Wissenschaftsjournalismus für alle

BLOG: Quantensprung

Versuch einer Aufklärung
Quantensprung

Ein Online-Kurs für Wissenschaftsjournalisten und solche, die es werden wollen – das klingt gewagt. Vor kurzem stellten die World Federation of Science Journalists (WFSJ) und das Science and Development Network (SciDev.Net) genau einen solchen Kurs vor. Den Online Course in Science Journalism gibt es bereits in 7 Sprachen und er besteht derzeit aus 10 Lektionen mit einer E-Lecture, Lernfragen und Übungen. Die Idee für diesen internationalen Kurs entstand aus Bedarfen von Kollegen in Afrika und dem mittleren Osten. Deshalb haben sich der WFSJ und die Macher der Wissenschaftsnachrichten für und aus Entwicklungsländern, SciDev.Net, zusammengetan.
Herausgekommen ist ein auch für etablierte Journalisten interessantes Werk und man kann sicher den einen oder anderen Baustein in der Ausbildung für Wissenschaftsjournalisten hierzulande gut einsetzen.

Die bisherigen Lektionen umfassen:

1.    Planung und Strukturierung der Arbeit
2.    Finden und Bewerten potenzieller Themen
3.    Interview
4.    Kunst des Schreibens
5.    Was ist Wissenschaft?
6.    Berichterstattung über kontroverse Themnen
7.    Berichterstattung über Wissenschaftspolitik
8.    Bildliche Darstellung von Wissenschaft
9.    Wie liest man Statistiken?
10.  Social Media

Ich finde sehr vieles davon absolut lesenswert. Wer es ernst meint mit diesem Online-Kurs, wird einige Zeit brauchen und verteilt die einzelnen Lektionen vielleicht auf Monate. So lernt man Stück für Stück sicher eine ganze Menge auch anhand der praktischen Beispiele. Nur mit etlichen Lernfragen in den jeweiligen Lektionen kann ich persönlich kaum etwas anfangen. Manchmal erscheinen mir die Antworten zu offensichtlich oder ich erkenne den Nutzen nicht wirklich.
Die Lernenden werden übrigens nicht alleine gelassen. Für die Übungen und deren Diskussion sollte man sich einen Mentor oder Tutor vor Ort suchen oder zumindest mit anderen Online-Studenten diskutieren. Um die Suche nach einem geeigneten Mentor zu erleichtern, bietet der WFSJ Kontakte über seine verschiedenen Mitgliedsorganisationen in 42 Ländern an.

Besonders schön finde ich, dass in Lektion 2 Journalisten ihr Erfahrungswissen teilen. So beschreibt Patrick Luganda besondere Herausforderungen für Wissenschaftsjournalismus in Entwicklungsländern oder Natasha Bolognesi berichtet wie sie einen Hype identifizierte und bis heute damit lebt, dass sie auf der Homepage des betreffenden Unternehmens in Kommentaren angegriffen wird. Das passt sehr gut zu aktuell laufenden Diskussionen, wie man es vermeidet einem Hype aufzusitzen, bzw. einen von der Redaktion aufs Auge gedrückt zu bekommen, weil Bild und Co. es doch auch so schreiben (Slate-Diskussion)?

Einige der wichtigsten und häufig diskutierten Fragen werden in diesem Kurs jedoch nicht angeschnitten.

Müssen Wissenschaftsjournalisten vom Fach sein – Naturwissenschaftler, Geisteswissenschaftler, Ökonomen…?
Sollen Forscher das journalistische Werk vor Veröffentlichung sehen dürfen (Guardian-Diskussion)?
Dürfen Medizinjournalisten nur über Evidenz basierte Erkenntnisse berichten oder haben sie vielmehr die Pflicht, auch anderes aufzugreifen?
Wie halten wir es mit dem Verhältnis zwischen Journalist, Blogger und Forscher (Rahmstorf-Diskussion von Markus analysiert)? Hierzu wird im Kapitel Social Media einfach mal schnell eine Trennlinie gezogen: Journalisten machten News und Social Media die Konversation darüber. Aber so stimmt das natürlich nicht. Journalisten greifen auch nicht aktuelle Metathemen auf und lösen über Kommentare Dialoge aus (besonders online). Umgekehrt berichten auch Blogger, Twitterer u.a. über aktuelle News, die sie für wichtig halten.

Auf jeden Fall wünschte ich mir in diesem Sinne noch etwas mehr Perspektive und Diskussion in diesem Onlinekurs, denn womöglich wird er in oben genannten Ländern zentral genutzt werden.

Wissenschaftskommunikation wird nicht von Journalisten gemacht, sondern braucht die beteiligten Seiten dazu: Forscher, institutionelle Kommunikatoren, fachlichen Bewerter, Rezipienten, Ethiker, Geldgeber, Politiker und mehr.
Sich zusammensetzen, die gegenseitigen Bedarfe erkennen und gemeinsame Strategien entwickeln, das sollte viel öfter geschehen und es wäre wünschenswert, wenn dergleichen auch im Rahmen einer journalistischen Ausbildung gefördert würde. Wissenschaftsjournalismus existiert nicht isoliert und seine Qualität gewinnt mit der Einbindung mehrerer Perspektiven.

Veröffentlicht von

Beatrice Lugger ist Diplom-Chemikerin mit Schwerpunkt Ökologische Chemie. Neugierde und die Freude daran, Wissen zu vermitteln, machten aus ihr eine Wissenschaftsjournalistin. Sie absolvierte Praktika bei der ,Süddeutschen Zeitung' und ,Natur', volontierte bei der ,Politischen Ökologie' und blieb dort ein paar Jahre als Redakteurin. Seither ist sie freie Wissenschaftsjournalistin und schreibt für diverse deutsche Medien. Sie war am Aufbau von netdoktor.de beteiligt, hat die deutschen ScienceBlogs.de als Managing Editor gestartet und war viele Jahre Associated Social Media Manager der Lindauer Nobelpreisträgertagung, des Nobel Week Dialogue in 2012/2013 und seit 2013 berät sie das Heidelberg Laureate Forum. Kommunikation über Wissenschaft, deren neue Erkenntnisse, Wert und Rolle in der Gesellschaft, kann aus ihrer Sicht über viele Wege gefördert werden, von Open Access bis hin zu Dialogen von Forschern mit Bürgern auf Augenhöhe. Seit 2012 ist sie am Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation, NaWik - und seit 2015 dessen Wissenschaftliche Direktorin. Sie twittert als @BLugger.

3 Kommentare

  1. (fehlende) Weiterempfehlung (sfunktion)

    Werte Redakteurinnen, werte Redakteure,

    leider, soweit der Unterzeichnete (U) dies feststellen durfte, fehlt allen ihren interessanten Texten die Möglichkeit, dass der geneigte Leser diese Dritten weiterempfehlen kann.
    Warum ist denn das so?

    Gesegnete Weihnachten 2011!
    Mfg gez. Lioncup

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    Reicht das nicht? Unterhalb der Texte – vor dem Kommentarfeld ‘antworten’. Vielleicht müssen Sie diese aktivieren? @Lioncup?

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