Rolle vorwärts oder rückwärts – WÖM

Bei der Diskussion um die Stellungnahme “Zur Gestaltung der Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien” geht mir einiges durcheinander. Ein Gutachten, wie auf Spiegel Online zu lesen ist, eine objektive Bewertung der Lage, ist diese Stellungnahme nicht und kann sie gar nicht sein, denn dazu wurden zu viele wichtige Faktoren außer Acht gelassen. Zwar wurden Gutachter zu Rate gezogen. Doch ist und bleibt das durchaus gewichtige Papier eine Stellungnahme, also letztlich eine Position mit Empfehlungen der drei hier vertretenen ehrenwerten Akademien, die für sich durchaus zu Recht in Anspruch nehmen, die Wissenschaft zu vertreten: Die Nationale Akademie der Wissenschaften, Leopoldina; die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, acatech, und die Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften.

Unter den größten Umwälzungen unserer jüngeren Geschichte, die das Wissenschaftssystem und Massenmedien bewegen, nennt die Stellungnahme zwei Punkte: Ökonomisierung und Medialisierung. Die Digitalisierung, die einen fundamentalen Wandel für alle Formen der Kommunikation bedeutet, wurde im Wissenschaftsjahr 2014 “Die digitale Gesellschaft” vergessen. Obschon Experten – wie auch ich – gehört wurden, die dieses Thema sicher benannt haben, tauchen etwa Soziale Medien in der Stellungnahme nur zweimal wörtlich auf. Im Vorwort mit dem Eingeständnis: “So bedürften die „neuen Medien“ (Web 2.0, soziale Medien) einer eingehenderen Betrachtung”. Da ist, könnte man unterstellen, allen ganz am Ende aufgefallen, dass sie etwas ganz Wesentliches übersehen haben. In der eigentlichen Stellungnahme sind die social media eher kryptisch beschrieben und am Ende als “Herausforderung für die Wissenschaft” eingestuft.

Mich wundert, wie der von mir geschätzte Jens Rehländer auf Grundlage der Stellungnahme zu dem Schluss kommt: “Das Web 2.0 ist kein Ort für die seriöse Auseinandersetzung mit Wissenschaft.” (Anmerkung 19. Juni 12:55 Uhr: Jens Rehländer klärt das Missverständnis in dieser Richtigstellung). Dies wäre fatal, da gerade das Web 2.0 und seine Nachfolger 3.0 usw. zunehmend zum zentralen Austauschplatz über Wissenschaft und Wissenschaftsberichterstattung werden. Es ist also eher an der Zeit, genau für diese interaktive Kommunikation, in der es nicht mehr nur Konsumenten von Information gibt, sondern auch viele Produzenten, die Prosumer, neue Wege der Qualitätssicherung zu finden. In diesem Sinne betrachte ich die Stellungnahme als eine Bestandsaufnahme des Wandels in der Wissenschaftskommunikation der guten alten Flaggschiffe. Die Erkenntnisse sind durchaus ehrlich und offen herausgestellt und sicher hilfreich. Sehr klar und anhand eines anschaulichen Beispiels haben Holger Wormer von der TU Dortmund und Weingart zentrale Punkte der Stellungnahme hier dargestellt: Die Konkurrenz der Forschungsinstitute, mitunter falsch verstandene Wissenschaftskommunikation derselben, der ökonomische Druck in Redaktionen und mehr.

Die Stellungnahme schafft diese Deutlichkeit nicht. Sie klingt in meinen Ohren wie eine laute Sirene (Besorgnis, Übertreibung, Hype) und hinterdrein kommt sogleich der pastorale Moralkodex (Redlichkeit, Selbstkritik, wahrhaftige Kommunikation). Die Stellungnehmer kreiden an, dass Medien übertreiben, Hypes zu schnell nachrennen. Das ist richtig. Wie war das jüngst mit den Stammzellen, die nur mal in Zitronensäure weilen müssten, um unglaublich, aber wohl nicht wahr zu zurück auf Start programmierten Alleskönner-Stammzellen, zu werden? Nachlese: SZ.

Ja, es gibt sie diese Hype-Geschichten. Die NASA-Arsen-Bakterien, die Genmais-kranken Ratten. Ja, es gibt Forscher, die machen solche Fehler und es gibt sogar hoch angesehene Fachmagazine wie Nature (Zitronensäure-Stammzellen) und Science (NASA-Arsen-Bakterien), denen rutschen diese Dinge durch. Und dann als drittes Glied in der Reihe auch den Journalisten. Und Schwupps schaffen es diese Meldungen in die Online-Newsseiten, die Tagesthemen und den bunten Blätterwald am Kiosk. Ja, mehr Qualitätssicherung täte gut! – mit Recherchestandards, besserer Aus- und Weiterbildung, kritisch einordnendem Journalismus und mehr.

Ob bei knackigen Überschriften, die zu Weiterem verleiten, allerdings ein wissenschaftlicher Presserat hilft? Ich wage das zu bezweifeln. Im Übrigen werden solche Hypes, nachdem sie in den Medien waren, nicht selten von Wissenschaftlern, die sich über soziale Netzwerke verbünden aufgedeckt. Wissenschaftler werden als viertes Glied der Kommunikationskette in diesen Fällen zum Korrektiv. Sie rufen zur Nachrecherche auf, sie vernetzen sich online und rechnen und zählen in ihren Laboren nach.

Wieder sei das Beispiel NASA aufgegriffen. Hier war es Rosie Redfield von der University of British Columbia in Vancouver, die bloggend zur Aufklärung beitrug und andere Forscher animierte, sich des Themas anzunehmen. Ein Jahr später zog das Fachmagazin Science die Publikation zurück. Immerhin wird “retraction watch”, ein Portal das eben solche Publikationen verfolgt, die zurückgezogen werden müssen, in der Stellungnahme erwähnt.

Die Wissenschaftler haben sich selbst bereits dieser Themen angenommen, genauso wie Wissenschaftsjournalisten, Wissenschaftskommunikatoren und Institutionen. In der Stellungnahme spielen die Wissenschaftler in dieser Form der direkten Online-Kommunikation, die geprägt ist vom Dialog, jedoch keine, bis kaum eine Rolle.

“Unsere Aufgabe als Wissenschaftler ist es aber nicht, zu verführen und zu überzeugen, sondern zu informieren und aufzuklären”, mahnte Peter Weingart laut Spiegel Online. Das klingt zunächst gut. Aber da schwingt durchaus ein Subtext mit. Diese Aussage suggeriert, Wissenschaftler würden heutzutage primär verführen und überzeugen wollen. So als hätten sie vergessen zu informieren und aufzuklären. Aufklären und Informieren ist aber genau das, was sehr viele Wissenschaftsblogger und Microblogger machen (wollen) – siehe auch die Umfrage unter uns Sciloggern von 2012.

Statt also Wissenschaftler zu mahnen und zurückzupfeifen in Reih und Glied mit durchaus eingängigen Schlagworten wie “wissenschaftliche Redlichkeit und Selbstkritik”, wäre heute vielmehr angezeigt, ihnen zur Seite zu stehen in diesen “Sozialen Medien”. Das hätte eine Rolle vorwärts werden können, statt eines unterschwelligen Maulkorbs. Es wäre hilfreich, ihnen etwa gute Rahmenbedingungen in Form von Social-Media-Guidelines und Handreichungen der Profi-Kommunikatoren zu bieten. Immerhin sind Qualitätskriterien zur Kommunikation von Forschungsergebnissen angestrebt, das kann in der Tat bei der Orientierung helfen.

In 10 Tagen steht ein neues Branchentreffen von Kommunikatoren, Wissenschaftlern und Akademien an. Die VolkswagenStiftung lädt zum Workshop Wissenschaftskommunikation unter dem Motto “Image statt Inhalt”. Leider kann ich nicht dabei sein. Aber ich hoffe, dort bekommt dieses Web 2.0, bekommen diese Social Media, die richtige Aufmerksamkeit! Viel Erfolg dem Kollegen Volker Stollorz, der gemeinsam mit Gesche Schifferdecker von der Max Weber Stiftung und Julia Wandt von der Universität Konstanz den Arbeitskreis III: Gute Wissenschaftskommunikation im Web 2.0 moderieren wird!

Mehr zum Thema:

Drüben bei Markus Pössel Akademien geben Empfehlungen für Wissenschaftskommunikation

und die von Marcus Anhäuser laufend aktualisierte Linkliste: Empfehlungen für eine bessere Wissenschafts-PR allerorten (wobei mir hier der Begriff PR nicht gefällt, denn es geht allgemein um Kommunikation)

Veröffentlicht von

Beatrice Lugger ist Diplom-Chemikerin mit Schwerpunkt Ökologische Chemie. Neugierde und die Freude daran, Wissen zu vermitteln, machten aus ihr eine Wissenschaftsjournalistin. Sie absolvierte Praktika bei der ,Süddeutschen Zeitung' und ,Natur', volontierte bei der ,Politischen Ökologie' und blieb dort ein paar Jahre als Redakteurin. Seither ist sie freie Wissenschaftsjournalistin und schreibt für diverse deutsche Medien. Sie war am Aufbau von netdoktor.de beteiligt, hat die deutschen ScienceBlogs.de als Managing Editor gestartet und war viele Jahre Associated Social Media Manager der Lindauer Nobelpreisträgertagung, des Nobel Week Dialogue in 2012/2013 und seit 2013 berät sie das Heidelberg Laureate Forum. Kommunikation über Wissenschaft, deren neue Erkenntnisse, Wert und Rolle in der Gesellschaft, kann aus ihrer Sicht über viele Wege gefördert werden, von Open Access bis hin zu Dialogen von Forschern mit Bürgern auf Augenhöhe. Seit 2012 ist sie am Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation, NaWik - und seit 2015 dessen Wissenschaftliche Direktorin. Sie twittert als @BLugger.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Social Media in der Außendarstellung von Wissenschaft für irrelevant zu erklären ist wie ne Schafherde zu fangen, indem man sich mit einem Zaun umwickelt und sich als “draußen” definiert. Klingt auf dem Papier super, ist aber für die Praxis nicht brauchbar. Genau wie die Schnapsidee mit dem “Wissenschafts-Presserat” und dem Gütesiegel für “gute” Berichterstattung.

  2. Miissverständnis: Social Media wurden nicht richtig untersucht, konnten also gar nicht für irrelevant erklärt werden. Wie beschrieben, kam die Erkenntnis, dass hier etwas fehlt, wohl spätestens beim Verfassen des Vorworts. Es besteht also Hoffnung für künftiges.

  3. Die Leopoldina kann die Kontrolle über die Wissenschaftsberichterstattung gar nicht an sich reissen. So gesehen ist es irrelevant wenn sie Social Media für irrelevant erklärt.
    Was akademische Institutionen wie die Leopoldina machen könnten wäre eine Stelle einzurichten, die aktuelle Presse- und Medienberichte zu wissenschaftichen Themen unter die Lupe nimmt und explizite Rügen ausspricht wenn die Berichtserstattung unseriös ist. Rügen oder gar Strafmassnahmen gegen Wissenschaftler, die sich der Wirkung halber mit falschen Versprechungen verkauft haben sind weit wirkungsvoller als “Gütesiegel”, denn Rügen und Bestrafungen ziehen selbst wieder ein starkers Medienecho nach sich. Allerdings hat solch eine Kontrollstelle ein grosses Arbeitspensum. Und da sie rügt und straft muss sie sich sehr gut mit Argumenten wappnen, denn ihre Aktionen müssen Bestand haben um nachhaltig zu sein.

    Auch was in diesem Blogbeitrag empfohlen wird (Zitat)“Ihnen etwa gute Rahmenbedingungen in Form von Social-Media-Guidelines und Handreichungen der Profi-Kommunikatoren zu bieten. Immerhin sind Qualitätskriterien zur Kommunikation von Forschungsergebnissen angestrebt, das kann in der Tat bei der Orientierung helfen.” kann sehr zeit- und arbeitsaufwendig sein, wenn es über allgemeine Richtlinien hinausgeht – abgesehen dass es allgemeine Richtlinien wohl schon lange zwischen x Buchdeckeln gibt.

  4. Richtigstellung! – Ich kann sehr gut verstehen, dass du verwunderst warst, als du in meinem tumblr-Posting gleich am Anfang den Satz gelesen hast: “Das Web 2.0 ist kein Ort für die seriöse Auseinandersetzung mit Wissenschaft.” Natürlich ist das explizit n i c h t meine persönliche Meinung! Im Gegenteil: Es ist allgemein bekannt, dass ich leidenschaftlich für die Vorteile des Web 2.0 werbe; außerdem beteilige ich mich selbst daran. – Was den inkriminierten Satz anlangt: Offenbar ist nicht deutlich genug geworden, dass ich mit der bewusst zugespitzten Formulierung eben genau diesen Fakt aufgreifen wollte: dass die Akademien in ihren Empfehlungen das Internet völlig ausblenden – was ich sehr bedauerlich finde. Da ich im dazugehörigen Buch aber auch das lange Gutachten von Herrn Nürnberger gelesen hatte, dass das informatorische Potenzial des Web 2.0 kritisch einschätzt, habe ich für mich das persönliche Fazit gezogen, dass das Web 2.0 aus Sicht der Akademien offenbar “kein Ort für die seriöse Auseinandersetzung mit Wissenschaft ist”.
    Ich bin sicher, dass es zu diesem Punkt spannende Diskussionen in unserem Workshop bzw. im Arbeitskreis “Web 2.0” von Stollorz, Schifferdecker und Wandt geben wird. Seitens der VolkswagenStiftung werden wir natürlich darüber berichten. – Ende der Richtigstellung 🙂

  5. @Jens Rehländer: Ich hatte mich wirklich sehr gewundert! Gut, dass Du das hier aufgeklärt hast (habe ich auch oben eingefügt, den Link zu Deiner Richtigstellung!) Ich empfehle dann nur, das in Deinem eigenen Beitrag zu ändern. Denn da steht im ersten Satz: “Dies sind für mich zwei Erkenntnisse aus dem Abschlussbericht…” Ohne das “für mich”, wäre das besser;-) Und selbst dann erscheint es mir noch nicht richtig. Denn eine Erkenntnis kann dieser Bericht zum Thema Science 2.0 gar nicht erbracht haben, da – siehe mein Beitrag – hat man sich doch gar nicht wirklich damit befasst.
    Ach ich bedaure es so sehr, nicht dabei sein zu können, beim Workshop!

  6. Um mal einen Satz der Betreuerin meines allerersten Redaktionspraktikums zu paraphrasieren: Oft ist schon die Themenwahl die wichtigste Botschaft.

    Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt auf den Workshop.

  7. Die Leopoldina ist schon eine spannende Institution, die aber irgendwie zu Lücken neigt. In ihrer sonst herausragenden Demografie-Forschungsübersicht “Zukunft mit Kindern” fehlten auch einige Fächer, so dass manche Kapitel exzellent, andere aber wie Schweizer Käse (voller Löcher) anmuteten. Ich würde echt mal gerne wissen, wer da wie die Projekte designed – und die (Denk-)Zäune zieht…

  8. Ich kann Beatrice hier nur zustimmen. Da geht einiges Durcheinander in der Debatte. Ich halte einen Schulterschluss von Journalisten mit dem Objekt ihrer Berichterstattung für befremdlich. Ich frage mich auch, ob staatlich alimentierter Wissenschaftsjournalismus die Lösung sein kann. Wir als Kommunikatoren brauchen guten und unabhängigen Wissenschaftsjournalismus. Aber wir müssen dafür nicht gemeinsame Sache machen.

  9. Die Probleme des Web2.0 zeigen sich in dieser Kommunikation. Zur Richtigstellung: die AG ist nicht erst am Schluss ihrer Arbeit zu der Einsicht gekommen, dass die social media wichtig für die Wissenschaftskommunikation sind. Wir haben uns vielmehr bewusst dazu entschieden, den Komplex auszuklammern, weil er die Arbeitskapazität der AG überfordert hätte. Es ist zumindest wahrscheinlich, dass sich eine AG WÖM 2 mit diesem Thema befassen wird. Das ist auf der Vorstellung der Empfehlungen auch deutlich gesagt worden.

  10. Es freut mich, dass Sie sich melden, Herr Weingart! Zu hoffen bleibt, dass es mehr als “zumindest wahrscheinlich” ist, dass sich eine AG WÖM2 damit befasst. Es sollte in meinen Augen zwingend so sein. Denn in diesen Social Media tummeln sich alle, die sich an der Kommunikation von Wissenschaft beteiligen. Insbesondere hier finden die größten Verschiebungen statt – vor allem in Richtung des Dialogs. Ich würde mich freuen, bei einer solchen AG mitzuwirken!

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