kleine Anmerkung:
    ALARA mit “As low as reasonably >practicable<" auszuformulieren, erscheint mir nicht ganz passend. Der Unterschied von ALARA zu ALARP ist für manch einen nur marginal erkennbar, aber meiner Meinung nach doch vorhanden.

    War es vielleicht nur ein Tippfehler?

    • Vielen Dank!

      Ja, war irgendwie ein Recherchefehler. Hatte kurz gegoogelt, damit ich mich nicht bei dem Zitat vertue und dann das falsche kopiert. Natürlich muss es “achievable” heißen.

  12. Aus irgendeinem Grund hat der Liebe Gott (oder wer auch immer) Kalium und Kohlenstoff in der der Zelle angereichert. Kalium 40 und C14 machen meines Wissens ca. 50% der natürlichen Strahlung aus. Das wäre nicht der Fall wenn natürliche Strahlung so immens gefährlich wäre.

    • Ich verstehe das Argument nicht? Basiert ihre Annahme auf “Intelligent design”? Man könnte es auch umdrehen: Dass die Elemente, aus denen Leben aufgebaut sind, auch radioaktiv sind, ist ein erheblicher Schwachpunkt des Designs.

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