Literatur in neuen Systemen: Mendeley und Academic Search

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Versuch einer Aufklärung
Quantensprung

Wer die erste Ausgabe der deutschen WIRED in Händen hält, kann dort meinen Artikel zu zwei boomenden Science Social Media nachlesen: Dem individuell optimierbaren Bibliographietool Mendeley und dem Austauschnetz Researchgate. Beide entwickeln sich seit Beginn ihres Onlinelebens vor etwa drei Jahren rasant. Mendeley zählt über 1,1 Millionen registrierte Nutzer, die mehr als 112 Millionen Publikationen eingetragen haben. Researchgate hat über eine Million Profile von Forschern eingepflegt.

Insbesondere Mendeley hat in meinen Augen das Potenzial Wissenschaft zu beflügeln. Und so habe ich am Rande der Science Online London 2011 (Lars hat bereits von der #solo11 berichtet) einen Abstecher zu Victor Henning, einem der drei Gründer von Mendeley, gemacht und mit ihm auf der Dachterrasse des Bürohauses im Londoner Stadtteil Clerkenwell geplaudert.

Mendeley hilft vor allem in der stetig wachsenden Zahl wissenschaftlicher Publikationen den Überblick zu wahren und wesentliches nicht zu übersehen. Die Zahl der Journale wächst ständig und alleine das Filtern und Verwalten derselben kostet immens Zeit. Das System erkennt aufgrund der eigenen Bibliografie die Interessen und gibt Empfehlungen zu anderen Veröffentlichungen aus dem Gebiet. Ein Klick von einem interessanten Buch auf Amazon oder einem Artikel in Nature oder Science und alle wesentlichen Daten (Journal, Ausgabe, Autoren, Titel, Abstract, Datum…) sind ausgelesen und können ergänzt und kommentiert werden. Das ist nicht nur praktisch, sondern mit jedem Eintrag wächst der Gesamtinhalt der Plattform.

„Unser Fokus ist und bleibt ein verbessertes individuelles Management wissenschaftlicher Publikationen, sowohl für einzelne Forscher als auch für Teams“, beharrt Victor trotz all meiner Fragen nach irgendwelchen Zusatzfunktionen. „Wir wollen kein Facebook für Forscher sein, das macht auch keinen Sinn, denn Facebook gibt es schon. Wir wollen keine Jobbörse werden. Wir glauben an das, was wir tun und wollen dies einfach optimieren.“ Das könnte sich lohnen. Denn Mendeley ist bereits eine gigantische Bibliothek, die automatisch sortiert und Artikel verknüpft. Alles kinderleicht – eine Art last.fm gibt Leseempfehlungen für andere wissenschaftliche Artikel, Word-Dokumente, Datensammlungen, PDFs… der eigenen Lieblingsthemen. Außerdem erfahren Forscher so viel schneller von anderen, die auf dem selben Gebiet arbeiten. Topthemen sind die Life Sciences und Computerwissenschaften.

Doch Mendeley ist natürlich nicht allein. So hat etwa auf der #solo11 Alex Wade  die Academic Search von Microsoft vorgestellt, ein Multifunktionstool, das es erlauben soll (bald weniger fehlerhaft, als derzeit noch in der Betaphase), nach Publikationen, Autoren, Konferenzen, Journalen, Organisationen etc. zu suchen, deren Verknüpfungen zu ermöglichen. Eine Suchanfrage könnte etwa erbringen wie viele Publikationen es zu Stammzelltherapien von einer bestimmten Universität gibt und wer die Hauptautoren in welchen Journalen sind.  Sie haben bislang bereits 27 Millionen Publikationen aus 14 Fachgebieten erfasst und wollen bis Jahresende die 100-Millionen-Grenze überschreiten. Gezogen werden die Daten aus online verfügbaren Datenbanken per Suchfunktion.

Wie angedeutet, ist das System aber noch recht fehlerhaft. Ein befreundeter Professor von mir etwa arbeitet gemäß Suchergebnis gleichzeitig an vier Institutionen und hat, obwohl die Paper ihm richtig zugeordnet sind, aus irgendeinem Grund zweierlei Profilbilder (eines zeigt ihn, ein anderes irgendwen). Björn Brembs beklagte während der Session mit Microsoft-Mann Wade ähnliches. Vor allem aber wurden ihm PLoS Artikel als Autor zugerechnet, die er aber nur als Editor betreut hat. „Wir sind doch noch in der Beta-Phase“, betont Wade mehrmals.

Trotz solcher Anfälligkeiten, neben dem Trend zu immer mehr Open Access Publikationen erfüllen die Entwickler von Mendeley und Academic Search viele Wünsche von Forschern, aber auch der Öffentlichkeit, die immer wieder nach mehr Transparenz ruft. So könnten solche Tools mittelfristig auch die Kriterien, nach denen Fördergelder vergeben werden und vieles mehr verändern. Je mehr Faktoren dank der Datennetze und Open Access automatisiert abrufbar sind, desto klarer kann Wissenschaft bewertet werden und vielleicht hängt dann Wohl und Weh eines Forschers nicht mehr so sehr davon ab, ob er es mit seinen Papers in die ‚high impact journals’ schafft; sondern wie oft seine Arbeit wirklich zitiert wurde, von wem, in welchem Umfang, über welchen Zeitraum, mit wem er kooperiert etc..

Beatrice Lugger

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Beatrice Lugger ist Diplom-Chemikerin mit Schwerpunkt Ökologische Chemie. Neugierde und die Freude daran, Wissen zu vermitteln, machten aus ihr eine Wissenschaftsjournalistin. Sie absolvierte Praktika bei der ,Süddeutschen Zeitung' und ,Natur', volontierte bei der ,Politischen Ökologie' und blieb dort ein paar Jahre als Redakteurin. Seither ist sie freie Wissenschaftsjournalistin und schreibt für diverse deutsche Medien. Sie war am Aufbau von netdoktor.de beteiligt, hat die deutschen ScienceBlogs.de als Managing Editor gestartet und war viele Jahre Associated Social Media Manager der Lindauer Nobelpreisträgertagung, des Nobel Week Dialogue in 2012/2013 und seit 2013 berät sie das Heidelberg Laureate Forum. Kommunikation über Wissenschaft, deren neue Erkenntnisse, Wert und Rolle in der Gesellschaft, kann aus ihrer Sicht über viele Wege gefördert werden, von Open Access bis hin zu Dialogen von Forschern mit Bürgern auf Augenhöhe. Seit 2012 ist sie am Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation, NaWik - und seit 2015 dessen Wissenschaftliche Direktorin. Sie twittert als @BLugger.

10 Kommentare

  1. Mendeley ist vor allem ein kosteloser Ersatz von Endnote, dem Standardprogramm zur Literaturverwaltung beim Anfertigen von Manuskripten. Das Word-Plugin ist komfortabel und wenn jetzt noch die Formatierungen für die wichtigsten Journals korrekt und aktuell wären, wäre Mendeley sogar produktiv benutzbar.

  2. Ich finde besonders gut, dass es eben nicht auf der eigenen Manuskript-Literaturverwaltung kleben bleibt, sondern noch zusätzliche Querverweise etc. gibt. Außerdem gefallen mir die Gruppenverzeichnisse und mehr. Da ist noch viel Musik drin. Vor allem je besser sie werden. Das sehe ich ähnlich.

  3. Zotero

    @WeiterGen: Ein kostenloser Ersatz von Endnote ist Zotero. Mendeley fügt dem bloßen Verwalten der Bibliographie noch die intelligente Empfehlungsfunktion hinzu.

    Wenn dir die Formatierung in Mendeley nicht passt, schau mal bei Zotero vorbei. Als Firefox-Plugin ist es nahezu Standard mittlerweile. Und die Stand-Alone-Version wird wohl auch bald fehlerfrei sein.

    Nein, Zotero ist nur Verwaltung. Nicht intelligente Suche — auch wenn mittels ISBN oder DOI alle Metainformationen automatisch abgefragt werden können.

  4. Papers

    Ich habe jetzt schon eine weile mit Mendeley herumgespielt und finde es zum einen gut, wie man auf interessante veroeffentlichungen stossen kann. Aber generell finde ich es doch recht unuebersichtlich.

    mein hauptkritik punkt ist, dass es recht umstaendlich ist pdf dateien zu importieren. In Papers ist es extrem einfach nach Artikeln zu suchen und dann auch direkt herunterzuladen. Das finde ich sehr praktisch.

  5. Suchen und melden

    Alex Wade hat mir inzwischen geschrieben, dass das PLoS One Editor Problem so gut wie behoben sei.

    Ich habe ihm (unter anderen) auch gesagt, dass ein weiterer Such-Service zwar nützlich sei, aber nur inkrementell die Situation verbessern würde, denn die bisherigen Literatur-Recherche wird nur zum Teil durch fehlende Funktionalität beschränkt. Das Hauptproblem ist, dass die bisherigen Suchmöglichkeiten nicht die gesamte Literatur erfassen, und das wird von MS auch nicht behoben. Im Gegenteil, nun hätten wir nicht vier (je nach Feld) sondern fünf verschiedene Werkzeuge die wir alle benutzen müssen, um sicher zu gehen, dass uns nichts entgeht.

    Viel bahnbrechender wäre ein Service der meldet, wenn relevante Literatur erschienen ist. Der momentane Stand der Informationstechnik würde es erlauben einen sehr intelligenten, lernfähigen Service zu erstellen, den es bisher noch nicht einmal im Ansatz gibt. Derjenige, der diesen Service baut, hätte ein sofortiges Monopol und ein Produkt, das im Prinzip jeder Wissenschaftler auf diesem Planeten benötigt.

  6. Styles

    @WeiterGen:
    Die Stile werden konstant verbessert, aber aufgrund der hohen Zahl (über 400 verschiedene mit weitern 1300 Klonen) sind wir auf Benutzerhinweise bei Fehlern angewiesen. Kurzer Post auf dem Zotero Forum, gerne auch auf Deutsch, und das ganze ist normalerweise in 2-3 Tagen behoben.

    (Mendeley benutzt übrigens nicht Zotero Stile, sondern beide Programme nutzen Stile des CSL Projekts, das unabhängig ist und inzwischen auch die Stile für Papers, Quigga etc. stellt. Zotero war das erste groessere Projekt das CSL adaptiert hat, daher ist es immer noch so ein bisschen der Dreh und Angelpunkt).

  7. @WeiterGen: Die Information, dass es ein offenes Projekt gibt, das diese Styles hegt und pflegt, ist mir neu. Finde ich aber sehr gut! Wieder etwas dazu gelernt 🙂 Danke.

  8. Hallo,

    ich bin einer der Gründer von Docear, einer neuen Software zum Verwalten, Erstellen, und Entdecken von akademischer Literatur. Heute haben wir Docear 1.0 veröffentlicht, nach einer ca. 2 Jahre dauernden Betaphase. Wer interessiert an Referenzmanagement ist, für den könnte Docear sehr hilfreich sein. Die drei wichtigsten Features von Docear sind:

    1. Eine “Single-Section” Benutzeroberfläche, die sich grundsätzlich von den bekannten Oberflächen z.B. bei Mendeley, Zotero, Endnote, etc. unterscheidet. Diese Oberfläche erlaubt es, Dokumente und Notizen (d.h. PDFs, Kommentare, Lesezeichen, oder hervorgehobenen Text) sehr übersichtlich zu verwalten – unserer Meinung nach deutlich übersichtlicher als bei anderen Programmen.

    2. Ein “Literature Suite” Konzept, das es ermöglicht, direkt aus der Software heraus seine eigenen Paper, Bücher, Seminararbeiten, etc. zu entwerfen. Das Besondere ist, dass man dabei direkt auf seine PDFs und Notizen zugreifen kann.

    3. Ein Empfehlungsdienst für wissenschaftliche Paper. Die empfohlenen Paper sind auf die Bedürfnisse der Nutzer zugeschnitten, und kostenlos im Volltext downloadbar.

    Außerdem ist Docear kostenlos, Open Source, und für Windows, Mac und Linux erhältlich. Mehr Infos gibt’s in unserem Blog, inklusive Erklärungen warum Docear soviel besser ist als Endnote & Co (zumindest unserer Meinung nach 🙂 http://www.docear.org/2013/10/17/docear-1-0-stable-a-new-video-new-manual-new-homepage-new-details-page/ . Wer nicht gerne liest, kann sich auch ein 6 Minuten langes Video auf unserer Homepage anschauen http://docear.org .

    Und auch wenn ihr nicht Docear nutzen wollt, ist vielleicht noch folgender Blogbeitrag interessant. Wir diskutieren dort was einen schlechten Referenzmanager ausmacht. Vielleicht hilft das dem ein oder anderen den für sich idealen Referenzmanager zu finden http://www.docear.org/2013/10/14/what-makes-a-really-really-bad-reference-manager/

    Insbesondere diejenigen die einen BibTeX basierten Referenzmanager nutzen, wie z.B. JabRef, möchte ich noch gerne auf unser Tool Docear4Word hinweisen. Das ist ein Add-On für MS-Word mit dem man in Word seine BibTeX basierten Referenzen einfügen und formatieren kann. Das heißt, ihr spezifiziert in Word, dass ihr Eintrag X aus JabRef zitieren möchtet, und Docear4Word fügt dann die Referenz und Bibliographie automatisch ein und formatiert sie. http://www.docear.org/software/add-ons/docear4word/overview/

    Viele Grüße
    Joeran

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