Randy Schekman: Ehrlicher Austausch von Wissen – Lindau 2014

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Versuch einer Aufklärung
Quantensprung

Randy Schekman ist davon überzeugt, dass Wissenschaftler ihre Forschung auf verständliche und gut austarierte Weise kommunizieren können. Ein Gespräch.

Gestern Morgen hatten einige Journalisten das Vergnügen noch vor seinem Eröffnungsvortrag der Lindauer Nobelpreisträgertagung 2014 ein Interview mit Randy Schekman führen zu dürfen. Schekman hatte kurz nach der Verleihung des Nobelpreises für Medizin 2013 mit seinen klaren Äußerungen pro Open Access für Furore gesorgt – dem öffentlich online zugänglichen Publizieren.

Dank der Open Access-Bewegung haben heute nicht nur Forscher in den Bibliotheken der Wissenschaft Zugang zu wissenschaftlichen Artikeln. Jeder, der sich für Wissenschaft interessiert, kann die Open Access Fachpublikationen lesen.

Während des Gesprächs betonte Schekman mehrmals, dass es deshalb wichtig sei, dass Wissenschaftler sich in einer besser verständlichen Sprache äußern. Selbst bei Bewerbungs- und Auswahlverfahren in Forschungsinstitutionen träumt Schekman von kurzen Essays, die ohne technische Details auf den Punkt kommen.

Jene aus der breiten Öffentlichkeit, die sich für wissenschaftliche Details interessieren und nicht nur das lesen wollen, was es auf die Nachrichtenseiten schafft, freuen sich über das Open Access System. Es ermöglicht ihnen das Lesen von Forschungsergebnissen.

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Randy Schekman während seines Vortrags in Lindau 2014 ©Lindau Nobel Laureate Meeting / Ch. Flemming

Frage: Wenn nun aber Menschen, die keine Forscher sind, Originalveröffentlichungen lesen, ist es dann nicht wichtig, dass zumindest eine Zusammenfassung in einer Laien verständlichen Sprache verfasst ist?

Schekman: Klar, natürlich hilft das. Ich denke, Wissenschaftler sollten dahingehend unterstützt werden, sich verständlich gegenüber anderen auszudrücken. So halten wir es etwa bei eLife. Jedem Artikel, den wir veröffentlichen, ist eine kurze Erklärung beigefügt, wir nennen es eLife digest. Diese Zusammenfassung ist für eine breitere Öffentlichkeit geeignet. Breiter im Sinne von verständlich für jemanden, der ein gewisses Basiswissen in den Lebenswissenschaften hat. Technische Fachbeschreibungen müssen aber auf jeden Fall raus.

Und wer verfasst diese speziellen Kurzfassungen?

Schekman: Das ist meist eine Aufgabe von Redakteuren. Obwohl ich denke, das könnten Wissenschaftler durchaus machen. Nur es gibt eben diese Forscher, die sich auf so etwas nicht einlassen. Es ist sehr schwer sie dazu zu bewegen, allgemein verständlicher zu schreiben. Also zahlen wir andere, um sich darum zu kümmern. Bei eLife verfasst derzeit ein Physiker diese Zusammenfassungen.

Ein Kommunikationsexperte nimmt sich der Sache an und die Forscher bleiben bei ihrer Fachsprache?

Schekman: So soll es eigentlich nicht sein. Für mich liegt es in der Verantwortung von Forschern zu lernen, wie sie mit einer breiteren Öffentlichkeit kommunizieren. Dies hat nicht zuletzt auch positive Effekte für die Forschung. Wenn ich etwa einen Vortrag halte und ich weiß das Gros der Leute im Saal sind keine Spezialisten aus meinem Fachgebiet, muss ich mich und meine Forschung klar und verständlich vermitteln. Außer ich will nur meine zwei Konkurrenten, die in der ersten Reihe sitzen, beeindrucken. Mir hat dabei die Lehrtätigkeit mit Studienanfängern geholfen diese Sprachebene zu finden.

Könnten Kommunikationsfähigkeiten eventuell gar eine Rolle in Bewerbungsverfahren spielen?

Schekman: Das könnte natürlich ein Kriterium sein. Ist es aber bedauerlicherweise nicht. Fakt ist aber: Wenn Hunderte sich für einen Job bewerben, kann die Auswahlkommission doch nicht hunderte wissenschaftlicher Publikationen lesen.

Mein Verbesserungsvorschlag: Jeder Bewerber könnte einen Bericht verfassen, eine Art Selbstauskunft der Schwerpunkte der eigenen Forschung. Das sind Forscher im Grunde gewohnt, wenn sie sich für ein Stipendium, einen Job oder andere Ausschreibungen bewerben.

Ich würde es aber gerne formalisieren und die Wissenschaftler bitten ein “Impact Statement” mit rund 250 Wörtern zu verfassen. Diese kurzen Stücke kann der Ausschuss lesen und eine Vorauswahl treffen, ehe sie dann die Veröffentlichungen und Empfehlungsschreiben heranziehen, um schließlich zu urteilen. Dieses “impact statement” sollte so geschrieben sein, dass andere es einfach lesen können. Am Ende sollten sie Dinge sagen können wie: “Oh, wow, das hat er entdeckt” oder “Das wusste ich noch gar nicht, klingt aber wirklich interessant.”

Liegt darin nicht eine Gefahr der Selbstinszenierung?

Schekman: Natürlich sind wir auf die Ehrlichkeit der Einzelnen angewiesen, dass sie sich angemessen darzustellen. Nicht nur deshalb ist es wichtig, dass Studenten auch etwas über die Ethik der Wissenschaften lernen. Wir brauchen einen ehrlichen Austausch von Wissen. Und Studenten müssen das wissenschaftliche Wertesystem kennen. Die Strafen für ein Unterwandern der Wissenschaften sind im Übrigen wirklich massiv.

Danke für das Gespräch Randy Schekman.

(Übersetzung aus dem Englischen B. Lugger)


Dieser Beitrag ist ein leicht modifiziertes Cross-Posting aus dem offiziellen Blog zur Lindauer Nobelpreisträgertagung 2014.

Veröffentlicht von

Beatrice Lugger ist Diplom-Chemikerin mit Schwerpunkt Ökologische Chemie. Neugierde und die Freude daran, Wissen zu vermitteln, machten aus ihr eine Wissenschaftsjournalistin. Sie absolvierte Praktika bei der ,Süddeutschen Zeitung' und ,Natur', volontierte bei der ,Politischen Ökologie' und blieb dort ein paar Jahre als Redakteurin. Seither ist sie freie Wissenschaftsjournalistin und schreibt für diverse deutsche Medien. Sie war am Aufbau von netdoktor.de beteiligt, hat die deutschen ScienceBlogs.de als Managing Editor gestartet und war viele Jahre Associated Social Media Manager der Lindauer Nobelpreisträgertagung, des Nobel Week Dialogue in 2012/2013 und seit 2013 berät sie das Heidelberg Laureate Forum. Kommunikation über Wissenschaft, deren neue Erkenntnisse, Wert und Rolle in der Gesellschaft, kann aus ihrer Sicht über viele Wege gefördert werden, von Open Access bis hin zu Dialogen von Forschern mit Bürgern auf Augenhöhe. Seit 2012 ist sie am Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation, NaWik - und seit 2015 dessen Wissenschaftliche Direktorin. Sie twittert als @BLugger.

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