Argumentieren mit Statistik

Auf der Titelseite der Süddeutschen Zeitung vom letzten Wochenende las ich eine merkwürdige Argumentation. Die Frage war, ob man sich angesichts der Grippewelle jetzt noch impfen lassen solle. Als Gegenargument zitierte der Autor Fachleute, die abraten. Nicht etwa, weil sie Risiken gegen Nutzen abgewogen haben, sondern weil der derzeitige Impfstoff Ansteckungen nicht besonders sicher verhindert. Er wirkt nur gegen etwa 30% der Infektionen.

Diese Argumentation erstaunt mich. Dreißig Prozent, ein Drittel der Fälle, ist ziemlich viel. Wenn ich mein Risiko zu erkranken bei geringem Aufwand um ein Drittel reduzieren kann, bin ich sofort dabei. Dazu kommt, dass die Krankheit bei Geimpften in der Regel milder verläuft als bei Ungeimpften. Ich jedenfalls habe keine Lust und Zeit, im Winter zwei Wochen lang das Bett zu hüten, und lasse mich deswegen jährlich impfen. 30% Erfolgsquote ist ein guter Schnitt, wenn auf der Sollseite nur ein kleiner Nadelstich durch die Betriebsärztin steht.

Aber warum raten Ärzte aufgrund zu niedriger Erfolgsquote ab? Ist das Problem, dass die Patienten, die trotz Impfung erkranken, das Vertrauen in die Medizin verlieren? Vielleicht erwarten die Menschen zu viel von Wissenschafts-basierter Medizin und verlieren dann den Glauben, wenn sie mal versagt. Das ist wieder das Thema Risiko gegen Gefahr, von dem ich mal geschrieben habe. Wenn der Mensch ungeimpft erkrankt, dann ist das eine Gefahr des Lebens. Niemand ist Schuld, es ist Schicksal. Wenn er geimpft erkrankt, hat der Impfstoff, die Ärztin, die Medizin, die Wissenschaft versagt.

Information zur saisonalen Grippeimpfung gibt es vom Robert-Koch-Institut.

Veröffentlicht von

www.quantenwelt.de/

Joachim Schulz ist Gruppenleiter für Probenumgebung an der European XFEL GmbH in Schenefeld bei Hamburg. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann in der Quantenoptik, in der er die Wechselwirkung einzelner Atome mit Laserfeldern untersucht hat. Sie führte ihn unter anderem zur Atomphysik mit Synchrotronstrahlung und Clusterphysik mit Freie-Elektronen Lasern. Vier Jahre hat er am Centre for Free-Electron Laser Science (CFEL) in Hamburg Experimente zur kohärenten Röntgenbeugung an Biomolekülen geplant, aufgebaut und durchgeführt. In seiner Freizeit schreibt er zum Beispiel hier im Blog oder an seiner Homepage "Joachims Quantenwelt".

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich glaube, das eigentliche Argument war das “jetzt noch” (impfen lassen) – also Mitte/Ende Februar. Mit diesem “jetzt noch” war gemeint, dass die “Grippesaison” – also die statistische Jahreshäufung an Fällen – mit der vielleicht größten Zahl an Neuansteckungen (dem “Peak” der “Welle”) entweder schon den Höhepunkt überschritten hat oder der Höhepunkt in diesen Tagen erreicht wird. Wenn man nun einen Termin für eine Impfung macht, dauert das wahrscheinlich ein paar Tage. Bis dann der “30%” +/- -Schutz plus Vergünstigung durch mildere Form greift, dauert es wohl auch noch ein paar Tage (ca. 1 Woche, stand glaube ich im Artikel). Wenn man also das Risiko “jetzt” abschätzt, dann kann man vielleicht zur Ansicht gelangen, dass zunächst mal die Wahrscheinlichkeit der Neuansteckung gemindert ist/sich in “diesen Tagen” signifikant mindern wird und dass darüberhinaus die in vielleicht rund 14 Tagen erreichbare Immunisierung von diesem sich mindernden Risiko “nur” 30%” erwischt. Was der Artikel wohl versuchte deutlich zu machen war, dass selbst “jetzt noch”, nachdem man die bestmögliche Zeit zur Impfung lang verpasst hatte, es durchaus *möglich* ist, sich impfen zu lassen, als auch durchaus noch sinnvoll sein kann, weil der “long tail” der Welle einen ja auch noch locker im April erwischen kann. Bei dem “sinnvoll sein” ist der Artikel online zumindest nicht ganz erfolgreich gewesen – könnte natürlich an den üblichen Kürzungen gegenüber print liegen.

  2. Der Sinn der Grippeimpfung liegt vor allem darin, dass weniger ältere Menschen an einer Grippe sterben sollen. Deshalb ist sie für halbwegs gesunde Bevölkerungsgruppen erst ab 60 Jahren empfohlen.

    Zur Vermeidung von Unannehmlichkeiten ist die Impfung womöglich nicht geeignet, weil es passieren kann, dass man nach der Impfung etwas kränkelt. Man bekommt keine Grippe, aber bei manchen Leuten fallen Erkältungen je nach Schwachstellen gern mal heftiger aus.

    • Doch genau dafür ist so eine Impfung geeignet. Weil Patient/innen, die keiner Risikogruppe angehören, selten an der Grippe sterben, spricht die STIKO keine Empfehlung aus. Das Robert-Koch-Institut rät aber auch explizit nicht von einer Impfung ab.

  3. Ich habe den Verdacht, die “Nachteile” dieser Impfung, die hier gegen den allmählich kleiner werdenden Vorteil abgewogen werden, sind schlicht ihre Kosten. Jetzt noch Geld auszugeben (und Zeit und Mühe zu investieren), obwohl das Risiko nicht mehr so enorm ist, dazu will man die Leute wohl nicht drängen. Aber direkt abraten sollte man, finde ich, definitiv niemandem – schließlich kann es ja nicht schaden, sich impfen zu lassen, auch wenn die Bedrohung momnentan nicht so eminent ist.

  4. Vom eigentlichen Topos weggehend, Ihre Toleranz vorab abnehmend, Herr Dr. Schulz, und nur beratend:

    Das ist wieder das Thema Risiko gegen Gefahr, von dem ich mal geschrieben habe.

    Die zitierte Quelle:

    Im Buch über Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme ist mir eine nützliche Unterscheidung zwischen Gefahr und Risiko begegnet. Luhmann nennt es eine Gefahr, wenn Schäden auf Schicksal oder Unglück zurückgeführt werden, wenn also keine Person durch ihre Entscheidung dafür verantwortlich zeichnet.

    Luhmann meinte die Gefahr als von außen kommend, nie als Konsequenz eigener Maßgeblichkeit, die auf bloßes ‘Schicksal oder Unglück zurückgeführt werden’ kann, denn dies bliebe ‘Risiko’, den eigenen Personalbestand meinend.

    Wer sich nicht impfen lässt und sich nach Abwägung so entscheidet, wenn dies angewiesen erscheint, setzt sich keiner Gefahr aus, sondern eben Risiiko durch Unterlassung.

    Hoffentlich wird dies hier richtig verstanden.

    MFG + weiterhin viel Erfolg, gute Arbeit!
    Dr. Webbaer

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