Der Wissenschaftsbegriff der Homöopathie

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Gedanken eines Experimentalphysikers
Quantenwelt

Meine Homöopathie-kritischer Beitrag im März hatte erwartungsgemäß für einige Diskussionen gesorgt. Grund genug, den Faden noch einmal aufzunehmen und diesmal die Frage nach der Wissenschaftlichkeit der Homöopathie zu untersuchen.

Hierbei habe ich mich an eine Empfehlung einer Leserin meines Blogs gehalten, einen Artikel des Homöopathen Friedrich Dellmour von der Österreichische Gesellschaft für Homöopathische Medizin zu lesen. Der Artikel trägt den Titel Homöopathie-Kritik – Teil 3: Der Wissenschaftsbegriff der Homöopathie. Ich habe ihn mit großem Interesse gelesen und möchte Ihnen meine Gedanken zu dem Thema nicht vorenthalten.

Dabei möchte ich versuchen über meinen “Schatten der ‘Borniertheit’” zu springen, den Dellmour uns Kritikern vorwirft. Mit “Borniertheit” meint Dellmour den Umstand, dass naturwissenschaftlich motivierte Kritiker die Homöopathie nicht in deren eigenem Denksystem kritisieren, sondern das begrenzte Denksystem der Naturwissenschaften heranziehen. Tenor des vorliegenden Textes ist es aber, dass der Homöopathie ein “völlig anderer Wissenschaftsbegriff als der naturwissenschaftlich orientierten Medizin zugrunde” liege und deshalb mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht kritisierbar sei.

Was für ein anderer Wissenschaftsbegriff ist gemeint? Dellmour beschreibt in dem kurzen Bericht ganz korrekt, dass nicht alle Wissenschaftsgebiete mit den Methoden der Naturwissenschaft erschlossen werden können. Methoden richten sich nach den jeweiligen Gegenständen und so ist es nicht verwunderlich, dass Theologie, Literaturwissenschaft, Jura oder Wirtschaftswissenschaft anderen Regeln folgen, als die Naturwissenschaft. Aber kann Homöopathie, die ja immerhin den Anspruch hat, Menschen auf natürliche Weise zu heilen, wirklich beanspruchen, anders als naturwissenschaftlich überprüft zu werden?

Unten dem Titel “Unterschiedliche Denkrahmen” macht Dellmour einen seiner Ansicht nach wichtigen Unterschied klar: Naturwissenschaft begründe sich auf “Reproduzierbarkeit, Quantifizierung, Analyse, Eindeutigkeit, Widerspruchsfreiheit und kausale Begründung”, der “Denkrahmen der Homöopathe” sei dagegen “auf Einmaliges, Qualitatives, Synthese, Mehrdeutiges und Widersprüchliches ausgerichtet” und werde auch “durch die Kreativität des Therapeuten bestimmt”. Er geht sogar soweit zu behaupten, die Naturwissenschaft könne nur relativ einfache Phänomene untersuchen und meint, die Schulmedizin sei nur auf die Entstehung von Krankheiten ausgerichtet, während die Homöopathie auf die Entstehung von Gesundheit ausgerichtet sei.

Diese letzte Aussage ist mir ziemlich unverständlich, denn selbstverständlich gibt es auch naturwissenschaftlich betriebene Forschung über den gesunden Körper, über die Funktionsweise des Immunsystems und über richtige Ernährung. Naturwissenschaft ist in ihrer Anlage recht ganzheitlich und es fehlt nur leider oft an Integration der Wissenszweige. Ich könnte sicher noch einiges über Dellmours Definition der Naturwissenschaft schreiben und darstellen, wo er sich hier irrt. So gibt es selbstverständlich auch qualitative Aussagen in der Naturwissenschaft und die Kausalität ist keineswegs ein unhinterfragte Grundlage der Naturwissenschaft. Hier möchte ich aber auf Dellmours “Wissenschaftsbegriff der Homöopathie” fokussieren.

Die Einschätzung, dass die Wissenschaft Homöopathie auf “Einmaliges, Mehrdeutiges und Widersprüchliches” ausgerichtet sei, lässt mir ihre Anwendbarkeit nämlich zweifelhaft erscheinen. Wie soll man etwas lehren, das nicht reproduzierbar ist? Wie soll man es in der Praxis anwenden? Die Anwendung der Homöopathie basiert ihren Verfechtern zu Folge auf Erfahrung. Erfahrung kann man aber nur sammeln, wenn in ähnlichen Situationen immer auch ähnliche Verfahren zum Erfolg führen. Genau hierdurch zeichnet sich die Naturwissenschaft mit ihrer Forderung nach Reproduzierbarkeit aus. Naturwissenschaft ist Erfahrungswissenschaft. Einmaliges und Widersprüchliches mag in der Natur vorhanden sein, es lässt sich aber nicht lernen und lehren. Wären homöopathische Erfolge tatsächlich einmalige, mehrdeutige und widersprüchliche Ereignisse, so wäre jeder Heilungserfolg mehr Zufall als Absicht, denn er wäre weder vorhersagbar noch zu beeinflussen.

Schwerer wiegt noch, dass dieser Wissenschaftsbegriff dem Vorgehen Hahnemanns, dem Begründer der Homöopathie, widerspricht. Im Abschnitt “Wissenschaftliche Grundlagen” beschreibt Dellmour, wie Hahnemann die Homöopathie “ausschließlich auf die sinnlichen und psychisch wahrnehmbaren Symptome des Patienten” begründet hat. Hahnemann selbst hat versucht, die Homöopathie empirisch zu begründen und damit sehr wohl auf Reprodzierbarkeit und Analyse der Beobachtungen gesetzt. Hahnemann hat eindeutig wissenschaftlich gearbeitet und daher ist die Homöopathie von Beginn an eine naturwissenschaftliche These, die sich selbstverständlich auch naturwissenschaftlich belegen oder eben widerlegen lässt.

Insgesamt überzeugen mich Dellmours Ausführungen nicht.  Sie scheinen eher darauf abzuzielen , die Homöopathie vor Kritik zu immunisieren. Die Überprüfungskriterien der Naturwissenschaft, nämlich Reproduzierbarkeit, lehnt Dellmour ab. Für die Homöopathie besser geeignete Kriterien nennt er nicht. Und das obwohl der Begründer der Homöopathie selbst auf Reproduzierbarkeit gesetzt hat.

Dellmours fordert auf Seite 2 seiner Veröffentlichung, man solle sich zuerst über den Wirkmechanismus der Homöopathie einigen, erst dann könne man über die Detailfragen der Wirksamkeitsnachweise diskutieren. Das ist in der Tat eine Umkehrung wissenschaftlichen Vorgehens. Er möchte zunächst festlegen, wie eine Methode funktioniert, und erst dann die Frage angehen, ob sie überhaupt funktioniert. Wissenschaftstheoretisch kann man so sicher auch vorgehen, nur kann man die Homöopathie kaum als Heilmethode empfehlen, solange die Frage, ob sie wirkt, nicht geklärt ist. Und öffentlich finanzieren sollte man sie schon gar nicht.

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Joachim Schulz ist Gruppenleiter für Probenumgebung an der European XFEL GmbH in Schenefeld bei Hamburg. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann in der Quantenoptik, in der er die Wechselwirkung einzelner Atome mit Laserfeldern untersucht hat. Sie führte ihn unter anderem zur Atomphysik mit Synchrotronstrahlung und Clusterphysik mit Freie-Elektronen Lasern. Vier Jahre hat er am Centre for Free-Electron Laser Science (CFEL) in Hamburg Experimente zur kohärenten Röntgenbeugung an Biomolekülen geplant, aufgebaut und durchgeführt. In seiner Freizeit schreibt er zum Beispiel hier im Blog oder an seiner Homepage "Joachims Quantenwelt".

11 Kommentare

  1. Irgendwie kann ich mir sehr gut vorstellen, dass der arme Herr Hahnemann heute doch eher ein Gegner der Homöopathie wäre. Ich könnte diesen Satz jetzt in vielen Wörtern verdünnen, damit er stärker wird. Aber ich lass das.

  2. Hahnemann wurde später massiv verdünnt

    Hahnemann forschte in einer Epoche als man auch bei Naturheilkunde bis erster Pharma voll im Trüben des Wirkmechanismus fischte.
    Nicht mal die ‘Atomlehre’ war unumstritten und die erste Avogadrozahl gabs 1865 – da war Hahnemann schon lange tot.
    Und später Quantenmechanik und Homöopathie Wirkideen … besser gleich Schwamm drüber.
    Homöopathie ist eine Idee des frühen 19. Jahrhunderts und war später völlig überholt.

  3. Einfach unglaublich was ich da in ihrem Artikel lese. Da habe ich überhaupt keine Lust mehr Dellmours Artikel zu lesen, da seine Aussagen nur noch peinlich sind! Ich stimme vollkommen mit ihnen überein,
    dass Dellmour versucht die Homöopathie zu immunisieren. Der letzte Ausweg, um etwas überholtes und widerlegtes zu rechtfertigen. So etwas finde ich sehr arm!

  4. Dabei ist das doch ganz einfach. Wenn Homöopathie nicht mit den Methoden der Naturwissenschaft zu messen ist, ist sie ebensowenig wie Theologie, Jura und Literatur der Natur zugehörig. Da sie aber andesr als die vorgenannten nicht ein geistiges Produkt des Menschen sein will, kann sie nur zum Gebiet der Zauberei gehören. Zauberei gehört aber durchaus auch zu den gesitigen Produkten des Menschen, nämlich seiner Fantasie. Ist es also möglich, sie eventuell mit den Methoden der Literaturwissenschaft zu erforschen?

  5. Dierk, ich möchte deinen Satz potenzieren, der ist einfach gut!:

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    So, ich habe deine Wörter in einer natürlichen und chemiefreien Lösung Lorem Ipsum verdünnt und gut geschüttelt. Jeder der das liest sollte sich sehr gut vorstellen können, dass der arme Herr Hahnemann heute doch eher ein Gegner der Homöopathie wäre.

  6. Im Gesundheitsbereich wird es solange einen Raum für Obskurantismus geben, wie die Wissenschaft nicht jede Krankheit oder jedes Unbehagen heilen kann. Der Mensch ist nicht dafür gebaut nichts zu tun. Wenn die Medizin nicht hilft, muss eine Ersatzhandlung her. Die Homöopathie hat von den Ersatzhandlungen noch den Vorteil, dass sie nicht schadet, wie z.B. der Aderlaß. Sie könnte sogar sehr billig sein, wenn die Krankenkassen die Medikamente selbst herstellen und hübsch verpacken würden. Dass man versucht der Homöopathie auch was wissenschaftliches umzuhängen zeigt, dass die Wissenschaft doch im Grunde einen guten Ruf hat.

  7. @adenosine: Etwas tun

    Das stimmt natürlich, es ist unbefriedigend nichts gegen eine Erkrankung machen zu können. Aber dazu braucht es doch keine Homöopathie. Es gibt durchaus wissenschaftlich sinnvolle Verhaltensweisen im Krankheitsfall. Zum Beispiel: Gesunde Ernährung, viel Trinken (kein Alkohol sondern Wasser oder Tee), Bettruhe.

    Man kann auch nicht leugnen, dass auch die herkömmliche Pharmaindustrie nichts unversucht lässt, um unnötige rezeptfreie Medikamente an den Mann zu bringen und damit den selben Instinkt anspricht. Vielleicht wäre einfach mal eine Initiative der Krankenkassen sinnvoll, die kostengünstiges, gesundes Verhalten bewirbt.

  8. Homöopathie auf Krankenschein

    Ein schöner aufklärender Artikel. Ergänzend dazu möchte ich auf folgende
    TV-Diskussion hinweisen:

    Peter Hahne: Homöopathie auf Krankenschein

    Prof. Gerd Glaeske, Medikamenten-Experte der “Stiftung Warentest”

    Dr. Sigrid Kruse, Kinderärztin und Homöopathin

    http://www.zdf.de/…3%B6opathie-auf-Krankenschein

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