Der Castor im Keller

Immer wieder höre und lese ich erboste Kommentare zur Endlagerfrage hochradioaktiver Abfälle: Die Verantwortlichen sollen den Müll doch in ihrem eigenen Keller lagern. Wer diese Verantwortlichen sind, ist Geschmackssache. Mal sind es die Manager der Energiekonzerne, mal die Politiker der Regierungskoalition oder der Opposition.

Ich weiß natürlich, dass dieser Vorschlag nicht ernst gemeint ist. Vielleicht ist er sogar „menschenverachtend und tödlich“ gemeint, wie @zeitrafferin auf Twitter mutmaßt. Man wünscht den Verantwortlichen, an ihrem eigenen Müll zu verrecken. Würden sie das? Rechnen wir doch mal nach.

Aus der Wikipedia entnehme ich, dass die Dosisleistung eines Castor-Behälters* an der Oberfläche 0,35 Millisievert pro Stunde (mSv/h) beträgt. Davon entfallen 0,25 mSv/h auf Neutronenstrahlung der Rest dürfte größtenteils Gammastrahlung sein. Das Jahr hat etwas weniger als neuntausend Stunden, also kommen wir auf drei Sievert pro Jahr für jemanden, der sein ganzes Leben auf der Oberfläche eines Castor-Behälters verbringt. Das ist in jedem Fall viel zu viel. Faustregel: Ein Sievert erhöht das Lebens-Krebsrisiko etwa von 25% auf 30%. Wer also ein Jahr auf dem Castor verbringt, fällt nicht gleich tot um, wird aber ein deutlich erhöhtes Krebsrisiko und vermutlich auch höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben.

Aber gehen wir mal realistischer an die Sache heran. Ich halte mich nicht täglich im Keller auf und meistens nicht besonders lange. Wenn ich einen Castor-Behälter im Keller hätte, würde ich meine Zeit auch nicht unbedingt im selben Raum mit diesem Behälter verbringen, sondern die Tür schön verschlossen halten und darauf achten, immer eine anständige Wand zwischen mir und dem Castoren zu haben. Wir können davon ausgehen, dass Spitzenpolitiker und -manager es sich leisten können, ihrem Behälter einen eigen Raum mit richtig dicker Wand zu bauen. (Es ist ohnehin baulich aufwendig, einen sechs Meter langen Zylinder mit einem Durchmesser von Zweimeterfuffzig in einem Keller zu verstauen, da kann man auch in eine anständige Wand investieren.)

Etwas mehr als ein Meter Magnetitbeton reduziert die Strahlenbelastung um gut drei Größenordnungen auf drei Millisievert pro Jahr, wenn wir uns Tag und Nacht nahe der Wand aufhalten. Das liegt schon im Bereich natürlicher Strahlenbelastung und lässt keine messbare Gesundheitsbeeinträchtigung erwarten. Fans der Hormesis-These können sich sogar über positive Anregung des Immunsystems freuen. (Mehr dazu in meinem Beitrag zum LNT-Modell.)

Fazit: Eine dezentrale Lagerung von Atommüll unter Privathäusern ist vom Standpunkt des Strahlenschutzes durchaus denkbar. Wir würden den Managern und Politikern, die über diesen dezentralen Lagern wohnen müssen, gar nichts böses tun. Das Problem ist, dass diese Verteilung des Atommülls die wichtigsten Probleme gar nicht lösen würde. Diese sind: Schutz vor Diebstahl der potentiell waffenfähigen Isotope und Sicherheit, dass die Behälter nicht undicht werden und die Radioaktiven Stoffe in den Wasserkreislauf gelangen. Diese Sicherheit muss nicht für eine Politikerlaufbahn, sondern für viele Jahrhunderttausende gewährleistet werden. Und das geht, wenn überhaupt, nur in tiefen geologischen Schichten wie Salzstöcken oder Tongestein.

Dezentral ist nicht immer besser.

Anmerkung:

*Tatsächlich sind zur Endlagerung nicht die Transportbehälter Castor, sondern die Pollux-Lagerbehälter vorgesehen. Zu denen habe ich aber auf die Schnelle keine Dosisleistungsangaben gefunden.

 

 

Veröffentlicht von

www.quantenwelt.de/

Joachim Schulz ist Gruppenleiter für Probenumgebung an der European XFEL GmbH in Schenefeld bei Hamburg. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann in der Quantenoptik, in der er die Wechselwirkung einzelner Atome mit Laserfeldern untersucht hat. Sie führte ihn unter anderem zur Atomphysik mit Synchrotronstrahlung und Clusterphysik mit Freie-Elektronen Lasern. Vier Jahre hat er am Centre for Free-Electron Laser Science (CFEL) in Hamburg Experimente zur kohärenten Röntgenbeugung an Biomolekülen geplant, aufgebaut und durchgeführt. In seiner Freizeit schreibt er zum Beispiel hier im Blog oder an seiner Homepage "Joachims Quantenwelt".

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  1. Verantwortliche

    Danke für die erhellende Beispielrechnung, auch wenn sie – wie du selbst feststellst – für die tatsächlichen Erfordernisse der Endlagerung nicht von Belang ist.

    Verantwortlich für den Atommüll sind wir in meinen Augen alle, weil wir ja den Strom, der in Kernkraftwerken erzeugt wird (gerne ATOMSTROM genannt) verbrauchen. Zwar kann man als Privathaushalt (zumindest theoretisch) Strom aus erneuerbaren Energien beziehen (gerne ÖKOSTROM genannt), man wird die Verantwortung aber nicht ganz los, weil es schwer ist, dem täglichen Konsum anzusehen, aus was für Quellen die zur Herstellung benötigte Strom denn kommt. Insofern müssten wir also alle einen kleinen Castor in den Keller stellen, vielleicht könnte man die Größe ja – je nach Atomstromverbrauch – variieren.

  2. Atomstromabscheider

    Es gab vor einigen Jahren mal eine satirische Seite im Netz, auf der ein “Atomstromabscheider” beworben wurde.

    Mich erstaunt eigentlich immer wieder der Zynismus und die Naivität vieler “Atomgegner”. Als wenn der Müll weggehen würde, wenn man nur oft und laut genug gegen ihn demonstriert.
    Danke für den Beitrag!

  3. Herzerwärmend

    Einer von 20 Managern stirbt also an Atomkrebs, wenn er ein Jahr lang auf seinem Castor sitzt. Dann ist die Frage des Laien: Haben es die Castorsitzer wenigstens schön warm? Gibt es einen Wärmeeffekt, vielleicht sogar einen, der die Heizung entlastet, weshalb man den Castor in den Heizungskeller stellen sollte? Oder müsste man dazu die Heizungsrohre durch den Castor hindurch leiten?

    (Ernsthafter: Ich würde es für fahrlässig halten, dem LNT-Modell so weit zu trauen, dass man sich freiwillig auf den Castor setzt o.ä., um zum Beispiel für oder gegen AKWs zu demonstrieren. Dazu ist die Datenbasis einfach nicht aussagekräftig genug. Ich glaube, ich möchte auch kein Haus geschenkt bekommen, in dessen Keller ein Castor liegt. Nicht mal, wenn es dadurch kostenlose Fußbodenheizung hat.)

  4. @Erbloggtes

    Ja, beim Radioaktiven Zerfall entsteht natürlich Wärme, die nach außen gelangt. Wärme kann nicht abgeschirmt, nur verteilt werden. Das ist eines der Probleme bei der Endlagerung, dass die Bergwerkstollen mit einer erheblichen Erwärmung und davon verursachter Materialausdehnung klar kommen müssen.

    So ein Castor erzeugt bis zu 56kW, die über die Außenwand abgeführt werden müssen und problemlos zum Heizen verwendet werden können. Das ist ganz gewöhnliche Wärme und nicht irgendwie verseucht.

    (Das LNT-Modell ist eigentlich die ungünstigste sinnvolle Abschätzung. Deshalb wird es im Strahlenschutz verwendet. Aber klar, 5% zusätzliches Krebsrisiko würde ich auch nicht eingehen. Aber 0,005% unter Umständen schon. Wenn ich mich in ein Auto setze oder an eine Bushaltestelle stelle, gehe ich ein größeres Risiko ein.)

  5. Vorteil reich

    Man könnte eine Event- Bar eröffnen mit dem schicken Nervenkitzel , Castorbehälter als stylische Sitzmöbel…

    Verständlich ist die Wut schon , einflußreiche Politiker und Wirtschafter haben im Falle eines Unfalls ganz andere Möglichkeiten , was die eigene Flucht angeht , sowohl bei einem Super-Gau als auch einem Lager-Unfall.

    Der Aspekt wird unterschätzt , das hat schon was von Kriegsherrn , die selber am Kampf nicht beteiligt sind und sich im entscheidenden Moment absetzen können.

  6. Dezentrale Lagerund in 5000 m sinnvoll

    Erst seit kurzem werden rückholbare Lager gefordert. Dies macht Sinn, wenn man daran glaubt, dass in naher Zukunft viel bessere Methoden zur Verfügung stehen werden um Atommüll für immer zu beseitigen. Revolutionäre Durchbrüche bei der Transmutation – also der Umwandlung von langlebigen radioaktiven in kurzlebige – oder bei anderen Entsorgungsmethoden sind tatsächlich überhaupt nicht auszuschliessen.

    Langfristig gesehen sollte Atommüll aber nicht mehr rückholbar sein aus dem einfachen Grund, weil jede Rückholbarkeit auch das Potenzial des Missbrauchs mit sich bringt. Sollte es mit dem Frieden in Europa oder einem anderen Erdteil irgendwann vorbei sein ist den Kriegsparteien alles zuzutrauen – das zeigt die Geschichte. Atomare Abfälle als Waffen für Kriegsparteien oder Terroristen sind überhaupt nicht abwegig.

    Garantiert nicht rückholbar und erst noch sehr sicher wäre die Versenkung von radioaktiven Abfällen unter der Kontinentalkruste durch Injektion in eine Submissionszone.
    Die nächstbeste Möglichkeit radioaktive Abfälle sehr sicher und erst noch relativ kostengünstig zu versenken sind Tiefenbohrungen gerade beim Kraftwerk, also sogar dezentral. Allerdings in extremer Tiefe von 5000 und mehr Metern. In dieser Tiefe sind die geologischen Schichten von der Biosphäre getrennt und es gibt keine Aufstiegsmöglichkeiten ins Grundwasser. Dieses Deep borehole disposal-Verfahren scheint mir sehr vielversprechend. Seltsam nur, dass es in der ganzen Endlagerdiskussion praktisch nicht vorkommt. Man hat überhaupt den Eindruck beim Endlagerproblem geht es gar nicht mehr um die Geologie und um konkrete Lösungen sondern vor allem um Politik.

  7. Nucleostop

    @Gunnar: http://www.nucleostop.de/Technik/technik.html

    @Joachim:

    Aber klar, 5% zusätzliches Krebsrisiko würde ich auch nicht eingehen. Aber 0,005% unter Umständen schon.

    Im Wesen dieser unserer Demokratie liegt es, dass die Mehrheit für die Minderheit entscheidet, welche Risiken diese einzugehen hat. Wieso es menschenwürdetechnisch in Ordnung geht, wenn diese Mehrheit bewusst entscheidet, für die Kernenergie N tote Bundesbürger pro Jahr billigend in Kauf zu nehmen, es aber ablehnt, zur Rettung von unbeteiligten Menschen ein ohnehin dem Untergang geweihtes Passagierflugzeug abzuschießen, konnte mir bisher noch niemand ohne das Explanans der wirtschaftlichen Interessen schlüssig erklären.

  8. @Ano Nym

    Denn es ist ja bekanntlich so, dass alle anderen Arten der Stromerzeugung ganz und gar ungefährlich sind und noch nie auch nur ein Menschenleben gekostet hätten. Gleiches gilt übrigens auch für die Entscheidung, ab sofort gar keinen Strom mehr zu produzieren und auf sämtliche elektrische Geräte zu verzichten.

  9. Menschenwürde/Objektformel

    @Joachim: Selbstverständlich kann man bezüglich unglaublich vieler Eigenschaften Äpfel und Birnen miteinander vergleichen. Aber Sie wollen ja bloß nicht. Das ist eine andere Kategorie.

    @tom: a) Ja. Auch andere Stromerzeugungsarten habe ihre Opfer. Was soll daraus logisch für den Atomstrom folgen?

    b) Die Entscheidung heute keinen (Atom)Strom mehr zu produzieren produziert andere Tote als die, die durch die ihre Produktion sterben. Die Abwägung die einen anstatt der anderen Sterben zu lassen (man könnte auch sagen: “für die anderen”) ist nach meinem Verständnis ebenfalls eine unzulässige Abwägung unter dem Gesichtspunkt der Menschenwürde (Objektformel).

    Ich will nicht ausschließen, dass ich Äpfel für Birnen halte, aber dann soll man mir das doch bitte nachweisen.

  10. @Ano Nym

    Sie haben mich erwischt. Ich will nicht die vielen Toten bei einem Flugzeugabschuss mit dem Sterberisiko einer hypothetischen Person vergleichen, die ein Jahr lang auf einem Castor-Behälter sitzt. Ich sehe den Sinn dieses Vergleichs nicht.

    Der Kommentator tom hat Sie darauf hingewiesen, dass wir mit Ihrer Argumentation gar keine Entscheidung treffen können. Sie funktioniert einfach nicht.

  11. @Martin Holzherr

    Momentan setzten die Fachleute vom Bundesamt für Strahlenschutz auf bergmännische Rückholbarkeit. Das halte ich für einen brauchbaren Kompromiss, weil man das Zeug zwar, wenn nötig oder gewünscht zurückbekommt, es aber so aufwendig ist, dass der Atommüll nicht versehentlich freigesetzt werden kann. Ach Terroristen sollte es kaum möglich sein, unbemerkt bergmännisch tätig zu werden.

    Bei den Vorschlägen der Tiefenverbringung oder Versenkung in Subduktionszonen habe ich Bedenken, ob das im notwendigen Maßstab technisch durchführbar und politisch durchsetzbar ist. Grundsätzlich sind das natürlich interessante Ansätze,. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass das tatsächlich nie eine rein technische Frage sein wird, sondern immer auch eine politische.

  12. @Joachim

    Der Kommentator tom hat Sie darauf hingewiesen, dass wir mit Ihrer Argumentation gar keine Entscheidung treffen können. Sie funktioniert einfach nicht.

    Die Pointe an der Diskussion ist doch, dass weder tom noch Sie dazu berufen sind, überhaupt irgendetwas zu entscheiden. Das übernimmt nämlich der Staat für Sie. Ihre Aufgabe besteht nur darin, sich seine Entscheidungen einleuchten zu lassen oder – falls sie mit seiner Entscheidung nicht einverstanden sind – sie hinzunehmen.

    Ich will nicht die vielen Toten bei einem Flugzeugabschuss mit dem Sterberisiko einer hypothetischen Person vergleichen, die ein Jahr lang auf einem Castor-Behälter sitzt. Ich sehe den Sinn dieses Vergleichs nicht.

    Pollux im Keller oder CO2 im Boden verpresst. Das alles sind Technologien, die mit einem Risiko einhergehen. Mich interessiert, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine Technologie (und auch die Technologie, Flugzeuge abzuschießen, um Menschen in Gebäuden vor dem Einschlagstod zu bewahren, ist eine solche Technologie) in diesem Laden unter dem Aspekt der Menschenwürde bewertet wird. Zugegeben, das ist ziemlich off topic, aber versuchen kann man es ja mal.

  13. Deep Borehole Disposal

    @Martin Holzherr

    In der Tat ist das Tiefenlager ein interessantes Konzept, allerdings war es bisher technisch zu aufwändig, ein fünf Kilometer tiefes Loch zu bohren und dort den radioaktiven Abfall zu entsorgen.

    In den letzten Jahren werden aber immer mehr Stimmen laut, die diesen Ansatz fordern. Immerhin kann man sagen, dass sich inzwischen die Kosten zu einem regulären Endlager immer mehr angleichen.

    In Deutschland würde aber eine solche Verbringung ein komplettes Überarbeiten der Regularien bedeuten. So ist für ein Endlager ein Langzeitsicherheitsnachweis gefordert, eine Szenarienanalyse und vieles mehr. Dies denke ich, kann für ein solches Bohrloch nicht so ohne weiteres erbracht werden, da fehlen einfach die Erfahrungen.

    Und so sind die Hürden wahrscheinlich eher in politischer als in technischer Hinsicht zu suchen. Zumal das bisherige Konzept der Verbringung in ein paar hundert Meter Tiefe gute Erfolgsaussichten verspricht. Wieder einmal macht uns ja die Natur vor, wie sowas geht: In den Salzstöcken werden immer wieder Wassereinschlüsse gefunden, die seit ihrer Entstehung vor mehr als 220 Mio Jahren keinen Kontakt mehr zur Biosphäre hatten. Eine solche Blase muss nun künstlich erzeugt werden – ein Vorhaben was mit heutigem technischen Aufwand durchaus realisierbar ist.

    Und so steht auf der einen Seite ein vielversprechendes Konzept, welches in mehr als 60 Jahren Forschung gut untersucht wurde und zudem auf mehrere Jahrhunderte Bergbauerfahrung zurückgreifen kann, auf der anderen Seite steht ein ebensolches Verfahren was aber noch jede Menge Forschungs- und Arbeitsbedarf erfordert.

    Ich habe schon seit längerem zur Thematik Endlagerung eine Seite erstellt. Für alle Interessierten:

    http://www.kerngedanken.de/serien/das-endlager/

  14. Anfahrt

    Und dann stellt sich zu allem anderen noch das Problem, wie so ein Castor durch Wohnstraßen fahren soll, vor allem, wenn man bedenkt, dass da rechts und links ja auch noch Polizistenkolonnen marschieren müssen.
    Abgesehen davon, dass Du dieses Problem völlig außer acht gelassen hast, ist das ein guter Beitrag, der mal wieder einen gedankenlosen Satz seziert. So etwas macht Spaß zu lesen, auch wenn das Thema noch so ernst ist.

  15. pollux

    das tolle an dem endlagerkonzept: der pollzx behälter ist noch nicht entwickelt. man hat noch 20 jahre zeit, bis castoren abgekühlt sind

  16. @JanG: 300 Jahre sind besser als 30’000

    Das Endlagerkonzept “Alles für immer in mittlere Tiefe” das sie auch in ihren verlinkten Kerngedanken vorstellen, überzeugt mich aus folgenden Gründen nicht vollständig:
    1) Die vorgesehenen Endlager in Salzbergwerken oder im Ton sind tief, aber nicht sehr tief und könnten von späteren Generationen bewusst zur Waffenbeschaffung angebohrt worden oder durch nicht vorhersehbare geologische Prozesse freigelegt werden. Dass es Salzlagerstätten gibt, die Millionen Jahre alt sind, beweist nur, dass solche langen Abschlüsse vorkommen, nicht aber dass sie die Regel sind.
    2) Wenn es die Möglichkeit gibt, gefährliche Niveaus von Radioaktivität in Endlagern auf einige hundert Jahre zu beschränken anstatt auf tausende von Jahren ist das wesentlich besser. Und so etwas ist heute ohne weiteres möglich indem man die langlebigen radioaktiven Elemente – die Aktiniden – abtrennt und sie in dafür geeigneten Kernreaktoren “verbraucht” und damit sogar Energie gewinnt.

    Fazit:
    1) Endlager in denen die gelagerte Radioaktivität nach wenigen hundert Jahren auf vernachlässigbare Mengen abklingt (auf das Niveau von Natururan) sind möglich und sind Endlagern vorzuziehen, von denen eine jahrtausendelange Gefahr ausgeht. Dazu müssen die langlebigen Radioisotoppe abgespalten und transmutiert werden.
    2) Endlager, die mit Sicherheit nie mehr von Menschen oder geologischen Kräften wieder eröffnet werden können, sind möglich und sind Endlagern vorzuziehen für die das nicht gilt. Zu diesen Endlagern zählen sehr tief in der Erdkruste oder gar im Erdmantel gelegene Orte oder aber der Weltraum. SpaceX will den Transport in den Weltraum um den Faktor 100 verbilligen. Der Transport in den Weltraum wäre eine Option allerdings auch bei viel billigerem generellen Weltraumtransport teuer, denn das Containement der radioaktiven Fracht müsste Raketenabstürze überstehen können.

  17. @Ano Nym

    Haben Sie den Eindruck, es gäbe irgendeine Entscheidung – unabhängig ob von der Gemeinschaft per Mehrheit oder individuell -, die keine Konsequenzen für Menschen hätte? Egal was wir tun, es hat Auswirkung auf uns selbst und auf andere, sehr oft sind unsere Tätigkeiten sogar mit recht hohem Risiko behaftet.

    Der Witz ist jetzt, Prozesse zu finden, die zumindest mittelfristig zu ausgeglichenen Entscheidungen führen. Mancher vertraut da diktatorischen Gesellschaftsformen – ‘die wissen schon, was sie tun’ -, andere finden partizipatorische besser. Auch eine technokratische Organisation wäre eine Option, die Elemente der beeiden genannten Extreme verbindet. Keine einzige davon verhindert Risiken, sie können sie im günstigsten Fall minimieren.

    Nehmen Sie den Straßenverkehr. Am wenigsten Probleme und Risiken haben Sie, wenn alle zu Fuß gehen; im Moment da Sie eiun Werkzeug einführen, dass es zu jedem gegebenen Zeitpunkt einem Teil der Verkehrsteilnehmer erlaubt, schwerer und schneller zu sein, vervielfachen Sie die Risiken aller – aber vor allem derjenigen, die zu Fuß gehen. Das gilt bereits bei Fahrrädern und verstärkt sich weiter bei Motorrädern, Autos, LKW.

    Wiegen die gesamtwirtschaftlichen und damit gesellschaftlichen Vorteile die Risiken auf? Im Falle des Straßenverkehrs lässt sich ein wichtiger Teil des Risikos sogar empirisch ermitteln [Verkehrstote pro Jahr]. Ich spreche dabei von realen, nicht von hypothetischen Toten.

    Dann haben wir, wie schon einige feststellten, ein Problem, das nicht verschwindet, indem wir es ignorieren oder gegen es demonstrieren: Der Müll ist da. Eine Zeitlang hat D den Kram einfach querbeet durch Europa gekarrt und bei netten Nachbarn in den Garten gekippt. Dann wurde zu Recht gesagt, dass man doch jetzt den Müll bitte aus Nachbars Weinstöcken entfernen und unter die eigenen Rosen mischen möge.

    Es mag unangenehm sein, aber wir müssen uns um den bestehenden Müll kümmern. Wir bekommen die nächsten Jährchen auch noch etwas dazu, da wir ja noch laufende Kraftwerke haben. Auch wenn die in diesem Moment abgeschaltet würden, wäre der Müll da. Oder möchten sie die Würde deutscher Menschen schützen und den strahlenden Krims nach Bangladesh oder Somalia verschiffen?

  18. @Dierk

    Ihr Großkommentar geht an meiner Fragestellung haarscharf vorbei. Mein Punkt ist nicht die Fragestellung, wie “wir” (obwohl wir dazu ja gar nicht berufen sind, dazu ist nur der Staat berufen) die Endlagerfrage möglichst sozialverträglich lösen können. Mein Punkt ist auch nicht die staatsphilosophische Fragestellung (die immer von denen gestellt wird, die im Staate gar keine Macht inne haben), wie Meinungsbildung und Entscheidungsprozesse “ausgeglichen” (nach welchem Maßstab?) gestaltet werden können.

    Meine Frage ist: Wann ist eine Technologieentscheidung unter dem Blickwinkel der Menschenwürde zu betrachten und zu bewerten. Nur das ist mir nicht klar. Wie der Laden im Groben läuft, ist mir dank Kindergarten, Schulausbildung, Studium und Beruf hinlänglich bekannt.

    Dass es sich bei der Einführung der Kernenergie zur Stromgewinnung um eine staatliche Technologieentscheidung handelte, ist ja doch unumstritten (s. Österreich). Insofern liegt der Fall doch etwas anders als beim Straßenverkehr, wo es in der Geschichte keinen einzelnen Zeitpunkt gibt, an dem man eine Entscheidung festmachen kann, mit der Verkehrstote eingeführt worden wären. Tote im Straßenverkehr gab und gibt es wohl schon immer.

    Wiegen die gesamtwirtschaftlichen und damit gesellschaftlichen Vorteile die Risiken auf?

    Definieren Sie “gesamtwirtschaftlicher Vorteil” und “gesellschaftlicher Vorteil”. Wenn man etwa einen volkswirtschaftlichen Nutzen des Rauchens vorrechnet, wird man als vermeintlicher Zyniker gemieden, weil es demokratischer Brauch ist, dass man volkswirtschaftlich nur das “erklären” darf, was vorher schon fest steht.

    Wenn Sie es gesamtgesellschaftlich für vorteilhaft halten, dass ein entführtes Passagierflug nicht in den vollbesetzten Bundestag einschlägt, so sollen sie es dennoch nicht abschießen dürfen. Meint das Bundesverfassungsgericht. Aus Gründen der Menschenwürde. Das Nutzenausrechnen soll hier also gerade nicht zulässig sein.

    Mich interessiert das Kriterium, bei welchen Lebenssachverhalten geprüft werden muss/darf, ob er dem Maßstab der Menschenwürde gerecht wird.

    Eine Zeitlang hat D den Kram einfach querbeet durch Europa gekarrt und bei netten Nachbarn in den Garten gekippt. Dann wurde zu Recht gesagt, dass man doch jetzt den Müll bitte aus Nachbars Weinstöcken entfernen und unter die eigenen Rosen mischen möge.

    Wenn ein Land (etwa Australien) unendliche Weiten besitzt spricht vernunftmäßig nichts dagegen, den strahlenden Müll der Welt dort zu verbuddeln. Warum soll für Müllentsorgung etwas anderes gelten als für die Rohstoffbeschaffung?

  19. @Ano Nym: Dass der Staat keine Passagiermaschine abzuschießen hat, dabei geht es dem BVerfG nicht um irgendeine Technologieentscheidung, sondern um staatliche Ermordung Unschuldiger “for the Greater Good”. Weder die Einführung von PKW noch von “Castor-im-Keller”-Endlagern ist Mord, soweit muss man schon differenzieren.

  20. @Erbloggtes

    Dass der Staat keine Passagiermaschine abzuschießen hat, dabei geht es dem BVerfG nicht um irgendeine Technologieentscheidung, sondern um staatliche Ermordung Unschuldiger “for the Greater Good”.

    Die Tötung Unbeteiligter (nicht “unschuldiger”!) nach § 14 Abs. 3 des Luftsicherheitsgesetzes ist nicht deshalb für unvereinbar mit dem GG erklärt worden, weil es Mord wäre, sondern – ich zitiere aus dem dritten Leitsatz [1] – sie „ist mit dem Recht auf Leben nach Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG in Verbindung mit der Menschenwürdegarantie des Art. 1 Abs. 1 GG nicht vereinbar, soweit davon tatunbeteiligte Menschen an Bord des Luftfahrzeugs betroffen werden.“ (Notwehr, finaler Rettungsschuss, Tötungshandlungen im Krieg sind übrigens auch allesamt nicht Mord)

    Warum “hat der Staat [nicht auch] keine” Kernkraftwerke zu betreiben? Warum ist mit dem Recht auf Leben nach Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG in Verbindung mit der Menschenwürdegarantie des Art. 1 Abs. 1 GG es nicht unvereinbar, dass der Staat sich entschloss (und das hat er im Gegensatz zum Straßenbau oder zur Heizung mit fossilen Trägern willentlich getan), die Kernkraft zu nutzen und damit unbeteiligte Menschen dem Strahlentod auszusetzen.

    [1] http://www.bundesverfassungsgericht.de/…705.html

  21. @Ano Nym

    Meine Frage ist: Wann ist eine Technologieentscheidung unter dem Blickwinkel der Menschenwürde zu betrachten und zu bewerten.

    Ach so, na dann wiederhole ich knapper, was ich und andere schon schrieben: Immer. Das wissen Sie natürlich, da Ihnen ja bekannt ist, wie der Laden läuft. Schreiben Sie.

    Was Ihre Frage allerdings mit Joachim Schulz’ Artikel zu tun hat, bleibt mir wiederum schleierhaft.

  22. Ein Sievert erhöht das Lebens-Krebsrisiko ab und zu 5%, gar nicht von 25% auf 30% !
    Und auch, Atommüll ist absolut nicht waffenfähig, mit von 30 auf 40% 240Pu ist es einfach unmöglich es in eine Bombe zu nützen.

  23. @jmdesp
    Wir haben verschiedene Arten von CASTOR Behältern mit unterschiedlichem Inhalt und nur wenige hundert davon haben das Potential Atomwaffen heraus durch Extraktion von hochangereichertem Uran oder von Plutonium gewinnen zu können. Es stimmt allerding, dass die anderen über tausend nur als schmutzige Bomben Potenzial besitzen.
    Irgendwie gar nicht beruhigend.
    Daher sollte man doch auf den CASTOR im Keller verzichten und den Atommüll gut unter Kontrolle halten.
    Und Heizen kann man besser mit ökologischen Alternativen.

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