Der Zollstock

Der Zollstock mit 16tel Einteilung

Als Physiker, der einen guten Teil seiner Forschung in den Vereinigen Staaten durchführt, habe ich oft mit dem imperialen Maßeinheitensystem zu kämpfen. Wer es schon einmal geschafft hat, eine 6mm Schraube zwei Umdrehungen weit in ein 1/4 Zoll Gewinde zu schrauben, weiß wovon ich rede. Mit einer leichten Verwechslung – ein Viertel Zoll ist nur wenig größer als 6 Millimeter – kann man leicht ein Gewinde zerstören und bekommt die Schraube nur mit Mühe wieder heraus. Aber selbst wenn man vorsichtig genug ist, die Systeme nicht durcheinander zu bringen, bringt es Probleme mit sich, das metrische und das imperiale System nebeneinander zu nutzen. Wir benötigen deutlich mehr Werkzeuge, weil jeder Schraubenschlüssel, jeder Bohrer und jedes Bitset in beiden System vorhanden sein muss. Wir müssen nennenswerte Mengen von metrischen Schrauben, Muttern und Gewindestiften in die USA exportieren und ähnlich große Mengen zöllige Produkte nach Deutschland bringen. Und nicht zuletzt müssen wir uns daran gewöhnen, auf den US Freeways Meilen in Kilometer umzurechnen oder, besser noch, ein Gefühl für Entfernungen in Meilen entwickeln.

Natürlich kommt auch im Kontrollraum hin und wieder eine Diskussion über die Einheitssysteme auf und wir fragen unsere Kollegen, wann sie denn endlich die Umstellung auf das richtige, das metrische System durchführen werden. Ein US Laserphysiker nannte uns jedoch ein gewichtiges Argument für das imperiale System:

Werfen Sie mal einen Blick auf den Zollstock, den ich mir aus den USA mitgebracht habe: Er hat keine zehntel Teilstriche, wie ein metrischer Gliedermaßstab. Das Zoll wird, und so ist es üblich, zunächst zweigeteilt und dann wieder zweigeteilt und so weiter. Zwischen zwei ganzen Zollstrichen befindet sich ein etwas kürzerer Halbzoll-Strich, zwischen Halb- und Ganzzoll befindet sich der Viertelzoll-Strich und weitere Striche markieren Achtel- und Sechzehntel-Zoll. So kann ein geübter Zollstocknutzer leicht bis auf 32stel Zoll genau ablesen.

Diese Einteilung in Zweiern ist nicht nur Programmieren geläufig, die im Binärsystem zuhause sein sollten. Es kommt auch dem Praktiker entgegen, weil es ohne Hilfsmittel viel einfacher ist, eine Strecke per Augenmaß fortlaufend zu halbieren, als sie in Zehnerschritte einzuteilen, wie das im metrischen System üblich ist. In diesem Fällt zwar die erste Teilung des Zentimeters in zwei mal fünf Millimeter leicht, dann aber muss eine Strecke auf einen Streich gefünftelt werden. Keine leichte Aufgabe.

Das zöllige System ist also tatsächlich praxistauglicher, als es für uns Europäer den Anschein hat. Lässt sich das aber auf das gesamte imperiale Maßsystem übertragen? Eine Kollegin wies mich darauf hin, dass die Einheit Meile auf dem Freeway praktischer ist also unsere Autobahnkilometer. Eine häufig anzutreffende Höchstgeschwindigkeit beträgt nämlich 60 Meilen pro Stunde, so dass man praktischer Weise genau eine Minute für eine Meile braucht. Die Entfernungsangaben an der Strecke lassen sich also direkt in die voraussichtliche Ankunftszeit umrechnen. Nun ja. Dieser Vorteil ist wohl eher zufällig. Schon bei 65 Meilen pro Stunde funktioniert es nicht mehr.

Allgemein ist das imperiale System doch eher chaotisch. Vor allem, wenn es etwas mehr als ein Zoll sein darf. Zwölf von denen, ein Dutzend also, geben ein Fuß. Und drei Fuß geben ein Yard (über den Daumen gepeilt etwa ein Meter). Davon bekommt man 1760 auf eine Meile. Alles keine Gründe, das metrische System hinter sich zu lassen. Hier muss man sich viel weniger Merken, die Tausend ist die magische Zahl in alle Richtungen. Und für alle möglichen Maßeinheiten.

Ja, die anderen Einheiten haben es im imperialen System erst recht in sich. Volumenmaße für Flüssigkeiten unterscheiden sich sogar zwischen US und britischen Größen. Während die flüssigen Unzen bei etwa 29 Millilitern noch fast gleichauf liegen (die US Unze ist etwas mehr), enthält das britische Pint 20 Unzen, das amerikanische dagegen nur 16. Hier ist endlich mal etwas in Amerika kleiner als anderswo und wir liegen mit unserem metrischen Halben irgendwo in der Mitte. Prost!

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www.quantenwelt.de/

Joachim Schulz ist Gruppenleiter für Probenumgebung an der European XFEL GmbH in Schenefeld bei Hamburg. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann in der Quantenoptik, in der er die Wechselwirkung einzelner Atome mit Laserfeldern untersucht hat. Sie führte ihn unter anderem zur Atomphysik mit Synchrotronstrahlung und Clusterphysik mit Freie-Elektronen Lasern. Vier Jahre hat er am Centre for Free-Electron Laser Science (CFEL) in Hamburg Experimente zur kohärenten Röntgenbeugung an Biomolekülen geplant, aufgebaut und durchgeführt. In seiner Freizeit schreibt er zum Beispiel hier im Blog oder an seiner Homepage "Joachims Quantenwelt".

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Umrechnungen

    Beim Versuch “mal eben im Kopf” den Verbrauch eines Autos von miles per gallon in Liter pro 100km umzurechnen verknotet sich gerne die eine oder andere Hirnwindung – mit Überschlagsrechnen kommt man nicht weit.
    Und mein persönliches Feindbild: Druck in PSI, pounds per square inch. Den noch temperaturabhängig auf Fahrenheit, und der Tag ist gerettet…

  2. Das einfache Autofahren klappt auch mit km/h – einfach das Speedlimit auf 120 km/h angeben und man weiß, daß man eine halbe Minute pro Kilometer braucht.
    Und auch bei Meilen gibt es Unterschiede, nicht nur bei Volumenmaßen. Eine Seemeile ist nämlich keineswegs gleich einer Landmeile. Wobei es für dei Nutzung der Einheit Seemeile tatsächlich einen Grund gibt, kann man dadurch doch bequem Meilen seitlich am Gradnetz der Seekarte abnehmen.
    Und das mit dem Zollstock…. na ja, natürlich kann man tatsächlich Hälften leichter schätzen als Zehntel, aber man kann auch im Dezimalsystem mit Hälften arbeiten, und ein Handwerker, der Längen schätzt, wäre mir sowieso suspekt.

  3. messen und schätzen

    Nun besteht ja der Alltag eines Handwerker und Physikers nicht nur aus Messen. Man möchte auch hin und wieder neues schaffen. Und da ist es hilfreich, längen schnell und akkurat einzuschätzen. Halbieren ist da einfacher als zehnteln.

    Vielleicht wäre ein metrisches System auf der Basis von 8 statt zehn optimal.

  4. kleiner Tippfehler

    “In diesem Fällt zwar die erste Teilung des Zentimeters in zwei mal fünf Zentimeter […]”

    ähm, sind wohl 2 mal 5 Milimeter gemeint 😉

    “Hier ist endlich mal etwas in Amerika kleiner als anderswo und wir liegen mit unserem metrischen Halben irgendwo in der Mitte. Prost!”

    In diesem Sinne: Cheers 😉

    PS: In Schweden wird der Verbrauch eines Autos nicht in Liter/100 km angegeben sondern per Mil – also Liter pro 10 km – sorgte mal im Gespräch für einen heiteren Abend (nachdem man mich aufklärte dort)

  5. Schöner Zollstock…

    wenn der in Deutschland zu großen Stückzahlen unter die Leute gebracht wird, gibt es bestimmt einige schöne Überraschungen 🙂

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