Die Zeitmaschine

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Gedanken eines Experimentalphysikers
Quantenwelt

In meinen Beiträgen über Zeit und auf meinen Websites zur Relativitätstheorie erwähne ich immer wieder einen Roman, der beweist, dass die Betrachtung von Zeit als vierte Dimension keineswegs eine Erfindung Einsteins oder gar Minkowskis war. Die Zeit als vierte Dimension aufzufassen, war schon Ende des neunzehnten Jahrhunderts im Gespräch. Zeit lässt, im Gegensatz zum Raum, nur eine Bewegungsrichtung zu. Wir können nicht zurück in die Zeit reisen und auch keine Information in die Vergangenheit schicken. Wir können es andererseits nicht vermeiden, in die Zukunft zu reisen und wir erhalten unentwegt Informationen aus der Vergangenheit. Viele dieser Informationen finden wir in Romanen wie The Time Machine.

The Time Machine (Penguin Classics)
Meine Ausgabe der Zeitmaschine von Penguine Classics.

Der Zeitreisende in H.G. Wells’ Roman ist Physiker, Ingenieur, Erfinder und Biologe in einer Person. Er schleift die Kristalle selbst, die irgend eine Funktion in der Zeitmaschine erfüllen, und hat auch sonst alles in seiner privaten Werkstatt eigenhändig gefertigt. Das war zu dieser Zeit nicht unüblich. Wissenschaft wurde noch zu einem großen Teil privat finanziert. Gelehrte (fast immer Männer) die es sich leisten konnten errichteten ihre eigenen Labore und forschten dort ihren eigenen Interessen folgend. In dem Moment, in dem er mit dem Bau der Maschine fertigt wird, zögert der Zeitreisende nicht, selbst die Gefahr auf sich zu nehmen die Zeitmaschine auszuprobieren. Als Motivation des Wissenschaftlers wurde im Viktorianischen England noch reine Neugier und das Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis angenommen.

Hauptsächlich geht es aber in The Time Machine um Evolution und um eine Fortschreibung der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung. Das Bild von der Wissenschaft war im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert beinahe ausschließlich positiv. Wells war zuversichtlich, dass es den Menschen gelingen wird, die Natur zum Positiven zu verändern. So schildert er die Natur des achttausendsiebenundzwanzigsten Jahrhunderts als einen paradiesischen Garten. Es gibt nur schönes und nützliches. Überall wachsen wunderschöne Blumen und Gräser und die Früchte sind im Vergleich zu den heutigen Früchten riesig und sehr schmackhaft. Den Menschen sei es gelungen, so sagt der Zeitreisende, alle Unkräuter auszurotten. Schmetterlinge gibt es noch, aber keine Schädlinge, die Pflanzen oder Menschen gefährden. Auch alle Krankheitserreger hält der Zeitreisende für ausgemerzt. So gibt es in der fernen Zukunft für die Nachkommen der Menschen weder Hunger noch Krankheit.

Es gibt gute Gründe, warum daran heute niemand mehr glaubt. Ein gutes Beispiel sind die Darmbakterien E. Coli. Diese sind natürlicher Bestandteil der Darmflora. Der Mensch kann nicht auf sie verzichten. Dennoch können einige E. Coli-Stämme ernsthafte Erkrankungen auslösen. Es ist vermutlich nicht möglich, Mikroorganismen in gut und schlecht einzuteilen und die schlechten einfach auszurotten. Dazu kommt, dass gar nicht alle Krankheiten durch Mikroorganismen ausgelöst werden. Viele Formen von Krebs zum Beispiel werden sich vermutlich nie ganz ausrotten lassen. Es liegt einfach an der Funktionsweise aller biologischen Systeme, dass jederzeit schädliche Mutationen auftreten können.

Wenn ich mir die aktuellen Debatten zur Präimplantationsdiagnostik (PID), zu gentechnisch veränderten Nutzpflanzen und zur Pharmazie ansehe, so scheint es ein weit verbreitetes Misstrauen gegen jedes wissenschaftlich motivierte Eingreifen in die Natur zu geben. Unsere Gesellschaft ist nicht mehr so wissenschaftsbegeistert, wie vor hundertzwanzig Jahren. Das ist gut, denn wissenschaftlicher Fortschritt braucht Kontrolle. In einer Demokratie trägt die Bevölkerung einen großen Teil der Verantwortung dafür, was erlaubt und verboten wird. Misstrauen wird aber dann bedenklich, wenn wissenschaftlicher Fortschritt aus einem Bauchgefühl heraus, aus unberechtigter Angst vor Veränderung verhindert wird. Biowissenschaften werden nie alle Probleme lösen können. Sie versprechen uns kein Paradies. Aber wiir werden die Biowissenschaften brauchen, um mit über Siebenmilliarden Menschen auf der Erde nachhaltig leben zu können.

Zurück zum Roman. Wells hielt die Wissenschaft noch für fähig, ein Paradies zu schaffen. Die Konsequenz aus diesem Paradies ist seiner Ansicht nach aber die Degeneration der Menschheit. Auf das goldene Zeitalter folgt nach Wells unausweichlich ein Rückgang der Intelligenz. Der Zeitreisende stößt in Wells’ Roman auf die Eloi. Nachkommen der Menschheit, die durchaus noch Kultur treiben, sie singen, tanzen und spielen den ganzen Tag. Ihre Aufmerksamkeitsspanne schildert der Zeitreisende aber als zu kurz, um irgendeinen komplizierteren Zusammenhang zu durchschauen und ihrer Sprache mangelt es an abstrakten Begriffen.

Wells schildert diese Degeneration der Menschheit als unweigerliche Folge der Evolution in einer paradiesischen Welt. Wenn das Verständnis komplizierter Zusammenhänge nicht mehr von Vorteil ist, wird die Fähigkeit dazu langfristig verschwinden. Wichtig sind hier die langen Zeiträume. Wells legt die Beobachtungen seines Zeitreisenden viele hunderttausende Jahre in die Zukunft. In dieser Zeit, so spekuliert er, könnte sich die Menschheit in zwei biologische Arten gespalten haben. Unter den Eloi leben die Morlocks. Intelligent genug um die noch nötigen Maschinen zu betreiben und an die unterirdische Dunkelheit angepasst. Ein unappetitliches Detail: Die Morlocks halten die Eloi als Vieh. Sie jagen und verspeisen sie in dunklen Neumondnächten.

Diese Entwicklung ist natürlich keineswegs zwingend. Sie ist eine Kritik an die Klassengesellschaft. Die Botschaft: Wenn die Gesellschaft sich in zwei Klassen aus Adeligen und Intellektuellen einerseits und Arbeitern andererseits aufspaltet und es zwischen diesen Klassen eines Tages keine Verbindung mehr gibt, dann könnte das langfristig zu einer Aufspaltung der Art Homo Sapiens führen. Die Eloi  sind an das Singen, Spielen und Tanzen in der Sonne angepasst. Die Morlocks an das Leben in der Finsternis. Die Eloi leben von den Früchten, die ihnen Genetiker des vergangenen goldenen Zeitalters vererbt haben, die Morklocks leben von den Eloi. Aus den Dienern sind die Viehhalter geworden, aus den Meistern das Vieh.

Wichtig ist, dass es bei Wells nicht um mendelsche Vererbung von Intelligenz geht, wie sie uns Thilo Sarrazin verkaufen wollte. Die Morlocks sind nicht intelligenter, weil sie von intelligenteren Eltern abstammen. Die Eloi sind nicht eleganter, weil sie gebildetere Vorfahren haben. Jede Spezies hat sich in Jahrhunderttausenden an ihre jeweilige Lebensbedingungen angepasst. Das ist ein biologischer Prozess aus zufälliger Mutation und natürlicher Selektion.

Zuletzt beschreibt der Zeitreisende astronomische Erkenntnisse der Zeit um 1900. Damals war über die Vorgänge im inneren der Sonne noch nichts bekannt. Die Kernfusion, die die Sonne antreibt, war noch nicht entdeckt. Man ging davon aus, dass die Sonne immer schwächer werden würde, da sie ihre Brennstoffe langsam verbrauchen würde. Die Planeten, so die Theorie, würden immer dichter um die Sonne kreisen und eines Tages hineinstürzen. Die Eigenrotation der Planeten würde außerdem irgendwann zum erliegen kommen, so dass die Erde der Sonne immer die gleiche Seite zuwenden wird.

Der Zeitreisende schildert das England des achthundertdritten Jahrtausends deutlich wärmer als das heutige. Dafür machte er wahrscheinlich eher die engere Umlaufbahn verantwortlich als den Treibhauseffekt, an den man heute denken würde. Viel später in der Zukunft steht die Sonne still und beleuchtet die Erde rot. Es ist kalt und außer Flechten und Moose gibt es nur noch runde Lebewesen mit Tentakeln.

The Time Mashine ist auch ein Abenteuerroman und ich habe alles ausgelassen, was die Abenteuer des Zeitreisenden schildert. Es ist auch ein interessantes Dokument zum Menschenbild und zu der Vorstellung, die Wells über das Verhältnis der Geschlechter hatte. Zu letzterem ist der Vergleich des Romans mit seinen Verfilmungen interessant. Aber in erster Linie ist The Time Mashine ein Wissenschaftsroman und es hat mir viel Spaß gemacht, ihn einmal hauptsächlich aus dieser Perspektive zu lesen.

Joachim Schulz

Veröffentlicht von

www.quantenwelt.de/

Joachim Schulz ist Gruppenleiter für Probenumgebung an der European XFEL GmbH in Schenefeld bei Hamburg. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann in der Quantenoptik, in der er die Wechselwirkung einzelner Atome mit Laserfeldern untersucht hat. Sie führte ihn unter anderem zur Atomphysik mit Synchrotronstrahlung und Clusterphysik mit Freie-Elektronen Lasern. Vier Jahre hat er am Centre for Free-Electron Laser Science (CFEL) in Hamburg Experimente zur kohärenten Röntgenbeugung an Biomolekülen geplant, aufgebaut und durchgeführt. In seiner Freizeit schreibt er zum Beispiel hier im Blog oder an seiner Homepage "Joachims Quantenwelt".

11 Kommentare

  1. Der Zeitreisende in H.G. Wells’ Roman ist Physiker, Ingenieur, Erfinder und Biologe in einer Person.

    Es hätte vollkommen gerecht nur den Ingenieur zu erwähnen. Alles andere wird darin eingeschlossen. 😉

    Der Film ist wirklich toll – ich meine die alte Version und nicht die schrottige Neuverfilmung. Ich fand nur das Ende etwas unbefriedigend. Es hätte ruhig noch weitergehen können. Geht es im Buch noch weiter oder ist dort auch Schluß.

    Es ist schon interessant, wie früher die Zukunft gesehen wurde. Und durch Deine Erläuterungen wird mir auch der Film verständlicher. Die Geschichten von Jule Verne finde ich auch faszinierend und gar nicht mal so abwegig. Einiges davon gibt es heute schon.

    Unsere Gesellschaft ist nicht mehr so wissenschaftsbegeistert, wie vor hundertzwanzig Jahren. Das ist gut, denn wissenschaftlicher Fortschritt braucht Kontrolle.

    Das sehe ich auch so. Aber nicht nur die Wissenschaft, die Wirtschaft auch. Dabei kann man natürlich alles übertreiben, aber die Vergangenheit zeigt uns ganz deutlich, daß Kontrolle vonnöten ist.

  2. Film und Buch

    Zu den Unterschieder zwischen Buch und den Filmen könnte ich eine ganze Menge schreiben. Sie sind riesig. Die Erlebnisse in der nahen Vergangenheit gibt es im Buch gar nicht und auch das Ende ist deutlich anders.

    Vielleicht blogge ich einfach einen zweiten Teil: Der Zeitreisende und die Frauen. Oder so..

  3. Zeit

    Hallo Joachim, schöner Artikel.
    Auch der genannte Film ist interessant.

    [Blockquote]
    Wir können nicht zurück in die Zeit reisen und auch keine Information in die Vergangenheit schicken. Wir können es andererseits nicht vermeiden, in die Zukunft zu reisen und wir erhalten unentwegt Informationen aus der Vergangenheit. Viele dieser Informationen finden wir in Romanen wie The Time Machine.
    [/blockquote]

    “Zurück in die Zeit reisen, in die Vergangenheit”

    Nunja, weder in die Vergangenheit, noch in die Zukunft.
    Es gibt auch keine Informationen aus der Vergangenheit.
    Denn weder die Vergangenheit, noch die Zukunft existiert, auch nicht -die Zeit-.

    Gruss Kurt

  4. Eloi

    Also ich würde sagen, das Internet ist die Zeitmaschine, die aus uns Elois macht.

    “Ihre Aufmerksamkeitsspanne schildert der Zeitreisende aber als zu kurz, im irgendeinen komplizierteren Zusammenhang zu durchschauen und ihrer Sprache mangelt es an abstrakten Begriffen. “

    Und spielen tun wir auch den ganzen Tag und wie die “Maschine” Internet eigentlich wirklich funktioniert wissen nur die wenigen Morlocks dieser Welt.

  5. Die Zeitmaschine

    Ob die Intelligenz bei Wells per Mendel vererbt wird oder nicht, es ändert nichts daran, dass die Zeitabstände, in denen das im Roman passiert, schon recht utopisch sind.
    In dieser doch relativ kurzen Zeit sollte sich keine signifikate evolutionäre Umgestaltung des Menschen ereignen.

    Die Vorstellung zur Entwicklung der Erde scheint mir durch die Physik seiner Zeit, unter anderem Lord Kelvins’ Datierung des Alters der Erde und seine These. Demnach würde die Wärme der Erde – damals wusste man noch nicht sehr viel, hatte aber schon Thermodynamik – nach einigen Jahren verbraucht sein und es würde keine Energie mehr dazukommen. Die geheimnisvolle Energiequelle der Sonne sah er meines Wissens in einschlagenden Asteroiden (Oder kann ich ” Meteoriten” sagen? Doch eher nicht), das heißt, die Energie der Sonne ist theoretisch nur durch die Anzahl der einschlagenden Gesteinsbrocken begrenzt. Die Energie der Sonne, auch die, der Schwerkraft der Sonne zu widerstehen, dagegen ist nach diesem Weltbild sehr begrenzt.
    Entsprechend wurde in “Die Zeitmaschine” die Erde immer kälter und energieärmer, weil im Laufe der Zeit ein Wärmeausgleich zwischen aller Materie im Universum stattfinden würde und dann schluss wäre mit Bewegung usw.
    Das ist der “Wärmetod”, der im 19. Jahrhundert vorhergesagt wurde. Heute ist dieses Bild recht zweifelhaft und wir fragen uns, ob das Universum einmal in sich zusammenstürzten wird oder ob es sich ewig ausbreitet und ganz andere Faktoren spielen dabei eine Rolle (Zufall in Quantenphysik vs. Zufall in Thermodynamik).
    Was können wir daraus lernen? Vielleicht, dass wir uns auch mit unseren Modellen der Zukunft des Universums nicht so sicher sein sollten?

  6. @Zeitschleifender

    Vielen Dank für die Ergänzung. Ja, den thermodynamischen Kältetod deutet Wells in den Roman an und nach heutigem Wissen sind die Zeiträume deutlich zu kurz gewählt. Dennoch, und darauf wollte ich mit meinem Nebensatz zu Mendel und Sarrazin hinaus, hat Wells bereits die richtigen Mechanismen für Evolution gekannt, nämlich Mutation und Selektion. Ginge es um Vererbung der Intelligenz, dann müsste der die Eloi intelligenter darstellen, denn die stammen von der gebildeten Oberschicht ab. Wells Botschaft ist aber ganz klar: Die Unterschicht hat das Potential euch zu überflügeln.

    Heute gibt es Unter- und Oberschicht hoffentlich nur noch in den Köpfen einiger Reaktionäre. Und wenn wir jetzt noch ein durchlässigeres Schulsystem hinbekämen…

  7. @Joachim

    “Ja, den thermodynamischen Kältetod deutet Wells in den Roman an und nach heutigem Wissen sind die Zeiträume deutlich zu kurz gewählt.”

    Ich muss zwar gestehen, dass ich hier an die Grenzen meines Wissens stoße, aber meines Wissens haben unter anderen Geologen und Biologen mit Hinblick auf Fossilienfunde in Gesteinsschichten gegen Lord Kelvins (relativ) junge Erde protestiert (hier drängt sich fast ein Vergleich mit Kreationisten auf…).
    Es wäre also schon möglich, dass man schon damals von der relativ langsamen Evolution gewusst hat, sich Wells aber (mit gewissem Recht) eher an der Datierung des Erdalters durch die damalige Physik orientiert als an den Einwände physikalisch unbeschlagener Geologen oder Biologen. (Primat der Physik unter den Wissenschaften?) Demnach bestand der Fehler darin, mehr der Theorie als der Praxis getraut zu haben.

    “inge es um Vererbung der Intelligenz, dann müsste der die Eloi intelligenter darstellen, denn die stammen von der gebildeten Oberschicht ab. Wells Botschaft ist aber ganz klar: Die Unterschicht hat das Potential euch zu überflügeln.”

    Das stimmt meines Erachtens nicht. Denn selbst wenn sich Intelligenz direkt vererbt (und das Thema ist durchaus kontrovers diskutiert, unter Intelligenzforschern) ist damit noch lange nicht klar, dass die Oberschicht intelligenter ist als die Unterschicht.

    Das beruht zunächst darauf, dass die Zugehörigkeit zu Oberschicht sich in den meiste Gesellschaften des Platens nicht oder nur zu geringen Teil (Stichwort: Nobilitierung) aus der Leistung ergibt, sondern oft genug auch nur durch Glück oder dadurch, dass seine Vorfahren als Autoritäten anerkannt wurden. In Europa herrschte zum Beispiel lange Zeit die Ständegesellschaft vor, in der ein Aufstieg durch Bildung oder intellektuelle Leistung nicht vorgesehen war. Das bedeutete umgekehrt auch, dass sich Bildung nur ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung leisten konnte und ein ggf. sehr intelligenter Mensch, wenn er die falsche gesellschaftliche Abstammung hatte, niemals eine Chance auf Bildung oder ähnliches erwerben konnte.
    Im frühindustrialisierten England waren die gesellschaftlichen Grenzen zwar schon deutlich offener nach oben oder unten, aber immer noch (aus heutiger Sicht) deutlich erkennbar. Lange Rede, kurzer Sinn: Schon die Diskriminierung ließ es nicht zu, dass die Oberschicht genetisch intelligenter gewesen wäre. Denn Intelligenz wird ja nicht ausselektiert, bloß weil man der Unterschicht angehört und in der Oberschicht bilden sich nicht von allein “Intelligenzgene” oder sowas.

    Dann muss man anmerken, dass Ober- und Unterschicht ja nicht 2 komplett getrennte Populationen bildeten, sondern dass es immer wieder Überschneidungen gab (“Ehen zu linker Hand”; Verarmte Adlige, die Reiche Bürger heiraten; “Kuckuckskinder” mit bürgerlichen Hofangestellten etc.).

    Und letztlich ist noch anzumerken, dass Gene auch rezessiv weitergegeben werden können und es wohl sehr lange Zeit dauern würde, bis ein bestimmtes Gen völlig aus einer Population verschwindet. (Von solchen Sachen wie Regression zur Mitte usw. mal ganz zu schweigen.) Ob Wells das alles schon gewusst hat, weiß ich nicht, jedenfalls hat es schon damals prominente Gegner des Sozialdarwinismus gegeben, die solche Einwände publizierten.

    Damit will ich übrigens keine Lanze für die These der Vererbbarkeit von Intelligenz brechen, sondern nur aufzeigen, dass die These, die Oberschicht sei klüger auch unter der Prämisse ihrer Richtigkeit nicht haltbar ist.

  8. @Joachim:

    Wichtig ist, dass es bei Wells nicht um mendelsche Vererbung von Intelligenz geht, wie sie uns Thilo Sarrazin verkaufen wollte. Die Morlocks sind nicht intelligenter, weil sie von intelligenteren Eltern abstammen. Die Eloi sind nicht eleganter, weil sie gebildetere Vorfahren haben. Jede Spezies hat sich in Jahrhunderttausenden an ihre jeweilige Lebensbedingungen angepasst. Das ist ein biologischer Prozess aus zufälliger Mutation und natürlicher Selektion.

    Mag sein, dass es Wells “nicht um die mendelsche Vererbung von Intelligenz” gegangen ist, aber dennoch ist diese nicht vom “biologische[n] Prozess aus zufälliger Mutation und natürlicher Selektion” zu trennen. Die Morlocks, denen der Zeitreisende begegnet, sind in der Tat nur deshalb intelligenter als die Eloi, weil sie von intelligenten Eltern abstammen. Für das Individuum ist zunächst die genetische Ausstattung der Eltern das Entscheidende, und nicht die natürliche Selektion, die am Ende zu den intelligenten Eltern geführt hat.

    Keine Ahnung, was Sarrazin uns verkaufen wollte oder noch will, aber die “mendelsche Vererbung” spielt doch auch für Michael Blume die zentrale Rolle bei der “biokulturellen” Evolution der Religiosität. Wobei die Idee, dass eine durchschnittlich höhere Kinderzahl bei einer bestimmten sozialen Gruppe den evolutionären Erfolg dieser Gruppe bewirken kann, keineswegs neu ist.

    Schon um 1860 war Francis Galton besorgt darüber, dass wegen der hohen Kinderzahl der “Unterschicht” das intellektuelle Niveau Englands leiden könnte. Sein Appell an die “Oberschicht”, fruchtbar zu sein und sich zu mehren, wurde weitgehend ignoriert. Das Ergebnis dieser Ignoranz ist bekannt 😉

    (Anmerkung: Dass es für die Intelligenz, egal, wie wir sie messen, eine genetische Grundlage gibt, scheint mir evident.)

  9. @Balanus

    “Die Morlocks, denen der Zeitreisende begegnet, sind in der Tat nur deshalb intelligenter als die Eloi, weil sie von intelligenten Eltern abstammen. Für das Individuum ist zunächst die genetische Ausstattung der Eltern das Entscheidende, und nicht die natürliche Selektion,”

    Das mag stimmen oder nicht, aber darum geht es in dem Roman, “Die Zeitmaschine” nicht. Es geht nicht um Individuen sondern um die Entstehung zweier neuer Arten aus der einen homo sapiens.

    Das Entscheidende dafür, dass die Morlocks an die Bedienung unterirdischer Maschinen, die Eloi aber an das Spielen und Tanzen in der Sonne angepasst sind, ist nicht die zufällig unterschiedliche Eigenschaftsverteilung ihrer jeweiligen homo sapiens Vorfahren. Dafür ist die natürliche Selektion verantwortlich.

    Tatsächlich hat Wells aber noch mit dem Erhalt der Art argumentiert, während heute der Erhalt des Genoms (von dem Wells noch nichts wissen konnte) entscheidend ist. Wells beschreibt für die Eloi, dass Mann und Frau praktisch nicht mehr zu unterscheiden sind, weil in einer Welt ohne Krankheiten der Reproduktionserfolg eher unerheblich sei. Das würde man heute wohl nicht mehr annehmen, da sich auch bei geringer Sterblichkeit die Gene durchsetzen werden, die eine höhere Reproduktionsrate begünstigen.

  10. Zeitreisen

    Auch kleine Zeitreisen haben schon tolle Effekte! Wir werden entdecken, daß wir nicht zurückblicken können, auch wenn es sich nur um z.B. 18 Minuten handelt!
    Diese Zeitspanne wird ein Raumschiff zum Verlassen von einem Wurmloch benötigen…
    Die Zeit läuft bei diesem Vorgang außerhalb vom Focus weiter, wodurch das Raumschiff für die Gegenwart unsichtbar wird…….

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