Alles, was Sie wissen, ist falsch

Zeitreisegeschichten sind eine komplizierte Sache. Es gibt eine Menge mögliche Paradoxa, die mit Zeitreisen verbunden sind. Irgendwie wollen Zeitreisen nicht so recht zum freien Willen passen, machen Probleme mit Energieerhaltung und können zu logischen Schleifen führen. Es sei denn, man kreiert Zeitreisen so geschickt, wie Audrey Niffenegger es in „Die Frau des Zeitreisenden“ getan hat. Oder man schreibt einen recht komplexen Thriller, in dem in mehr Dimensionen als nur in die Zeit gereist wird.

Aber ich möchte noch nicht zu viel verraten. Ich habe mal wieder einen Wissenschaftsroman zur Ansicht bekommen und diesmal hat er mir gefallen. Mount Maroon ist ein recht spannender Roman, der sich flüssig liest und den ich gerne und beinahe in einem Rutsch durchgelesen habe. Im Gegensatz zum letzten Wissenschaftsroman sind die Charaktere hier abwechslungsreich und man bekommt auch hin und wieder Einblick in ihre Gefühls- und Gedankenwelt. Dafür muss man ein paar Abstriche in der Authentizität machen.

Die theoretischen Physiker in diesem Roman erinnern etwas zu stark an Top-Gun-Jetpiloten und der Held hat etwas von MacGuyver. Auch hat es mich etwas erstaunt, wie wenig selbstverständlich es für den Autor ist, dass es auch Physikstudentinnen und Physikerinnen gibt. Zum einen scheint es in dem fiktiven Forschungslabor unter dem Mount Maroon nicht eine Forscherin zu geben, zum anderen macht der Autor auf merkwürdig verklemmte Art darauf aufmerksam, dass es unter den Studenten (sic) auch Frauen gibt.

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Auch der Umgang der Forscher mit Laborsicherheit ist schlecht recherchiert. Im Roman sterben ohne weitere Konsequenzen mehrere Wissenschaftler und Techniker bei Testexperimenten. Ich habe oft genug am SLAC experimentiert, um mir einen Überblick über die Sicherheitsstandards in öffentlich geförderten US-Laboren zu verschaffen. Ein einzelner schwerer Unfall kann dazu führen, dass das entsprechende Labor für Monate geschlossen werden muss. Der achtlose Umgang mit Menschenleben, wie er in diesem Roman im Dienste der Wissenschaft praktiziert wird, kommt im Forschungsalltag glücklicherweise nicht vor.

Insgesamt ist Mount Maroon also eher ein Actionroman als ein Wissenschaftsroman. Der Schwerpunkt liegt nicht darauf, die Arbeit von Wissenschaftlern realistisch darzustellen. Aber wie ist es mit wissenschaftlichen Theorien? Immerhin merkt der Autor an, dass zwar die Personen frei erfunden sind, die wissenschaftlichen Theorien aber alle so existieren, wie sie geschildert werden.

Ich werde nun ein wenig über die Handlung verraten müssen. Es wird nicht so viel werden, dass es den Genuss des Buchs trüben könnte, aber wer jetzt schon vorhat es zu lesen, könnte an dieser Stelle wegklicken wollen.

Sind Sie noch da?

Die Zeitmaschine bei Mount Maroon ist ein Tunnel, der mit photonischen Kristallen ausgekleidet ist. Die Idee des Autors ist es, dass man Licht in solchen Strukturen soweit verlangsamen kann, dass eine Zeitreisekapsel im Tunnel schneller werden kann als das Licht. Materie, die schneller als das Licht ist, soll dann zurück in die Zeit reisen. Um ein Ziel zu generieren, zu dem die Zeitreise geben soll, haben außerdem Wissenschaftler in den vierziger Jahren ein starkes Kraftfeld aufgebaut. Warum solch ein Kraftfeld als Zielmarkierung für die Zeitmaschine taugt, wird nicht weiter erklärt.

Aber passt das Szenario mit den optischen Kristallen?

Tachyonen nennt man Teilchen, die schneller sind als das Licht. Es sind hypothetische Teilchen, die nie beobachtet wurden und für deren Existenz es auch keinen vernünftigen Grund gibt. Aber wenn es sie gäbe, würde die Zeit in ihrem Ruhesystem rückwärts laufen. Für Tachyonen würde negative Zeit vergehen. Könnte man jetzt  gewöhnliche Materie über die Lichtgeschwindigkeit hinaus auf tachyonische Geschwindigkeiten beschleunigen, so würde für diese Materie die Zeit mit zunehmender Geschwindigkeit immer langsamer verlaufen, bei Lichtgeschwindigkeit stehen bleiben und bei Überlichtgeschwindigkeit zurück laufen. Die Top-Gun-Physiker in der Kapsel würden also immer langsamer altern und dann wieder jünger werden. In die Vergangenheit könnten sie auch mit tachyonischen Geschwindigkeiten nicht gelangen.

Erschwerend kommt hinzu, dass in Einsteins Relativitätstheorie nicht die Geschwindigkeit von Licht in Kristallen entscheidend ist, sondern immer die Vakuumlichtgeschwindigkeit. Der mit Kristallen ausgekleidete Tunnel wird also bei einer Verfilmung dieses Romans ein eindrucksvolles Bild abgeben, aber zur Überwindung des Tempolimits Lichtgeschwindigkeit wird er nichts beitragen können. Was die Technik betrifft muss ich also wieder Spielverderber sein. Das Konzept dieser Zeitmaschine ist nicht stichhaltiger als die rotierenden Kristalle von H.F. Wells‘ Zeitreisenden.
Glücklicherweise spielt die Realisierung der Zeitreise für die Handlung des Romans keine große Rolle. Viel interessanter ist die Art, wie hier parallele Welten behandelt werden. Durch die Zeitreise gerät der Protagonist in ein Paralleluniversum, in dem vieles anders ist als er es erinnert. Wie ein Mensch mit solch einer Erfahrung umgeht, ist meiner Ansicht nach der spannendste Teil dieses Buchs.

Um die parallelen Welten zu erklären bemüht der Autor die Everettsche Viele-Welten-Theorie. Auch hier liegt er meiner Meinung nach wissenschaftlich daneben. Diese Interpretation beschreibt unzählig viele Welten als Folge von Dekohärenz von Wellenfunktionen. Bei Mount Maroon gibt es aber nicht unzählige Welten aufgrund von Quantenzufall sondern genau zwei Welten. Eine, in der noch kein Zeitreisender in den Vierzigern angekommen ist, und eine, in der die Zeitreise stattgefunden hat. Die Welt spaltet sich, wie aus anderen Sciencefiction-Geschichten bekannt, als Reaktion auf eine Zeitreise in zwei parallele Welten. Das ist eine ebenso legitime Annahme, wie die Möglichkeit von Zeitreisen an sich. Mit Everett und die Quantenmechanik hat es aber nichts zu tun.
Meine Empfehlung: Lesen Sie das Buch, wenn Sie kurzweilige Science-Fiction mit einer guten Portion Action und ein paar polulärwissenschaftlichen Weisheiten mögen. Mir hat es größtenteils gefallen. Nehmen Sie aber die spekulativen Teile der Wissenschaft nicht allzu ernst. Und glauben Sie bitte nicht, wir Wissenschaftler seien tatsächlich so rücksichtslos, wie einige Protagonisten in diesem Roman.

Nachtrag 31.5.2012:

Hier geht es zur Homepage des Autors: Ethan Bayce

Veröffentlicht von

www.quantenwelt.de/

Joachim Schulz ist Gruppenleiter für Probenumgebung an der European XFEL GmbH in Schenefeld bei Hamburg. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann in der Quantenoptik, in der er die Wechselwirkung einzelner Atome mit Laserfeldern untersucht hat. Sie führte ihn unter anderem zur Atomphysik mit Synchrotronstrahlung und Clusterphysik mit Freie-Elektronen Lasern. Vier Jahre hat er am Centre for Free-Electron Laser Science (CFEL) in Hamburg Experimente zur kohärenten Röntgenbeugung an Biomolekülen geplant, aufgebaut und durchgeführt. In seiner Freizeit schreibt er zum Beispiel hier im Blog oder an seiner Homepage “Joachims Quantenwelt”.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Positronen

    Diese Zeitreisenden erzeugen bestimmt eine Menge Tscherenkow-Strahlung in den Kristallen.

    Die Tachyonen wurden noch nicht nachgewiesen, aber die Positronen schon.

    Die Positronen sind nach Richard P. Feynman Elektronen, die in der Zeit zurück laufen.

    Wenn sich Elementarteilchen genau so Verhalten, als würden sie etwas bestimmtes machen, dann machen sie das auch tatsächlich.

    http://members.chello.at/….bednarik/FEMADI-3.jpg

    Destruktive Zeitparadoxa, wie zum Beispiel sein jüngeres ich umzubringen, funktionieren vermutlich nicht, weil sie die Kausalität verletzen.

    Konstruktive Zeitparadoxa, wie zum Beispiel seinem jüngeren ich das Leben zu retten, könnten theoretisch funktionieren, weil sie die Kausalität sogar verstärken.

    Natürlich darf das jüngere ich von der Lebensrettung nicht mehr bemerken, als das, woran sich das ältere ich noch erinnern kann.

    Notfalls muss man das Gedächtnis des jüngeren ichs mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern selektiv löschen, solange man noch kein Blitzdings wie die MIB hat.

  2. Viele Welten

    “Bei Mount Maroon gibt es aber nicht unzählige Welten aufgrund von Quantenzufall sondern genau zwei Welten.”

    Ist das so? Ich denke das Buch beschreibt halt “nur” zwei mögliche Abzweigungen, denn alles andere wäre ja nicht erzählbar, oder? Dass es mehr als zwei Welten gibt, wird aber nicht ausgeschlossen, zumindest so wie ich das in Erinnerung habe.

  3. @Stefan

    Der Springende Punkt ist nicht, wie viele Universen es gibt, sondern weshalb sie entstehen. Nach Everett spalten sich neue Universen ständig durch Dekohärenz ab. Jeder Zerfall eines radioaktiven Atoms resultiert in eine Trennung einer Klasse von Welten, in der es zerfallen ist, von einer anderen Klasse, in der es noch ganz ist. Wenn dieser Zerfall nun etwas makroskopisches Auslöst (zum Beispiel einen Krebstod), dann haben wir es mit Everett’schen Vielen Welten zu tun.

    Bei Mount Maroon werden alternative Vorgänge aber nicht durch einen Quantenprozess sondern durch eine Zeitreise ausgelöst. Das ist einfach eine ganz andere Spekulation.

  4. Zweiter Nachtrag

    In dem Science-Fiction Roman von Jack Williamson, Seetee Ship, wird relativ korrekt mit der Antimaterie umgegangen.

    Der Ausgangspunkt dieser Geschichte ist, dass ein kleiner Teil der Planetoiden unseres Sonnensystems aus Antimaterie besteht.

    (Vielleicht sind diese Planetoiden aus Antimaterie erst lange nach der Entstehung unseres Sonnensystems dazu gekommen.)

    Weil diese Planetoiden nur sehr selten mit Planetoiden aus normaler Materie zusammen stossen, gibt es nur sehr selten Explosionen und Gammastrahlungs-Ausbrüche.

    Weil diese Planetoiden im Vakuum des Weltraums die Sonne umlaufen, kann man dort relativ ungestört mit ihnen arbeiten, zum Beispiel, um mit ihrer Hilfe Energie zu gewinnen.

    Weil diese Planetoiden genau so aussehen, wie de Planetoiden aus normaler Materie, bestrahlt man jeden Planetoiden schon vor der ersten Berührung vorsichtshalber mit schwacher Alphastrahlung, und überprüft, ob dabei Gammastrahlung aus der Reaktion mit Antimaterie frei wird.

    Die Greifer und die sogenannten Bettungen für die Antimaterie beruhen auf der Anwendung des atomaren Diamagnetismus, der einen direkten Kontakt zwischen Materie und Antimaterie verhindert.

    (Bei uns auf der Erde kann man mit dem atomaren Diamagnetismus sogar Frösche schweben lassen.)

    (Ferromagnetische Eisenmeteoriten aus Antimaterie würden auf Magnetfelder allerdings sehr unangenehm reagieren.)

    Irgendwann nähert sich dann ein irdisches Raumschiff einem besonders grossem Objekt aus Antimaterie, und macht völlig verwirrende Beobachtungen, weil es in den Bereich der rückläufigen Zeit gerät, die jede Antimaterie umgibt.

    (Mehr verrate ich nicht von dieser Geschichte.)

    (Streng genommmen läuft nicht die Zeit in der Umgebung der Antimaterie zurück, sondern es laufen die Teilchen der Antimaterie in der Zeit zürück, bezogen auf die Richtung in der Zeit, in der sich die Teilchen aus normaler Materie bewegen.)

    Jack Williamson hat diese Geschichte schon im Jahre 1942 geschrieben, vermutlich kommt auch er aus der Zukunft.

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