Der Blogger und die Quantenwelt

BLOG: Quantenwelt

Gedanken eines Experimentalphysikers
Quantenwelt

Auf dem Blogger-Treffen von Deidesheim gab es mal wieder reichlich Gelegenheit, über das Bloggen und über mich als Blogger nachzudenken. Bin ich Blogger? Bin ich ein typischer Blogger? Was ist ein Blogger und was ist typisch? All diese Fragen werde ich nicht einmal versuchen zu beantworten, statt dessen werde ich vorstellen, was mich zur Bloggerei gebracht hat und mir wichtiger ist als das Bloggen: Meine Homepage, die Quantenwelt.

In  vielen meiner Beiträgen verweise ich mit einzelnen Fachbegriffen auf die Unterseiten meiner Webprojekte. Mein wichtigstes und erstes Webprojekt, Joachims Quantenwelt, möchte ich hier vorstellen. Sie ist in den Weihnachtsferien 1999 entstanden. Ich war damals Doktorand und dachte mir, es sei an der Zeit, einmal HTML zu lernen. HTML ist die Bezeichner-Sprache, mit der man Webseiten gestalten kann. Nur, wie und wozu soll man Webseiten zu erstellen lernen, wenn man gar keine Webseite hat? Eine Webseite musste also her und  zu einer Webseite braucht man eigene Inhalte. Möglichst etwas, was so noch nicht im Web zu finden war. Und so war die Idee geboren, eine Übersichtsseite zu Atommodellen zu schreiben.

Heute würde man so klein wohl kaum noch anfangen. Schließlich gibt es Wikipedia. Dort steht alles über Atommodelle und wenn nicht, kann man es hinzufügen. Wikipedia gab es zur Jahreswende 1999/2000 noch nicht. Es entstand also meine eigene Seite zu Atommodellen.

Atommodelle waren damals das natürliche Gebiet, über das ich populärwissenschaftlich schreiben konnte. Schließlich war ich aktiver Atomphysiker und beschäftigte mich mit resonanter und nichtresonanter Photoionisation von atomarem Europium.  Schnell entstand also, während ich die kleinen und mittelgroßen Tricks des HTML lernte, eine Reihe von Webseiten, die die unterschiedlichen historischen Atommodelle von Demokrit bis Bohr und das moderne Orbitalmodell erklärten. Letztes aber, das Orbitalmodell, lässt sich ohne Quantenmechanik gar nicht erklären. Es mussten also Erklärungen zur Quantenphysik folgen.
Quantenmechanik war das zweite Teilgebiet meiner Homepage, die irgendwann im Sommer 2000 ihre eigene Domain www.quantenwelt.de und den Namen Joachims Quantenwelt (bitte ohne Apostroph) bekam. Die Quantenwelt wächst jetzt also schon lange langsam vor sich hin und hat heute mehr als zweihundert Seiten. Von Aggregatzustände bis Zwillingsparadoxon erkläre ich so einiges. Fast immer ohne mathematische Formeln. Der Höhepunkt dieser Philosophie ist wohl die Seite, auf der ich versuche, eine Formel formelfrei zu erklären: Die Schrödingergleichung.

Meine Katzen im Körbchen
Die Katzen des Autors in einer quantenmechanischen Überlagerung von Wach- und Schlafzustand

Die Arbeit an der Quantenwelt hat mir gezeigt, dass das Interesse an verständlichen Grundlagen der Physik recht groß ist. Es gibt natürlich viele populärwissenschaftliche Webseiten und Bücher über Physik. Die meisten aber scheinen sich mit den Grenzen der Physik zu beschäftigen. Sie wimmeln von Urknällen, Stringtheorien, Wurmlöchern, Schrödingers Katzen und Geist-Materie-Problematiken. Physiker aber beschäftigen sich mehrheitlich mit ganz bodenständigen Dingen. Dingen, die in der Grundlage gut verstanden und erst im Detail kompliziert sind. Ziel meiner Webseite ist es, diese Grundlagen in kurzen, gut miteinander verknüpften Seiten zu beschreiben.

Das Problem in der Beschreibung der Quantenmechanik ist in meinen Augen oft, dass ausschließlich die Probleme der Frühzeit der Quantenmechanik beschrieben werden. Diese Zeit war beherrscht von Rätseln: Warum ist ein Elektron mal Teilchen und mal Welle? Gibt es da einen Dualismus? Ist Schrödingers Katze tot? Und wenn ja, seit wann?

Diese Fragen sind sehr spannend und betreffen den philosophischen Teil der Quantenmechanik. Physikalisch sind sie aber ganz gut unter Kontrolle: Katzen sind Objekte mit vielen internen Freiheitsgraden. In ihnen leben Quantenmechanische Prozesse sehr kurz. Quantenoptiker haben einfache Modellsysteme erforscht, die wie Schrödingers Katze makroskopisch getrennte Zustände miteinander verknüpfen, und sie können zeigen, dass sich die Standard-Quantenmechanik in der Kopenhagener Deutung in allen untersuchten Details bewährt. Die Quantenmechanik ist also experimentell unter Kontrolle und vieles an ihr kann mit einfachen Worten erklärt werden. Das ist die Mission der Quantenwelt.

Und was hat das nun mit diesem Blog zu tun?

Zunächst ist die Quantenwelt einfach meine Einstiegsdroge in die Online-Welt gewesen. Neben der Quantenwelt habe ich vieles ausprobiert. Unter anderem ein Wiki, ein kleines Quantenforum und das Quantenblog. Eine Weile hatte ich Quantenblog und Der Quantenmechaniker parallel betrieben. Jetzt ist Der Quantenmechaniker mein einziges Blog und deshalb dichter an die Quantenwelt und meine anderen Webseiten gewachsen.

Bloggen ist eine gute Ergänzung zu einem klassischen Internetauftritt. Der Stil ist anders, die Themen sind beliebiger. Ich schweife ab und nur selten passen die Inhalte meiner Blogbeiträge 100% zur Überschrift. Bloggen macht mir viel Spaß. Aber ich bin kein echter Blogger. Ich bin viel mehr ein echter Webautor der auch bloggt. Es lebe das Web 1.0!

Veröffentlicht von

www.quantenwelt.de/

Joachim Schulz ist Gruppenleiter für Probenumgebung an der European XFEL GmbH in Schenefeld bei Hamburg. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann in der Quantenoptik, in der er die Wechselwirkung einzelner Atome mit Laserfeldern untersucht hat. Sie führte ihn unter anderem zur Atomphysik mit Synchrotronstrahlung und Clusterphysik mit Freie-Elektronen Lasern. Vier Jahre hat er am Centre for Free-Electron Laser Science (CFEL) in Hamburg Experimente zur kohärenten Röntgenbeugung an Biomolekülen geplant, aufgebaut und durchgeführt. In seiner Freizeit schreibt er zum Beispiel hier im Blog oder an seiner Homepage "Joachims Quantenwelt".

13 Kommentare

  1. Hm, Du bist kein echter Blogger? Jetzt, wo Du es sagst. Ok, dann werde ich Deinen Blog im Laufe des Tages schließen.

    Tschüß!

    😉

    Ich finde, Du machst das gut. Gerade auch diese Abschweifungen sind doch interessant. Es ist ja wohldosiert und artet nicht in Plapperei aus. Wissenschaft muß ein Gesicht bekommen und die SciLogs arbeiten fleißig dran mit.

  2. Wissen kondensieren und konservieren

    Ich bin mit meiner “Migräne Aura Stiftung” als Web 1.0-Seite einen ganz ähnlichen Weg gegangen. Die Urseite fing auch als Versuch erster Schritte im HTML an.

    Aber heute sage ich: Es lebe das Web 2.0. Und: Ich bin ein Blogger.

    Den Wert der eher statischen Seite allerdings unterschätze ich nicht. Blogbeiträge sind vergänglich und Wissen muss auch wieder kondensiert werden. Wer heute auf hohem Niveau bloggt, wird sich überlegen, wie er diese kondensierten Inhalte langfristig konserviert.

    Vielleicht mal wieder ein Buch schreiben?

  3. Den Wert der eher statischen Seite allerdings unterschätze ich nicht. Blogbeiträge sind vergänglich und Wissen muss auch wieder kondensiert werden. Wer heute auf hohem Niveau bloggt, wird sich überlegen, wie er diese kondensierten Inhalte langfristig konserviert.

    Also da würde ich nicht unbedingt zustimmen. Wieso sind Blogpostings vergänglich? Das Archiv der Bierologie, aus der Zeit bevor wir zu den Scilogs gekommen sind, reicht bis zum Start im Juli 2008 zurück. Meine privaten Blogpostings reichen bis 2005 zurück. Beides ist weiterhin von Google indiziert und auffindbar. Also Konservierung ist eigentlich nicht wirklich ein Problem.

    Bezüglich der Kondensierung von Wissen stimme ich dir zu. Allerdings finde ich einen Medienbruch (Buch) da wenig geeignet. Wieso das Wissen nicht in z.B. die Wikipedia überführen? Oder einfach in ein Themen-Wiki?

  4. Quantenwelt und dein Blog

    Hallo Joachim.
    Erstmal möchte ich dir hier für deine Seite – Joachims Quantenwelt – danken. Ich finde sie sehr gut gelungen und sie hat mir in meinem Physikkurs, gerade bei der “Einführung” der Quantenmechanik, sehr geholfen. Im Übrigen nutzen auch viele andere meiner Mitschüler deine Seite um verständliche Erklärungen zur Quantenmechanik zu erhalten!
    Der Stil indem du deine Webseite schreibst finde ich schön, für die meisten ist es wohl gerade gut, dass du nicht viele Formeln und Gleichungen verwendest. Vielleicht könntest du aber (ähnlich wie bei der Schrödingergleichung) zu einigen Themen Verlinkungen herstellen, wo du die Themen auch etwas mathematischer aufbereitest?

    Mit deinem Blog ist es ganz ähnlich:
    Ich lese ihn mit viel Aufmerksamkeit und finde ihn gut gemacht.
    Ich stimme dem Erstposter hier zu – gerade deine Abschweifungen machen den Blog zu etwas besonderem und sehr informativ und auch sehr interessant zu lesen.

    Ob du nun ein Blogger oder Webautor bist ist eigentlich garnicht so wichtig, mach einfach weiter so, denn so wie es ist ist es super!

  5. Danke

    Hi Martin und Dominik

    Danke für die Blumen. Der Beitrag war nicht primär als “fishing for compliments” gedacht. Tut aber trotzdem gut.

    Ich denke, dass Blog und Webseiten in Zukunft ein bisschen enger zusammenwachsen werden. Es stimmt schon, dass auch Blogs nicht vergänglich sind. Aber sie sind halt für den Moment geschrieben. Während ich Webseiten eigentlich immer wieder überarbeite, lasse ich alte Blogartikel in der Regel wie sie sind.

  6. Wikis

    Ich ändere meine alten Blogbeiträge auch nicht ab, ich finde es ja auch ganz spannend so. Denn so kann man in der Zeit zurückscrollen und sich eine Entwicklung anschauen.

    Trotzdem würde ich ein Wiki einer wirklich statischen Webseite vorziehen. Zum einen weil es “einfacher” ist, die Artikel zu modifizieren. Zum anderen weil es sowohl eine Versionshistorie bietet (man kann wieder zurück in der Zeit reisen) als auch eine Mehrbenutzer-Funktion bietet und kollaboratives Arbeiten erlaubt. 🙂

  7. @Markus:

    Ich denke um das Buch kommt man als Blogger auf Dauer nicht herum, gerade wenn man ein spezifisches Thema hat. Auf Papier sind die Inhalte auf Dauer einfach sicherer – und eigentlich auch schöner.

  8. Buch

    Also ich würde mich auch freuen, wenn du ein Buch schreiben würdest. Die Frage ist ja nur, ob du es über die Quantenphysik schreiben würdest oder doch über etwas anderes oder garkeine Lust dazu hast?

    Ich stimmt Lars Fischer zu, die Inhalte sind in Buchform doch etwas “schöner” und man hat sie immer zur Hand.

  9. @Dominik B.

    “Also ich würde mich auch freuen, wenn du ein Buch schreiben würdest.”

    Gute Idee, ich werde mal drüber nachdenken. Vielleicht kann ich ja den Spektrum-Verlag zum Druck überreden…

  10. @Joachim

    Das wäre schön. Vielleicht könntest du auch in einem Blog schreiben, was du dir vorstellst und wir können dann auch noch Anregungen und Ideen geben. Ich denke, es wäre eine schöne Idee und würde dem Buch einen gewissen “Charme” verleihen.

  11. Hintergrundstrahlung, Quantenfluktuation

    Hallo, ich interessiere mich für die Auswirkungen der Abnahme der Temperatur der Hintergrundstrahlung auf die Häufigkeit und Intensität von Quantenfluktuationen (und damit auf den “entropy shift”) des sehr späten bzw. sehr frühen Universums (Standardmodell e. Inflationären Universums), finde aber dazu keinerlei Informationen. Vielleicht wissen Sie Rat, haben eventuell einen Literaturtipp? Vielen herzlichen Dank und beste Grüße. A. Rueprecht/Wien

  12. QM+Konesequenz !

    Hallo zusammen !
    Zu aller erst möchte ich klar stellen, dass ich sowohl auf dem Gebiet der Quantenmechanik als auch der klassischen Mechanik absoluter Laie bin.
    Es kostet mich allergrößte Mühe unter Anwendung meiner Oberstufenmathematik, welche nun auch schon Jahrzehnte hinter mir liegt, den Formalismus und die mathematischen Zusammenhänge nachzuvollziehen bzw. zu verstehen !
    Tensorrechnung ist mir völlig unbekannt und, wie gesagt, Integral und Differentialrechnung auch schon einige Monde her 🙂

    Nichts desto Trotz finde ich die Thematik allgemein und die Konsequenzen im Besonderen, faszinierend!
    Ich bilde mir auch ein, dass ich grundlegende Dinge, außerhalb der mathematischen Formulierung, verstanden habe.
    Für mich entsteht aber ein grundsätzliches Verständnisproblem!
    Ich hoffe hier im Forum ist es möglich mir weiter zu helfen, falls es überhaupt eine Lösung für mein Unverständnis gibt:

    Die laienhafte und unwissenschafliche, folgende Formulierung bitte ich zu entschuldigen :o)
    Nehmen wir mal das Beispiel eines Elektrons:
    Befindet sich ein Elektron in einem Quantenzustand, ist also Teil einer Wahrscheinlichkeitswelle, so kann es gleichzeitig in mehreren gleichberechtigten Orten existieren!
    Durch eine Messung des Ortes oder des Impulses wird dieser Quantenzustand aufgehoben und es wird einer dieser gleichberechtigten Orte oder Impulse „angezeigt“
    Das heißt es ist objektiv zufällig welcher Ort und/oder Impuls gemessen wird !
    Soweit so gut !

    Wenn man davon ausgeht, dass die menschlichen Sinne, also sehen, hören,schmecken usw.auch als Messung ( also als Aufhebung des Quantenzustands ) angesehen werden,müsste doch auch das Gesehene oder Gehörte oder Geschmeckte objektiv zufällig „daher kommen“, oder ?
    Warum passieren aber immer genau die Dinge, die man erwartet.

    Wenn Atome mit Quantenzuständen beschrieben werden, Moleküle aus Atomen und Materie aus Molekülen bestehen, warum schmeckt es IMMER sauer wenn ich an einer Zitrone lecke ?
    Warum erscheint immer die Farbe grün, wenn ich blau und gelb überlagere ?
    Langer Rede kurzer Sinn, warum passiert immer genau das, was ich erwarte ?

    Hoffentlich konntet ihr meinem laienhaft formulierten Verständnisproblem folgen und vielleicht sogar lösen.

    Danke euch fürs Lesen !

  13. Die gute Quantenphysik

    Ich finde es gut, das sich Menschen in Blogs dem Thema der Quantenphysik widmen, da die Quantenphysik doch so einiges in der Zukunft ändern wird!

    Interessante Dokumentationen und Vorträge habe ich auch auf http://www.quantica.de/Quantenphysik gefunden.
    Vielleicht ist ja auch für euch etwas dabei!

    Macht weiter so!

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